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2026-06-30 17:13:25, Jamal

Digitales Kokain

Clara lebte gemeinsam mit ihrem siebzehnjährigen Sohn Claus in einer niedersächsischen Kleinstadt im Haus ihrer Eltern auf einer eigenen Etage. Seit zwei Jahren war sie unfreiwillig Single. Sie arbeitete im sozialen Dienst einer diakonischen Rehaklinik, hatte sich in traumazentrierter Fachberatung weitergebildet und war es gewohnt, Menschen zu begegnen, die es im Leben weniger gut getroffen hatten als sie.

Clara hatte mit vierzig noch die Kleidergröße ihrer Jugend. Wie ein Backfisch träumte sie von der großen Liebe, während sie sich ihren Flirts und Affären widmete. Sie wehrte sich mit erotischen Ausschweifungen gegen alltägliche Eintrübungen. In ihrem Kopfkino wechselte das Programm in einem gemächlichen Rhythmus. Innerhalb einer Spanne von zwei Wochen funktionierten manche Szenen zuverlässig als Schlüssel zu ihrem Lustschloss. Selten drehten sie sich direkt um reale Personen. Es gab auch kein Filmidol, dem Clara eine Hauptrolle auf ihrer Bühne geben wollte. Die Phantasiemänner unterschieden sich drastisch voneinander. Im Augenblick favorisierte Clara einen Imaginären namens Mattes. Er sah einem Lehrer ähnlich, der Claus unterrichtete. In dieser Konstellation waren beide ungefähr gleich alt und verheiratet. Die Seitensprünge peppten erhaltenswerte Ehen nicht zuletzt mit einem Chat, der von behutsamen Annäherungsfloskeln zu einem drastischen Überbietungswettbewerb aufgerauscht war. Es gab ein paar Dinge, die Clara vor sich selbst verschleierte. Die zögerliche Überwindung von Sprechsperren bot manchmal einen Reiz.

Das Spiel mit Worten schien einfach durchschaubar und war es doch nicht

Das Spiel mit Worten schien einfach durchschaubar und war es doch nicht. Clara verwandte große Sorgfalt auf die Details.

Clara und Mattes trafen sich auf einem Wald- und Wiesenparkplatz nahe den Allerauen nördlich von Verden, wo die Aller in der Weser mündet. Dies als Information für die Geografie-Interessierten unter uns. Es war schon beinahe dunkel, weit und breit deutete nichts auf die Anwesenheit von Zeugen hin. Trotzdem war da dieser Kitzel, der sich mit der Vorstellung verband, die illegale Zweisamkeit könnte beobachtet werden.

