Biografische Verzerrungen
Der Mensch begann sein Gebet im Wald. Seine ersten Kathedralen waren Kronendome. Jetzt kehren Sehnsüchtige aus der gehobenen Mittelklasse zu retardierenden Andachtsritualen zurück unter Bäume, die schon vierzig Meter aufragten, als Shakespeare seine Stücke schrieb. Sie folgen Trappern auf Trampelpfaden durch das letzte echte Unterholz der Welt. Biologische Kriegsführung dezimierte den globalen Bestand bis auf einen Wurmfortsatz seiner ursprünglichen Größe. Die enervierte Natur geht in den Overkill-Modus über. Biblisch dimensioniert setzt sie Pilze, Insekten, Feuer und Dürre ein.
Einmal pro Woche führte die promovierte Philologin und graduierte Waldläuferin Alisa solvente Spinnerinnern, die als Spitzenkräfte der Wirtschaft täglich an der Vernichtung der grünen Lebensbasis beteiligt waren, zu den Baumkathedralen von Ederthal. Da überlebte unter extrem erschwerten Bedingungen einer der weltweit letzten Primärwälder. Im Fluidum der ökologischen Klimaxgesellschaft erreichten die Pilgerinnen hohe Grade der esoterischen Verzückung. Sie umarmten Bäume und küssten Borke. Für sie war Mother Nature eine ruinierte Potentatin, die ihnen Wahrnehmungsorgasmen in der Preisklasse hochgestochener Besinnungsaufsätze verschaffen sollte.
Auch Wälder sind Gesellschaften mit Hierarchien und superkomplexen Subsystemen, die das Überleben raffiniert nach unten delegieren; bis man glaubt, da käme nichts mehr. Und dann geht es erst richtig los mit all den Proteinen to go. Nichts hält fitter als eine Diät aus Maden, Würmern und wildem Sellerie. Überall hängen Werkzeugkästen der Natur.
Die Show einer Baumflüsterin zog Alisa nebenberuflich ab. Hauptberuflich siebte sie den kalten Kaffeesatz akademisch-antiquierter Auffassungen, die an der Ederthaler Landgraf Philipp Universität noch nicht außer Kurs gesetzt waren. Sie liebte die philologisch-intime Zwiesprache mit Professor Colt Coogan, kurz CC. Ihre Erotik entsprach einem uferlosen Sprechakt. Im Weiteren bediente sie sich Virgil und Aslan gern auch mal zwischen Tür und Angel. Der Abspritzmoment faszinierte Alisa auf einem Vorhof des Eigentlichen. Es gab die Discount-Erregung für einen schmalen Groschen und es gab das unbezahlbare erotische Premiumprogramm.
Und wieder genoss Alisa das Privileg, mit Colt allein in seinem Büro zu sein. Der Dekan saß hinter einem Kabinettschreibtisch wie hinter einer Rampe so unerreichbar. Er gab sich saumselig im Samtanzug und Einstecktuch. Das war schon sehr extravagant. Colt verkörperte sein eigenes Maß. Kein Fußbreit dem Zufall. Keine Zugeständnisse an das Grau der Gewöhnlichkeit.
Der Tisch trug die Patina von zweihundert Jahren. Das Büroungetüm stammte aus einer Thüringer Werkstatt, wo man im 18. und 19. Jahrhundert Möbel für Professoren und Staatsbeamte fertigte. Auch Goethe hatte sich da eingedeckt. Die Front zeigte Intarsien, ein Band aus Ebenholz und Birnbaum. Die Türen des Aufsatzes verblendeten Geheimfächer.
Alisa wusste bereits, dass Colt ihre Gegenwart ebenso intensiv wahrnahm wie sie die seine. Keine andere Konstellation reichte an diese in ihrer vollkommenen Redundanz heran. Sie wiederholten sich auf allen Feldern, der Sprachmeister und seine Schülerin. Wieder brachte Alisa Wanda von Sacher-Masoch ins Spiel. Sie befleißigte sich keines akademischen Vorwands. Über solche Scharaden waren sie hinaus. Der schwarze Bleistiftrock, die halterlosen Strümpfe, der Verzicht auf einen Büstenhalter ... das alles gehörte zur Inszenierung, aber eben auch zu einem langen lustvollen Vorlauf; zu einer Erweiterung des Spielfeldes bis Dorthinaus.
