Kasseler Klassik
Kairo bedenkt die Drainage, die er vor langer Zeit an den elternhäuslichen Keller verlegt hat. Er hält sie für verstopft. Er stellt sein Telefon wieder an, sieben Nachrichten werden ihm gemeldet. Gleich alle löschen. Kairo muss keinem hinterher telefonieren und wegen Anrufe in Abwesenheit schon mal erst recht nicht. Im letzten Jahr waren die Äpfel allgemein zu süß, wer hat das nochmal gleichfalls? Kairo beschäftigt die Route nach Hause. Soll er durch die Goetheanlagen? Nee, lieber über den Bebel- vormals Hindenburgplatz mit seinem Flair, den zu bemerken und zu genießen Kairo niemals zugeben würde, und weiter über die Hohenzollern- vulgo Friedrich-Ebert-Straße bis zum Café Lange, wo er schon als Knirps Kuchen gekriegt und da nun schön Kuchen kaufen und den alleine in der Aue und teilen mit keinem. So rumpelstilzig sich am unverdienten Wohlstand und seiner Freiheit erfreuen. Die Herrentorte lacht Kairo an und die getrüffelte Kirschquarkcreme versucht es mit einem guten Eindruck. Immer gleich drei Stücker, um sie im Nu. Verputzen ist auch so ein Wort. Auch so ein bisschen mit der Bedienung mit ihrem Namensschild. Namensschilder findet Kairo entwürdigend. Deshalb spricht er Namensschildträger auch immer mit ihren Namen an. Sowieso betrachtet er sich als jedwedes Vorgesetzten. Das heißt aber noch lange nicht, dass er zu Rathausempfängen und da dumm rumsteht und sich das antut, den Scheiß und die Wichtigheimer und dieser fürchterliche Nordhoff soll auch wieder in Kassel. Vor der Glastür vom Café Lange sieht Kairo ein Gesicht, das ihm bekannt vorkommt. Könnte mit ihm auf der Schule gewesen sein oder im Verein oder beim Bund. Hat auf jeden Fall nichts mit Knast und Bau zu tun und sehr wahrscheinlich kein eigenes Haus. Kairo merkt sich Leute mit eigenem Haus, sein Fahrlehrer hatte schon mit zwanzig zwei eigene Häuser und nach zwölf Jahren Bundeswehr zwei mehr und entsprechend ausgesorgt. Die als Spätaussiedler getarnten Russen bauen immer gleich zehn Häuser auf einmal wegen der Rabattmargen und Mengenpreisnachlässe. So sparen sie Unsummen.
Der Kuchen vom Gepäckträger gedätscht. Was solls? Noch ist nicht aller Tage Abend. Wie gut, die Qualmerei viel zu spät eigentlich aufgegeben zu haben. Wenn man bedenkt, was Krebs kostet in der Entstehungsphase. Eine Frau mit guten Beinen überquert die Straße in Höhe der alten Hauptpost. Links davon ist immer noch das FEZ. Seit zwanzig Jahren nicht mehr im FEZ eingekehrt, obwohl Mirko sein Büro ganz in der Nähe. In durchaus repräsentativen Räumen. Jedenfalls für einen Verbrecher. Die russische Mafia benutzt Kassel als Schlafstadt. Von Kassel aus fährt sie die Metropolen an, um in Frankfurt und Hamburg abzukassieren. Kairo prüft, ob die Frau sich zu schön findet für ein Lächeln. Er quatscht gern Leute an, das macht man an sich nicht.
„Können Sie mir sagen, wo ich hier richtig bin?“ fragt er.
„Dürfen Blinde Fahrrad fahren?“ fragt sie blitzgescheit genug zurück, um sich Kairo gewachsen zu zeigen. Seiner bräsigen Präpotenz und übertrieben guter Laune gewachsen.
Anmaßend von Geburt und viel zu glücklich, angesichts allgemeiner Notstände. Kairo verweist auf den Kuchen und verkündet, ihn im Café Lange gekauft zu haben.
