Eine Witwe in geordneten Verhältnissen
Ich lasse mich garantiert nicht noch mal scheiden. Mein dritter Ehemann sieht seinem sechzigsten Geburtstag entgegen. In absehbarer Zeit wird er eine Witwe in sehr geordneten Verhältnissen zurückgelassen haben. Auch dafür bin ich Christian dankbar. Das Jubiläum werden wir so begehen wie jeden Geburtstag, seit meine Tochter Selma ausgezogen ist und wir ihr nichts mehr vormachen müssen. Erst essen wir bei Tanja & Texas. Dann betrinken wir uns auf der Couch und schauen uns Schlafzimmerfilmchen an, die Christian vorsorglich schon vor zwanzig Jahren gedreht hat – nicht immer nur mit sich selbst in der anderen Hauptrolle. Schließlich haben wir Sex. Inzwischen allerdings nur noch so etwas Ähnliches.
Wir gehen nur noch zu Tanja & Texas. Sie bewirtschaftet die nächste Eckekneipe im Trattoria-Stil. Die Gaststube erinnert Christian an Gastarbeiterkantinen in den 1960er Jahre. Da war ich in noch nicht geboren. Ich freue mich aber für meinen Mann, dass sich seine Erinnerungen mit Gegenständen der Gegenwart ausstatten lassen. Er kommt zu Tanja und findet eine Spur seiner Jugend. Mal führt sie auf einen Bahnhof, hinein in einen sonntäglichen Auflauf von Portugiesen oder Italienern ... ein Krähenkonvent auf der Rennbahn des Assoziativen. Ein anderes Mal geraten wir in die Versammlungsstätte eines spanischen Kulturvereins. Vor der Tür schlägt Novemberkälte alles zusammen, aber in dem Raum, mit seinem Kohleofen, wird Francos Tod bejubelt. Christian ist mittlerweile fünfundzwanzig, mich gibt es immer noch nicht. Der junge Mann nimmt die Gesichter der Männer in sich auf. Sie erscheinen ihm so eindrucksvoll wie ein Gemälde von Delacroix. Nach wilder Fahrt lässt Christian Goya mit Delacroix kollidieren und das spanische Jahr 1936, die Legion Condor und Martha Gellhorn sonst wo ankommen. Und dann ist in diesem Zusammenhang noch von Bedeutung, was Picasso zu dem deutschen Offizier über Guernica gesagt – und wie sich das mit Hemingway und F. Scott Fitzgerald viel früher in Paris tatsächlich verhalten hat. Ich kann Christian immer folgen, selbst wenn er sich komplett verheddert und seine Alltagsvergesslichkeit den Horizont seiner Vergangenheitsgenauigkeit und seiner literarischen Bildung zu verdunkeln droht. Das gehört zu unserer Liebe: dieses mäandernde Erzählen. Es ist an die Stelle von so vielem getreten. Natürlich wiederholen wir uns, er beim Erzählen, ich beim Zuhören, aber das tun wir gern. Wir entscheiden uns auch immer für denselben Tisch. An sich ist der Tisch dem Personal vorbehalten. Er steht vor den Klos, und wenn Christian mit dem Rücken zum Publikum sitzt, sieht keiner, es sei denn, er legt es darauf an, wie ungeschickt mein Mann isst. Christian bestellt auch immer Lammkotelett. Zum ersten Mal hat er Lammkoteletts in London gegessen, bevor er zu einem Konzert der „Blues Incorporated“ ging. Bandleader Alexis Korner war am Ende so freundlich, sich mit dem deutschen Fan auf Deutsch zu unterhalten. Auf Englisch wäre fließend möglich gewesen. Natürlich stand dem Vierzehnjährigen nicht all das zur Verfügung, was der Neunundfünfzigjährige ihm anvertraut. Aber was macht das? Christian verlegt Schlüssel und vergisst Verabredungen. Viele unserer Bekannten und sämtliche ständigen Fernsehnasen sind für ihn bloß noch Dings-das. Er war schon schusselig, als wir heirateten. In den zehn Jahren unserer Ehe ist nichts besser geworden.
Wir kriegen immer noch Einladungen. Für Christian kommen sie nicht mehr in Betracht. Ihm innig oder exzessiv verbundene Mitarbeiterinnen vergangener Tage erscheinen ihm wie Leute, denen man mal flüchtig begegnet ist. Wie oft saß ich dabei, wenn jemand einen Erfolg meines Mannes beschwor, während Christian bloß ins Glas guckte oder junge Frauen anstierte. Ich habe auch noch ein paar Verehrer, die es gern sähen, wenn ich da und dort ohne Christian auftauchen würde. Darauf lasse ich mich erst wieder ein, wenn das hier vorbei ist.
