Whisky aus der Schnabeltasse
Christian hat Geburtstag. Das steht sogar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er will sich von keinem gratulieren lassen, außer von mir natürlich und von Selma, die ihn am Telefon zum Spaß Papa genannt hat. Sie ist heiß darauf, Mama zu werden. Alle ihre Freundinnen sind das schon und jede andere auf den Straßen im Prenzlauer Berg ist es auch.
„Das ist eine schöne Seuche“, sagt Christian. Er ermutigt mich fortzufahren mit seiner Geschichte. „Du machst das gut.“ Ja, ich habe viel gelernt von ihm.
„Du warst mir ein guter Lehrer“, sage ich. Wie froh mich seine Liebe macht. Ich habe ihm eine Breitling Navitimer aus dem Jahr 1965 geschenkt, ich trage gern Männeruhren. Eine Breitling zum Lätzchen, dachte ich, als ich die Bestellung eingab. Christian wird die Uhr nur einmal tragen. Zur Feier des Tages in der Gaststätte von Tanja und Texas. Christian würde im Schlafanzug auf die Humboldtstraße laufen, wäre er auf sich gestellt. Er trinkt Whisky aus seiner Kaffeetasse, er schlürft ihn wie ein Heißgetränk. Es ist zwölf, ich stelle alle Telefone aus. In diesem Haushalt hat es schon lange kein Mittagessen mehr gegeben, ich bin aber auch schon lange nicht mehr vor elf aufgestanden. Ich mache mir noch einen Kaffee. Christian hat seinen Kuchen nicht angerührt. Er sitzt vor seinem Rechner und spielt Mafia Wars auf Level 1203. Ich soll mir seinen Mafiafuhrpark anschauen. Ich sehe das Juli mit ihm chattet und schalte mich ein. Dann sitzt sie bei uns im Wohnzimmer und raucht meine Zigaretten, bis Christian eingeschlafen ist. Sie zieht mich in die Küche, als wäre das immer noch der ideale Frauengesprächsort. Juli bedient sich, ohne zu fragen, sie ist auch schon beim Jever. „Hat Christian dir je erzählt, dass wir mal was miteinander hatten?“ fragt sie. Sie erforscht mein Mienenspiel. Wenn schon, denke ich. Welche Rolle könnte das jetzt noch spielen? „Warum erzählst du das ausgerechnet heute?“ frage ich. „Weil mir vorgestern aufgefallen ist, dass wir ja alle, wie wir da miteinander saßen, mit Christian sozusagen in absentia, schon mal miteinander im Bett waren. Wenn auch nicht gleichzeitig.“ „Du und Texas?“ Das finde ich von Grund auf unfassbar.
„Damals noch, in der Zwischenzeit, als Tanja mit Boris doch nicht zusammen war.“
Ich verhänge das Küchenfenster, um das Tageslicht zurückzudrängen.
„Plötzlich fing Texas an zu leuchten. Er war überhaupt nicht mehr wiederzuerkennen, wie nach einer Metamorphose. Ich fand ihn so sexy, dass mich seine schiere Gegenwart erregte.“
„Weiß Tanja davon?“
„Nur, wenn er es ihr gesagt hat.“
Am liebsten würde ich Juli rausschmeißen.
*
Ich helfe Christian beim Anziehen. Er muss gelüftet werden. Dazu ist der Holzhausenpark da. Manchmal schaffen wir es nicht bis dahin, dabei steht unser Haus dem Park sehr nah.
„Wusstest du, dass Juli und Texas?“ frage ich Christian auf der Schwarzburgstraße.
„Ich erinnere mich“, sagt Christian. „Zu der Zeit warst du Technikerin. Du warst die schönste Theatertechnikerin der Welt.“
Ich war auch schon mal die schönste Postbotin. Ich ziehe Christian über den Oeder Weg. Ich muss unbedingt einen Zahnarzttermin für ihn ausmachen. Leute grüßen den berühmten Mann und seine Frau. Jemand spricht Christian auf seine Würdigung in der FAZ an und kritisiert Details. Früher wäre Christian an so einem Wichtigtuer vorbeigerauscht, nun lässt er sich bedrängen. Ängstlich sucht er meine Aufmerksamkeit. Ich fasse seinen Arm, erleichtert deshalb, weil ich immer noch Zärtlichkeit für ihn aufbringe. Es widerstrebt Christian weiterzugehen. Am liebsten würde er gleich zu Tanja und Texas in die geruchsvertraute Kneipendunkelkammer. Eine Entenpatrouille lenkt ihn ab. „Woher wusstest du das mit Texas und Juli?“
„Von Juli“, antwortet Christian präzise.
„Sie hat dich getröstet, nicht wahr?“
„Sie hat gern behauptet, ich würde im Schlaf nach dir rufen, und sie ist auf den körperlichen Unterschieden zwischen dir und mir herumgeritten. Sie war davon überzeugt, dass ich sie nicht richtig reizvoll fand. In Wahrheit war nur ich für sie eine Enttäuschung. Nicht zuletzt deshalb, weil ich mich mit ihr nicht zeigen wollte.“
Mir fällt ein Wort ein, dass einfache Männer für Juli hatten. Saftig. Sie sei so saftig, sagten sie. Wir kehren um, auf der Flucht vor einer Kitahorde. Die zur Betreuung bestellten Frauen sehen schlampig aus. Armut macht Haare strohig. Ich sage: „Du hast in meiner Umgebung gewildert, als ich dachte, du seiest viel zu verliebt in mich, als dass du dich auf eine andere Frau einlassen könntest.“
„Ich empfand meine Liebe zu dir als Fluch und hoffte, jemand könnte mich davon erlösen. Ich fühlte mich ans Kreuz geschlagen. Ich war ein Wundermann mit eimertiefen Wunden und fürwahr dankbar für jede persönliche Note mit einem weiblichen Adressaten.“
Die Gaststätte von Tanja und Texas hat noch geschlossen, wir ruhen vor der Kneipentür aus. „Wenn ich Juli richtig verstanden habe, dann war auch etwas zwischen dir und Tanja.“
„Du hast Juli richtig verstanden. Damals dachte ich, sie würde mit mir diesen langen Kerl betrügen, der sich auch noch ständig gestreckt hat, so als könnte er gar nicht groß genug sein. Mir kam die Anlage des Geschehens wie das Revier einer Mäusekolonie vor, die auf dem Theaterboden nachts fündig wurde. Das war eine Körperkontaktstelle.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Tanja dich angemacht hat.“
„Hat sie aber, übrigens mit der schönen Bemerkung: ‚Davon geht die Welt nicht unter‘.“