Die fliegende Katze
Inzwischen empfing sie sogar kosmische Ermahnungen. Manches mochte ihrer blühenden Phantasie geschuldet sein. Doch zweifellos hatte sich etwas verändert in ihrem Verständnis des Daseins, seit sie von Aslan nicht nur unterrichtet wurde. Mitunter empfand sie schiere Seligkeit. Zweifellos war Virgil der Garant ihres Glücks. Aber Aslan war viel mehr, wenn nicht sogar ein Bote des Universums. Ihr Verbindungsmann zum All. Eine all-mächtige Instanz, gut bestückt, muskulär hypertroph, so wie sie es liebte.
Noch nie hatte sie einem Lauch-Verehrer verraten, wie abtörnend sie unsportliche Männer fand. Alisas Höflichkeit erlaubte es ihr nicht, einen Mann vor den Kopf zu stoßen, der sich bei ihr um ein Liebhabermandat bewarb. Auch bei den Unbeholfenen und Derben entdeckte sie Erfreuliches. Es war beinah ein Spleen, sich nicht verdrießen zu lassen und allem Alltäglichen eine glänzende Seite abzugewinnen.
So ging Alisa unter Leute, stets bereit, ihren Teil zum Gelingen beizutragen.
Aslans Präsenz erregte sie. Seine Stimme allein hatte die Kraft, ihren Lusttau zu vermehren. Er lud sie auf. Etwas zwang sie dazu, auszusprechen, was sie sonst gewiss für sich behalten hätte.
„Ich liebe es, von dir geführt zu werden. Es macht mich frei.“
Er beugte sich über sie, seine Lippen an ihrem Ohr. Ein Zittern durchlief sie.
„Du bist so süß, ich liebe es, dich so heiß zu erleben, so heiß und voller Vorfreude.“
Sie öffnete den Mund und zeigte ihm ihre Zunge.
„Leck meinen Hals“, verlangte er.
Sie vergrub ihren Kopf in seiner Schultergrube.
„Liebster“, murmelte sie, „du beschenkst mich mit deiner Lust auf mich.“
Alisas Liebesworte adressierten den falschen Mann. Das illegale Paar verging sich (vielleicht dann doch nicht) an der Zuneigung und dem Vertrauen von Aiko und Virgil.
Insgeheim sondierte Alisa die Gefilde der Freundin. Es verriet doch viel, wenn eine Frau mit akademischem Habitus und dem Gestus unbegrenzter Souveränität einem intellektuell lackierten Haudegen wie Aslan den Vorzug gab. Noch war sie mit den Einzelheiten nicht vertraut, aber Alisa wusste schon, dass Aslan einem orientalischen Klan mit sagenhafter Legende entstammte und sich auf eine fürstliche Abstammung berief.
Aslan genoss Alisas ungehemmte Bereitschaft im glänzenden Morgenlicht. Dann kehrte er in seine angestammte Rolle zurück, und auch Alisa, wenigstens für einen Augenblick erlöst vom drängendsten Verlangen, nahm wieder mit dem gebotenen Ernst an ihrer eigenen Erziehung teil. Alisa wollte in ihrem Tagwerk endlich können, was sie in ihren Träumen längst beherrschte. Sie übte Hane Neko - die Geflügelte Katze. Aslan unterbrach sie oft, korrigierte und kritisierte mit leichten Berührungen ihre Haltung.
„Die Kraft kommt nicht aus den Armen“, deklamierte er. „Sie kommt aus deinem Standpunkt. Dein Standpunkt verleiht dem Schlag Bedeutung.“
Seine Ausführungen kündeten von der Eleganz und Geschmeidigkeit, mit der er die Form ehrte. Oh, Alisa musste noch so viel lernen und in jedem Fall ihren Übermut zügeln.
„Die Katze jagt nicht. Sie wartet, bis das Zittern im Gras ihr alles verrät.“
„Ich möchte so gern die Katze sein.“
„Lerne, mit ihren Augen zu sehen und du kannst fliegen wie sie.“
Alisa gefiel das Bild von der fliegenden Katze. Im Übersprung assoziierte sie die anatomische Antinomie mit Aiko. Glich sie nicht einer fliegenden Katze auf zwei Beinen? Einem autarken und opaken Wesen, das unvergleichlich schien?
Aiko wusste aufs Intimste Bescheid. Aber warum ließ sie es geschehen?
Aslan schöpfte aus dem Vollen. Ging es um weltweite Verflechtungen der Kampfkunst war er monoton bis zur Monomanie. Die Geflügelte Katze war eine japanische Form des Kobudō, die ihren archaischen Ursprung in einer Shaolin-Praxis hatte. Das wusste kaum jemand. Aslan war auch ein Meister der Beiläufigkeit, wenn er es denn sein wollte, aber in Fragen der Kampfkunst-Historie neigte er zur Pedanterie. Das martialische Original hieß 飞猫 - fēi māo, mit der Variante 飞影猫 - fēi yǐng māo.
