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2026-07-09 16:35:04, Jamal

Hanna - Die Geschichte einer verpassten Beziehung

Ich habe Hanna eine Finanzspritze unter der Hand versprochen. Noch nicht einmal ihr Mann soll davon erfahren. Hanna spielte die Hauptrolle in einem Kurzfilm meines Lebens. Uns verbinden ein paar Frankfurter und Offenbacher Diskonächte vor langer Zeit. Hanna suggeriert mir unterschwellig ihre Bereitschaft zur Wiederaufnahme der intimen Beziehung. Meine Ablehnung der Angebote ist nicht immer gleich überzeugend. Es steckt ein Stachel des Begehrens in meinem Fleisch, auch da, wo Instinkt, Vernunft und Moral mir einvernehmlich Einhalt gebieten. Zu meiner unternehmerischen Kernkompetenz rechne ich den kühlen Kopf gegenüber verführerischen Arbeiterinnen.

Ich hole die vereinbarte Summe aus dem Tresor. Fünftausend Euro. Das gute Gefühl, Geld in der Hand zu halten, durchkreuzt ein Auftritt meines Bruders. Er schwebt auf einer Medikamentenwolke und hält nur förmlich inne auf dem Weg zu unserem Akquise-Genie Selim Laurent. Ich lasse die Gelegenheit für eine kritische Bemerkung zu seiner Krawatte verstreichen. Vermutlich käme sie eh nicht an.

Auf dem Weg zu Hanna stelle ich mir vor, wie es wäre, in meinem Kaff so zu stranden wie Sean Penn als Bobby Cooper in „U-Turn“. Du kommst als Fremder in eine Kleinstadt und da findet jeder einen Grund, dir sein ausgelutschtes Misstrauen zu präsentieren, dich an einer Knarre schnuppern zu lassen und dir zumindest die Zeit zu stehlen. Zum Schluss drehst du am Rad und vermutest hinter jeder Ecke ein Übel in Hexengestalt. Werrramühl ist bestimmt keine touristische Offenbarung. „Idyllisch herb“ trifft es. Ich weiß nicht mehr, wo ich die Beschreibung aufgeschnappt habe, aber sie passt zu einem flüchtigen Blick im Vorübergehen. Werrramühl hat ein paar Pensionen für den Urlauber ohne besonderen Anspruch. Urlaub in der Heimat als Alternative zu Ferien auf dem Balkon.

Man schickt den Genügsamen in seiner Mehrzahl zu bröckelnden Resten einer Mauer, die an der nördlichen Stadtgrenze einst einen Geländesporn befriedete. Vor dreitausend Jahren könnte die Spornspitze Tag und Nacht bemannt gewesen sein. In einem Schacht an der Mauer fand man Knochen und Flintspitzen. Die kultischen Funktionen der Anlage wiederholen sich in der Gegend auf Landschaftshochpunkten. In der Eisenzeit verschanzte man sich auf dem Ochsenkopf in einem Ringwall. Ein landschaftsbeherrschend hochliegender Quellhorizont bestimmte die Platzwahl. Der Horizont wurde bis ins Mittelalter als Standort nicht aufgegeben. Eine von Muschelkalk überdachte Basalt- und Tuffsteinformation gibt dem Areal seinen Charakter. Das trutzige Relief bietet sich als Fotomotiv an. An einer anderen Stelle hätte es gewiss magnetische Wirkung auf ein großes Publikum.

