Die Diaspora von Ederthal
Aiko büßt zu ihrem Vergnügen. Ihre Pseudo-Unterwerfung streift kein patriarchales Relikt, sondern ein nach den Margen der Concept Art zelebriertes Sühneopfer. Sie hat die Bushi-Traditionen (den Ehrenkodex der japanischen Kriegerkaste) ihrer Familie jahrelang als Popkultur-Spielzeug und Anime-Fetisch missbraucht und entweiht. In der Diaspora von Ederthal bereut sie das genussvoll. Sie unterwirft sich Aslan nicht; er ist lediglich ein Werkzeug ihrer theatralischen Buße. Der jüdisch-kurdische Prinz extrapoliert die Nuancen des Bushido präziser als beinah jeder moderne Japaner.
Aslan verband Aikos Augen. Sie kam nicht umhin, das erotisch zu finden. Sie sollte den Wind hören und den Stock fühlen, bevor er ihren Gegner traf. Aiko fühlte sich von ihrem Gleichgewicht verraten. Der Stock tanzte mit ihr, nicht sie mit ihm. Da nahm Aslan ihr die Augenbinde ab und sie nahm dankbar das Begehren in seinen Augen wahr.
Gùn shù heißt der Shaolin-Stockkampf. Der Dào chǎng entspricht dem Dōjō. Aslan verlegte das Training in sein privates Dōjō. Aiko hatte sich an ihn gebunden. Sie war so viel weitergegangen, als je zuvor mit einem Mann – aus einem gleichermaßen unbezwingbaren und unbestimmbaren inneren Antrieb. Sie konnte nicht stehenbleiben. Sie durfte sich nicht begnügen. Sie glühte vor Verlangen.
Die Liebenden zogen sich gegenseitig aus. Aikos Körper bebte vor Erwartung. Dass sie es war, auf das sich Aslans Begehren sichtbar pulsierend richtete, gab ihrer Lust die schönsten Farben. Es war ihr nicht erlaubt, auf das Feld blumiger Umschreibungen auszuweichen. Sie musste ehrlich sein, um den heiligen Moment nicht zu entweihen. Und zu dieser Ehrlichkeit gehörte die Einsicht, dass sie Aslan vollkommen zugetan war.
„Du hast heute gezittert“, sagte er. „Warum?“
„Ich möchte es so gerne richtig machen.“
Er bedeutete ihr, ihm zu folgen. Sie folgte ihm zu dem großen Ballettspiegel.
„Sieh dich an, Aiko“, verlangte er.
Sie sah sich selbst und empfand … Stolz. Sie wollte nichts mehr zurückbehalten.
Zur gleichen Zeit in Ahrenshoop
Die DDR als überschaubare Episode der Mecklenburg-Pommerschen Landesgeschichte – In der Ära des realexistierenden Sozialismus hielt Ahrenshoop die Versprechen einer Auszeit. Das Küstenkaff war ein Sehnsuchtsort im Zeichen des Reetdachs und der Windflüchter. Die Geografie der Gegenwart betrügt die Urlauber. Die vermeintliche Seebadidylle ist ein kapitalistisches Schlachtfeld, auf dem Geld geblutet wird.
Für eine Ferienhausdoppelwoche halbwegs an der Steilküste (und doch fünf Kilometer vom Strand entfernt) kannst du drei Wochen All-inclusive auf den Malediven buchen – mit Flügen, Cocktails und Korallenrifftauchgang. Am Rand der baltischen Badewanne lässt du dich windbeuteln, während der Quadratmeterpreis für Baugrund den Münchner Vororten Konkurrenz macht. Es ist ein Verdrängungswettbewerb in der Camouflage von Entschleunigung und Kunsthandwerk.
Wer heute am Strand von Ahrenshoop steht, sieht Zeichen einer veränderten Weltordnung. Landnah kreuzen U-Boote der Bundesmarine. Ihre Lauermission zeigt an, dass das Gefüge aus den Fugen geraten ist. Über dem Bodden zerreißt das Donnern der Eurofighter Typhoon die Seebad- und Nationalparkstille. Die Jets starten in Rostock-Laage, Heimat des Taktischen Luftwaffengeschwaders 73 Steinhoff.
Akustischer Dopplereffekt und Stoßwellen-Kompression. Ein Jet, der dicht an der Schallmauer fliegt, komprimiert die Schallwellen in Flugrichtung. Glühende Abgase der EJ200-Triebwerke treffen auf eiskalte Umgebungsluft. An der Schergrenze entstehen gigantische Luftwirbel. Sie erzeugen niederfrequenten Infraschall. Das Grollen legt kilometerweite Strecken fast ungehindert zurück, während hohe Töne in der Atmosphäre gedämpft werden. Setzen die Piloten den Nachbrenner ein, verdoppelt sich der Effekt.
Some call it noise, we call it the sound of freedom, sagt John Wayne aus dem Off. Elefanten nutzen Infraschall (Frequenzen unter 20 Hertz), um über Kilometer hinweg im Busch zu kommunizieren. Ihre tiefen Laute lassen die Erde vibrieren, wandern ungehindert durch dichte Vegetation und werden von Artgenossen über Rezeptoren in den Füßen wahrgenommen.
Donnern die Eurofighter über den Bodden, erzeugen sie diese seismische Akustik. Die Geopolitik macht keinen Urlaub. Sie nutzt dieselbe Kulisse wie die solventen und mit weit über Sechzig noch bis zur Hitzigkeit ehrgeizigen Babyboomer-Ruheständler auf ihren E-Bikes.