Das alles waren nur Snacks, die den Hunger eher vergrößerten, als ihn wenigstens einmal richtig zu stillen. Wie alle in ihrem ausufernden Freundeskreis konsumierte Clara jede Menge digitales Kokain. Sie polierte ihre Dating-Profile auf, erwartete aber mit unbelehrbarer Naivität, dass alle anderen mit korrekten Selbstdarstellungen für sich warben. Clara stellte sich vor, von einem Chatpartner um Fotos gebeten zu werden. In ihrer Vorstellung entsprach sie den Bitten und versendete Aufnahmen, die einst ein Liebhaber gemacht hatte. In ihrem Kopfkino onanierte der Adressat vor dem Bildschirm, während sie sich in der Realität an ihrem Schreibtisch befriedigte. Der offensichtlichen Dürftigkeit zum Trotz, funktionierte die Szene ab und zu, ohne weitere Zutaten. Die Fotos konservierten den sexuellen Rausch und die Zügellosigkeit eines längst unfassbaren Liebesglücks. Keinem Mann würde Clara je wieder mit so viel nonchalanter Ungezwungenheit begegnen wie jenem Tom, einem vorübergehend vielversprechenden Künstler, dessen Muse sie gern war. Die Bilder waren Zeugnisse einer verlorenen Zeit. Befreit von jeder Scham und Vorsicht hatte Clara ihren erotischen Leichtsinn ausufern lassen. Bei Masturbationen griff Clara mitunter auf atmosphärische Details der Sessions zurück. Dann vernahm sie wieder die vor Lust kehligen Kommandos des nackten Fotografen und nutzte einen Erinnerungsabklatsch, um zu kommen. Der Treibstoff für die Überschreitungen war ein Mix aus erotischem und theatralischem Furor gewesen, gepaart mit der bald enttäuschten Hoffnung, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Die Fotos waren nachts in einer Akademie entstanden. Der Schauplatz, ein Bauhaustempel mit Sehenswürdigkeitsstempel, war ein Hotspot nicht nur ihrer Ausschweifungen. Das war geradezu eine Mode gewesen, sich da Zutritt zu verschaffen und Ateliersex zu haben. Es gab auch Residenten mit Stipendiaten-Status, die regulär in der Akademie stationiert waren, so dass das alles sehr lebhaft werden konnte. Tom war ein von trüben Eigenarten beherrschter Herold der eigenen Großartigkeit. Mit vibrierendem Glied sprang er um Clara herum, unfähig sich anbiedernd oder auch nur zuvorkommend zu verhalten und durchdrungen von der Vorstellung, dass seine Persönlichkeit nichts zu wünschen übrigließ. Die Wahrheit war, eine Weile genoss Clara die Melange aus Egomanie, Virilität und genialischer Tollpatschigkeit.

Eines Tages stieß Clara auf das Profil eines Kollegen in ihrem Alter. Das Porträtfoto zeigte kantige Konturen. Konrad erschien auf den ersten Blick fast so markig wie ein Jugendschwarm von ihr - der jugoslawische Winnetou‑Darsteller Gojko Mitić. Er arbeitete in einer nordhessischen Kleinstadt als Sozialpädagoge in einem evangelischen Krankenhaus. Er hatte sich in systemischer Beratung und psychosomatischer Grundversorgung weitergebildet. Seine mediale Performance suggerierte Spielräume und eine verhalten-virile Souveränität. In der Keimzeit des Kennenlernens jonglierte er mit einem Vokabular aus dem Themenpark von Ayurveda, Shiatsu, Mind-Body-Medizin und orthomolekularen Konzepten.

Trug Konrad zu dick auf? Vielleicht hätte das eine fachfremde Person so empfunden. Für Clara hatte das gemeinsame Metier schon fast etwas von einem gemeinsamen Nest, obwohl ihr klar war, dass Konrad mit einer Frau zusammenlebte. Im Rahmen des Austauschs erwies er sich als diskret und zuvorkommend. Clara verliebte sich in ihn auf der unzuverlässigen Grundlage digitaler Korrespondenz. Sie hätte Konrad gern rasch getroffen. Er versteifte sich bis zur höflichen Frostigkeit, wenn Clara das Gespräch in diese Richtung lenkte. Sie war entschlossen, den Widerstand zu brechen. Bald plauderten die beiden auch per E-Mail. Konrad war in seiner Beziehung nicht so eingeengt, dass ihm Phantasiesex verboten gewesen wäre. Die beiden verkehrten - heftig in der Frequenz, harmlos in den Szenen. Konrad wagte sich nicht besonders weit vor in seinen, von Clara stets herzlich, aber auch ein wenig steril beantworteten Szenen. Für den Geschlechtsverkehr hatte sie beinah nur das klinische und ein verniedlichendes Vokabular. In ihrem Kosmos wuchs sich Konrad zum Hauptmann aus. Egal, wie die Episode begann, beim erlösenden Schlussakt war er stets zur Stelle und tat das Nötige mit Bravour.

Clara bekam Konrad nicht mehr aus dem Kopf. Sie würde nicht ruhen, bis zum körperlichen Vollzug als Auftakt eines gemeinsamen Lebens. Das schwor sie sich. An einem Samstagmorgenerklärte sie dem Abwesenden die sexuelle Hausordnung.