Turning Danger into Performance – Kolossalverstärker sexueller Erregung
Das Gehirn über-belohnt die Rückkehr in die Sicherheit neurochemisch. Das erlebt Elena. Marek nutzt ihre Biologie gegen sie. Er agiert als sadistischer Dompteur. Dass Elena ihre Abstürze (körperliche oder psychische Grenzüberschreitungen) episodisch vergisst, spiegelt das neurobiologische Phänomen des Trauma-Bondings. Das Gehirn löscht die Gefahrmarker, um den Belohnungscocktail (Dopamin/Endorphine) der Versöhnung zu genießen. Elena präsentiert dem Mörder ihrer Schwester die Kehle, das gibt der Szene eine antike Wucht. Elenas Autonomie erlischt einfach. Die Intensität sexueller Reize schleift die letzten Barrieren.
Unsere biologischen Systeme sind über Millionen Jahre optimiert worden – doch unsere moderne Lebensweise nutzt die Potenziale kaum. Die Wiederentdeckung unserer atavistischen Spielräume erfordert Integration von Bewegung, Aufmerksamkeit und Reflexen. Resilienz ist trainierbar.
*
Sympathische Alarmzustände sichern Überleben, doch moderne Stresssituationen können diese subkortikalen Antworten dysfunktional machen. Die Rückkehr in die Sicherheit wird neurochemisch überbelohnt. Dopamin, Endorphine und Serotonin verstärken das Erleben von Sicherheit, stabilisieren das System und machen die parasympathische Reaktion trainierbar, bis das Nervensystem Sicherheitserleben mit Belohnung koppelt.
*
Kraft entsteht im Kontakt. Energie wird gemanagt. Technik ist Organisation unter Zeitdruck.
*
Wir besitzen eine Schatzkammer biologischer Technologien, die evolutionär optimiert sind. Die meiste Zeit schlafen sie, weil unsere Lebensweise an den atavistischen neuronalen, physiologischen und sensorischen Pfaden vorbeiführt.
*
„Kein Wort steht still, sondern es rückt immer durch den Gebrauch von seinem anfänglichen Platz, eher hinab als hinauf, eher ins Schlechtere als ins Bessere, ins Engere als Weitere, und an der Wandelbarkeit des Wortes lässt sich die Wandelbarkeit der Begriffe erkennen." Goethe
Adorno erkennt „einen unversöhnlich klaffenden Widerspruch zwischen der dichterisch integren Sprache und der kommunikativen". Bereits Goethe habe in diese Schlucht gesehen. Faust II sei einem „Sprachverfall abgezwungen, der vorentschieden war".
Theodor W. Adorno, „Noten zur Literatur", herausgegeben von Rolf Tiedemann, Suhrkamp
Das Gegeneinander „von dinglich geläufiger Rede" und dem steilen Ausdruck aka hohem Stil („nur was an den Abgrund der Lächerlichkeit gezogen wird, hat so viel Gefahr in sich, dass daran das Rettende sich misst und gelingt") ergibt sich in einem heimlich ausgesöhnten Verhältnis. „Die beiden feindlichen Medien sind zugleich eins und nie ganz gelöst voneinander".
Man kann das sehr viel einfacher sagen. Zu Shakespeares Zeiten gab es keinen Unterschied zwischen E und U. Die Leute konsumierten das Theater, ohne besondere Achtung des Bühnengeschehens und seiner Akteure. Das war zweifellos eine Form des Fernsehens.
Marek schob seine Hände in Elenas Shorts und grub ihren Hintern um. Schauer überrannten ihren Rücken. Sie schenkte ihm die ersten Lustlaute. Sie spürte, wie der Qi-Spiegel in ihrem inneren Teich stieg und rote und gelbe Nebel spiralförmig entlang der Wirbelsäule aufstiegen. Das Qi-Erleben war mannigfaltig lustvoll und wirkte im komplexen Ganzen wie ein Kolossalverstärker sexueller Erregung. Darin erschöpfte sich das Geheimnis von Ganzkörper- und multiplen Orgasmen. In jedem guten Lied steckt Qi. Das erklärt die Fan-Ekstase. Wenige können den Effekt kontrolliert herbeiführen.
Marek konnte es. Schon Elenas Zwillingsschwester Aline war seiner trüben Virtuosität erlegen, zu einer Zeit, als die Schwestern keinen Kontakt mehr hatten. Für Elena war die Abtrünnige in einem Frankfurter Drogenexpress bis zur Endstation gefahren. Unaufhaltsame Akte der Selbstzerstörung; in den Ederthaler Schwemmen verhandelte man Alines Untergang im Takt der Nachrichten aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel.
Vielleicht auch nur vermeintlich unaufhaltsame Akte ... die Akte der Drogentoten Aline Steinbrenner wurde geschlossen, nachdem Fremdverschulden ausgeschlossen worden war. Marek tauchte in dem Tableau nicht auf. Der familiäre Trauerrand rahmte eine leere Fläche. Fast schien es, als müsste man einen Fremdkörper unter die Herkunftserde bringen. Man hielt auf das Sippengrab. Aline blieb eingeschlossen in die ortsübliche Friedhofssorgfalt. Endlich hatte sie ihren Frieden am Küchentisch der Zugehörigkeit gefunden
Was Aline als Befreiung erlebt hatte, war Geiselnahme gewesen. Und nun bettete die andere Tochter des pensionierten Kriminalbeamten Alwin Steinbrecher ihr Haupt auf dem Schafott der Infamie und präsentierte dem Mörder ihrer Schwester die Kehle.
