Keine Schlüsselreizoffensive in der Nachspielzeit
Wir liegen auf unserem Ferienwohnungssofa, das wir vor zehn Jahren herbeigeschleppt und gemeinsam zusammengeschustert haben, und schauen uns Schlafzimmerfilmchen an, die du vorsorglich vor zwanzig Jahren am Anfang unserer Ehe gedreht hat – nicht immer nur mit dir selbst in der anderen Hauptrolle. Ich mag die Stimmungen mal mehr und mal weniger. Warum haben wir uns damals nicht genügt?
Eheleben mit einer besonderen Facette – Ja, wir haben Leute in unser Bett gelassen, alles nach unseren Regeln und vollkommen im Eherahmen. Wenn wir fremdgehen, dann gemeinsam.
Ein Touch of Evil der Vergänglichkeit: Wahnsinn, damals sah ich echt noch deutlich besser aus.
Manchmal empfinde ich schieren Stolz, weil ich so verdammt attraktiv war, und dann diese leise Wehmut, die jeder kennt, der sich mit zwanzig Jahren Abstand selbst betrachtet. Ich sehe mich und dich und unsere Gäste, die in immerhin zwei Fällen zu Darstellern wurden. In jedem Fall mit einem trotzigen Einverständnis, das ich als Krisensignal deutete und letztlich überhörte. Das ging uns nichts an.
Wer waren die Männer? Unbekannte, aufgegabelt in einem Club oder einer Kneipe. Freundliche, werktätig-gesunde und gutaussehende Gestalten. Nichts Raues. Nichts Hypertrophes. Von ihrem Glück Überraschte. Gefangene ihrer Unsicherheit. Für mich war es stets am wichtigsten, so schnell wie möglich Fahrt aufzunehmen, um die Energie zu haben, den Gast über die kognitiven Barrieren zu ziehen. Meine Erregung war der Schlüssel zum Gelingen. Unter den Stechern war nie, auch nur aus Versehen, ein Routinier, so ein ausgeschlafener Swinger im Jetzt-komm-ich-Stil. Der mich einfach zur Brust nehmen wollte. Mich wundert die Instinktsicherheit unserer Auswahl. Zur Konkurrenz für dich wurde keiner, auch wenn ich dich zuweilen als eine Art Bademeister des Geschehens wahrgenommen habe. Du warst der Aufgussmeister in der Sauna, ruhig, verträglich, mit verschattetem Interesse. Wir haben uns nie ausgesprochen an dieser Stelle.
Es faszinierte dich, wenn ich für einen Fremden die Beine breitmachte. Das ist eines unserer Geheimnisse: dass ich in Wahrheit dich befriedigt habe, während sich der Mann auf mir freischwamm und seine Befangenheit hinter sich ließ.
Das einvernehmliche Sexfilmgucken fühlt sich in diesen vier leider zu dünnen Wänden an wie das Durchblättern eines Fotoalbums. Zum Glück leben nur alte Leute im Haus. Die nächste Generation scharrt allerdings schon mit den Hufen. So was schnuckelig Eigenes in Ahrenshoop ist der Traum vieler ostalgisch sozialisierter Familien. Sie können das Abnippeln der Altvorderen gerade noch so abwarten, und natürlich verbringen sie schon hier ihre Ferien und verlängerten Wochenenden, jedenfalls überall da, wo die halbgreisen Eigentümer die Wohnungen nicht selbst ständig nutzen.
Ich erinnere Absprachen und nicht einen Moment der Überschreitung. Dein jüngeres Ich gefällt mir immer noch. Die visuellen Beweise unserer post-adoleszenten Attraktivität und Freiheit können mich richtig antörnen. Das Prickeln von damals stellt sich wieder ein. Mich streift eine Erinnerung daran, wie einfach und dann wieder komplex das Drumherum war – das Reden und emotionale Ausbalancieren. In keinem Fall gab es einen Verhaltensunfall und nie eine Wiederholung. Warum nicht? Und warum fällt mir das erst jetzt auf? Wir sind uns wieder und wieder über den Weg gelaufen, ohne dass es je zu einem Nachspiel gekommen wäre.
Sex gehört in unserer Ehe nun zum relevanten Randgeschehen. Doch ist da immer noch Eros. Das, was wir jetzt haben, ist vielleicht sogar die konzentrierteste Form von Eros, die es gibt.
