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2026-07-09 15:44:39, Jamal

Turning Danger into Performance – Bratwurst mit Erdbeergeschmack

Tante und Neffe kehren dynastisch im Eisensteiner Stier ein. Man isst da nicht schlecht. Das Rotkraut auf der Karte kommt als Wirsing auf den Teller, aber sonst. Der in Rosinenmulch geselchte Sauerbraten vollendet sich an geraspeltem Sellerie und pochiertem Löwenzahn. Der Koch löscht sich selbst mit Rotwein ab. Er bietet Bratwurst mit Erdbeergeschmack zum Nachtisch an.

Die Leidenschaft sammelt Kräfte. Atlanta Gerster lacht ihrem Neffen Alwin Gerster ihre Zähne ins Gesicht, die beiden speicheln sich ein.  

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Wer mit wem schläft, ist dem Erlöser egal, denkt Peridot. Zehn Mal hat die thailändische Christin im Reich der Sinne und zwölf Mal 9½ Wochen gesehen. Sexuell existiert sie in einem visuellen Echoraum. Peridot surft Reizwellen ab. Sie braucht einen Mann für gewisse Stunden und nimmt dafür den Paten von Hainweiler. Ab und zu nennt sie ihn mein Gott. Sie begnügt sich mit flotten Formulierungen zum Beweis ihrer Artikulationsfitness. Luciano Montana ignoriert den Aufwand. Das lebhaft wirkende Präparat einer Wildkatze auf dem Katheder im Antichambre, die geräumige Abgeschiedenheit des Dachgeschosses, der Cheruskerhammer im Holzdruck, von dem Peridot behauptet, er sei ein siamesisches Zeichen für Weisheit: nichts davon interessiert Luciano.

Er war zehn, als ihn ein hartes Los zum Ernährer der Familie bestimmte. Er besprach sich mit der Großmutter, die noch nicht Vierzig war und keine Gelegenheit bekommen hatte, im Daseinsverdruss zu verblühen. Im Grunde ihres Herzens war sie die übertrieben starke Braut geblieben, die einem zurückhaltenden Jungen anvertraut worden war. Der Junge hatte bis zu seinem unnatürlichen Tod keinen Eifer, aber einen tiefen Ernst gezeigt. Die Großmutter riet Luciano, seine Familie als Scherenschleifer zu ernähren. Doch sah ihn nie jemand etwas anderes abziehen als sein Rasiermesser.

Die Familie wohnte über dem Chemiemonsun einer Wäscherei. In ihrem Viertel verlängerte die ‘Ndrangheta im Verein mit der Armut Traditionslinien. In einem Regime gelockerter Leibeigenschaft bestimmten Verbrecher Lebensläufe.

Seit dem Tod von Lucianos Mutter frühstückte die Witwe einen Vecchio Amaro del Capo und hielt auch ihren ältesten Enkel dazu an. Er war die Stütze ihres Alters und nach ihr die wichtigste Person im Haus. Nachmittags trainierte sie mit Hanteln, sie drückte einhundertzwanzig Kilo auf der Bank und nur deshalb nicht mehr, weil sie einhundertzwanzig Kilo genug fand. Abends schickte sie Luciano auf die Straße, wo er Touristen und anderes Gesocks mit einer Polaroid Kamera fotografierte und für die Abzüge einen fairen Preis verlangte. Das Geschäft lief gut, die Plötzlichkeit der Resultate wirkte magisch auf die von Air & Flair Süditaliens benommenen Urlauber. Luciano vergrößerte sein Revier. Endlich klapperte er wie ein Scherenschleifer die Costa degli Dei (Küste der Götter) ab. Die Westküste Kalabriens erhebt sich über dem thyrrenischen Meer. Etrusker, Griechen, Römer, Vandalen, Normannen, Genueser, Spanier und Franzosen waren Luciano vorausgegangen. Er kam nach Gioia Tauro, bekannt für seinen Containerhafen. Viel kolumbianisches Koks erreicht da Europa. Die Importeure tarnen sich als Olivenölmagnaten. Man warf ein Auge auf den jungen Mann, dessen anstelliges Wesen nach Verwendung schrie.