Marek verglich die Schwestern. Elena war Wachs in den Händen dieses Meisters der Qi-Erotik. Er weidete sich an ihrer hingebungsvollen Ahnungslosigkeit. Das sadistische Vergnügen hielt ihn auf Kurs. Es stabilisierte sein Begehren. Hätte Elena auch nur den Hauch einer Ahnung von Mareks dämonischem Wesen gehabt, seine Berührungen wären für sie wie Höllenpech auf der Haut gewesen. Sie nahm aber nur eine ausgesuchte Raffinesse wahr. Ein konditionsstarker Bergführer führte sie von einem Lustgipfel zum nächsten. Ab und zu ließ er sie abstürzen, aber eigenartigerweise blieben diese Abweichungen von der Ideallinie in Elenas Gedächtnis nicht haften. Sie erschrak episodisch und vergaß im nächsten Augenblick vollständig, was sie einem anderen vielleicht nie vergeben hätte.
Elena überwand eine Schambarriere, als sie Mareks Standfestigkeit ein Kompliment machte. Sie wähnte sich in der Pflicht gleichberechtigter Aktionsbereitschaft. Tatsächlich geschah etwas Seltsames. Ihre Autonomie erlosch so unspektakulär wie ein Traum sich im Erwachen verflüchtigt.
Liebe M., ich wünsche dir einen guten Morgen. Mal sehen, wohin die Erzählreise heute geht. Ich bin selbst gespannt auf meine Einfälle. Der Twist mit dem Schund lesenden Marek stellte sich gestern von selbst ein. Die Visualisierung zeigt genau das, was ich beim Schreiben gesehen/erlebt habe. Diese noch improvisierte und unerprobte Paargeselligkeit. Man ist auf dem intimen Dampfer schon um die ganze Welt gefahren, aber die Vertraulichkeit bei den alltäglichen Verrichtungen ist noch nicht da. Die Förmlichkeit des Anfangs. Da ist eine Schlucht. Auf der einen Seite hat man sich sofort alles gegeben und auf der anderen Seite hat man sich noch nicht mal Fotos von Oma und Opa gezeigt.
Ich erzähle die Geschichte mit den Mitteln des magischen Realismus. Gerade ist mir danach, Elenas nordhessischer Heimat einen Besuch abzustatten. Bedenke die äußeren Umstände einer soeben für heute abgeschlossenen Unterweisung in Yi Jin Jing an der Eder und in ihrer Aue; knapp jenseits der Grenzen einer kleinen Universitätsstadt, der als Residenzstadt einst eine bedeutende Rolle nicht allein in der hessischen Landesgeschichte zugekommen war.
Siehst du das Panorama. Alisa kommt nackt aus dem Fluss. Sie legt sich auf einen warmen Findling im Schatten eines Menhirs, der aussieht wie ein Spielzeug von Obelix. Die Ufersteine erinnern an Gletscher der letzten großen Eiszeit. Sie bleibt sich nicht lange allein. Jubelnder Lärm kündigt eine Qigong-Kindergruppe an, die von Sina geführt wird. Alisa verzieht sich, ihr ist nicht nach Trubel.
Stunden später
Die Erregung dehnt den Augenblick wie einen Bogen vor dem Schuss.
„Du bist offen", stellt Virgil mit hörbarer Genugtuung fest.
„Ich bin es für dich. Nur für dich", beteuert Alisa. Ihre Empfänglichkeit ist uferlos. Virgil umrundet sie langsam, wie ein Bildhauer, der ein Werk nicht mit den Händen, sondern mit seiner Gravitation formt.
„Widerstand ist kein Feind. Er ist ein Lehrer."
Alisa ist nicht nach Instruktionen. Sie könnte auf der Stelle kommen; der Lustschalter liegt in ihrer Reichweite und die Ladung ist allemal groß genug, aber das ist doch etwas ganz anderes als das Fest der Gemeinsamkeit, so wie sie es am liebsten feiert.
„Bitte", sagt Alisa, „wir können gleich weitermachen. Ich danke dir für jede Lektion, doch im Augenblick wünsche ich mir etwas anderes von dir."
„Zeig mir, wie sehr du es dir wünschst."
Das tut Alisa gern. Oh, wie sie es liebt, diesen kontrollierten Mann aus seinem Panzer zu schälen. Dann ist Virgil wieder ganz Lehrkörper (ob als Dozent, Trainer und Ausbilder, es steckt in ihm als Berufung) und sein Verlangen zielt auf ihr Bemühen. Natürlich ist auch das eine Bemäntelung der Lust. Indes gilt dies für beide. Alisa müsste in ihrem Glashaus mit Steinen werfen, um Virgil einen Vorwurf daraus zu machen.