In der Seitensprunggrube
Als angehender Weltmeister schaufelte Kairo Müsli, Obst, Jogurt, Nudeln, Steaks, tafelweise Schokolade und tütenweise Gummibärchen in sich hinein. Die Last der Kalorienaufnahme meisterte sich unmöglich im manierlichen Betrieb. Auch spuckte er weit bis aus dem Fenster gar nicht mal so kleine Brocken. Imke sah Kairo entgleisen. Er rührte sie. Ja, dieser fürchterliche Fresser erlaubte ihr die zartesten Empfindungen, auch noch als er im Knast von Wehlheiden einsaß, weil das Jugendstrafrecht nicht mehr zur Anwendung gebracht werden konnte. Das ist lange her und bleibt doch unvergessen. Sie hat Glück gehabt mit ihrem Mann. Das gehört zum Bestand ihrer Überzeugungen, während sie neben Kairo im Ehebett liegt. Der Gatte macht ein post-koitales Nickerchen. Imke macht dem ein Ende. Sie stupst Kairo an.
„Ich wills Bella nit mehr biuns hon – Ich will Bella nicht mehr bei uns haben“, klagt Imke.
„Dann schmiss das doch russ“, entgegnet Kairo gleichgültig. Im ursprünglichsten Kasselänerisch gibt es grammatisch nur die Geschlechter männlich und sächlich. Er ist zu müde für diese Welt und doch berührt von Imkes Bedürfnis mit ihrem Kopf auf seiner Brust. Mann und Frau in Harmonie. Die Gerüche der Körperflüssigkeiten nicht unangenehm in der Nase. Das Ausgetretene trocknet ein. Bettwäschetechnisch muss einen da nichts mehr bekümmern. Auch das ein dem kollektiven Gedächtnis abhandengekommener Vorteil häuslicher Waschmaschinen.
Er so nie mit einer anderen, selbst mit Nana nicht, als das mit Nana noch Liebe war ohne Frage. Nana, die dann in Sindbads Kommune einzog und alles auf den Kopf stellte, verurteilt von ihrer geharnischten Art. Schneisen der Verwüstung. Kassel war zu klein für Nana, die dominante Mutter zu nah. Trotzdem blieb sie. Das Bier aus der Flasche selbstverständlich, wo doch auch sie aus kleinen Verhältnissen gebürtig. Die kleinen Verhältnisse hatten sie zwar hervorgebracht, nicht aber halten konnten. Die Idee mit den umweltfreundlichen Dämmstoffen war dann einfach zu gut und erst der Anfang. Sindbads schwitzende Vorträge, Aufgaben und Vorschläge. Nein, Sindbad ist nicht blöd. Ein paar Jahre lang war Kairo abgemeldet und weiter nichts als ein vertrauter Gesprächspartner ab und an im Freibad, wo Nana ihre tausend Meter im Sommer täglich in einfarbigen Anzügen. So klassisch wie Grace Kelly auf dem roten Teppich von Monte Karlsberg. Nie schnippisch, stets interessiert. Verhalten im Sinne von zurückhaltend. Bis eine Veränderung eintrat in ihrem Benehmen und der Jäger aufmerkte, als hätte er etwas gehört, das auf ruhig äsendes Wild einen Schuss im Unterholz zulässt. Er hielt sich bedeckt, bis sich eine Spur so deutlich zeigte, dass man sie vom Mond sehen konnte.
„Fabelhaft, wie du deine Form hältst“, war so ein angebrochener Ast im Unterholz. War eine warme Losung. Die Erregung bei einer Hügelgraböffnung, der Blick durch die Zeiten auf jungsteinzeitliche Jenseitsvorstellungen. Die elfenbeinerne Darstellung eines Bibers, die postume Prachtansicht eines dampfend krepierten Keilers: das entsprach dem Sensationsniveau der Selbstverständlichkeiten einer wieder an Kairo interessierten Nana. Sie hetzte ihn nicht mehr im Wiederaufnahmeverfahren, nur brauchte es für ein regelmäßiges Stelldichein eine Umgebung, in der man sich ausstrecken kann. Kairo hält Häuser in seinem Wohlstand, aber nichts frei hatte er leider, als Nana von ihrer Unerreichbarkeit Abschied nahm, mit melancholischen Anklängen, und natürlich erwartete, dass Kairo für ein Liebesnest sorgen würde. „Was soll ich dir von der Ehe erzählen, du bist doch informiert“.
