Aus Alisas Chat-Chronik
Einem pampigen Verehrer, der lüstern zu wissen begehrt, was sie auf einem Rathausempfang getragen hat, verweigert sie das Entgegenkommen einer prompten Antwort. Sie reagiert jedoch so pünktlich, dass eine plötzliche Dopaminmangel-Depression annulliert werden kann.
Ich entschuldige mich, dass ich nicht selbst daran gedacht habe, dich ins Bild zu setzen. Zuerst der Dessous-Status. Weißer Bügel-BH. Weißer Tanga-Slip aus transparenter Spitze. Das war für Virgil, mit dem ich kurz vor dem Termin vor meinem Flurspiegel einen intimen Moment hatte. Ich habe ihm zwischen Tür und Angel einen heruntergeholt. Es kickt uns beide. Wenn man alles haben kann, ist eine Bockwurst manchmal das Geilste. Geschickt ejakulierte Virgil an meiner Garderobe vorbei. Zu Ehren meiner Tante, der Bürgermeisterin, trug ich ein zitronengelbes A-Linien-Satinkleid mit Spaghettiträgern und quadratischem Ausschnitt. Was möchtest du noch wissen?
Das ist auch eine Sucht, sich wieder und wieder mental zu einem Armleuchter herabzubeugen und ihm Erregungsmaterial frei Haus zu liefern.
Sie war eine gute Schülerin gewesen wie dann auch eine gewissenhafte Studentin. Sie respektierte die gymnasialen Mittlerinnen des Wissens, und sah sich selbst auf einer Linie zwischen den Punkten Intelligenz, Bildungsfleiß, Disziplin, Präzision und Redlichkeit. Längst bestimmte eine akademische Aura ihren Habitus. Sie war eine Lehrende. Doch wäre es ihr nie in den Sinn gekommen, ihr Metier und seine Akteure mit jenen Begriffen zu befrachten, die ihr angemessen erschienen, wenn es um Kampfkunst, das innere Handwerk und Meditation ging. Nie hatte jemand je eine Neigung zur Überhöhung bei Alisa festgestellt. Sie war zurückhaltend auch in ihren Formulierungen. Ihr Übermut und ein mitunter hochschäumendes Wesen gehörten anderen Fächern. Sie tobte, tanzte und spielte als Erwachsene noch vollkommen unbelastet. Allein, es half alles nichts, sobald sie mit den monothematischen Martial Artist Aslan zusammenkam, empfand sie in sakralen Kategorien. Passion war dann ein schwaches Wort. Sie empfand sich in ihrer Ehrfurcht als ein anderer Mensch. So kannte sie sonst keiner. Natürlich erlebte auch Aslan sie von allen spirituellen Ankern gelöst in ihrem schönen Ederthaler Alltag als im besten Sinne leichtsinniges Geschöpf, jedoch bedurfte es nur des kleinsten Winks, um Alisas genitalen Puls zu aktivieren.
Nur kurz für die zu spät Gekommenen. Alisa ist mit Virgil zusammen und Aslan mit Aiko. An den Konstellationen wird nicht gerüttelt. Oder vielleicht doch?
Er hatte ihr eine Überraschung in Aussicht gestellt und sie gebeten, ihn am Nachmittag zu besuchen. Sein Haus stand in einem Obst- und Gemüsegarten – kultiviert wie ein Gedicht in grüner Sprache. Windspiele bewegten sich kaum hörbar zwischen Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäumen. Ein schmaler, sorgsam geharkter Kiesweg, dem das geschulte Auge, die Zen-Note ansah, führte zur Haustür. Eine Brandinschrift verhieß:
止観 - Shikan – Sehen und Ruhen.
In Aslan rang ein Ästhet mit einem Asketen um die Vorherrschaft. Kein überflüssiger Nützlichkeitsgegenstand stand herum. Und doch gab es jede Menge devotionaler Staubfänger asiatischer Provenienz. Ein Unbelehrter musste sie für Souvenirs aus Okinawa, Luoyang und Kathmandu halten. Ein Wimpel aus einem Shaolin-Kloster, ein abgewetzter Gebetsfächer, eine bronzene Klangschale – war das nicht alles nur exotischer Nippes? Der kolossal dimensionierte Schwarzweißabzug eines tibetischen Mönchs, der den kahlen Kopf eines Kindes segnend berührte.
