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2026-06-30 18:57:41, Jamal

Das war kein gewöhnliches Begehren. Es war ein Echo aus früherem Leben – oder ein Versprechen, das die Zukunft gab. Ein kosmischer Strom der Lust drohte mich zu zerreißen ... ich erzähle dir die Geschichte als düster-modernes Märchen, in dem sich Mythos, Begierde und intellektuelle Obsession verweben.

*

„Ah, ... ich liebe diese Szene mit dem sinnlichen Kuss im lichten Moment der beiden...!" M.

Ja, Alisa betrügt Virgil mit Aslan. Zersplittert aber das Morgenlicht die Lamellenordnung des Schlafzimmers, liegt Virgil auf seiner Seite. Alisas unermüdliche Zuneigung schenkt ihm ein neues Zuhause in der Welt. Habe ich schon gesagt, dass er ein Erbe des Hauses Omri ist. Omri war das Nordreich Israel. Nach seiner Zerschlagung zogen jugendliche Freischärler, die man heute zu den verlorenen Stämmen rechnet, nach Opis wegen des ungezügelten Nachtlebens. Man nahm Drogen auf offener Straße, schoss in den Saloons herum, ließ sich großflächig tätowieren und frönte einer orientalischen Spielart des Frühkommunismus. Alles gehörte allen, ein Leben galt nichts. Von Opis zogen die Aktivisten nach Babylon. 587 vor der Geburt des Zimmermannssohns zu Bethlehem verschleppte Nebukadnezar II. die Elite von Jerusalem in seine Hauptstadt am Euphrat. Da begann die jüdische Diaspora. Tausend Jahre lag befruchtete sie Mesopotamien. Bis zu einer Massenauswanderung in der zeitlichen Umgebung der israelischen Staatsgründung bewahrten Juden im Irak die Erinnerung an ein Goldenes Zeitalter. Erst achthundert Jahre nach dem bekanntesten Erlass von Kaiser Augustus entstand Bagdad als Herzstück des Kalifats. Irakische Juden, die sich ab 1842 in Shanghai niederließen, nannte man Bagdad-Juden.

Als britische Schiffe nach dem Ersten Opiumkrieg und dem Vertrag von Nanking im Jahr 1842 die Öffnung chinesischer Häfen für den globalen Handel erzwangen, strömten nicht nur westliche Kaufleute in Agglomeration von Shanghai. Zu den ersten Akteuren, die das Bild dieser kosmopolitischen Wirtschaftszone prägten, gehörte eine Gemeinschaft arabischsprachiger Juden – die Baghdadi-Juden. Diese Händler bauten via Bombay ein Handelsnetzwerk auf. In der internationalen Konzession von Shanghai stiegen sie zu jener Elite auf, die das koloniale Antlitz der Stadt maßgeblich gestaltete. Treibende Kraft hinter dieser Migration war die Familie Sassoon, oft als die „Rothschilds des Ostens" bezeichnet. David Sassoon war 1829 vor religiöser und politischer Verfolgung aus Bagdad nach Bombay geflohen. Nach der Öffnung Shanghais erkannte sein Sohn Elias Sassoon das enorme Potenzial des neuen Vertragshafens und etablierte dort um 1845 die erste Niederlassung der Familie.

In Shanghai nutzte der Sassoon-Klan die rechtlichen Rahmenbedingungen der extraterritorialen Zonen. Sie handelten mit Opium, Baumwolle und Tee. Sie investierten in die Textilindustrie, gründeten Banken und avancierten zu den größten Grundbesitzern Shanghais.

