Liquidierte Realität
Die narrative Dynamik zwischen der Kriminalpolizistin Elena Steinrenner und dem Bestsellerautor Marek Lorenz hebt das klassische Motiv des Psychothrillers aus seinen Angeln. Es handelt sich nicht um ein herkömmliches Katz-und-Maus-Spiel, sondern um eine asymmetrische, zutiefst paranoide Versuchsanordnung, in der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion vollständig liquidiert werden.
Aus dem Randgeschehen
Shauna stand an der Sturmspitze der Herausragenden. Sie war Schulsprecherin, sang im Chor und sah in allen Lebenslagen überirdisch schön aus. Das weckte Neid und Bewunderung. Mit den ebenfalls bildschönen Zwillingen Elena und Aline bildete Shauna ein Trio. Die Mädchen begleiteten sich auf Gitarren. Ihre Haare fielen auf die Resonanzkörper. Es gab das Momentum identischer Kopfhaltungen. Heute weiß ich natürlich, dass Shauna, Elena und Aline einem Genre gehorchten; dass das vermeintlich Autonome und Selbstbestimmte in Wahrheit einer Kohorten-Choreografie entsprach. Mit Haut und Haaren hatten sie sich einem Regisseur verschrieben, der sie wohl kaum je nach ihrer Meinung fragte. Das war der Zeitgeist. Alle hörten auf sein Kommando, aber Shauna verkörperte eine Premiumvariante. Abitur machte sie mit einem sagenhaften Notendurchschnitt. Sie begann ein Medizinstudium, brach ab, lernte Steinmetzin und studierte danach jene Fächer, die sich selbst später an einer amerikanischen Universität unterrichten würde. Früh heiratete sie einen amerikanischen Psychoanalytiker, früh ließ sie sich scheiden. Es gab eine Tochter, deren Name von einer literarischen Vorliebe der Mutter kündigte.
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Der Tresen bei Sacco & Vanzetti ist eine solide Schreinerarbeit. Die Flaschen stehen vor einem Spiegel auf Borden. Marek bestellt für Elena und sich Fruchtcocktails.
Mit siebzehn gab Marek den arrivierten Armenier in Paris. Er schlug die Zeit auf Partys und Empfängen tot, bis zu der Stunde des Rudels. Dann brachen die jungen Ehemänner und ihre noch jüngeren Brüder und Cousins auf und machten die Gegend unsicher. Schlägereien wurden von ihnen erwartet. Manche Frauen schrieben Gedichte über den Geruch eines im Schlafzimmer einkehrenden Siegers – Belle-de-Jour-Pornografie.
Die Schlafzimmer verfügten über begehbare Kleiderschränke und intimer Bäder. Sie hatten Ateliercharakter und vertrugen große Formate an den Wänden. In Mode war die epische Malerei von Zabelle Boyajian. Damals sahen mondäne Schauplätze der Diaspora in Paris und Buenos Aires so aus. Jede armenische Hausfrau, die etwas auf sich hielt, war mit einer armenischen Innenarchitektin befreundet und kannte Charles Aznavour persönlich. Die Hausherren gingen mit den Innenarchitektinnen aus. Das war unvermeidlich.
Es gibt untergründige Verbindungen zwischen Armeniern, die in Syrien christliche Gemeinden am Leben erhielten, Armeniern, die in der Sowjetunion ihren Glauben einbüßten und vor der letzten Jahrtausendwende als russische Juden in Deutschland aufschlugen, christlichen Arabern in der Türkei, die in Jahrhunderten weder osmanisch noch türkisch wurden, orthodoxen Syrern, die sich für Nachkommen einer griechischen Mission halten und mit merkwürdigen Reinheitsvorstellungen behaftet sind, und jene Kurden, die das Haus Omri vor dem Einsturz bewahrten. Marek geht als Armenier durch, so wie Sippen seiner vielgliedrigen Verwandtschaft sich dem Armenischen anverwandelt haben. Alle wurden von den jungtürkischen Verfolgungen außer Landes gespült und sonst wohin abgetrieben.