Die Arbeit als Fotograf lehrte Luciano das Handwerk des Regisseurs. Er inszenierte Szenen lebhafter Freude und stellte einmalige Augenblicke. Er förderte das Suggestive. Mochten die Leute verkatert oder übermüdet sein, auf seinen Fotos sahen sie gut aus. Luciano begriff, dass er sie in Sekunden neu erschuf. Er war ein Verführer von Männern und Frauen, die ihm nichts bedeuteten. Er verachtete sie. Ihre Leichtgläubigkeit fand er lächerlich. Er legte ihnen Gesten nah, sie hielten Gläser so wie er es von ihnen verlangte, nicht so hoch, mehr nach rechts, die Kerze muss in die Mitte, jetzt bitte nicht mehr bewegen. Für seine Kunden war Luciano ein Erzeuger von Gegenwart. Ein Capo nahm ihn mit nach Tropea. Vierzig Meter über dem Meer sitzt die Siedlung auf einem Felsen. Man sieht Stromboli … Luciano verwandelte wieder Leute in Bilder. Die Kamera provozierte Posen, sie ließ ihre Objekte gestisch und mimisch verarmen. Am besten gefielen Luciano jene, die sich nicht bewegen ließen, die in ihrer Gleichgültigkeit die Kraft für eigensinniges Verhalten entdeckten. Sie nahmen sich die Platte mit den Schwertfischresten vor, schlenkerten eine Nudel zum Mund und schenkten sich nach, während ihre Angehörigen und Freunde auf den Strandräuber hereinfielen.

Auf dem Nährboden solcher Erinnerungen gedeiht nichts mehr. Luciano ist sechzig und fühlt sich wie ein Rollmops mit Rheuma. Es ist lange her, dass er als Picciotto tat, was von ihm verlangt wurde – nie, ohne vorher seine Großmutter zu konsultieren, die ihm zu allem riet, was Aufstieg versprach. Schließlich schickte man Luciano nach Deutschland, wo er und seine Leute in Hainweiler einen Rückzugsraum für gefährdete Familienmitglieder schufen. Der Großmutter unterstehen immer noch die Kassen. Nur das Training hat sie aufgegeben. Von Luciano verlangt die Matriarchin, dass er seine Schwestern wie Brüder behandelt.

Familienleben in der Gaststätte. Jumbo hat ständig eine Hand in der Hose, als würde ihm da sonst was fehlen. Der älteste noch im Elternhaus lebende Sohn des Kalabresen will bestimmt nicht unmanierlich erscheinen. Seine Posen sind ihm nicht bewusst. Kolossal steht er im Zentrum großfamiliärer Obhut, wie ein Mastochse angepflockt vor einem Nahrungsüberangebot. Die Fülle erschöpft Jumbo. Sie nötigt ihn zu titanischen Verzehrraten. Jeder abgetragene Hügel gibt den Blick frei auf den nächsten. Der Einkaufsmaßstab seiner Eltern ist die Palette.

Jumbo ist nicht nur fett und faul, er ist auch ungebildet und eingebildet. Man hat ihn bis zur Formlosigkeit verwöhnt und seiner Eigenständigkeit beraubt. Er verschluckt Laute, so dass die Leute raten müssen, was er in seiner milden Gleichgültigkeit gesagt haben könnte, bevor er es selbst vergisst. Die Hand am Sack wird tätig, während die andere zum Popeldienst eilt. Nora stört das im Augenblick nicht. Raiks älteste Tochter trägt ein Kleid, dass so sitzt, dass sie darin nicht sitzen kann. Das Stehkleid lieferte mehr als einer Familie die Schlagzeile des Tagesgesprächs.

Jumbo überhört Noras Interesse an seiner Person. Er fährt lieber zur Casa della Chiocciola (Schneckenhaus), als sich den Belastungen eines festen Engagements mit wöchentlich wiederkehrenden Verpflichtungen auszusetzen. Jumbo spürt Suchtdruck. Er braucht einen Schuss TV. Nicht, dass Sendungen im Nachmittagsprogramm ihn von Langeweile befreien könnten. Er ruft seinen jüngsten Bruder, weil er zu faul ist, selbst nach der Fernbedienung zu angeln. Lucas Hilfsbereitschaft tarnt Neugier. Er peilt die Lage mit einem Blick, der Nora die Knochen poliert.