Neben den Sassoons erwarb die Familie Kadoorie immensen Reichtum. Zu ihren Wahrzeichen zählte das Cathay Hotel an der Uferpromenade. Trotz zunehmender Anglisierung hielten die Bagdad-Juden an ihren religiösen und kulturellen Wurzeln fest. In den Gründungsjahrzehnten lebte die Gemeinschaft in einer engmaschigen Symbiose. Die Firmenoberhäupter stellten ihren Angestellten koscheres Essen zur Verfügung, schlossen die Büros am Sabbat und sorgten für religiöse Bildung nach den Riten (Minhagim) ihrer irakischen Heimat. Die wachsende Gemeinde manifestierte sich in Sakralbauten. 1920 stiftete Sir Jacob Sassoon die Synagoge Ohel Rachel, ein monumentales Gebäude im neoklassizistischen Stil, das zum spirituellen und sozialen Zentrum der sephardischen Gemeinschaft wurde. Die Shanghai Jewish School gewährleistete, dass die nachfolgenden Generationen sowohl eine moderne westliche Ausbildung erhielten als auch im jüdischen Glauben verankert blieben.

Zuflucht für Verfolgte

Die Bedeutung der etablierten Bagdad-Juden zeigte sich zumal, als Shanghai im 20. Jahrhundert zum Zufluchtsort wurde. Zunächst erreichten russische Juden, die vor zaristischen Pogromen und der Oktoberrevolution flohen, die Stadt. In den späten 1930er-Jahren kamen 15.000 aschkenasische Juden aus dem nationalsozialistisch kontrollierten Mitteleuropa dazu. Obwohl es erhebliche kulturelle und soziale Unterschiede zwischen den anglisierten und nobilitierten Bagdad-Juden und den mittellosen europäischen Flüchtlingen gab, übernahm die sephardische Elite soziale Verantwortung. Die Familien Sassoon und Kadoorie stellten Mittel bereit, um die Versprengten mit Nahrung, Kleidung und Unterkünften zu versorgen – eine Unterstützung, die für das Überleben der Geflüchteten im späteren japanisch kontrollierten „Sektor für staatenlose Flüchtlinge" (dem Shanghai-Ghetto) überlebenswichtig war.

Das Ende einer Ära

Das goldene Zeitalter von Shanghai endete mit dem Ausbruch des Pazifikkrieges. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 besetzte Japan die internationalen Konzessionen. Da viele Bagdad-Juden britische Pässe besaßen, wurden sie von den Japanern als „feindliche Ausländer" interniert, ihr Vermögen und ihre Immobilien wurden beschlagnahmt. Zwar erhielten sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 ihre Besitztümer formal zurück, doch der anschließende chinesische Bürgerkrieg veränderte die politische Landschaft radikal. Mit dem Sieg der Kommunistischen Partei unter Mao Zedong im Mai 1949 war für das kapitalistisch geprägte System der ausländischen Kaufleute kein Platz mehr. Der neue Staat verstaatlichte den Privatbesitz und duldete keine koloniale Infrastruktur. Zwischen 1946 und den frühen 1950er-Jahren löste sich die jüdische Gemeinde von Shanghai fast vollständig auf. Die Bagdad-Juden emigrierten in alle Welt – vor allem nach Hongkong, Israel und US-Amerika.

Quickie-Marathon und mythische Intimität

„Zieh deinen BH aus und gib ihn mir", verlangt Virgil. Alisa sieht sich um. Das Publikum konzentriert sie auf die Autorin. Alisa befreit ihren Busen von den Halbschalen. Es ist ein Kunststück, erlernt und perfektioniert in Schwimmbädern und Turnhallen. Virgil nimmt ihr das Stück ab und hält es sich andächtig unter die Nase. Natürlich bleibt das nicht unbemerkt, Virgil scheint es egal zu sein. Seine rechte Hand fährt Alisas Schulterrelief ab. Die Hand gleitet über die Schlüsselbeine und unterstreicht Alisas Kinn. Sag, dass du mich liebst. Dass du mit mir zusammenbleiben und eine Familie gründen willst. Dass du jede Nacht bei mir liegen wirst, bis dass der Tod uns scheidet. Alisa gebietet Virgil keinen Einhalt, sich jeder Zustimmung gleichwohl enthaltend. Virgil kommt in Frage. Mehr lässt sich im Augenblick nicht feststellen. Alisa blendet die Umgebung aus. Virgils Hände besuchen ihren Busen, legen die Knospen frei und stimulieren die Spitzen. Alisa stöhnt auf. In diesem Augenblick erwacht sie. Sie ist allein zuhause auf dem Sofa eingeschlafen und hat das alles nur geträumt. Enttäuschung beschleicht sie. Gleichwohl sind die Nippel steinhart und sie spürt das Ziehen im Unterleib. Unwillkürlich berührt sie sich selbst.