Aus dem Off - Aiko steuert Aslan
Offiziell arbeitet Aslan an einer brillanten ethnohistorischen Publikation. Aiko schultert mühelos die Forschungshauptlast. Sie steuert Aslan. Alisa begreift sich als potente Akteurin in einem manipulativen Spiel im Ederthaler Elfenbeinturm.
Mehr zu Aiko
Menschen im autistischen Spektrum flüchten vor dem emotionalen Chaos der echten Welt oft in private Konzepte. Aiko kann mit den unperfekten Emotionen einer normalen Partnerschaft nichts anfangen. Also baut sie ein System, das sie kontrollieren kann. Sie macht Aslan zu ihrem Projekt. Indem sie seine Habilitationsschrift verfasst und seine Affären in einem „Hofstaat-Protokoll“ vermerkt, entzieht sie der Realität die Macht, sie zu verletzen. Sie wird unverwundbar.
Es ist ein reales Phänomen, dass manche intellektuellen Frauen sich zu fast schon comichaft überzeichneten Männern hingezogen fühlen. Aiko füttert Aslans Monomanie (fēi māo), wie man eine Raubkatze einhegt. Er fasziniert sie.
Alisa sondierte die Gefilde der Freundin. Es verriet doch viel, wenn eine Frau mit aristokratischem Habitus und dem Gestus unbegrenzter Souveränität einem Machobrocken den Vorzug gab. Allein, was Alisa anfangs für eine zierliche Verblendung mit Anime-Aspirationen gehalten hatte, entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als Concept Art. Aiko inszenierte Aslan. Sie verwandelte das Liebesviereck in ein feudales Schaustück. Aiko erhob Aslan zum Shogun, dem sie mit ritueller Ergebenheit diente. Und seine Affären? Ein solcher Mann brauchte Nebenfrauen. Alisa war eine Hofdame.
Ōoku als weiblich dominierter Machtapparat
Das Ōoku (大奥) war die Frauenresidenz im Edo Palast und zählte zeitweise mehrere hundert bis über tausend Bewohnerinnen. Es war zugleich Hof, Verwaltung und politisches Netzwerk.
Gewöhnliche Männer durften das Ōoku nicht betreten. Zugelassen waren der Shōgun, sehr junge Prinzen sowie zertifizierte Handwerker und Ärzte. Die Administration lag vollständig in weiblicher Hand.
Die Midaidokoro war die offizielle Gemahlin des Shōguns und genoss den höchsten Rang. Im Alltag des Ōoku besaßen die Ōtoshiyori (Senior-Elders) oft erheblichen Einfluss. Sie organisierten den Hofbetrieb und konnten den Zugang zum Shōgun steuern. Rang und Macht fielen nicht zusammen. Ältere Hofdamen spielten eine entscheidende Rolle bei Auswahl, Erziehung und Überwachung geeigneter Frauen.
Überwachung der Nächte und Protokollierung
Es existierten detaillierte Aufzeichnungen über Besuche des Shōguns, Schwangerschaften und Geburten. Die Kontrolle diente vor allem der eindeutigen Feststellung legitimer Nachkommen und der Einhaltung der Hofetikette. Das Regelwerk sollte verhindern, dass einzelne Frauen und ihre Familien in der Konsequenz eines privilegierten Zugangs zum Shōgun politischen Einfluss gewannen.
Der Shōgun war Gefangener eines weiblichen Kontrollapparats.
Innerhalb des Ōoku unterwarf sich der Shōgun einem ritualisierten System weiblicher Hofführung. Obwohl er formal die höchste Autorität blieb, wurden sein Zugang zu den Frauen, seine Besuche und viele Aspekte seines Privatlebens von Hofdamen organisiert und reglementiert.
Diesem höfischen Prinzip huldigte Aiko in niederhessischen Niederungen zu ihrem Vergnügen. Sie war eine Otaku. Abgeleitet von der hyper-höflichen Anrede für „Ihr Haus“ oder „Ihre Familie“, beschrieb das Wort die obsessive Hingabe an einen Spleen. Aiko kategorisierte und archivierte Aslans Existenz bis in die Ziselierungen. Für sie war dieser jüdisch-kurdische Japan-Aficionado ein Fluchtbeschleuniger aus einer unperfekten Realität in ein kontrollierbares System aus Ritualen und Fetischobjekten. Sie kuratierte ihn.
Und über allem schwebte Aikos bittersüßes Lebensgefühl: Mono no aware. Das Pathos der Dinge, die schmerzhafte Herzensbewegung angesichts ihrer Vergänglichkeit. Aiko wusste, dass Schönheit Flüchtigkeit voraussetzt. Sie betrachtete Aslans akademische Hochstapelei und Alisas heimliche Leidenschaft mit jener Melancholie, die den Verfall bereits im Moment der Blüte feiert. Für Aiko war das Liebesviereck ein Kunstwerk.