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2026-07-09 14:42:40, Jamal

Kassel als Cape Canaveral der Luftfahrt

Im frühen 20. Jahrhundert kam Waldau mit revolutionärer Technik in Fühlung. Auf dem Forstfeld fanden Flugexperimente statt. Später wurden dort Flugzeuge gebaut. Auf der Route Prag-Marienbad-Kassel-Rotterdam nahm Waldau eine Weile am internationalen Luftverkehr teil. Man verbindet mit dem Airport am Acker vor allem den Namen der Flugschule Raab-Katzenstein.

Kurt Katzenstein und nicht Udet, wie allgemein oft geflunkert wird, flog unter der Fuldabrücke durch, das sicherte ihm ewigen Ruhm unter Nordhessen. Das Ereignis fand am 24. August 1924 statt. 

Der Forst reichte bis zu den Toren der Unterneustadt und gehörte vermutlich zu jenem schlecht dokumentierten fränkischen Königshof an der Fulda, aus dem Kassel hervorging, in einer Epoche, die Waldau, Wolfsanger, Zwehren und Kirchditmold sowie sowieso Kaufungen schon definierte Rollen spielen ließ.

1906 erwarb die Stadt den Forst. 1915 wurde vor Ort eine Munitionsfabrik errichtet, die bis zu fünfzehntausend Menschen beschäftigte. Die „Deutschen Werke“ produzierten nach dem Großen Vaterländischen Krieg Kleinmaschinen. 1935 trat die Zellstoff-Fabrik „Spinnfaser“ an die Stelle der „Deutschen Werke“. 1924 siedelte sich die Flugzeugfabrik Dietrich-Gobiet an. Im selben Jahr wurde der Flughafen eingeweiht. Im folgenden Jahr gab die Dietrich-Gobiet-Luftverkehrsgesellschaft ihren Kasseler Standort auf. An ihre Stelle traten die Raab-Katzenstein Flugzeugwerke. Sie bauten Geräte mit klingenden Namen: Schwalbe, Pelikan, Grasmücke. Das Bewusstsein der Beteiligten war noch befangen von Vorstellungen, die sich mit dem Begriff Menschheitstraum verbinden. - Waldau als Cape Canaveral der frühen Luftfahrtgeschichte. 1927 entstand die Arbeitersiedlung auf dem Forstfeld, wo Gerhard Fieseler und Antonius Raab zu Kunstflügen starteten.

1933 ergab sich für die Raab-Katzenstein-Flugwerke der Zwang zur Umsiedlung. Die Fieseler Flugzeugwerke übernahmen die Nachfolge. Sechstausend Zwangsarbeiter waren nach 1940 in den Fieseler Werken an der Lilienthalstraße konzentriert. Die Junkers-Flugzeugmotorenwerke standen dort, wo später die AEG sich etablierte.

Steinzeitliches Campingglück. Fehlt nur noch ein Feuerchen. Kairos Nichte ist gerade in die Schule gekommen, das war für die Eltern in ihrer Trennungsverstocktheit nicht so einfach. Kairo kann besser mit dem Schwager als mit der Schwester, schon wegen des größeren Respekts, den der abgehalfterte Angeheiratete für Kairos Familie aufbringt. Mithin selbst für Kairo, den durchgeschleiften Ex-Knacki mit unabgeschlossenem Studium. Kairos Bruder war ein richtiger Bauingenieur von seiner Ausbildung her, und zudem Maurer mit Gesellenbrief. Er hat Kairo viel Handwerk beigebracht, dass wird gern unterschlagen. Um Kairo zumindest in groben Zügen bei den Wissenden zu halten, damit die Ansagen auch stimmten und nicht alles immer wieder neu gemacht werden musste, wie trotzdem vieles viel zu oft. Jedem anderen wäre hundertmal mindestens in Arsch getreten und lass dich hier nie wieder blicken hinterhergerufen worden. Der Schwager wird sich hüten, Kairo an seine Debakel zu erinnern. Er braucht den überlebenden Bruder seiner geschiedenen Frau, der alles billiger kriegt und fähige Leute auf Abruf an der Hand hat, weil er bei jeder Auftragsvergabe die Finger bis zu einer gewissen Größenordnung im Spiel hat. Nanas Mann hingegen nimmt Kairo auf dem Markt überhaupt nicht wahr oder höchstens als Niemand. Dass seine Frau ihn seit fünf Jahren fortgesetzt mit Kairo betrügt, könnte er sich beim besten Willen auch dann nicht vorstellen, wenn er es wüsste. Der Schwager hat sich auch immer gut mit Kairos Bruder verstanden und Kairo nach dem Unfall erstmal geholfen, die brüderliche Werkbank und das Spezialwerkzeug in den letzten freien Winkel im Anbau von Kairos Elternhaus unterzubringen.

