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2026-06-26 17:44:02, Jamal

Auf dem Schreibstrich

Es war Elenas dritter Tag in Ahrenshoop und so auch der dritte Tag ihrer berauschenden Affäre mit dem Bestsellerautor und Creative Writing Zampano Marek Lorenz. Für die verheiratete Kriminalbeamtin Elena aus der nordhessischen Kleinstadt Ederthal sollte ein von Marek in dem ehemaligen Künstler- und Fischerdorf geleiteter Schreibworkshop eine kreative Auszeit mit erotischem Wetterleuchten werden. Ein leidenschaftlicher Ehebruch, für den Elena nicht bereit war, ihr geordnetes Leben und die Ehe mit dem Bauunternehmer Jörg zu riskieren. Elena glaubte, aus freien Stücken und in einem überschaubaren Rahmen zu handeln.

In Wahrheit lief sie schon länger an Mareks Schreibleine Richtung Schreibstrich.

Wie hatte Marek sie geködert? In seinem aktuellen Roman „Die Eisprinzessin“ verarbeitete er das Schicksal von Elenas im Frankfurter Drogensumpf untergegangenen Zwillingsschwester Aline. Er strickte die Parallelen so subtil, dass Elena an einen bizarren Zufall glaubte – und wie eine Süchtige die Nähe des Mannes suchte, der ahnungslos einen Schlüssel zu ihrer Vergangenheit zu besitzen schien.

Doch während Marek auf dem Sofa seines Ahrenshooper Domizils schief, riss die Illusion. Elena fand zwischen den Seiten einer billigen Bahnhofslektüre handschriftliche Notizen. Sie fügten sich zu einem Protokoll seelischer Anthropophagie.

Marek sezierte sie. Elenas intimsten Geständnisse der letzten drei Nächte waren schon katalogisiert. Seine Notizen offenbarten den Plan für einen tödlichen Unfall ihres Ehemanns. Marek wollte die von Schuldgefühlen geplagte Witwe trösten. Das genetische Duplikat ihrer zerstörten Schwester Aline war für ihn der zweite Entwurf eines Experiments.

Nein, so war es nicht. Das wäre zu einfach gewesen. Elena blieb ahnungslos, während Marek vor sich hin schnarchte. Die schreckliche Gewöhnlichkeit der Szene, der Speichelfaden auf dem Kinn des Geliebten, ließ den Ehebruch plötzlich monströs erscheinen. Elena erschauderte. Sie wollte auf der Stelle abreisen, doch dann schreckte Marek hoch, erfasste mit einem Blick die Lage und korrigierte sie nach den Margen seines Plans. Elena würde ihm nicht mehr entkommen.

Mareks Erwachen entbehrte jedwede schläfrige Trägheit. Er war sofort voll da, wie einst ein Minuteman.

Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg mussten Milizionäre „within a minute's notice“ (auf der Stelle) kampfbereit sein. Deshalb schliefen sie in Stiefeln und nahmen ihre Kentucky Rifle mit ins Bett. Marek schnellte hoch, als hätte er auf der Lauer gelegen; ein Kombattant des geschriebenen Wortes, in paranoider Gefechtsbereitschaft. Seine Augen fixierten Elena wölfisch. Nicht ganz frei von Peinlichkeitsregungen wischte er den Speichel vom Kinn. Ihn amüsierte beinah das Gefühlsgewitter seiner Gefangenen. Ein gewöhnlicher Liebhaber hätte sich jetzt nach Elena ausgestreckt und ihre Sehnsucht nach Verzauberung exploitiert. Marek jedoch warb und umgarnte nicht. Er wechselte übergangslos in den Regiemodus des taktischen Angriffs. Sie würden schon noch dahin kommen, mit dem Schlaf des anderen erschütterungsfrei vertraut zu sein. Rom war auch nicht an einem Tag erbaut worden. Mit kalkulierter Heftigkeit zog Marek Elena zu sich, in Erwartung ihres Entgegenkommens. Sie hatte sich den Ehebruch vorgenommen und sich darauf vorbereitet. Er half ihr nur, das zu tun, was sie sich selbst vorgeschrieben hatte, auch buchstäblich. Es gab bereits eine Epiphanie zu diesem Thema. Beim Schreiben hatte sie sich wieder einmal von ihrer Scham verhaftet gefühlt. Sie wäre so gern explizit geworden, unter Einschluss aller möglichen Worte, die ihr zwar nie über die Lippen kamen, aber trotzdem in ihr arbeiteten. Ihr Leistungswille, der Optimismus und die transgenerationale Grunderfahrung des Gelingens feierten Kommunion mit Mareks sinisterem Programm. Er formulierte schon einmal seine Besitzansprüche, so handfest, dass Elena beinah aus ihrem Liebesdelirium erwacht wäre. Knapp daneben ist auch vorbei.

„Vorhin hast du im Geist schon den Koffer gepackt, nicht wahr?", stellte er ein paar Minuten später mit seinem Dozententonfall fest. Mit diesem Sound band er die Workshop-Teilnehmerinnen an sich. 

„Der dritte Tag, Elena. Das ist der klassische Wendepunkt im Spannungsbogen. Wenn die Heldin begreift, was sie getan hat, und der moralische Kater einsetzt.“

Die Stimme war so einnehmend wie der ganze Mann. Elena dachte an Joseph Conrads „Herz der Finsternis“. An den sagenhaften Kurtz, der im kongolesischen Urwald seinen Daseinskompass verliert. Auch in dieser Gegend gab es Dschungel – den Darßer Urwald.