Am Anfang unserer Ehe habe ich mich manchmal noch umgeguckt, und eher wegen Selma als Christian zuliebe viel zu oft die Füße stillgehalten. Der Seitensprung ist traditionell eine Abendveranstaltung und abends waren mir zuhause meist die Hände gebunden. Christian wurde wahnsinnig vor eifersüchtiger Angst, wenn ich ausgehen wollte, und Selma war immerhin ein anhängliches Kind. Sie stammt aus meiner zweiten Ehe. Er war mein Schönster, ein großartiger Ostmann. Er gab ein Beispiel für Ausgeglichenheit, bis zu dem Tag, an dem die kaum vierundzwanzigjährige Assistentin eines mit uns sehr befreundeten Verlagsleiters ihn außer sich geraten ließ und er unbedingt noch einmal von vorn anfangen wollte. Ich zerbiss mir die Nägel und lag mit Schreikrämpfen auf dem Parkett verschiedener Wohnungen. Seit Robert (zu ihm an anderer Stelle mehr) war ich nicht mehr verlassen worden. Stets war die Einsicht vom Scheitern einer Beziehung mir zuerst geläufig gewesen. Für das, was mir widerfuhr, hatte ich kein Konzept. Es musste auch so gehen. Als ich wieder zu mir kam, nahm Selma meine Hand und begleitete mich in die Traurigkeit. Sie hielt lange vor. Ich hielt sie noch für meinen Zustand, als ich mit Christian schon Jahre verheiratet war. Sie verließ mich sang- und klanglos, ich möchte sagen, eines schönen Tages. Eines schönen Tages war sie weg ohne ein Wort des Abschieds. Ich habe sie dann auch noch eine Weile vermisst.
Ich möchte meinem zweiten Mann keinen ausgedachten Namen geben. Ich folgte ihm nach Berlin, wir lebten am Majakowskiring. Die erste Regierung seines Staates war da zuhause gewesen. Wollte ich mit Selma an die Luft, hatte ich die Wahl zwischen zwei Parks. Unsere Wege ergaben sich zwischen beispielhaftem Bauhaus und Stadtvillen aus der Gründerzeit. Das war schon schön. Ich hatte meine Sache aufgegeben, ... verdiente mehr als genug für seine kleine Familie und mein Ehrgeiz war vom Familienglück verzehrt worden. Aus Solidarität verachtete ich mit ihm den Wandel im Prenzlauer Berg, die schnöde Verwestlichung. Mein Mann war in Köpenick auf die Welt gekommen, wenn er etwas auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann nachgemachtes Berlinisch. Wir fuhren nie nach Mitte, höchstens mal wegen einer Aufführung in einer Nebenstelle des Maxim Gorki-Theaters oder weil er in diesem Einstein da Leute treffen musste, die nicht wussten, wo man hingeht. Wir fuhren durch die Schorfheide oder nach Caputh oder gleich an die Ostsee. (Einmal fanden wir eine tote Teufelskrabbe am Strand. Dass es eine Teufelskrabbe war, wusste ich von einer Abbildung in meinem Kochbuch. Sie sah noch so lebendig aus, dass ich zuerst zurückgeschreckte. Zehn Beine hatte das Tier. Es war noch nicht komplett ausgetrocknet. Deshalb nahmen wir die Krabbe nicht mit. ... wollte keinen verrottenden Leichnam in der Wohnung. Mein Mann hatte zwei Kater, sie gingen nur nachts aus. Ich nehme an, dass sie zu allnächtlichen Katzentreffen auf der Elisabethstraße gingen.) Über Berlin ist so viel geschrieben worden, irgendwann, als mein Glück noch gar nicht lange kaputt und im Eimer war, traf ich Christian auf der Klosterstraße. Er kam aus der „Letzten Instanz“, ich will jetzt nicht folkloristisch werden und von Berliner Kneipen anfangen. Es war noch taghell, ich roch seine Fahne. Das war mir vertraut, denn ich traf Christian wieder. Zu Scotts Zeiten war er ein Geliebter gewesen. Damals lebte ich in Frankfurt und er in Zürich. Zwischen uns lag ein besonderer Röstigraben.