Das Gebet im Staub
Während des Sechstagekriegs im Juni 1967 gab es in Frankreich unter Intellektuellen und Künstlern eine Welle der Solidarität mit Israel. Chanson-Größen wie Juliette Gréco, Künstler wie Yves Montand und der Philosoph Jean-Paul Sartre zeigten öffentlich starke Sympathie für den Staat Israel, unterschrieben Petitionen und traten bei Kundgebungen zum Frommen Israels auf.
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Ich verrenke mir den Hals, um dich zu küssen. Deine rechte Hand hält mein Kinn hoch. Gleichzeitig mit deinem Eindringen in mein Lustzentrum drängt deine Zunge in meinen Mund. Ich stöhne in deine Mundhöhle, du liebst es; während deine andere Hand stimulierenden Druck auf meinen unteren Rücken ausübt, bevor sie zu ihrem Lieblingsplatz zurückkehrt.
Aiko pfeift. Wie ein Mann geht die Gruppe zu Boden. Liegestütze. Klappmesser. Liegestütze. Die Japanerin zählt auf Türkisch: „Bir buçuk, iki buçuk, üç buçuk. Yallah, meine Häschen.“
Neben Aslan schnellt Malka auf die Füße. Sie kam in Ashkelon zur Welt, dreißig Jahre nach dem größten Augenblick im Leben ihres Großvaters. 1967 hatte er Shlomo Goren nach Jerusalem begleitet, wo der Militärrabbiner zum Zeichen des Sieges (im Sechstagekrieg) das Schofar blies, während Juliette Gréco in Paris für Israel sang. Sechs Jahre später wurde er an der Bar-Lew-Linie von ägyptischen Streitkräften überrannt. Bei Malka muss sich keiner fragen, ob oder ob nicht. Sie hat. Sie könnte für die Zahal Modell gestanden haben, den Vollautomaten vor der Brust. Das Akronym Zahal steht für Zva haHagana leYisra‘el. Israel inszeniert den Wehrdienst als schicke Sache. Aslan kennt Israels ungünstige Militärgeographie und Malkas Familiengeschichte immerhin so gut, wie Google es ihm eingab. Malka rechnet einen Bar Giora Gründer (Zionistischer Selbstverteidigungsclub in der Osmanischen Palästina Periode) und sogar Moshe Dajan zu ihren Ahnen.
Als Ben Gurion am 14. Mai 1948 in Tel Aviv Israel ausrief, stand Moshe Dajan in Galiläa und wartete auf die Syrer. Er formte die Haganah zur Zahal (IDF) wie Gott den Menschen aus Erde vom Ackerboden.
Malka durchlief das Auswahlprogramm des Karakal-Bataillons. Es sichert die Grenze zu Ägypten und war die erste gemischte Infanterie-Kampfeinheit der Zahal. Fast siebzig Prozent der Soldaten sind Frauen. Hier kämpfte mit Elinor Joseph erstmals eine Araberin auf israelischer Seite. Malka stellt eine gammelige Lässigkeit zur Schau. Ihr wurde ein Zimmer in der feministischen Prominenten-WG am Bonifatiusplatz ohne Vorgespräch eingeräumt. Sie soll auf der Dachterrasse die Nase gerümpft haben.
Alle buhlen um Malka. Jetzt klemmt sich Aiko zwischen Aslan und Malka. Sie übergibt Malka das Kommando. Achselzuckend verändert die Befehlsgewohnte ihre Position und baut sich vor der Gruppe auf. Sie braucht keine Pfeife.
„Auf.“
Die Gruppe springt.
„Runter.“
Alle liegen wieder im Staub.
„Ihr seid zu langsam.“
Keiner widerspricht. Malkas Stimme kennt keinen Zweifel. Sie klingt nach Kasernenhof und Schießbahn – nach Zahal. Drei Silben, die in Israel niemand erklärt. Man wächst mit ihnen auf wie mit dem Wetter.
„Liegestütze.“
„Schneller. Tiefer.“
„Klappmesser.“
„Schneller.“
Malka geht die Reihe ab. Ohne Hast. Sie kennt keinen Trost für jene, die aufgeben wollen, auch keine Verachtung – einfach keine Verwendung. Sie fragt sich, wer bricht zuerst. Plötzlich schiebt sie wieder Dienst im Rang eines Rav-Samal Rishon (Master Sergeant). Malka beherrscht Madrichat Kaschar Kravi und ist Combat Fitness & Krav Maga Instrukteurin. Es gibt in der Zahal eine Sondereinheit, die Combat Fitness School (Bahad 8). Die dort ausgebildeten Instrukteurinnen trainieren Kampfeinheiten in militärischer Fitness, Nahkampf (Krav Maga) und mentaler Härte. Malkas robustes Regiment entspricht den Selektions- und Fitness-Drills (Ason) dieser Ausbilderinnen.