Eine Phantasie

Eine Phantasie

Sie hat die bei Weitem kürzere Anreise und erreicht vor ihm das erste Ziel. Ein Hotel in der Altstadt von G. Sie haben heute Abend einen gemeinsamen Auftritt, eine Lesung aus ihrer digital erwirtschafteten, literarischen Kollaboration in einem Kulturcafé. Alisa hat schon ein Ankündigungsplakat entdeckt und das als gutes Omen gedeutet. Endlich wird sie dem Mann ihrer Träume körperlich nahekommen, nach einem Vorlauf von vier Jahren. In ihrer kryptischen Art haben Alisa und Wyatt ein Protokoll verabredet. Beide erachten die Annäherungsphase als endloses Vorspiel. Endlich ist endlos zu Ende. Der Vollzug soll keiner Vorrede folgen. Alisa verdankt Wyatt zahllose Orgasmen. Seine Vignetten sind auf einen Ton gestimmt, der sie stimuliert. Seine Worte lassen Alisa ganz einfach kommen, manchmal drei, vier Mal am Tag. Oft vor dem Bildschirm. Ein Foto von ihm und ein Vers in Prosa, den sie auf sich beziehen darf, und die fingerfertige Routine reichen, um einen Orgasmus auszulösen und das Depot aufzufüllen. Alisa trägt ein Kleid, dass sie Wyatt auf einem Foto gezeigt hat, unter einem Vorwand, der verbal unterschlug, was die Gegenlichtaufnahme offenbarte. Geradezu labyrinthisch war Wyatt immer wieder auf das Kleid und ihre drapierte Nacktheit zurückgekommen. Er destillierte aus den Details eine Metapher für sein Begehren. Die Aufladungen boten sich dem aufregendsten Sex an, den Alisa jemals hatte, wenn auch nur in dieser Phantasie.

Sie hatten sich in einem digitalen Literatursalon kennengelernt und unter Vorzeichen der Förmlichkeit den Kontakt ausgebaut. Am Anfang war da die Neugier auf einen interessanten Menschen. Das Interesse wurde rasch erotisch aufgemischt. Alisa kannte ihre Wirkung und fühlte sich von Wyatt aufs Beste angesprochen. Sie fühlte sich verstanden und geliebt. Sie schmeichelte ihm und dachte an ihn in der Gegenwart physisch präsenter Liebhaber. Behutsam bot sie ihm an, sich für seine Lustgaben zu revanchieren. Sie wollte sein Begehren adressieren. Sein Verlangen sollte mit ihr verbunden sein. Mochte er mit einer anderen schlafen, sie war mit von der Partie, auch in einer Dreierkonstellation, die so oder so aussehen konnte. Die imaginäre Intimität wurde zur fixen Idee und zu einem heimlichen Fetisch. In einem Vertraulichkeitsphantasma sah sie Wyatt nach einer handfesten Stimulation ejakulieren. Sie war reizvoll angezogen, und er war nackt. Sie masturbierte ihn bis zum Höhepunkt. Dies vollzog sich in einer Nouvelle-Vague-Umgebung wie in einem frühen Chabrol- oder Godard-Film. Es geschah nichts Spektakuläres und doch war es überwältigend.

