MenuMENU

zurück

2026-07-06 14:44:42, Jamal

Phonetische Politur

Ihre Ausstrahlung ist unmissverständlich. Sie kommt von einem Yoga-Stern und heißt Decampbelle. Das ist ihr Taufname. Er klingt wie ein ursprünglich französischer Familienname, mutiert und zusammengeschrumpft in dem zuerst niederländischen, dann angelsächsischen Sprachraum von Hoboken am Westufer des Hudson River im US-Bundesstaat New Jersey, direkt gegenüber von New York City. Da heißen erstaunlich wenig Leute Smith oder Miller. Die Aussprache verrät wenig von der schriftlichen Abbildung. Decampbelle findet, ihrem Namen gehöre der malerische Klang von De-sa-belle.

Die Geschichte der Agglomeration New York beginnt im 17. Jahrhundert. Damals suchte die Niederländische Republik nach neuen Handelswegen und Stützpunkten für ihren expandierenden Welthandel. 1609 segelte der englische Seefahrer Henry Hudson im Auftrag der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) die Mündung jenes Flusses hinauf, die heute seinen Namen trägt. Er hoffte, eine Nordwestpassage nach Asien zu finden. Stattdessen eröffnete seine Reise den Niederlanden den Zugang zu einem fruchtbaren und strategisch bedeutenden Gebiet an der Ostküste.

Die Kolonie Neuniederland (Nieuw Nederland) war eine Gründung der Niederländischen Westindien-Kompanie (WIC), die 1621 das Monopol für den Atlantikhandel erhielt. 1624 trafen die ersten Siedler ein, und wenig später entstand an der Südspitze der Insel Manhattan die Stadt Nieuw Amsterdam. 1626 erwarb Peter Minuit Manhattan für Waren im Wert von sechzig Gulden. Der erste Generaldirektor hieß Cornelis Jacobsen May. Ihm folgten Willem Verhulst (1625–1626), Peter Minuit (1626–1632) und Peter Stuyvesant (1647–1664), der letzte niederländische Statthalter und zugleich die bekannteste Persönlichkeit der Kolonie. Unter seiner Führung fiel Neuniederland 1664 an England. Die Kolonieführer amtierten deshalb nicht mit dem Mandat eines Gouverneurs, will die Kolonie von einer Handelsgesellschaft kontrolliert wurde. Übrigens gab es die historische Arabeske einer kurzzeitigen Rückeroberung während des dritten Anglo-Dutch War 1673 - 1674. In dieser Spanne hieß die Stadt Nieuw Orange. Im Treaty of Westminster (1674) trat die Niederländische Republik das Territorium endgültig an England ab. Die Engländer benannten Nieuw Amsterdam (Nieuw Orange) in New York um – zu Ehren von James Stuart, dem Herzog von York, dem Bruder Karls II. und späteren König Jakob II. von England.

Das niederländische Erbe manifestiert sich in Ortsnamen – Harlem (von Haarlem), Brooklyn (von Breukelen), Staten Island (von den Generalstaaten) oder Coney Island (von Konijneneiland) – erinnern bis heute an die Ursprünge.

Hobokenite nennt man Menschen, die aus Hoboken stammen. Die unmittelbare Nähe zu Manhattan macht die Stadt zu einem Pendler-Spot. Die Uferpromenade bietet eine legendäre Aussicht auf die Skyline. Hoboken ist der Geburtsort von Frank Sinatra und Decampbelle – De-Sabelle. Sagen wir Sabelle. Sie sieht zwar aus wie Anna Karina als Veronika Dreyer in Jean-Luc Godards Liebeserklärung „Der kleine Soldat". Doch fehlt ihr die unirdische Schönheit der Dänin, die als Hanne Karin Blarke Bayer in der Gegend von Aarhus zur Welt kam.

Sabelle leitet ein Kulturzentrum in Rostock. Offen rivalisiert sie mit Elena um die Gunst des Sprachmeisters. In der Schreibwerkstatt wirkt Markes Macht wie in einem Miniaturstaat. Worte und Gesten ordnen die Verhältnisse und markieren Grenzen. Elena studiert Mareks quittierendes Vermessen sämtlicher Aspekte; das ist die staatenbildende Kraft im Kleinen.

Elena sichert sich ein oszillierendes Gleichgewicht. Ihrem Mann gegenüber wahrt sie den Schein kaum noch. Sie verweigert die von ihm fernmedial vorgeschlagene Routine des Gatteninformationsminimums. Jörg schwebt eine verlässliche Notversorgung vor. Elena will sich nicht erklären. Zumindest nicht jetzt und nicht aus der solistischen Sommerfrische.

„Warte, bis ich wieder da bin. Es interessiert dich doch sonst auch nicht, was ich treibe."

Aus der Nachbesprechung der Schreibgruppe Ossip Mandelstam

Das letzte Wort der grußlosen Nachricht ist ein Hieb mit dem Zaunpfahl; der Freudian Slip durch die Hintertür ins Auge. – Ein unerbetenes Geständnis. Natürlich wählte Elena nicht unbewusst ein Wort, das ihre tatsächliche Aktivität entlarvt. So artikuliert sich Widerstand gegen die Kontrollstrategie. Jörgs „Gatteninformationsminimum" ist der verzweifelte Versuch eines Kontrollgewinns. Mit dem Satz „Es interessiert dich doch sonst auch nicht..." transferiert Elena die Schuld.

Die Mikro-Diktatur

Marek wirkt als absoluter Souverän. Er ist der Sprachmeister. Nicht nur Sabelle und Elena rivalisieren um seine Gunst. In diesem Milieu ist Sprache die härteste Währung. Elena wendet Mareks Methode nun im Privatleben an. Sie versucht, zwei Welten gleichzeitig zu kontrollieren. Ist ihre Triebfeder narzisstische Ambivalenz?

Dass sie von Marek erhört wurde, reicht ihr nicht. Mareks Flirt mit Sabelle bedroht Elenas Exklusivitätsanspruch. Jörg dient als Ventil. Elena serviert ihn ab, obwohl er der Co-Garant des guten Lebens ist. Indem sie die finanzielle und emotionale Sicherheit, die er ihr bietet, hochmütig ausschlägt, inszeniert sie sich selbst als unabhängig und erhaben. Da sie Marek nicht kontrollieren kann, dessen übler Charakter sich ihr noch gar nicht erschlossen hat, holt sie sich das Gefühl der Macht zurück, indem sie Jörg verätzt. Sie hält ihn hin. Ihr Trotz und ihre Kälte speisen sich aus eigenen Verletzungen.