Fünf Kilometer vor Gaza, im flirrenden Mittagslicht, der glühende Schamaj-Wind frisst den Verstand. Ein zerschossener Kontrollpunkt. Kein Funk. Nur das Knacken abkühlender Motoren und das gleichgültige Echo von Mörserfeuer. Alkas Kommandantin sitzt im Schatten eines ausgebrannten Jeeps, die Augen starr auf den Horizont gerichtet, als warte sie auf eine Offenbarung der Wüste. Gal Shidlo, im Hebräischen bedeutet Gal Welle, bekleidet den Rang einer Seren (Captain/Hauptfrau). Sie stammt aus einem Kibbuz aus der Keimzeit Israels im Jordantal. Sie wuchs in einer Welt auf, in der sozialistisch-rurale Kollektivität die Ideallinie vorzeichnete. Bei einem nächtlichen Schusswechsel mit Schmugglern an der ägyptischen Grenze verlor sie zwei Finger der linken Hand. Statt sich in den Innendienst versetzen zu lassen, lernte Gal, ihr Sturmgewehr einhändig durchzuladen, und kehrte drei Monate später zu Karakal zurück.
„Das Land reinigt sich selbst von den Schwachen, Malka. Wer hier zögert, wird zu Staub.“
Ein Urteil frei von Zorn. Absolut wie die Sonne. Die Wüste akzeptiert keine Ausreden.
Malka erinnerte eine Erzählung, die ihr als Kind das Einschlafen schwer gemacht hatte. Sie handelt von einem christlichen Geistlichen, der in orientalische Gefangenschaft gerät. Man trennt ihn von seiner Zunge und legt einen Stein auf die Wunde. Der Mann verfällt dem Wahnsinn, aber die Wunde heilt. Man hält ihn in einer Grube, ab und zu wird er an einem Strick herumgeführt. Seine Entführer führen ein Höhlendasein. Es gedeiht kaum eine Distel in ihrem Karst. Sie halten Ziegen, denen es besser geht als den Sklaven, die sich um die Ziegen kümmern müssen. Eines Nachts zitiert man den Gefangenen zu einer religiösen Höhlenveranstaltung. Er bemerkt an den Wänden Zeichnungen, die ein wasserreiches Leben mit Krokodilen und Stelzvögeln dokumentieren. Der Held erlebt bei der Zeremonie eine Verwandlung, die ihn zum stummen Austräger einer frohen Botschaft macht.
Eine exotische Herkunft bewahrt den Christen vor dem Schicksal eines Ziegenhirten ohne Menschenrechte. Man kann sich das Leben der Nutzsklaven gar nicht trist genug vorstellen. Die Gemeinschaft demütigt sie. Manchmal werden sie von morgens bis abends erniedrigt. Das ist wie Fernsehen für die Herrenmenschen. Es gibt so gut wie nichts zu tun. Die Männer hocken im Schatten, masturbieren ihre Vorderlader und gucken dem Nachwuchs zu, wie er Sklaven quält. Die Freien haben keine anderen Funktionen als zu zeugen und zu töten.
Aslan assoziiert ein mediales Potpourri. Rekrutenausbildung in der Negev-Wüste. Nachtsichtaufnahmen aus Gaza. Grenzsicherungsrhapsodien. Patrouillen entlang des ägyptischen Zauns. Frauen mit Sturmgewehren … Malka bleibt vor Aslan stehen.
„Du.“
Er schaut auf.
„Du denkst zu viel.“
Die Gruppe hält wie ein Mann den Atem an. Nach den Ederthaler Maßstäben ist Aslan unschlagbar
„Liegestütze denken nicht.“
Aslan geht runter.
Malka zählt nicht. Sie lässt Aslan lange pumpen. Das ist für ihn wie beten. In dieser Monotonie ist Aslan zuhause.
„Genug.“
Er kommt grinsend hoch.
Sie nickt kaum sichtbar.
Das ist kein Lob. Nur die Feststellung seiner Brauchbarkeit.
Aiko übernimmt wieder das Kommando. Sie pfeift und alle springen.