„Ja, ich wollte gehen.“

„Nein“, sagte Marek ruhig. „Du wolltest, dass ich dich aufhalte. Das ist etwas völlig anderes.“

Sie widersprach nicht sofort. Die Verzögerung erschreckte sie. In der Regel vermochte sie ihre Gedanken wie Dienstvorschriften zu sortieren: nummeriert und belastbar.  

„Du bist gefährlich“, sagte sie schließlich.

„Natürlich. Und trotzdem bist du hier.“

„Vielleicht deshalb.“

Er nickte anerkennend. Das ärgerte sie. Sie hatte den Eindruck, mit einem Lektor zu sprechen, der ihren Charakter überarbeitete.

Marek stand auf und trat ans Fenster. Er betrachtete ein dramatisches Wettergeschehen. Das gab es an der Küste im Dutzend billiger. Als theatralisches Mittel war es abgedroschen; Discounterpoesie.

„Weißt du“, sagte er, ohne sich umzudrehen, „Menschen glauben, sie hätten Geheimnisse. In Wahrheit haben sie nur Muster. Geheimnisse wären originell. Muster wiederholen sich.“

Elena spürte, wie sich der Widerstand in ihr verstärkte.

„Und was für ein Muster bin ich?“

Marek hob die Schultern.

„Ich will dich nicht vor den Kopf stoßen. Irgendwann muss sich jeder entscheiden. Entweder er bleibt Material. Oder er beginnt, sich selbst zu erzählen.“

„Du redest, als wäre das Leben Literatur.“

Für einen flüchtigen Augenblick glaubte Elena, eine Delle in Mareks Selbstgewissheit entdeckt zu haben. Kein Mitleid. Keine Unsicherheit. Eher Müdigkeit. Als koste ihn die Rolle des Überlegenen mehr Kraft, als er sich eingestand.

Der Eindruck verflüchtigte sich als Fata Morgana des Wunschdenkens.

„Du glaubst, du siehst mich jetzt mit anderen Augen“, sagte Marek herablassend. Als wollte er Elena zeigen, dass er sich nicht verstellen musste. Er konnte sie demütigen und sie zur Bettlerin machen. Sie musste sich wehren.

„Du schnarchst wie ein alter Seesack, Marek. Das nimmt dem Ganzen ein wenig den Glanz.“

Marek blieb ungerührt.

„Das Reale bricht sich immer Bahn, Elena. Das macht die Kunst erst lebendig. Wenn wir den Schmutz weglassen, schreiben wir Kitsch. Und du bist nicht hierhergekommen, um dich in deiner Kitschproduktion zu verbessern. Du bist hier, um zu lernen, wie man das Messer führt.“

Die Schreibleine

Er ging wieder auf Tuchfühlung und ließ sie seine Kraft spüren. Da war wieder eine Lücke, hochtrabend gesagt, eine Rezeptionslücke. Marek strotzte nicht nur vor Selbstgewissheit; sein Rumpfrelief war wie gemeißelt.

„Erzähl mir von Jörg“, raunte er, „wie wird dein Bauunternehmer reagieren, wenn das Fundament bricht?“

In diesem Moment spürte sie zum ersten Mal die Leine, an der sie lag. Noch hielt Elena die Bindung für eine Bedingung des Schreibens. Meister Marek verlangte nach Material. Er forderte Tribut. Ihre Scham war seine Ressource. Sie sollte Jörg ausliefern.

...

Sein Verlangen ging ohne Weiteres auf sie über. Ein Daumen strich über ihre Spitzen. Elenas Atem beschleunigte sich. Marek neigte sich vor, seine Lippen berührten ihren Busen über den Höfen. Ein leiser Laut, halb Seufzer, halb Scherz, entwich ihr, als seine Zunge die warme Feuchtigkeit aufnahm, die sein Begehren zuverlässig weckte. Elena wand sich vor lauter Erwartung, ihr Herz raste, ihre Haut war heiß.

Zum vierten Mal an diesem Tag drang Marek in sie ein. Sie suchte seinen Blick, um ihm zu zeigen, wie sehr sie es ersehnte. Erfüllt von Lust und Dankbarkeit flüsterte sie:

„Ich gehöre dir.“

Marek strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht.

„Ich bin deine Schülerin in jedem Atemzug, in jedem Wort, in jeder Berührung. Deine Stimme formt mich, dein Blick erhebt mich.“

Lehre und Leidenschaft ... Elena erstrebte die sakrale Initiation. Sie war ehrgeizig auch in ihrer lustvollen Ergebenheit. Lautlos betete sie:

„Du bist mein Halt in der Welt. Du bist meine Feuerstelle.“

Zur gleichen Zeit in Ederthal

Der Unterricht war Disziplin, Atmung, Dehnung, Anstrengung und endlich Stille. Nach dem Training sagte Malia zu Alisa: „Ich habe versucht, dich zu hassen. Es war zu aufreibend.“

Alisa lächelte.

„Hass ist auch eine Bindung.“

Meister Agravain bedeutete den Schülerinnen noch zu bleiben. Alisa hätte ihm gern ihren Traum erzählt, der sich immer mehr dem Tag zuneigte und sowieso längst aufgehört hatte, bloß ein Gespinst zu sein.

Es geschah, weil sie es wollte. Barfuß stand Alisa auf dem taufeuchten Übungsplatz und empfing noch verschlafen die erste Lektion des Tages. Sie spürte die Kraft der Erde. Ihre Sohlen verbanden sie und verbanden sich mit dem Wesen des Lebens. The floor is the best friend of the beginner.