Es wird nichts weggeschmissen. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Kairo wittert Vorbehalte, deshalb drischt er dem Schwager rasch das eine und das andere um die Ohren. Kairo gibt erst Ruhe, als er den Exmann der Schwester wieder an seinem angestammten Platz weiß, dicht genug bei der Bittstellerei. Weit vor dem zu weit aufgerissenen Maul ist bereits Schluss mit lustig. Die Schwester war eine Partie über den Verhältnissen des selten Aufmüpfigen mit seinen sauber versteckten Anwürfen. Er vernimmt Kairos zurechtweisende Botschaften und gedenkt seiner Kredite und was aus ihm werden soll, falls die Tochter ihm böswillig entfremdet, wenn nicht sogar seelisch entführt werden würde. Und so ist auch sein Ford mit der Anhängerkupplung eine Leihgabe für vorübergehend und – von ihm aus – bis auf Weiteres.

Bis auf Weiteres kann morgen vorbei sein. Fällig ist noch das ein oder andere. Am Ende könnte dem Schwager kein Hemd mehr gehören als sein Eigentum.

„Wollen wir den Hänger noch schnell anhängen?“ fragt er so wie ein Hund ängstlich auf seinem Arsch ausrutscht.

„Ich weiß noch gar nicht“, antwortet Kairo ungefähr. Mehr Auskunft hat der Schwager mit seinem fragwürdigen Verwandtenstatus nicht verdient. Den muss man nicht auf dem Laufenden halten. Es reicht, dass er springt, wie er soll. Dein Scheißholz kannst du alleine abfahren und gewaltig zu viel zahlen bei der irgendwie doch sehr sexy beleibten Migrationsmüllverbrennungsfrau, verkneift sich Kairo zu sagen. Das kann doch kein Zufall sein, dass alle Express verschieden sind, die ihm die Leviten lesen konnten. Zum spaßigen Abschied nimmt eine Hand von Kairo Kontakt mit dem Kehlkopf des Schwagers auf. Nur eine Andeutung von Gewalt steckt in der Gong-fu-Bewegung. Um einen Mann mit bloßer Hand zu töten, braucht es viel weniger Kraft als vielmehr Entschlossenheit, wie Kairo zuletzt vernommen hat in einem Tatort des österreichischen Fernsehens. Kaum war er gewillt gewesen, die für das Altreichpublikum stark gemilderte Sprechweise der Bergdeutschen auszuhalten, so sehr gegen den Strich bis zur vollkommen abriegelnden Verdrießlichkeit geht ihm die postmortal-Habsburger Humbug.

Eine sitzt auf dem Gästeklo. So viel steht fest, als Kairo das Haus betritt, dass auf seinen Namen ihm überschrieben wurde. Die Spülung rauscht leiser als der Fernseher. Kairo hört was Politisches und weiß deshalb, dass Bella auf dem Klo ist, weil sie anderenfalls längst weitergeschaltet hätte. Sie kommt aus dem Verschlag gleich neben der Haustür mit ihrem gesprungenen Milchglaseinsatz. Bella hat ihn ja auch gehört, die Hände sich noch ein bisschen nass. Sie streifen das Hauskleid von einer Schneiderin nach eigenem Entwurf. Weder gestern Abend noch heute Morgen ist Bella auf ihre Kosten gekommen, heute Morgen schon mal gar nicht, wie denn auch, wo ihre Söhne doch wieder. Vielleicht, wenn er an Nana denkt, so wie er einst an Bella gedacht, wenn er mit Imke. In halbanonymisierten Szenen. Warum ist das alles so kompliziert? Seit Bella als Altmündel im Haus ist, funktioniert ihre Anreizfunktion mit an sich lebenslanger Garantie nicht mehr richtig. Immer häufiger ist Kairo Imke lieber, weil ein Unbehagen aus Ungenügen bei ihr gemütlich im Unwahrscheinlichen liegt. Sie mag zuzeiten Dinge zurechtrücken und ihn vorübergehend kleiner erscheinen lassen als meistens, aber das schmälert Kairo nicht über Gebühr. Bella verschenkt keine Bonbons an laue Brüder. Nein, Bella besteht aus Forderungen und kloßklarem Anspruchsdenken, bei allen Abstrichen. An guten Tagen geht Kairo als Retter in der Not durch, an schlechten ist sie mit ihm beim Fallobst gelandet. Was, wenn sie sich noch mal anderweitig verheiratet, vielleicht mit einem südhessischen Global Player? Oder mit so einem korpulenten Bremer Pfeffersack? Zumal das Trauerjahr schon seit einem Jahr und vier Wochen abgelaufen ist und die Verhältnisse in Kairos ansatzweise bigamistischen Haushalt doch bedenklich dicht an Sodom und Gomorra gerückt sind. Mit einem verkehrten Weltbild für die halbwüchsigen Söhne als Zwangsläufigkeit. Aus vielen Gründen ist das kein gesunder Zustand auf Dauer. In manchen Stunden kann Kairo es kaum erwarten, dass er wieder allein mit der Gattin, den Garagen und Seitensprüngen sowie Mirkos profitabler Freundschaft vor sich hin wurstelt. Er berührt Bella auf der Treppe. Lächelnd erfasst sie die Absicht eines diskreten Schäferstündchens. Sie öffnet ihre Wohnungstür im ersten Stock. Elegant erscheint sie sich, aber durchaus nicht elaboriert. Zweifellos ist sie das Kostbarste in diesem Haus.