Alisa erschauderte. Der Reiz entsprang der geschichtsträchtigen Aura nicht zuletzt. Die Amtswürde des Sprachmeisters; sein Symbol- und Statuskapital. Zugleich leistete das mittelalterliche Gepräge der Universität einen wesentlichen Beitrag. Der alten Kasten lieferte Vorlagen für zauberhaft-lunare Settings. Für Twist und Thrill.
Alisas erotisches Phantasma schillerte in feudalen Farben und entsprach alles in allem einem theatralischen Anachronismus. Alisa fühlte sich initiiert; in aller Vorläufigkeit eingeweiht in die Gepflogenheiten der Macht. Sie war die hochwohlgeborene Novizin mit einem Anspruch, dessen Erfüllung Colt garantierte. Vor den Türen seines Büros vollzog sich das alltägliche Kleinklein, die gleichgültige Vernichtung bescheidener Erwartungen. Da herrschte die Grausamkeit des Egal. In Colts Aura war nichts egal. Der Meister honorierte Sorgfalt und Präzision. Er liebte geistreiche Anspielungen und irritierende Angebote.
Er konnte bestimmen, wann das Spiel begann und wann es endete. Jetzt endete es. Alisa verfluchte ihre Verwegenheit. Achselzuckend quittierte Colt die Zeichen ihrer Frustration. Alisas Wünsche standen nicht länger auf seiner Agenda.
Seine Souveränität beschämte sie. Vielleicht saß schon in einer halben Stunde Sina oder Nana auf dem heißen Stuhl.
Abends vor dem Spiegel in ihrem Apartment - Alisa war allein mit ihrem Verlangen und ihrer Phantasie. Das von Vorhängen gefiltert Stadtlicht verirrte sich in der Nische. Alisa roch Colts Aftershave. Sie badete in einem Strom aus Lustwärme, gleich würde sie die erste Welle überrollen. Sie kam leicht im Colt-Kosmos und beinah auf der Stelle, wenn sie sich nur vorstellte, wie er sie begehrte.
Colt förderte das Beste zutage. Er forderte und förderte sie. Ihre Leidenschaft, ihre strategische Intelligenz, ihre Lust, ihre Ambitionen, die dunkelsten Winkel ihres Ehrgeizes, und ihre Spaziergänge in den Auenlandschaften der Eder … Alisa bestellte einen Liebhaber aus der 2. Reihe, nennen wir ihn Emil. Sie fickte Emil sportlich und ein bisschen von oben herab. Ein unerbittlich-obsessives Begehren beherrschte sie. Später machte sie sich schick für eine Begegnung mit Colt in gesellschaftlichem Rahmen. Samt, Seide, Kaschmir. Alles in Blau. Keine Unterwäsche. Strenge Frisur, Lippen und Augen betont. Kein Schmuck, kein Blickfang. Dies obwohl Colt ein Accessoire-Fetischist war. Alisa würde ihm zu suggerieren wissen, was sich da dem öffentlichen Blick entzog. Wie lange wollte er sich ihren Körper noch vom Leib halten?
*
Das Spiel war nicht vorbei - es nahm nur eine neue Form an. Die Spannung zwischen ihnen isolierte sie beinah vollständig in einem Saal voller Gutverdienenden.
„Ich weiß, dass Sie sich fragen, ob ich Ihnen etwas vormache. Vielleicht haben Sie Recht, zu zweifeln. Aber glauben Sie mir, alles, was Sie sehen und spüren ist echt. Ich spiele kein doppeltes Spiel.“
Sie senkte leicht den Blick, Colt durfte sie nicht für vorwitzig halten.
„Ich bin dankbar für das, was Sie mir ermöglichen, für die Chancen, die Sie mir geben. Alles andere wäre albern. Wie könnte ich Ihnen gegenüber nicht redlich sein wollen.“
Er sollte sie berühren. Er musste sie berühren. Aber er tat es nicht. Colt verschanzte sich hinter unverfänglichen Formulierungen. Er wollte sich nicht überrennen lassen. In dem allgemeinen Geschiebe waren die beiden in eine Ecke gedrängt worden. Hinter Alisa befand sich ein Spiegel. Das registrierte sie und im nächsten Augenblick …