Eros stirbt nicht, nur weil sich die Lebensumstände verengen und die Nachkommen gegen die Tür treten. Er verändert nur seinen Aggregatzustand. Auf diesem Sofa (erstanden in der Rostocker IKEA-Dependance) wird der Eros zur intimen Verschwörung. Nichts schweißt so zusammen wie ein gemeinsames Geheimnis. Wenn ich den Finger eines Fremden vor deinen Augen in den Mund nahm, passierte alles. Es hat dich orgiastisch berauscht, das zu sehen. Ein missionarischer Penetrationsbetrieb reichte im Weiteren. Dein Fetisch ließ mich explosionsartig kommen.
Gegenrede
Yep, ich weiß, wie ihr euch seht. Wir verteidigen uns nach außen, und innen bewahren wir die Glut – das ist euer Mantra. Damals habt ihr die Regeln bestimmt, ihr hattet die sexuelle und emotionale Souveränität, ihr wart die Macher. Und plötzlich, ohne dass es einen lauten Knall gab, stellt ihr fest, dass ihr euch in der Defensive befindet. Ihr verteidigt nur noch euer Territorium gegen die biologische und soziale Übermacht der Nachfolgenden. Das sind wenigstens zwei Generationen, die euch im Nacken sitzen. Der einstige Spielraum – diese unbeschwerte, post-adoleszente Freiheit, in der man einfach Fremde ins Bett einladen konnte – ist weg. Ihr habt euch gegenseitig euren sozialverträglichen Fetisch unterschlagen. Das Unausgesprochene war wie eine unsichtbare Schrift, die eine Geschichte gleichermaßen überliefert und verbirgt.
Hello again, ich bin Marek. Ich war einer von denen, die ihr damals aufgelesen habt. Wir haben uns im Café Wiegand kennengelernt. Ihr wart Gäste in diesem Ost-Paradies und konntet euch auf keine Traditionslinie beziehen. Wustrow, Dierhagen, Zingst, Prerow, Born, Wieck am Darß – die Gemeinschaft der Dörfer, die Ahrenshoop einschließen, kanntet ihr noch nicht.
Eure Wohnung war ein Quartier, das ihr blind gebucht hattet. Ihr wusstet noch nicht, dass lauter berühmte oder wenigstens vormals berühmte DDR-Künstler eure Nachbarn waren. Sind alle gestorben, bis auf ... Ich wusste das natürlich auch alles nicht.
Ich grätsche rüber zur Eisprinzessin
Im ‚Café Wiegand' ist nachmittags um drei kein Platz mehr frei. Ein Belagerungsring schließt die Terrasse ein. Chefin Carmen bewacht den Küchenpass. Die Sächsin ist mit dem adligen Ahrenshooper Waldemar von Tillwitz verheiratet. Waldemar verdankt sich das Ahrenshooper Literaturstipendium, das Marek in mageren Zeiten einst half, über die Runden zu kommen. Das reicht, um an den Leuten vorbei in einen gesperrten Bereich geschleust zu werden. Man könnte die Wirtschaft dahin ausdehnen, müsste dann aber auch andere Bereiche erweitern. Auf einer kleinen, von Fliegengittern eingeschlossenen Veranda sind Elena und Marek nicht die einzigen Privilegierten. Die anderen grüßen betont beiläufig, als müsse eine Peinlichkeit überspielt werden. Elena interessiert der Verhaltensfirlefanz nicht. Sie hat Vorzugsbehandlung gern, auch wenn sie nicht weiß, wie sie zu der Ehre gekommen ist.
Überall türmen sich Sachen. Die Wirtschaft wurde früher in einem viel größeren Stil mit viel mehr Schwung geführt. Damals war Kokosraspelkuchen der Renner. Nach 1990 verschwand er aus dem Angebot.
Jetzt ist er wieder da.
Marek rät Elena davon ab, weil er nicht glaubt, dass ihr Raspelkuchen schmeckt. Kokos ersetzte im realexistierenden Sozialismus großflächig die Mandel. Die Erinnerung an einen Mangel löst vermutlich immer noch Trotz aus. Trotzdem würde ich, huhu, es spricht der allwissende Erzähler, das jetzt gern erzählen. Ich lasse es.
Marek bestellt eine Mandelhonigschnitte, um sie kritisch mit dem Bienenstich seiner Kindheit zu vergleichen. Sein Westgeschmack lässt ihn mosern. Dabei ist Marek so borniert, dass er sich für vorurteilsfrei hält.
Der Nebentisch bricht auf. Elena fängt einen abschätzigen Blick auf. Sie ahnt eine Rüge. Das klassische Ahrenshooper Urlaubspaar tritt anders auf als Elena und Marek. Die Leute hier oben an der See (der baltischen Badewanne) kauen an abgenagten Verhaltensknochen herum.