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2026-07-08 11:02:22, Jamal

Die Landmetzgerei in der Stadt

Kairo braucht Abstand. Er kehrt in seiner autofreie Kramgarage ein, zu den entspannten Bögen. Damit im Habichtswald auf Wild auch mit der Armbrust und immer gewusst, wo der Förster und die Jäger. Sich stundenlang ruhig verhalten, mit dem Erdgeruch in der Nase. Natur studiert. Vom Blitz getroffene Bäume. Sturmschäden. Zernagte Sprösslinge. Haare an geknickten Ästen. Abgewetztes Moos. Kairo kann den Habichtswald lesen, ihm ist auf dieser Welt nichts vertrauter. Sorgsam verwahrt ist der Mannlicher-Stutzen, den er vor mit fünfzehn einem Förster aus dem Auto. Der Schaft reicht bis zur Mündung. Die bei Gelegenheit erstandene Munition beizeiten untergebracht in einem löchrigen Bundeswehrrucksack. Als Waffe wäre das Gewehr ideal für einen Mord. Zum Beispiel könnte Kairo unbesorgt Norbert damit wegmachen. Nach Frankfurt fahren wie in den 1960igern die israelischen Hitmen, bloß dass die angeflogen kamen, die verdrehte *** abknallen und wieder retour.

Kairo hört Imke auf dem Hof, sie wird auf das Licht in der Garage visitierend reagieren. Mit der gewilderten Kreatur zum Gastwirt seines Vertrauens, wenn im Schankraum kein Licht mehr brannte. Die im nächtlichen Wald geschärften Sinne betäubt von Schnapsfahnen. Sich beißende Gerüche als dem Städter unverständliche Irritationen. Am liebsten wäre Kairo jetzt allein in seinem Haus und erlöst von den Geräuschen seiner Frauen. Seit er nicht mehr in Kneipen geht und in Waldau sowieso noch nie, jedenfalls so gut wie. Höchstens. Alles schon Herbst mitten im August, bis hin zu dem Geschmack der Abendkühle, die Kairo an große Keller denken lässt, an die katakombischen Gewölbe unterm Weinberg zum Beispiel, aus der Zeit vor den Kühlschränken.

Katakomben gehören zu einer Kultur, die mit Belagerungen rechnet. Winkelstern hieß die Familie, deren „Länder" Anfang der 1960er Jahre über Nacht wertvoll wurden, weil die Neue Heimat darauf eine Siedlung hochzog, die beinah mal für eine Mark verscherbelt worden wäre. Gerold'scher Grund lag günstig daneben.

Imke erscheint. „Ich habe gehört, du hast Kuchen."

Als Abendbrot verspricht Imke Bratwurst aus der Landmetzgerei Sinning und Nudelsalat aus heimischer Herstellung. Mit dem Sinningsohn war Kairo kindlich angeln und illegal auf der Jagd. Das Sinningsche Anwesen war wie durch ein Wunder unversehrt geblieben, stehengeblieben in der im Krieg zerschlagenen Altstadt als Labyrinth und Kinderparadies und Schreckenskammer mit Vorhöllencharakter, bis man an tierische Leichen in der Gestalt von Rinderhälften komplett sich gewöhnt hatte. Nicht jeder durfte, aber Kairo kam aus dem richtigen Stall. Das akademische Element war in der Großelterngeneration außer Kurs gesetzt worden, der Wohlstand stank im Weiteren nach Maloche, pfennigfuchsiger Gerissenheit und Kontakten querbeet und nordhessenweit. – Nach geschickt bei Genehmigungsverfahren. – Nach Beteiligungen, auch mal an einem Tanzlokal. Warum denn nicht? Bargeld in der Bar ‚Zur Barbusigen Barbara'. Die Bündel auf dem Buffet. Unsummen. Gut sein mit den richtigen Leuten und bei den Falschen sowieso gleich mal den Barthel seinen Most holen lassen. Nicht gemeldete Schusswaffen stets im Haus, der Nachwuchs wurde herangezogen zur Geheimnisträgerei und auf die Probe gestellt vom militanten Großvater, der fand, dass man den Krieg besser gewonnen hätte mit Separatfrieden und Trallala. Für den Führer nur Verachtung und so auch für den Filius, Kairos Vater nämlich. Über das Heilige Vaterland ging nichts. Leider dafür nicht den Tod süß gefunden. Solche gedanklichen Nussschleifen ergeben sich allein aus der Erwähnung der Landmetzgerei Sinning, die immer schon in der Stadt nahe der ‚Elbe', so das Untersuchungsgefängnis im Volksmund. Kairo saß darin ein. War halb so wild.

Essen gleich soweit, Bella kümmert sich darum. Imke verhaftet Kairo mit ihrer Aufmerksamkeit, viel lieber würde er seine Garagenschätze sichten und noch was verlegen oder wiederfinden. Überall fliegen Brillen durch die Gegend seit Neustem. Ein vorzeitlich-steinaltes Radio funktioniert noch klangecht samt Musiktruhe mit den Kurzspielplatten der Caprifischer-Ära. Was Kairo schon alles auf Schrottplätzen liegengelassen hat, wegen Platzmangels. Man müsste die Sinnings aus ihrer Festung herauskaufen und sich selbst darin verschanzen und erstmal den Bestand durchsehen und abstauben.