Magischer Schmied
Erst jetzt bemerkte sie, dass zwischen ihnen ein Bō lag. Er bestand aus Sujiro-Wacholderholz - eine in Japan seltenen Sorte. Der Bō wies zwei Gravuren auf: Jōchū Dō - In der Stille ist Bewegung und Shin soku kon - Der Geist ist der Stab. Er war eine Maßanfertigung und stammte aus der Kloster-Manufaktur von Hōryū-ji nahe Nara.
Zu der Tempelanlage von Hōryū-ji gehören die ältesten erhaltenen Holzgebäude der Welt. Die Herstellung eines Bō obliegt dem Schmied. Magische Schmiede fertigen pro Jahr nur einen Bō – ausschließlich auf Empfehlung. Für solche Empfehlungen kommen nur wenige in Frage. Der Bō wird mit Atem imprägniert und nur mit Rauch und Schweiß versiegelt.
In den Kampfkünsten (Budō) ist der Atem (Kokyū) das Vehikel für die Lebensenergie (Ki). Den Bō mit Atem zu imprägnieren bedeutet im energetischen Sinne, die eigene Lebenskraft und Absicht in die Waffe zu hauchen, sodass sie zu einer Verlängerung des Körpers wird.
Zur Versiegelungsmethode – Unsere Hände scheiden Lipide (Triglyzeride, Fettsäuren) und Schweiß aus. Wenn man unbehandeltes Holz über Monate hinweg täglich in Händen hält, saugt das Holz die körpereigenen Öle auf. Die Kombination aus Hautfetten, Reibungshitze und Sauerstoff führt zu einer Polymerisation der Fette. Das Holz dunkelt, härtet aus und wird widerstandsfähig gegen Feuchtigkeit. Es entsteht eine natürliche Schutzschicht.
In Japan entspricht das Räuchern von Holz einer antiken Methode zur Konservierung. Rauch enthält Teer, Phenole und Ruß. Diese Stoffe dringen in die Holzporen ein. Sie wirken antibakteriell, fungizid und insektizid. Ein im Rauch gelagerter Stab verrottet nicht und zieht keine Schädlinge an.
Plötzlich begriff Aiko, warum ihr der Khan wieder und wieder die kultische Übergabe eines Bō erklärt hatte, stets im Rahmen nebensächlicher Erörterungen. Sie durfte jetzt nicht patzen. Ein jedem Normalsterblichen unbegreiflicher Aufwand war diesem Augenblick vorausgegangen. Um einen solchen Moment schaffen zu können, bedurfte es eines ungeheuren materiellen und geistigen Vermögens.
„Der gehört dir. Er wurde für dich gemacht. Alles, was ich vermag, habe ich eingesetzt, um dir mit diesem Bō deine Bedeutung in meinem Leben zu zeigen.“
Aiko verneigte sich bis zum Boden. Sie war überwältigt von dem Liebesbeweis. Ihr war vollkommen klar, dass man so etwas nicht verdienen kann. Es war ein Hauptgewinn in der Lotterie des Lebens, und Aiko war schon weit genug in die Mysterien eingedrungen, um leichten Herzens, wenn auch schwer gerührt das Geschenk anzunehmen. Aslan räusperte sich. Aiko richtete sie sich so weit auf, dass sie sehend ihre Hand auf das Holz legen konnte. Und wieder wartete sie, bis der Khan „Ja“ sagt. Sie hätte ihn gern umarmt, sich stürmisch bedankt. Das kam bei all der Förmlichkeit nicht in Frage. Mit einem heimlichen Anflug von Spott realisierte sie, wie weit Aiko sie, die legitime, wenn auch lange leichtfertige Erbin eines Samurai-Namens, sie in sein Qi-Saga-Reich hineingezogen hatte. Sie genoss es, keine Frage. Gleichwohl hätte sie sich auch auf einen Standpunkt der Belustigung stellen können. Zugleich war sie ergriffen, wie kaum je. Sie hatte soeben das wertvollste Geschenk in ihrem Leben erhalten, abgesehen von Aslans Liebe und dem, was daraus folgen mochte.
„Der Bō heißt Tsukikage - Mondschatten. Auf Chinesisch: Yingyue - Schattenmond“.
Aiko ließ den Schattenmond liegen. Aslan erwartete Selbstbeherrschung. Er bedeutete ihr, ohne Verzögerung zur kontemplativen Tagesordnung überzugehen. Das war eine Prüfung. Wie schnell würde sich Aiko in den Griff kriegen und im parasympathischen Modus weiteratmen. Verwundert bemerkte sie, wie leicht es ihr fiel, ihren Atem mit dem Meisteratem zu synchronisieren. Die Kraftlinien verbanden sich wie von selbst und wirkten rauschhaft. In einer Evokation hörte Alisa den Zen-Mönch-Schmied sagen: Nur in deinen Händen ist der Bō ausbalanciert.
Später
„Es gibt kein Land auf Erden, das den Stock nicht kennt. In jeder Praxis steckt ein anderer Geist.“
Aslan zeigte Aiko den namentlich gekennzeichneten Platz für den göttlichen Bō in einem, von einem Ederthaler Schreiner gebauten Bō-Humidor, der bereits mit geringeren Schätzen bestückt war, die ihr im Verlauf des letzten Jahres zugekommen waren. Bisher hatte Aiko vor allem mit einem Stab aus Weißesche geübt, der Legende nach „in Kyoto über Generationen vom Nachtregen getränkt. Kein Lack, kein Öl. Nur Atem und Gebrauch“.
Aslan lehrte Aiko die Grundform des Ryukyu-Stils - ein Mix aus stoischer Schlichtheit und innerer Klingenschärfe. Keine Sprünge. Keine Spiralen. Nur Linie und Struktur.
Ryūkyū ist der historische Name von Okinawa. Die Region war einst ein unabhängiges Königreich mit eigener Sprache, Kultur und diplomatischen Beziehungen zu China und Japan. Auf dieser kulturellen Kreuzung entstand ein einzigartiger Stil von Kampfkunst und Waffentechniken - bekannt unter dem Oberbegriff Kobudō. Das Selbstverteidigungssystem wurde von Bauern und Fischern entwickeln, denen Waffen verboten waren. Sie nutzten Haushaltsgeräte und landwirtschaftliche Gegenstände. Sie setzten auf Rotation, Hüfteinsatz, Spiral- und Hebeldynamik.
Der Bō, den Aslan führte, war ein Artefakt des antiken Ryūkyū - geschliffen aus Roter Eiche. Er war weit mehr als eine Waffe. Er war ein Vermächtnis jener, die über sich selbst hinauszuwachsen und ihre Schwäche in Stärke zu verwandeln wussten. Turning Danger into Performance.
„Jede Bewegung entstand im Mangel. Kein Eisen, keine Rüstung. Nur ein Stück Holz - und der Wille, nicht zu sterben im Kampf gegen armierte Gegner.“