Eine Weile versorgten sie sich gegenseitig mit Erregungsmaterial, dann zog er die Reißleine, zog sich zurück in einen Raum, über den sie nur Vermutungen anstellen konnte. Er war sehr diskret, wenn es um seine Privatsphäre ging. Alisa orientierte sich. Auf Facebook fand sie ihn nicht. Er war auch nicht auf X anscheinend. Aber sein Instagram-Profil ließ nichts zu wünschen übrig. Da war einer mit dem guten Leben vertraut und dazu gehörte selbstverständlich die Zweisamkeit. Alisa übte sich in Zurückhaltung. Es fiel ihr schwer. Sie wollte nicht auf Wyatt verzichten. Seine ferne Nähe erzeugte einen Sog. Sie erträumte, von ihm ins Vertrauen gezogen zu werden. Sollte er mit ihr doch etwas erleben, was sein Plateau überstieg. Und dann ist sie wieder da, wo sie ihm zwischen Tür und Angel einen runterholt und nebenbei leichtfertig den Deckel vom Wörtergully hebt und Dinge sagt, die sie noch nie zu sagen gewagt hat. Mich lässt Liebe sagen, was mir die Lieblosigkeit verbietet, singt Alisa mit lautloser Kopfstimme. Sie steht vor dem Hotel und neben dem Windfang und schaut in die Richtung, aus der er kommen muss. Nein, sie muss jetzt nicht so tun, als würde sie nicht brennen. Als sei sie noch zu etwas anderem imstande, als Wyatt zu empfangen. Und da kommt er um die nächste Ecke und ist so frei, wie sie ihn sich ausgemalt hat. Sie küssen sich zur Begrüßung auf den Mund, zwei Leute, die sich noch nie leiblich begegnet sind. Sie spürt seine Brust an ihrem Busen. Danach hat sie sich verzehrt. Ich bin beinah gestorben, sagt sie dann doch nicht. Hand in Hand erledigen sie die Formalitäten und dann sind sie in seinem Zimmer. Der Veranstalter hatte ein Doppelzimmer noch nicht einmal erwogen. Bald mehr.

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Die Stehparty auf der Terrasse und im Garten von Bürgermeisterin Atlanta Gerster zieht sich. Alisa trägt einen beigen Janker aus Schurwolle mit angedeutetem Schößchen über einem burgunderroten knielangen Leinenkleid. Es wird Zeit, sich einzumischen, ein Gespräch zu kapern und die Schlagfertigkeit zu erproben. Alisa beschließt, eine Vierergruppe aufzumischen. In beiden Konstellationen ist die Gattin halb so alt wie der Gatte. Gatte 1 definiert die Knitterjacke und eine furios-schlohweiße Sturmfrisur. Ein Hagestolz, der seinen Schnitt mit eigenen Patenten als Ingenieur gemacht hat. Seine Frau beweist im Strickmini die Vorzüge einer gesunden Lebensweise. Alisa assoziiert freimütig und wohlwollend Bildungsreisen und Leseclubs. Kinderlosigkeit als mühsam retuschierter Makel. Die Töchter der Nichte werden als Enkelinnen präsentiert. Dies ohne direkte Lüge.

So tun als ob, genauso wie alle anderen auch.

Gatte 2 wirkt sämig-verbraucht und vorsichtig indifferent, während Gattin 2 noch kregel sich an allem beteiligt. In Ederthal war er Dekan eines philologischen Fachbereichs. Erst im Gegenlicht eines inkriminierenden TV-Berichts über eine klassische Academia-Konstellation – die in ihren Professor verliebte Studierende/der von einer Studierenden affizierte, den pädagogischen Eros überstrapazierende Professor – fiel Alisa vor ein paar Tagen auf, dass diese Variante nicht nur einem literarischen, sondern darüber hinaus auch einem gesellschaftlichen Genre entspricht.

Kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag konstatiert der emeritierte Gelehrte eher klinisch noch als stoisch unerwartete Emanationen der Selbstentfremdung. Der Mix aus distanziertem Duktus und hedonistischen Prisen erinnert erkennungsmelodisch an jüngere Ausgaben des Akteurs; und so auch an den akademischen Zampano, dessen Vorlesungen Kult waren. Jenem zu eigen war die Leichtigkeit des Seins (gepaart mit erotischer Lässigkeit) in einem Affären-Marathon unter den Vorzeichen einer durchgehaltenen Ehe, die mit dem Unfalltod der Gattin beinah dreißig Jahre nach Vertragsschluss gerade noch rechtzeitig für die in den letzten Zügen liegende Jugendlichkeit der Nachfolgerin endete.

Das Abenteuer des Altwerdens lässt keinen kalt. Verluste und Krisen bilden bizarre Muster.

Die Greise starren Alisa wehrlos an.