Imke wimmert den Elefanten für Dreijährige auf ihrem Lieblingskissen an. Wenn Kairo Bella, dann aber auch sie im Zuge ausgleichender Gerechtigkeit. Imke und er hatten schon weniger Sex als seitdem Bella bei ihnen wohnt. Imkes praktische Kurzhaarfrisur passt zu den spitzen Brüsten. Diese Einsicht gibt Kairo zu denken. Immer wieder erstaunt Kairo, wie kompakt seine Frau im Leben steht. Es passt alles. Armlang war der Zopf, den Imke zur Zierde auf der Wehlheider Kirmes vor einem Vierteljahrhundert auf ihrem Rücken trug.   

„Dich kenn ich“, sagte sie auf dem Gipfel ihrer Verwegenheit. Das wunderte Kairo nicht. Sein Name stand oft genug in der Zeitung mit Bild. Sein Zenit stand in den Sternen zum Greifen nah die nächste Olympiade mit ihm als Teilnehmer. Seine Statur ragte obelisk auf. In jenem Jahr fand der August im Regen statt. Nass bis kurz vor Unterkühlung endeten Imke und Kairo vorläufig in der alten „Löwengrube“ an der Kohlenstraße. Imke bestand darauf, einen auszugeben. Sie war so weit aus sich herausgegangen, dass sie fürchtete, für eine Rückkehr die Kraft nicht mehr aufzubringen. Von ihrem Schneckenhaus getrennt, konnte sie auf jeden Fall genauso gut. Kairo sah sich um, aber da war niemand außer den unwirsch schnuddeligen Wehlheider Greisen. Der Friedhof lag gleich neben der Löwengrube, das mochte manch einer praktisch finden. Imke und Kairo gingen zu ihm. Er wohnte um die Ecke so nah zwischen der Metzgerei Schreiber und einer Kneipe namens „Pferdehalfter“. Imke zog sich aus, um aus den triefenden Klamotten zu kommen. Sie bibberte ein bisschen. Kairo folgte ihr unter die Dusche, das Wasser heiß bis zum geht nicht mehr und dann immer noch kalt von innen wie nach einer Schlittenpartie gemeinsam im Januar ins Bett, das vor zwei Monaten zuletzt bezogen worden war. Kippen und Brandflecken auf den ungehobelt freigelegten Dielen. Nackt die Birnen an ihren Drähten.

„Dass ein Weltklassemann raucht“, wunderte sich Imke, um kein Wort über den Zustand der Bude zu verlieren.

Nun war man schon mal und lag also was sollte der Geiz und Imke wollte es sogar sehr. Sie räkelte sich unter dem Gatten im legitimen Ehebett. Er war ihr Hauptgewinn. Und wieder kam sie ganz einfach, auch so wirkte sich Bella im Haus aus, wie ein Fluidum und mehr noch wie ein freundlicher Hausgeist und erotischer Hochofen, der Orgasmen verschenkte. Die Eifersucht stand auf einem anderen Blatt.