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2026-06-30 10:52:09, Jamal

Schwesternscherze

Der Oxytocinrausch verflog schlagartig und hinterließ den Kältekater einer biologischen Fehlfunktion. Marek lag schwer auf ihr. Sein Kolben schien von einer Axialwelle angetrieben zu werden. Seine Hände nahmen ihren Hintern auseinander. Während das Becken athletisch kreiste, lastete der Rumpf beinah bewegungslos. Marek wirkte nicht wie ein ertappter Dämon. Vielmehr erschien er Elena wie ein Schauspieler, der sich zu sehr auf sein Improvisationstalent verlassen hat und sich auch noch mit einem Hänger unwiderstehlich findet.

„Hast du sie geliebt“, flüsterte Elena. Es war keine Frage. Deshalb kein Fragezeichen.

Marek lächelte dünn. Sein Mund: ein mitleidiger Strich. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“

Vorgeschichte

Es beginnt mit einem Hänger im Skript der Intimität. Beim Sex unter einem Ahrenshooper Rohrdach (Rohr = Reet) spricht Marek Elena mit dem Namen ihrer verstorbenen Zwillingsschwester Aline an. Sie verschließt sich vor der plausibelsten Annahme und will sich verhört haben; zumal der Dopplereffekt eines über dem Bodden gezündeten Eurofighter-Nachbrenners einen Rolling-Thunder-Soundteppich als Flying Carpet über der Szene schweben lässt. Marek stellt sich dumm. Er ist kaltschnäuzig bis zum Erbrechen und vergilt Hingabebereitschaft mit Hinterlist. Elena ahnt nichts. Ihre Arglosigkeit, das Instinkt- und Intuitionsversagen einer Kriminalbeamtin mit Profiler-Qualifikation, gleicht einem unerkannten Infarkt. Der Zwillingsname triggert ein schlummerndes Muster und lädt Elena ein, sich auf ein längst vergessen geglaubtes Genre ihrer Jugend zu besinnen. Zu den diabolischen Schwesternscherzen zählten provozierte Verwechslungen. In einem Mix aus Schock und ur-vertrautem Muster imaginiert Elena Aline an ihre Stelle. Der tote Zwilling hat den Schreibworkshop gebucht und empfängt Mareks ebenso verführerische wie heimleuchtende Nachrichten. Aline steigt mit dem Bestsellerautor und Creative Writing Coach ins Bett. Im Augenblick führt sie jenes rücksichtslose Leben, das Elena sich nie erlaubt hat.

Aline ist im Frankfurter Bahnhofsviertel auf den Strich und schließlich im Drogenelend zugrunde gegangen. Die näheren Umstände wollte sich zuhause in Ederthal niemand ausmalen. Um den Schein zu wahren, hatte man Aline in der Provinz schon für tot erklärt, bevor ihr Herz aufhörte zu schlagen. Nach ihrer Bestattung begrub man das Schweigen.

Marek wusste nichts von Aline – nach Elenas falschem Informationsstand. Wie sollte er also ausgerechnet auf diesen Namen kommen?

Noch immer beherrschte Elena die Lustspielkapriolen der Schwester. Das übertraf Mimikry. Es war auch keine bloße Anverwandlung. Vielmehr nutzten beide Schwestern Chancen der Verdopplung. Die eine konnte nicht nur wie die andere aus der Wäsche gucken, sie konnte auch das Gefühlsleben der anderen zu ihrer Domäne machen. Beinah gegen ihren Willen fragte Elena:

„Sie hat dich auch so angesehen, stimmts?“

Ihre Stimme verlor das diskrete Timbre der adretten (angepassten) Steinbrennerin und nahm die ungefilterte Textur der Rebellin an. Elena spielte nicht bloß Aline. Es war eine Metamorphose, die Marek beinah aus der Fassung brachte. Sein sadistischer Impuls hatte eine unvorhergesehene Treibladung freigesetzt.

„Ich weiß nicht, was in dich gefahren ist", sagte er mit versagender Souveränität.

„Sag noch mal ihren Namen“, raunte sie ihm ins Ohr, während sie sich unter ihm aufbäumte, härter jetzt, endlich rücksichtslos, die Dienstmarke im Kopf gelöscht, den Ehering im Nachttisch deponiert. „Sag ihn, Marek. Wer fickt dich gerade? Elena oder Aline?“

Marek antwortete nicht gleich. Einen Augenblick fehlte ihm die Bodenhaftung. Doch dann wurde ihm klar, dass Elena weit davon entfernt war, ihn zu durchschauen. Sie hatte lediglich wie eine Schlafwandlerin die Wahrheit gesehen, ohne sich nach dem Erwachen zu erinnern. Ihr Verliebtheitssomnambulismus hielt ihr die Vernunft vom Hals. Der Trickser begriff, dass ihm Elena gerade ein neues Drehbuch geschenkt hatte. Es war besser als sein eigenes.