Mich interessiert Geschichte mehr als Psychologie. Geschichte erschließt sich mir in Betrachtungen von Torbögen, Aquädukten und Obelisken. Küchenphilosophischer Tiefgang turnt mich ab. Romane sprechen mich nicht an. Die meisten Bücher, die zu lesen ich vermieden habe, wirkten auf mich wie Maulwurfhügel im Vergleich mit dem Kino als einem Himalaya der Information und Unterhaltung. Ich glaube, dass in jeder gelungenen Unterhaltung ein starker Vermittlungswille steckt. Autoren sind zu egomanisch, um sich in Kollaborationen zu verbessern. Mich interessieren Industrien mit der Potenz, Einzelleistungen zu bündeln und das Vermögen kleiner Genies in einen Topf zu werfen. Motown, Holly- und Bollywood schaffen in meinen Augen gigantische Projektionsgebiete menschlicher Sehnsüchte. Die Starkultur liefert magische Erscheinungen in 3D, die wiederum magische Erscheinungen in viel mehr Dimensionen auslöst. Das setzt fort und ruft an, was von Märchen und Mythen in Cinderella und Sandalenwestern übriggeblieben ist. Für mich verlängert Hollywood den Himmel der Antike. Mir gefällt die Vorstellung, dass es da unterirdische Abteilungen gibt, die nur damit beschäftigt sind, das kollektive Unbewusste auszuforschen und die Essenzen der in Jahrtausenden nicht widerrufenen Hauptthemen der Menschheit auszuschlachten.

Ich sehe einen Langzeitarbeitslosen, der es auch mal im Kasten (die Fabrik im Familienmund) versucht hat. Untüchtige seines Schlages setzen ihre Arbeitskraft mit ihrem menschlichen Wert gleich und müssen deshalb gegen ihre Geringwertigkeit ständig ankämpfen. Der Kampf verlangt alles von ihnen. Sie suchen einen Ausgleich in merkwürdigen Vergleichen und Behauptungen, die anderen skurril vorkommen. Lange war die Bahnhofsgaststätte „Zur Drehscheibe“ ihr Treffpunkt. Da gingen Tagelöhner Saisonarbeitsverhältnisse mit Bauern ein. Das Kneipendekor dient nun der Galerie Gerster als Kulisse.

Ich gebe das Geld zur Begrüßung ab und verschaffe mir so ein Albi mir selbst gegenüber. Hanna umarmt mich selig. Sie wohnt mit Tochter Anahit, Hund Leo und Gatte Clemens zur Miete in einer Bausünde an der Bahnhofsstraße. Die Familie ist in Werrramühl so aufgeschlagen, als wäre in Berlin kein Platz mehr gewesen. Sie hat nichts mitgebracht, was vor Ort zählt. Hanna fühlt sich trotz entzündeter Existenzzahnhälse großstädtisch überlegen. Das fasziniert mich. Die Dreißigjährige ist an einer Karriere als Ballerina vorbeigeschrammt. Der Körper verweigerte die Tortur. Seine Waffe war der Schmerz. Er zwang Hanna zur Aufgabe.

Hanna gehört episodisch zu meiner Vergangenheit, wie gesagt, uns verbinden ein paar Diskonächte. Sie erzählt in Passagen, die wie gemalte Erfahrungsberichte in einem Klassenzimmer aneinandergereiht sind. Mal geht sie total in die Genauigkeit, dann mischt sie wieder den Senf zusammengetragener Kümmernisse ins Allgemeine.

Hanna wirkt auf eine aparte Weise strapaziert. Die Gebärden der Sorge gleichen sich überall. Armut stellt sich aber in der Stadt anders dar als auf dem Land. Während der insolvente Städter die Hände in den Schoss legt, der Vorsorge entsagt und zum maulenden Zaungast wird, bleibt die rurale Dürftigkeit tätig. Sie bewirtschaftet einen Streifen, der seit Generationen in Familienbesitz ist. Sie erntet einen Beerensaum. Sie befreit einen herrenlosen Obstbaum von seiner Last. Sie erkennt ihren Vorteil an einem Feldrand. Sie existiert im Eigentum. In meiner Gegend wohnt keiner zur Miete, mit dem man spricht. Wer ein Recht auf Ansehen hat, hat auch ein Haus und sei es noch so zugeneigt der Erde. Die Armen stellen Fallen im Kaufunger Forst, um zu ihrem Braten zu kommen. Sie stehen in geheimen Schnapsverbindungen zu den evangelischen Schüttlern im Flüchtlingssumpf. Am Klingenbach siedeln illegal brennende Waldbauern – hessische Moonshiner. Auch in ihrer Kolonie brummt das Fortpflanzungsbusiness. Das bürgerliche Werramühl sieht darüber hinweg, solange die Geächteten unter sich bleiben und lediglich mit unseren Prekären Ringelpiez im hohen Gras spielen.