Elena und Marek gehören zu der Schicht, die das saturierte Rückgrat der Republik bildet. Das sind Leute, die gut verdienen, deren Leben in geordneten Bahnen verläuft und an denen die weltgeschichtlichen Verwerfungen scheinbar vorbeigehen. Man leistet sich den Luxus der inneren Einkehr, die schicke Melancholie eines Schreibworkshops mit baltischem Fluidum, während zu Hause in der niederhessischen Bauunternehmerprovinz Beton gegossen wird. Bis gestern hatte die Komfortzone eine Knautschzone, einen Airbag für Eventualitäten. Jetzt ist der Krieg da. Er sieht nur anders aus als früher.
*
Sie flüsterte Worte der Hingabe wie in Erfüllung einer Pflicht. Nein, das war es nicht. Elena wollte, dass Marek aus sich herausging und dem Agens seines Begehrens Ausdruck verlieh. Sie war ihre eigene Agentin und selbst in ihrer nebeldichten Arglosigkeit so reflexionslos wie reflexhaft investigativ. Während Marek sie tiefer in die Kissen drückte und ihr Körper endlich aufhörte, das männliche Begehren zu belauschen, registrierte ihr peripheres Sichtfeld eine visuelle Störung. Eine typische Smartphone-Irritation. Mareks Telefon lag auf dem Boden. Das Display leuchtete lautlos auf. Eine Push-Nachricht. Elena las den Bruchteil eines Namens und zwei Worte, bevor das Bildschirmlicht erlosch.
Elenas Gehirn schüttete endlich genug Oxytocin und Dopamin aus, um den präfrontalen Kortex fast vollständig auszuschalten. Sie stemmte sich mit aller Macht gegen alles, was sich der Lust widersetzte. Bis ...
„Aline“, hörte sie Marek sagen. Elena traute ihren Ohren nicht. Der Name ihrer als Cracksüchtige erbärmlich auf den Todeshund gekommenen Zwillingsschwester war in den letzten Jahren kaum je gefallen. Alle hatten es vermieden, ihn auszusprechen. Woher kannte ihn Marek?
Der Name rührte aber nicht nur an einer Tragik. Da war noch etwas anderes. Eine ältere Schicht; Sediment aus pulverisierten Hoffnungen und Irrtümern. Nicht Wenige hatten Elena und Aline nicht auseinanderhalten können. Es war also für Elena keinesfalls ungewöhnlich gewesen, mit dem Namen ihrer Schwester angesprochen zu werden. Nun lagen solche Verwechselungen nahezu identischer Schönheit lange zurück. Elena hatte beinah alles vergessen, was in dieser irisierenden Spanne geschehen war.
Für den männlichen Teil ihrer Ederthaler Generationskohorte stellte sich das anders dar. Die Steinbrenner-Schwestern hatten sich in das kollektive Gedächtnis der Kleinstadt eingeschrieben. Sie waren Ikonen ihrer Jugendblüte. Ihre Auftritte im Rahmen des städtischen Gesellschaftslebens von der Kirmes bis zur Konfirmation bildeten Marken verehrungsdurstiger Seelentopografien. Alle waren in die Schwestern verliebt gewesen, die wenigstens durften ihnen nahekommen. Aber diese Wenigen hüteten ihre Erlebnisse mit der einen oder anderen Steinbrennertochter als biografische Großereignisse. Und dann gab es jene, die das Vergnügen mit beiden gehabt hatten. Es waren vier. Sie zählten vollständig zu den Gebliebenen und befanden sich in einem unverbindlichen Grußverhältnis mit Elena und ihren Eltern.
Einer von ihnen war Elenas Gatte Jörg. Es war das unausgesprochene Fundament ihrer Ehe gewesen, ein manchmal unheimliches und manchmal verlockendes Geheimnis, mit dem Elena-Aline im geschützten Raum ihres Schlafzimmers gespielt hatte. Ja, das alles hatte es gegeben, in der Keimzeit ihrer Ehe, als der Hochzeitsofen noch geglüht hatte. Elena in einem Kleid ihrer Schwester und nichts darunter. Elena mit Zopf als Hommage an eine Vorliebe ihrer Schwester. Auch der Sophie-Scholl-Seitenscheitel gehörte zu diesen Vexierspielen.
*
Das hormonelle Schutzschild brach. Mareks Lapsus wirkte wie ein psychologischer Defibrillator. Sigmund Freud beschreibt ein Phänomen, bei dem das Unbewusste die kortikale Kontrolle durchbricht. Das Verdrängte bricht sich in einem unbedachten Wort Bahn. War es ein Freud’scher Versprecher oder ein narratives Leck? Jemand verliert für eine Sekunde die Kontrolle über sein Drehbuch. Er patzt in seiner Rolle als Verführer. Aristoteles prägt den Begriff Anagnorisis als jenen Moment, in dem die Heldin schlagartig aus der Unwissenheit in die Klarheit übergeht.
War es eine Gaslighting-Sprengladung? Marek verspricht sich nicht. Er platziert Aline im Augenblick maximaler Intimität, um Elenas Identität zu zertrümmern. Er will sie in das genetische Duplikat ihrer toten Schwester verwandeln. Es ist der sadistische Höhepunkt seines Experiments.