Alisa zog die Schuhe in der profanen Sphäre aus, verbeugte sich zeremoniell und betrat den Zendo. Der Boden war mit Tatami bedeckt. Ein Kakejiku sagte Mushin – Geist ohne Anhaftung.
Der Wohnraum war von zurückhaltender Schönheit. Eine einzige Steinlaterne im Eck; ein antikes Räucherfässchen (aus einem fürstlichen Haushalt in Kyoto) verströmte den Duft von Sandelholz. In der Raummitte lagen ein flaches und ein erhöhtes Zafu-Kissen. Das Zafu hebt das Becken und richtet die Wirbelsäule auf. Jahrhunderte alte Kimonos mit indigoblauen Shibori-Mustern waren den handgenähten Bezügen geopfert worden. Sie stammten aus der Präfektur Fukuoka auf Kyūshū. Das war die Heimat des Kurume-gasuri – einer Form traditioneller japanischer Web- und Färbekunst. Ob seiner Schlichtheit erachteten Initiierte Kurume als perfekte Kreuzung von Zen und ländlicher Handwerkskunst.
„Ein Zafu ist ein Ort. Ein Spiegel. Und ein Lehrer, der nie spricht.“
Aslan hatte die Bezüge bereits zum Kontemplationsthema gemacht. Vielleicht hatte eine Geisha des 18. Jahrhunderts jenen Kimono getragen, der Aiko kleidete und der als Prunkaspekt zum Glanz des Augenblicks beitrug. Ich erspare uns das Geplänkel. Stellen wir uns den Moment als Ausdruck einer Verabredung vor. Aslan wohnte Alisa so bei, wie sie es auf Holzstichen gesehen hatte - unter Beachtung der Bushi-Etikette. Es ging dabei nicht um höfische Wahrhaftigkeit, sondern um eine passende Arrondierung der Qi-Erotik. Aiko sekundierte mit der Zurückhaltung einer Adjutantin.
Die Verbindung von Qi und Erotik lieferte Alisas Verwandlungswille die Transformationsenergie. Sie wusste schon, dass das in erster Linie ein geistiges Unterfangen war; dass spiritualisierte Sexualität, in der chinesischen Lesart: daoistisch-heilende Sexualität, dem Leben zu überraschender Fülle verhalf. – Und dass man die größten Chancen dieser Kultivierung verpasste, wenn man in den Prozessen bloß energetische Upgrades erkannte. Es war etwas viel Umfassenderes; eben auch eine Vitalisierung des Geistes.
Die Muster auf den Kissen assoziierte Alisa mit einer Geduld, die ihren Ursprung in einer Vorstellung von Zeit hatte, die mit den westlichen Zeitbegriffen unbegreiflich blieben. Alisa sah sich in Kyotos Tempelgassen im Schatten der kaiserlichen Residenz. Die Bindefaltungen der Kissen zeichneten Wolken, Blüten, flüchtige Spiralen. Sie luden zu Phantasieausflügen ein, die stets auch ein erotisches Ziel hatten.
„Wie du dein Kissen behandelst, so behandelst du deinen Geist.“
Das Tageslicht fiel durch Papierlamellen und musterte die Dinge. Der Raum war ein Kerngehäuse der Liebe und Schauplatz intimer Illuminationen. Sex jenseits der Erleuchtungsgrenze - ich komme darauf zurück.
Alisa beachtete die rituelle Reihenfolge, so wie es Aiko und Aslan taten. Die Ordnung war eine Wächterin des Glücks. Man durfte sie nicht verärgern. Für den zweiten Durchgang nahm Alisa auf einem Kissen Platz, während Aiko Aslan in der halben Lotusblüte empfing.
Ich weiß selbst, dass ich einen Betrug in all seinen Finessen schildere. Alisa geht fremd, während Virgil gerade in einem Hörsaal schwitzt. Er doziert über Beckett. In den 1950er Jahren begann Beckett das eigene Werk in seine Muttersprache zu übertragen. Er übersetzte sich selbst aus dem Französischen, so wie er sich in den 1920er Jahren ins Französische zu übersetzen begonnen hatte. Er synchronisierte seine Denksprachen zunächst mit dem Ehrgeiz, im Französischen völlig ungezwungen aufräumen zu können. Er suchte Wörter, die der Wirklichkeit gewachsen waren. Ornament und Verbrechen – Schiere Sprachmöblierungen waren ihm ein Graus. Er wollte die Schonbezüge von den Wörtersofas ziehen.