Kairo bat Mirko um eine Seitensprunggrube. Mirko half zur Genüge, einschließlich der Reinigungskraft, die eine Wohnung für „höchste Ansprüche“ auf Vordermann bringt. Das bleibt unbemerkt, es sei denn, die Blumen welken. Manchmal tut Nana so, als würde sie Kairo mit ihrem Weltmann verwechseln. Das ist ein Rollenspiel. Kairo stört ein Schmerz im Knie. Der Schmerz hat sich da häuslich eingerichtet. Der Hausherr spürt der Ruhe im Haus nach, erst einmal ohne sich zu rühren. Später tappt Kairo auf das Schokoladenrevier neben den durchgesehenen Zeitungen zu, er sollte nicht so viel bei seinem erhöhten. Er verweilt im dunklen Wohnzimmer immer noch in den Fängen des Elterlichen. Jeder hätte mit den Altlasten aufgeräumt, Kairo fühlt sich wohl in seinem Museum, und Imke hat auch nie. Mit einer Decke aufs Sofa. Der Schlaf wird Kairo bald finden. Schon als Junge manchmal. Vielleicht kommt morgen die Sonne zum Vorschein. Kairo schaltet das kleine Licht ein. Ursprünglich war das kleine Licht eine Lampe für die Maschen aufnehmende Mutter, während der Vater angeödet zum Fernseher hinsah. Kairo greift nach der Schwarte seines Vertrauens. Über den Umweg einer Darstellung karolinischer Forstpolitik ist er zu einem soliden Hinweis auf die Waldauer Frühgeschichte gelangt. Die Quelle weist den sächsischen Edlen Amalung als Besitzer eines sogenannten Bifangs bei Waldesbecchi aus. Offenbar war Amalung als Gefolgsmann des fränkischen Königs während der Sachsenkriege zunächst nach Wolfsanger emigriert, bevor er, seinem Rang entsprechend und in Vermeidung von Konflikten, seinen eigenen Raum beanspruchte. „Er rodete den Wald jenseits der Fulda“, heißt es. Waldau wäre demnach eine sächsische Gründung, in einem Gebiet, das Katten prägten, bevor sie im ostfränkischen Reich zumindest politisch aufgingen.
Amalung vererbte den Grund bei Waldesbecchi an seinen Sohn Bennit, nach dem Benterode so heißt. Karl der Große bestätigte ihm 811 den Besitz. Bennit hatte sich als Bedrängter an den Kaiser gewandt, da königliche Boten schon drauf und dran gewesen waren, Waldisbecchi dem königlichen Eigen zuzuschlagen. Kairo führt sich das nochmals zum Mitschreiben vor Augen: Nach fränkischem Recht erwarb ein sächsischer Graf einen Flecken im Kernland der Katten. So kam Waldau in der Welt zu einem Namen. Schon damals war der angrenzende Kaufunger Wald Reichsforst. Um das Jahr Tausend gehörte das Gebiet der Abtei Hersfeld. Das Ahnaberger Kloster hatte später Grundbesitz im Ort. Dieser Augustinerchorfrauenstift war 1148 von der Landgräfin Hedwig von Thüringen ins Leben gerufen worden. Politisch betrachtet äußerte sich darin eine Abwehr der Interessen des Mainzer Erzbistums an Niederhessen. Das ältere Kloster Weißenstein stand Mainz zu. In seiner Gründungsära waren regionale Adlige, so wie die von Schauenburgs, Schirmvogte des Klosters, das übrigens nicht nach einer einzelnen Erhebung benannt ist. Weißenstein ist vielmehr ein Landschaftsbegriff, der den Weinberg und den Lindenberg einschließt.