Für Elena mit ihren biederen Angehörigen und der überschaubaren Familiengeschichte in einem ruralen Rahmen gleicht Mareks Lebensgeschichte einer Räuberpistole. Sie ist fasziniert und findet das Ganze auch ein bisschen gruselig. Sie wünscht sich eine Berührung von Marek und sie kriegt, was sie sich wünscht. Er kann ihre Gedanken lesen und sie auf einer Spur der Erfüllung halten.
Elena fühlt sich von ihrem Fruchtcocktail beschwipst. Das kommt nicht von ungefähr. Der Barkeeper hat ihr versehentlich mit Liquid Ecstasy kontaminierte Erdbeeren untergejubelt. Dir möchte man nicht im Dunklen begegnen, formuliert es sich in Elena albern. Nur zu gern munkelt sie mit Marek im baltisch Dunklen. In der Regel zügelt sie sein Verlangen, dem Begehren einen obszönen Ausdruck zu geben. In ihrem unbegriffenen Zustand überkommt sie der Wunsch, die körperlichen Vereinigung mit gewissen Wörtern zu erden. Marek glaubt deshalb, sie habe ihm bis eben etwas Substantielles aus ihrem Lustregister unterschlagen und buchstäblich verschwiegen. Ein Monster der Hellsichtigkeit schaut ungläubig aus der Wäsche. Elena kann ihm doch nichts vormachen. Jederzeit greift er bis aufs Skelett in sie ein, richtet sie aus und lässt ihre Bänder und Sehnen schwingen.
Als sein Vater jung war, heirateten armenische Ärzte, Anwälte und Architekten Malerinnen und schreibende Lehrerinnen, die Wert darauflegten, nicht erwachsen geworden zu sein. Die jugendlichen Gattinnen wirbelten schick und gebildet herum. Sie liebten überspannte Formulierungen und Romane. Sie gefielen sich als Schwärmerinnen. Sie gingen ständig ins Kino und in Ausstellungen. Alles Zusammenfassende stammte weiterhin von männlichen Autoritäten. Ihre Männer gingen in Bars auf Gewaltofferten ein, um zu beweisen, dass das Studium sie nicht zimperlich gemacht hatte.
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Auf der Ahrenshooper Künstlerhausschreibtisch liegt ein Federmesser, mit Elfenbein- und Messingbeschlägen. Rarität und Kleinod. Zwischen den Frivolitäten der Tintenfass- und Federmesser-Ära und dem abgenutzten Phantasma vom verschollenen Manuskript webt Elena ihre eigene, intime Erzählung. Marek ist in diesem Riemen ein Mix aus „qualifiziertem Kavalier“ (Johann Gottfried Schnabel, 1692 - 1750), Hohepriester und Halbgott aus einem Eklektizismus-Discounter. Elena stört sich nicht an der Instant-Ikonografie. Es muss nur kribbeln und den erotischen Fluss in Gang halten.
In ihrem bordierten Ausschnitt pendelt ein Bernsteintropfen in einer minimalistischen, die Kontur des Steins nachzeichnenden Fassung. Das Licht bricht in den Einschlüssen. Die Filigrankettenglieder, oval, flach und leicht verdreht, bestehen aus mattiertem Sterlingsilber. Ursprünglich war der Stein in einer klassisch-viktorianischen Zarge gefasst gewesen. Elenas Mutter hatte das Schmuckstück umarbeiten lassen.
Ich könnte jetzt Marek nach Foucaults Standardwerk „Überwachen und Strafen“ greifen lassen. Der Band gehörte zur Bestandsbibliothek. Aber das ist mir zu durchsichtig. Ich möchte mit euch die innere Dynamik des Geschehens diskutieren. Warum schrillen bei Elena nicht sämtliche Alarmglocken. Die Frau ist doch wetterfest – intelligent, stabil, in jeder Hinsicht gut aufgestellt. Wäre sie empfänglich für die Einflüsterungen von Scharlatanen, müsste das doch schon längst jemandem aufgefallen sein. Foucault erklärt, wie Führung, Kontrolle und Gehorsam funktionieren.
