MenuMENU

zurück

2026-07-08 07:01:22, Jamal

Nachschlag des Lebens

„Wenn gestreifte Schlangen uns umschleichen“.   Paul Bowles

Christian hat Geburtstag. Er war lange nicht mehr so munter. Wir haben so viel über unseren Sex mit anderen geredet und uns doch einiges vorenthalten. Ein Nachschlag des Lebens ist das, ich werde Christian noch gründlich befragen. Texas öffnet die Tür, er könnte sich öfter rasieren. „Wie schön, euch zu sehen“, sagt er und meint damit doch nur mich. Texas und ich stehen uns noch bevor, soviel steht fest. Er gratuliert Christian. Tanja kommt aus der Küche, das Haar straff am Kopf. Zur Begrüßung küsst sie Christian auf die Stirn. Wir prüfen unsere Verfassung. „Meine Liebe“, sagt sie. Ihre Lippen sind spröde, obwohl ich sie niemals ganz vor mir haben könnte, ohne einen Lippenpflegestift mitzudenken – in einer sackförmig-praktischen Handtasche, bei der Handcreme. Und vor der Schicht einen Cremefleck auf die Handrücken, die Zeigefinger ziehen ihre Kreise abwechselnd. Mir fällt ein, wie ich Tanja zum ersten Mal ohne den Ring wahrnahm, den Texas für sie bei der Goldschmiedin auf dem Oeder Weg gekauft hatte. Sie füllte dann auch seinen Stundenzettel nicht mehr aus und nahm sein Zeug nicht mehr mit zu den Personalhaken.

„Meine Liebe“, sage ich. Ich drücke meine Nase an ihren haltungsgeschulten Hals. Zur Feier des Tages darf Christian er in der Gaststätte rauchen, bis das Geschäft richtig losgeht. Ich folge Tanja in die Küche und sehe ihr beim Schnippeln zu. Texas hat aus ihr eine komplette Köchin gemacht, ihr die Tütensuppen im Besonderen und das schnelle Mahl im Allgemeinen abgewöhnt. „Wollt ihr zeitig essen“, fragt sie.

„Auf keinen Fall“, antworte ich. Den abgespeisten Christian zieht es zügig auf die Couch. „Ich habe heute erst erfahren, dass du und Christian.“

„Warum denn nicht?“ fragt Tanja einfach. „In der Erinnerung erscheint mir unser Damenkranz und die Fachmännerkooperative wie eine polyvalent-organische Verbindung. Wir waren so aufeinander fixiert, und Christian war der unglücklichste Fuchs im Hühnerstall. Ich mochte seine räuberische Art. Ich dachte, er könnte auch im Bett nicht aufhören, an dich zu denken. Aber so war es nicht.“

„Warum hast du mir das nie erzählt?“

„Ihr Süddeutschen plaudert so gern aus dem Nähkästchen. Ich muss das nicht.“

„Ich wollte dir nicht zu nahetreten“, sage ich. Tanja hebt die Schultern, ich hoffe, ihre Frostigkeit bricht nicht durch. „Drehst du mir eine Zigarette?“ fragt sie.

Wir rauchen an der offenen Küchentür. Ein Hinterhofpanorama bietet sich als Kulisse malerisch an. Ich nehme mir vor, ein Stück mit dieser Szene zu schreiben und es Christian zuzuschreiben.

„Ich habe noch was gut beim Leben“, sage ich. Dazu sagt Tanja nichts. Die Aushilfe für diesen Tag meldet sich zum Dienst. Eine Abiturientin, das mich an Lisa erinnert. Tanja wirft den Motor ihrer Freundlichkeit an. Ich setze mich zu Christian. Er ist auf Zack. Texas lässt mich nicht aus den Augen. So soll es sein. Ich moussiere in Erwartung und Erinnerung. Da ist eine kleine Erregung. Die Koteletts kommen. Christian isst mit den Händen, sein Tremor belustigt mich. Er war länger jung als alle, nun ist er unheilbar der Älteste. Ich suche mein Mitgefühl und kann es nicht finden.

Tanja kreuzt auf. Sie legt Christian eine Hand auf die Schulter. Fragend sieht er zu ihr auf. Ein Tablett entgleitet der Bedienung. Bruch auf den Bohlen. Ein Lied von den Doors aus dem Radio. Texas hört immer noch HR3. Er achtet auf Nachrichten, zumal auf den Wetterbericht. Er stellt sich auf Dinge ein. Das hat Christian nie getan. Die Dinge verformten sich in seiner Wahrnehmung. Sie gestalteten sich um, als er noch die Kraft hatte. Texas fegt die Scherben zusammen, sie auf ein altes Kehrblech ladend. Das Blech lässt mich an eine Kohlenschaufel denken. – Und an den Ofen im Gernegroß, der von einer Zentralheizung ersetzt wurde. Die Aushilfe kann kein Anzeichen von Verärgerung beim Chef entdecken. Er beruhigt sie mit einem Stimmungsaufheller. Espresso mit Birnenschnaps. Ich kriege auch einen, den Zucker rührt Texas hausmeisterlich hinein. Jetzt ist er der Kapitän unserer Arche. Ich werde ihn um einen handwerklichen Liebesdienst bitten und danach nicht einfach abziehen lassen.

