An der Liebesleine
Vor dem Haus meiner Eltern macht sich der Nebel vom Acker. Ein Weg streift die Fläche, er gehört zu einer Kindheitsroute. Die Autobahn liefert seit Jahrzehnten ein konstantes Geräusch. Die Hecken der Vorgärten haben Stufenschnitte. Meine Mutter macht sich ihren Roibuschtee. Sie ergänzt mich und schließt meine Lücken.
Wir spielen Tischtennis im Hobbykeller. Meine Mutter spielt nach Gehör. Sie zieht mich zackig ab, schmettert mit Vergnügen. In ihrer Jugend war sie zweimal Südwestdeutsche Meisterin. Die schwäbische Mundart kommuniziert klandestin mit dem Kasseler Zungenschlag. Zum Spaß verfalle ich in das niederhessische Platt. Meine zugezogene Mutter ist irritiert und weiß nicht warum.
Am späten Nachmittag kreuzt Christiane auf, lobt den Käsekuchen und besteht auf einen Spaziergang am Wahlebach, der so breit wie der Amazonas einst war. Hier hat ein Freund meines Vaters vor dreißig Jahren gebaut. Eine Erinnerung an die Zweiraumwohnung, die der Bauherr mit seiner Frau und einem Sohn zuvor am Seidenen Strümpfchen bewohnte – der Junge war älter, jahrelang trug ich seine Karnevalssachen auf und gab einmal den perfekten Winnetou. Winnetou hieß mit bürgerlichem Namen Pierre Brice. Eine Weile verwechselte ich Johnny Weißmüller mit Lex Parker, Tarzan mit Old Shatterhand.
Ein schlenkernder Arm landet auf meiner Schulter. Love is in the air. Wir lieben uns seit dreißig Jahren, wenn es passt. Wir lagen schon in meinem Kinderzimmerbett, im Ehebett meiner Eltern, im Witwerbett ihres Vaters und auf ihrer Protestmatratze. Die betrüblichen und doch stinknormalen Verhältnisse ihrer Kindheit und Jugend waren wenig einladend, aber es gab Nutella und eine große Freiheit. Christines Berufskraftfahrervater verbrachte viel Zeit bei seiner Freundin. Sie kursierte als „die Bekannte meines Vaters“ im Gespräch. Jetzt erst fällt mir ein, dass ich nie versucht habe herauszufinden, ob Christine sich an der Beziehung stieß. Das war kein Thema. Christine redete vor allem über den Mann, mit dem sie gerade liiert war. Ich firmierte unter ferner liefen oder eher noch, außer Konkurrenz, war aber privilegiert als Vertrauter und gar nicht so selten auch als versierter Lückenbüßer. Ich saß hinter ihr auf ihrem Moped, während sie normalerweise auf dem Beifahrersitz neben ihrem Freund saß. Damals gab mir das nicht zu denken. Wir waren in einem Jahrgang und erlebten unsere Verbindung als etwas erfreulich Unvermeidliches. Bei Klassenausflügen und beim Sondersportprogramm für Leistungswilligen auf der Hessenkampfbahn bildeten wir automatisch ein Bollwerk gegen Störungen. Wir trainierten zusammen, dehnten uns gegenseitig, stoppten unsere Zeiten, sicherten unsere Weiten und taten das alles mit einem erotischen Surplus des gegenseitigen Wohlgefallens. Ich hätte jederzeit in Christines Spikes wichsen können, so perfekt fand ich sie, ohne indes in den Labyrinthen des unglücklichen Verliebtseins trauern zu müssen. Es war ein Liebessomnambulismus, der es mir erlaubte, Christine mit ihren richtigen Freunden selbstverständlich hier und da zu treffen, um ihr bei der nächsten Gelegenheit wieder etwas Exklusives abzuluchsen. Sie stand nicht auf Typen, die sich mitnehmen und einladen ließen. Das protestantische Arbeitsethos steckte ihr in den Knochen. Bei mir machte sie eine Ausnahme, ohne es zu realisieren. Das war ihr Liebessomnambulismus. Sie brachte mir jederzeit eine Cola mit oder holte eben nicht nur für sich eine Mettbrötchen oder eine Bratwurst, wenn wir unterwegs waren. Mit jedem anderen „platonischen Freund“ (so nannte man das allgemein und es passte schon deshalb nicht, weil wir ja Sex miteinander hatten) hätte sie abgerechnet. Von ihrem richtigen Freund erwartete sie, dass er zahlte.
Das war schon etwas sehr Besonderes mit uns. Heute verstehe ich, was Christine mir zugutehielt – dass ich Jahre Standby existierte, in jeder Minute bereit, einzuspringen, sie zu trösten oder mich mit ihr zu amüsieren. Das war mir zu keiner Stunde bewusst. Ich hielt mich für autonom und lief doch an Christines Liebesleine. Und sie hatte es gewusst.
Die Tagesdecken, Handtücher und abwaschbaren Möbel meiner Jugend sind noch da. Wenn auch nicht unbedingt in Gebrauch. Ist nie was weggeschmissen worden. Christine wählt den Platz neben mir im Wohnzimmer. Mein Vater ist in seiner Vereinssauna, meine Mutter verzieht sich zügig in ihr Nähzimmer. Christine funkelt mich an. Ihr steht der Sinn nach Nostalgiesex. Warum nicht. Ich habe nie aufgehört, Christine sexy zu finden, auch wenn es da eine Sache gab, die mir einen enormen Dämpfer versetzt und mich schließlich in die Unabhängigkeit entlassen hat. Christines ersten richtige Freunde waren im nationalen Rahmen erfolgreiche Leichtathleten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir A., der schon mit siebzehn täglich ein Päckchen Camel Filter verqualmte und im Jugendcafé Weizenbier statt Kakao trank. Trotzdem war er ein paar Jahre der schnellste Kasseler Schüler. Unser Sprintkönig. Mit achtzehn gleich ein großes Auto und stets mit den richtigen Leuten auf Tuchfühlung. Er ist in der Stadt geblieben und hat sich auf dem höchsten Niveau etabliert. Das war die Liga, in der man spielen musste, um bei Christine zu landen. Aber dann hatte sie einen amerikanischen Soldaten, von dem sie sich ihre Freiheit und ihre Freunde verbieten ließ. Einmal durfte ich sie besuchen. Der Mann beäugte uns misstrauisch. Christine bügelte seine Uniform, während sie voller Unbehagen mich davon abhielt, den vertrauten Ton anzuschlagen. Das war dann irgendwann auch vorbei. Danach war es nie mehr ganz so wie in unserer Liebeskeimzeit. Vermutlich kam uns die Entfremdung wie eine Marke des Erwachsenseins vor.