„Na, sowas“, spottet die Frau. „Aber sonst ist mit Ihnen alles in Ordnung.“
Kairo genießt den Tonfall, das indigen-harte r. Er könnte sich, rein vom Bedürfnis her, schon wieder die Zähne putzen. Von vorhin auf dem Wurmberg noch Reste in den Abständen. Von Spucke eingelullter Dreck. Stark störend, wenn man dran denkt. Bei dem Wort Zahnseide oft Darmseide verunsinnt. Das Fäkale grundiert alles bei jeder Gelegenheit. Komisch, dass ausgerechnet Norbert Naseschweiß. Erst heute Morgen wieder mal an ihn gedacht und am Nachmittag dann so gut wie leibhaftig in der Erzählung eines Frankfurters. Die Frau wartet auf eine Entgegnung. Man sieht kaum je ausgefallene Fahrzeug auf Kassels Straßen. Kassels klügste Köpfe wandern ab. Die Stadt stirbt im Moment langsamer als vor einer Weile. Kairo fällt partout nichts ein, die Frau steht im Begriff, ihn stehenzulassen. Mann, wie peinlich.
„Mein Hirn“, sagt Kairo wahrheitsgemäß. „Mein Hirn verlässt mich im Stich.“
In Gedanken beim Holz, das sein Schwager abfahren will. Der Schwager, dieser Ex-Gangster, ist inzwischen zu ökologisch, um lackiertes Holz mal schnell irgendwo schwarz zu verbrennen. Geradezu geschwängert von der Einsicht in die Richtigkeit der Umweltschutzrichtlinien ist der geschiedene Mann seiner Schwester, die auch nicht aus Waldau wegkommt. Mindestens einundzwanzig Euro wird ihn sein Auflagenbewusstsein kosten und auch das nur dann und trotzdem schon viel zu viel, wenn sich Kairo bei der städtischen Müllverbrennungsfrau ins Zeug legt und sie die Kleine von seiner Schwester im Auto dabeihaben. Wegen des Kindchenschemas. Für Alte hat die Natur keine Vorkehrungen getroffen, dass sich einer wegen ihnen mit Hilfe beeilt und ein Bein rausreißt.
Kairo hat seine beste Heckenschere verlegt, nachdem er sie ausgeborgt hatte. Sie korrekt und dreckfrei zurückgekriegt und falsch weggeräumt. Gut möglich, dass gleich Mirko in so einem Lackaffenanzug auftaucht. Die Frau könnte sich allmählich mal in Luft auflösen, was will die überhaupt.
„Soll ich Sie zu einem Arzt begleiten?“
Das hat noch keine zu Kairo gesagt. Er springt förmlich auf sein Fahrrad, sowas kann man doch nicht zum Essen einladen oder nach der Telefonnummer fragen. Was kommt als nächstes? Sabbern in der Öffentlichkeit?
Herr hilf, denkt Kairo. Der Kuchen ist ihm entfallen, sowie seine Absicht in der Aue anzuhalten. Früher war es nachts in der Aue richtig dunkel. Dann konnte man da das Gras wachsen hören. Einmal da mit Imke ganz am Anfang. Ihr Gemache und dann doch keinen Orgasmus wenigstens. Nur beim Bund aus Kassel weg. Was war nochmal in den Jägerkasernen nach dem Krieg? Kasseler Hausfrauen wuschen die Amiwäsche für Zigaretten, die sie eintauschten. Imke einfach die Hose abgezogen und in die gewünschte Position gebracht. Wie einfach und ohne Überlegung. Danach zum Biertrinken in die Backstube mit fast Ende Zwanzig und gerade ohne Führerschein. Machte alles nichts. Was für eine Blamage das eben mit der Frau und so viel unnötiger Aufwand wegen Holz. Das gute Verhältnis zum Schwanger ungetrübt von der Scheidung.
„Hast du Kuchen mitgebracht?“ fragt Bella erstaunt bis zur Fassungslosigkeit. Imke ist aus, aber nur einkaufen und bald wieder zurück.
„Warum denn nicht, das kann doch jedem passieren“, tut Kairo so. Schon wieder ein kleiner Vorteil und was zum tagelangen Bereden. Bellas Söhnen geht es gut. Das war zu erwarten.
Vor zehn Jahren eben erst dreißig gewesen und jetzt schon so alt. Gegen die Inflation hilft die Bank of Scotland mit Tagesgeldkonten. Zwokommafünf Prozent sind besser als in die hohle Hand. Nochmal einen Blick in die HNA, Börsengerüchte um Solarspezialisten SMA. Seltsam wie lange Karina ihm nicht mehr in den Sinn gekommen ist. Aus dem Auge. Bei Kabinettsumbildung keine neuen Impulse für die Region. Das Desaster auf der Friedrich-Ebert. Kairo weiß noch ganz genau wo. Volker Bouffier löst Roland Koch ab. Vielleicht sollte man wegen Norbert die Russen einschalten. Bouffier klingt so hugenottisch-ausgebufft.