*

Christian sitzt im Schlafanzug auf der Couch. Ich habe mich geirrt. Wir werden heute noch nicht einmal mehr so etwas Ähnliches wie Sex haben. Ich werde Christian auf der Couch lassen und morgen das Gästebett für ihn beziehen. Ich gebe ihm eine Schlaftablette. Ich frage: „Welche Frau hat dich nach mir am meisten beeindruckt?“ Christian hört mich nicht. Er verläuft sich wieder in seinem Schattenreich. Auch wenn das von der Realität seines Lebens nicht gedeckt ist, soll Tanja diejenige sein: in der Erzählung, die mir vorschwebt. Ihre Erhabenheit in einem Zustand ewiger Beschränkungen will ich ergründend überliefern. Ahnungslos schwebte mir Tanja schon vor, als ich mit sechzehn Mia erfand. Wie man von Grund auf enttäuscht gern am Leben bleibt, will ich erzählen. Ich mache mich gleich daran, in Christians Arbeitszimmer. Ich versetze mich in seine Lage mit vierzig. Er kommt ins Theater. Mich weiß er zusammen mit Scott. Vielleicht reden Scott und ich gerade über Scheidung. Es ist um Mitternacht, das ist es immer. Texas zuliebe legt Tanja eine CD von Junior Brown in den Abspieler. Sie könnte auch schon wegen Boris The Pogues auflegen. Eben ist der letzte Schauspieler gegangen. Gut so. Vom Damenkranz sind nur Juli und das Küken da. Zwei Techniker trinken Wodka. Texas führt einen Kriegstanz auf, wie aufgezogen von dem Neustädter Gras. Jetzt weiß ich, dass Tanja mit Boris nach Hause gehen wird. Zumindest werden die beiden den Saal gemeinsam verlassen. Christians schattiges Interesse an allen Frauen. Texas‘ unverständliche Ansprüche an den Raum. Boris‘ komfortabler Ausblick. Tanja fühlt sich wohl mit Personalmännern – den Nicht-Schauspielern. Sie hat den ganzen Tag gearbeitet, sie muss morgen früh raus. Aber im Augenblick dreht sich die Mühle nicht. Dies ist die Stunde des Glimmers und der nachrangigen Wölfe. An den Rändern der Freundschaft vernimmt sie Geräusche wie von einer aufbrechenden Eisdecke. Christian hört das auch. Auf einem Notizblock hält er das Wort Tektonik fest. In den Faltungen unseres Verhaltens fahndet er nach Poesie. Vom Rausch aufgeräumte Gesichter. Christians mörderische Konzentration auf die Nebengeräusche der Gespräche und die Sidekicks des Gebarens … die anderen Männer wehren Christians Grandiosität mit Ironie ab. In diesem Kreis wird Christian von seinem Ruhm herabgesetzt. Die Wölfe knurren, aber sie beißen nicht. Gewöhnt sind sie an Kunstwillen, Attitüde, Arroganz, fade Theatralik und die Pleitegeier auf den Schultern der Darsteller. Sie sind sich ihrer Sache sicher. Christian sieht sie als Hüter – und Tanja unterscheidet sich von anderen Theaterfrauen in ihrer Zugehörigkeit zu diesen Garanten. Juli wendet sich Christian zu, sie spielt mit ihren Haaren. Hat sie schon mit ihm oder kommt das erst später? Im Grunde ist das egal. Die Körper streifen sich. Wir wollen niemals auseinander gehen.

Christian hat zwei Pressekarten für ein Santana-Konzert. Er fragt erst mich. Tanja ist seine zweite Wahl. Sie nimmt sich für den Abend frei im Theater. Sie freut sich, zieht Stiefel an. Entscheidet sich für die kurze Lederjacke mit dem kaputten Reißverschluss. Sie beschallt den Raum ihrer Vorbereitung. Die Anlage scheppert. Tanja hört Element Of Crime ... „Michaela sagt“. Boris ruft an, er hat ihren Dienst übernommen. Er überhört Tanjas Ungeduld. Christian trifft sie im Tannenbaum. Kann sein, dass sie noch nicht weiß, dass ich klammheimlich mit Christian schlafe. Tanja hält ihn für einen Lebemann, mit allenfalls flüchtiger Bindungsbereitschaft. Affären waren ihr auch schon mal eine Weile das Liebste. Sie braucht jemand, bei dem sie sich Texas aus dem Kopf schlagen kann. Boris taugt nicht dazu. Christian fragt, was sie trinken möchte. Sie will Bier. Sie lädt Christian zum Kicken ein, Tischfußball kann sie auch. Man könnte mit ihr außerdem flippern oder Billard spielen. So ausgelassen durfte Christian sie noch nicht erleben. Er fühlt ihr auf den Zahn, sie dreht ihm eine lange Nase. Eher wird sie sich heute Nacht noch vor Christian ausziehen, als etwas von sich preiszugeben. Das Konzert ist der Hammer, Santana live. In einer bewirtschafteten Bucht der Festhalle hält Tanja zum ersten Mal Christians Hand. Er ist so gescheit, die Klappe zu halten. Sie küsst ihn dafür auf der Freitreppe der Rotunde. Die wichtigen Leute trinken auf den Veranstalter. Christian genießt Privilegien, Tanja stößt sich an Sonderrollenspielern. Sie erkennt Otto Sander. „Der hat dich gegrüßt“, sagt sie. Christian zieht sie wieder auf die Ränge, er hat so viel für seine Anerkennung getan. Nun zwingt ihn die Selbstachtung zu kuriosen Lässigkeitsfloskeln. Tanja ist keine Kulturbetriebspersönlichkeit. Er kann sie nicht blenden, das weiß Christian. Er lotst sie in Jimmy‘s Bar, da gibt es König Pilsener. Tanja folgt Christian in seine Wohnung, um jederzeit aufbrechen zu können. „War doch so abgemacht“, sagt sie. „Du hast die Braut an Bord. Von mir aus müssen wir jetzt nicht fackeln.“ Nach einem Präservativ fragt sie erst gar nicht. Sie streckt ihre Arme zur Bettkante, wie bei einem Startsprung. Sie freut sich über die vielen Bücher im Zimmer. Ja, Christians Wohnung gefällt ihr.