Den nächsten Stoß ihres Beckens fing er ab. Die Axialwelle lief wieder an, während er Elena mit seinem gemeißelten Thoraxrelief einschränkte.

„Du willst Aline sein?“, murmelte er. „Dann nimm es wie Aline.“

Er holte sich die Dominanz zurück, und Elena ließ den Dingen ihren erlösenden Lauf. Ihre Wahrnehmung unterschied sich radikal von seiner. Während Marek Schadensbegrenzung betrieb, unsicher, ob er nicht doch aufgeflogen war, verlor sich Elena vollends in ihrem Anders-Ich. Es war eine gewinnbringende Auflösung. Elena glitt tiefer und tiefer in die erotische Matrix der toten Schwester.

Schauplatz der Szene ist das 400 Jahre alte Skipperhus. Das Rohrdachfachwerk zählt zu den ältesten Bauwerken der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst und dient heute als Künstlerherberge, Schriftstellerklause, Galerie und Werkstatt für traditionelle Fischlandkeramik. In den niedrigen Räumen steht ein Alkovenbett (oft als Kapitänsbett bezeichnet). Solche Betten wurden wie Schränke in die Wand gebaut und konnten mit Holztüren oder Vorhängen verschlossen werden, um die Körperwärme zu halten. Seeleute schliefen oft halbsitzend. Sie glaubten, Liegen sei ungesund und lade den Tod ein. Im ausgehenden 19. Jahrhundert erwarb ein Freiherr von Tillwitz das Skipperhus. Einer seiner Nachkommen tritt heute als Gönner junger Künstler auf. Wir sind ihm schon begegnet. Waldemar von Tillwitz macht in Immobilien. Er tritt als Galerist und Gastronom auf. Seine Frau Carmen führt nebenbei das legendäre ‚Café Wiegand‘.

Selbstverständlich schläft Elena mit Marek nicht im Kapitänsbett. Die Antiquität aus der Kiefernharz- und Walöl-Ära erlaubt keine Bequemlichkeit. Das Probepaar erkundet sich in einem ausladenden Schmiedeeisenbett nach dem Geschmack der Gründerzeit. Es steht frei im Licht eines bodentiefen Atelierfensters. Einst hatte Elisabeth von Eicken darin geschlafen. Ein Bild der Malerin hängt über dem Kopfteil. Es zeigt den Darßer Urwald in spätherbstlicher Stimmung – Memento Mori.

Zur gleichen Zeit in Ederthal

Dem Tischgespräch ist schon seit geräumigen Fünfminuten kein Wort hinzugefügt worden. Auf dem Gaumen verblasst eine Erwartung. Alisa schluckt die Enttäuschung herunter. Die lieblose Behandlung von Lebensmitteln erinnert sie an Peter, dem sie im Sommer vor fünf Jahren in einer Hotelküche auf Usedom zugearbeitet hat. Peter war ihr als Reisender erschienen. Seine spirituelle Überlegenheit gab ihm das Recht, die Schwerbeleibten im Speisesaal zu verachten. Es kamen nur alte Leute, das Hotel warb mit barrierefreier Unterbringung. Die Leute schafften es oft nicht einmal mehr zum Strand. Sie waren nicht viel älter als Alisas Eltern und doch schon so gut wie tot. Peter konnte kochen, verlor sich aber lieber im Vulkanismus und in komplizierten astrologischen Überlegungen, die er mathematisch ansteuerte. Ging ein Essen zurück, pimpte er es mit Zauberflüchen und ließ es gleich wieder an den Tisch bringen. Das klappte fast jedes Mal. Alisa und Peter gerieten in einen Sog, der sie immer größere Risiken eingehen ließ. Die Grenze überschritten sie mit zu Mus verarbeiteten Würmern und (aus den Fallen im Lager herangezogenen) Mäusen noch lange nicht. Peter spuckte in den Salat. Angeblich war das Voodoo. Viele leere Teller erreichten das Tiefbecken (die Vorspülstation) mit heißen Danksagungen.

„Das alte Arschgesicht hat sich gar nicht wieder eingekriegt“, sagte Akim, der biegsam und theatralisch den Kellner spielte. Er war ein Konsolenjunkie aus Braunschweig, heimatverbunden bis zur Weinerlichkeit. Es sei denn, Akim fühlte sich von Deutschen beleidigt. Dann wechselte er das Fach und sprach als Stratege des Dschihad.

„Bei dem geht die Spaltung glatt durch“, diagnostizierte Peter.

Peter suchte Extreme - Feuer und Schnee. Vulkane nannte er Hochöfen der Natur. Seine Fotos von aufsprühenden und regnenden Schlacken waren gut. Peter veröffentlichte sie auf Facebook. Zu spät begriff Alisa, dass er nichts festhalten konnte. Dass ihm alles entglitt. Da hatte sie sich schon mit ihm eingelassen. Jeder brachte seinen Stunt. Jeder hatte einen Dreh und eine Liebesmechanik. Alisa verband mit Inselflirt & Sommerliebe einen bestimmten Ton. Eine Wahrnehmungsverschiebung war das erste Verliebtheitszeichen. Sie erklärte ein Lied zum gemeinsamen Lieblingslied und empfand ein kleines Unglück, als Peter ihre Lieblingseissorte immer noch nicht kannte.