„Disziplin ist die Kunst, Körper und Verhalten so zu formen, dass sie den Anforderungen der Macht gehorchen, ohne dass eine sichtbare Gewalt angewendet wird.“
„Disziplin ist eine Technik, die Körper effizienter, Fähigkeiten produktiver und die Kräfte des Einzelnen nutzbarer macht.”
Über Panoptismus: „Die Überwachung induziert einen Zustand, in dem der Einzelne sich permanent sichtbar fühlt, sodass die Kontrolle über sich selbst übernommen wird.“
Der Begriff Panoptismus stammt von Foucault und leitet sich vom Panoptikon ab - einem Gefängnisentwurf des britischen Philosophen und Architekten Jeremy Bentham. Alle Insassen können von einem zentralen Turm aus beobachtet werden, ohne zu wissen, wann sie gerade überwacht werden. Das Ziel: dass sie ständig Selbstkontrolle ausüben, weil die Möglichkeit der Beobachtung permanent präsent ist.
Foucault überträgt diese Idee auf Gesellschaften und Institutionen. Macht wirkt nicht nur in physischer Gewalt und Befehlen. Sie funktioniert in Strukturen und in der Erwartung ständiger Beobachtung. Menschen internalisieren die Überwachung und regulieren ihr Verhalten selbst. Panoptismus ist also ein Mechanismus, der Körper und Verhalten selbsttätig diszipliniert.
Das Panoptikon ist ein Modell moderner Disziplinarmacht. Permanente Sichtbarkeit zwingt das Individuum zur lückenlosen Selbstkontrolle. Macht wirkt durch die Internalisierung des Kontrollblicks. Wo der klassische Diskurs oft nur zwei Auswege sieht – die seelenlose Unterwerfung oder den selbstzerstörerischen Ausbruch des Delinquenten –, offenbart sich bei genauerem Hinsehen eine weitaus subtilere, massenwirksamere Dynamik. Die Antwort der konformierten Gesellschaft auf den permanenten Disziplinardruck ist die Flucht in eine klandestine Anarchie.
Das bürgerliche Handtuch wird nicht geworfen. Der Staatsbürger revoltiert nicht im Licht der Öffentlichkeit. Die Antwort auf die lückenlose Normierung ist eine lebensweltliche Aufspaltung.
Fristen werden eingehalten, Leistungen erbracht. Das Verhalten bleibt tadellos. Doch diese äußere Grenze erzeugt einen enormen inneren Druck, der nach Entlastung verlangt. Da das System keinen legalen Raum für echte Freiheit und Abweichung lässt, schafft sich das Individuum heimliche Zonen der Entgrenzung. Dies zeigt sich im Kleinen wie im Großen: in der inneren Emigration und dem ironischen Zynismus am Arbeitsplatz, in der bewussten Mikro-Sabotage von Prozessen durch bürokratische Übererfüllung oder im privaten Ausleben exzessiver, normwidriger Impulse, die vor den Augen der Öffentlichkeit sorgsam verborgen werden. Das Internet und digitale Schattenräume bieten heute die perfekte Infrastruktur für diese geteilte Existenz.
Das Paradoxe an dieser klandestinen Anarchie ist ihre systemstabilisierende Wirkung. Die geheime Entgrenzung der Konformisten ist kein Systemfehler, sondern ein Sicherheitsventil. Würde die Disziplinarmacht versuchen, die letzte Nische des Privaten zu kontrollieren, würde der Druck das System sprengen. Indem das System diese Fluchträume – oft stillschweigend – duldet, erlaubt es dem Bürger die Illusion von Autonomie. Man sündigt klammheimlich, um am nächsten Tag wieder perfekt zu funktionieren.
Das ist der Untergrund dieser Erzählung. Elena geht zu weit im Verhältnis zu einem Mann, dem sie mit Misstrauen begegnen sollte. Indem sie ihre Ehe, ihren Job und ihren Ruf riskiert, nähert sie sich einem bis dahin unerreichten Lustplateau. Ihre Sehnsüchte spielen Marek zwar in die Karten, doch Elenas Dynamik erlaubt es ihm nicht, sie im Takt seiner Absichten zu steuern. Sie überfordert ihn, ohne es zu merken. Die Verkopplung wirkt sich auf beide anders aus als erwartet. Dazu morgen mehr.