Es brauchte eine Stelle am Strand, die man gemeinsam besonders schön finden konnte.

Alisa duldete keine Verballhornung ihres Namens und keine Niedlichkeiten. Sie forderte Respekt. Sie beherrschte das Repertoire der Küchenhilfen und Zimmermädchen. Sie kannte die für eine Haushaltshilfe bestimmte Einliegerwohnung der Weitsichtigen.

Peter kannte diese Perlenkammern auch, in denen vor allem Osteuropäerinnen ohne Aufenthaltsgenehmigung beinah versteckt existierten. Er unterlief Alisas Selbstverteidigung. Er patrouillierte an ihren Grenzen.

Alisa tanzte zu den Aufforderungen einer Trommel am Strand von Usedom. Leute bewegten sich mit wachsender Expression. Sie sahen aus wie die letzten Hippies und lebten auch so. Aber ihre Kommune war ein rechtes Projekt, für das man sich schriftlich bewerben und einen nützlichen Beruf mitbringen musste.

Das erzählt Alisa Alsan in der Keimzeit ihrer verbotenen Liebe. Obwohl es unter dem Zwang der Anziehungskräfte steht, kann sich das unerklärte Paar nach zwei Wochen des verschwiegenen Sondierens noch nicht auf eine gemeinsame Nacht berufen. Alisas Liebreiz explodiert wie die Serengeti im Frühjahr. Aslans Hand auf ihrem Knie reicht für Empfindungen kurz vor einer Ohnmacht. Ihren Namen spricht Aslan so schön aus wie noch kein Mann vor ihm. Spricht er sie direkt an, bekommt sie allein davon eine Gänsehaut. Kein Zweifel, er ist es, den Gott für sie geschaffen hat. Schon deshalb ist dosiertes Verhalten nicht länger angebracht. Alisa beschäftigt die Frage, wie lange sich die Spannung halten lässt, bevor die letzte Benimm-Saite reißt und sie sich, egal wie, über die Spielregeln hinwegsetzen müssen. Eine Stunde später entspannt sie sich wieder einmal in Aslans Armen. Er hat von ihrem Lusttau gekostet und ihre Knospen liebkost und sie vom Scheitel bis zur Sohle in eine einzige erogene Zone verwandelt.

„Der Mensch ist nicht als Arbeiter erschaffen worden. Es gab keine Herren und kein Geld in den Galeriewäldern und Savannen, die uns angenehm sind. Geh mit einem Kind in die Natur und du wirst erkennen, wie erfüllt es ist von den Erscheinungen des Ursprünglichen. Wir sind Jäger und am liebsten jagen wir mit Ausdauer und Intelligenz.“

Alisa und Aslan trainieren auf einem erdgeschichtlichen Rülpser - einer Basaltrippe. Seit Jahren bleibt die Gegend im Zuge der Renaturierung sich selbst überlassen. Ihr Erscheinungsbild bestimmen Sturmschäden. Gestürzte und aufgerissene Stämme bilden Verhaue, in denen sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen. Nach dem Training führt Alisa Aslan durch ein Tannenlabyrinth zu den Ruinen über der Achsenschlucht. Zwei Burgen standen einst auf Höhen eines Berges. Drei Geschlechter mit einem gemeinsamen Ursprung, von denen wir zwei noch kennen, die Wolfen und die Groppen, vertraten so lange Mainzer Interessen, bis Heinrich I. von Hessen sie im 13. Jahrhundert entwaffnen und ihre Residenzen schleifen ließ. Dies geschah mit solcher Gewalt, dass sich die Legende von einer titanischen Aktion verbreitete. Wieder ward ein hessischer Riese gesehen, wie er märchenhaft Großes vollbrachte. Die Sache selbst erschien den Chronistinnen aber banal. Else von Groppe, eine geborene von Salzmannshausen, ging fremd mit dem Burgherrn vis-à-vis. Das erboste den Gatten so sehr, dass er sein eigenes Verderben heraufbeschwor. Heimlich brach der Mainzer Gefolgsmann ein Loch in seine Burg und lud den Hessen zur Verwüstung ein.

Alisa bleibt stehen.

„Hier“, sagt sie leise. Sie streift ihr Shirt ab und schlüpft aus den Shorts. Aslan umarmt Alisa, öffnet den BH und widmet sich ihrem Busen. Er küsst die Knospen und stimuliert die Spitzen mit seiner Zunge. Die Zunge wandert weiter, vorbei am Bauchnabel bis zu Alisas Mitte.