Düsseldorfer Diaspora
Es gibt immer den einen Mann, den dir als Unterschreitung keiner zutraut. In Ermangelung zutreffender Begriffe verbucht man ihn als Reinfall. In Wahrheit spiegelt er dein prekäres Ich. – Die Versagerin in dir; die du zwar mehr fürchtest als alles andere, aber selten dann doch brauchst, um dir klarzumachen, warum du nicht für einen Nobelpreis in Frage kommst. Mein Reinfall hieß Rico. Er hauste in einer Mansarde, in die Stellwände eingezogen worden waren. Die Kabinen wurden als Zimmer vermietet. Sein Nachbar existierte in einem Zustand melancholischer Erstarrung.
Rico wäre beinah mal jemand gewesen, als Schlagzeuger in der Keimzeit einer Leipziger Band. Der Sachse war von einer Mittelpunktpersönlichkeit zu einer Einpersonenrandgruppe geschrumpft; hängengeblieben in Düsseldorf, erachtete er seine Verhältnisse als diasporisch. Das verstand ich. Ich fand die Rheinländer lächerlich. Ich versuchte mir die Adenauerrepublik zu erklären und den Schulterschluss von Katholizismus, Wiederaufrüstung und atlantischem Bündnis. Das war das bundesrepublikanische Mittelalter. Nach diesem Register war ich ein Kind der Neuzeit. Als wir uns kennenlernten, lag Ricos Zukunft lange hinter ihm. Er war der eine Apfel mit Fäulnisvorgeschmack im prall gefüllten Obstkorb. Das Marode entdeckte ich an Kleinigkeiten. Zum Beispiel, an dem Aufwand, der getrieben werden musste, damit Rico nur wie jeder andere daherkam, also rasiert und gekämmt und nicht immer bloß wie in Klamotten geschlafen. In seiner Gegenwart war ich ständig in Sorge, er könnte aus der Rolle fallen und sich unnötig aufblasen. Er bekam seinen prekären Haushalt nicht hin, zog aber eine Linie von Brecht zu Schwarzenegger. Für sein Leben gern erzählte er, wie lang er früher vögeln konnte. Angeblich hatte er ganze Spielfilme durchgestanden. Ich roch seinen gärenden Atem. Das war kein Appell an meine Begeisterungsfähigkeit.
In der Spätzeit der Rico-Ära passierte mir Christian zum ersten Mal. Es war erst einmal eine Sache im Vorübergehen, die sich merkwürdig hinzog. Christian verliebte sich in mich bis zur Schocksteife. Ich war die Frau seines Lebens. Das war ihm sofort klar. In meinem System blieb er eine männliche Kebse. Ich wollte etwas Solides und war bereit, Christians Liebe auszunutzen und ihn wieder und wieder vor den Kopf zu stoßen und angezählt zurückzulassen.
Ein halbes Dutzend Beziehungen waren passé, als wir uns nach Jahren wiederbegegneten. Christian hatte nach mir zu einem Sturmlauf der Selbstzerstörung ansetzt. – Sich fett gesoffen und dem suizidalen Rumoren das Kleid beachteter Inszenierungen verpasst. Nun prahlte er mit guter Laune. Er beschwor die Saugfähigkeit antiker Bierdeckel. Er wollte so heroisch sein wie der alte Mann und das Meer. Ich wohnte inzwischen im Prenzlauer Berg. Das hatte sich so ergeben. Wir nahmen ein Taxi zu mir. Es herrschte schon Rauchverbot. Christian raucht immer noch seine Schachtel Marlboro am Tag.
Sein Husten ist ein vertrautes Geräusch. Morgens höre ich ihn im Bad würgen. Camel rauchte er an dem Nachmittag unserer Wiederbegegnung „aus gesundheitlichen Gründen“.
„Töpfern war gestern“, sagte er, als ich vage es wagte meine größte Überraschung vor den Schirm der freundlichen Wiederbegegnung in den Regen seines Spottes zu stellen.
Meine größte Überraschung? Ja. „Warum“, fragte ich zögerlich, „sprichst du mit mir?“ Ich hätte auch sagen können, ich habe es immer gewusst. Eines Tages werden wir uns über den Weg laufen, es wird kalt sein, und die paar Worte bis zum ersten Kuss gehören zu einer Konvention, die uns, in unseren Herzen, so fremd vorkommt, wie eine Konfession. Eines Tages war jetzt. Die Berliner Fassaden fand Christian funky. „Die Nazis konnten bauen. Kaum zu glauben, dass Berlin mal in Trümmern lag“. Ätzenden Text kannte ich, nicht aber die Brille, die Christian aufsetzte, um das ein oder andere zu entziffern. Wahnsinnig wie er war, wie gesagt, ohne dass mir das klar gewesen wäre, erzählte er von einem Jupiter, den er in Bochum kennengelernt hatte. Jupiter sei so dämlich, dass er prä und post verwechselte. Trotzdem habe er etwas „gefickt eingeschädelt“. Auf dem Kopf trug er bei jeder Gelegenheit „einen Michail Sergejewitsch Gorbatschow“. Christian hatte immer Notizblöcke dabei, die irgendwo mitgegangen waren. Vor ihm war kein Feuerzeug sicher. Er steckte auch Servietten ein und benutzte sie als Klopapier. Er reichte mir seinen Flachmann. „Bei dem bestand bereits Verdacht auf Kadaver.“ Christian war wieder bei Jupiter, ich hatte von der Inszenierung gelesen, die Christian gerade auf der persönlichen Ebene durchhechelte. Er fasste mich an, setzte an zur Inbesitznahme. Gleich würde er mich nehmen. „Bist du schon beim Tagtraum?“ fragte er. In unseren Fickgeschichten waren wir uns stets als ganz junge Leute nahegekommen. Oft an Seen, in solchen Ablösungsvorgängen oder Separationsprozessen, bei denen man eine Gruppe hinter sich lässt und sich ins Gestrüpp verdrückt. Verkrüppelte Kiefern spielten da ihre Rolle und Nadeln auf sandigem Boden. Christian bezahlte den Taxifahrer mit unerträglicher Verachtung. Warum bist du nicht Millionär? Warum machst du nicht, was du willst? Warum schöpfst du nicht aus dem Vollen? Das war nur für mich bestimmt. Für mich wollte Christian der Größte sein. Das rührte mich wie manche Gesichter meiner Tochter. Zwischen unserem Verhältnis und dem Jetzt von damals war also keine Frau an mich herangekommen. Ich war seine Traumfrau noch im Hass geblieben. Nie hatte ich jemanden so unglücklich gemacht wie Christian und offenbar auch niemand so glücklich. Er küsste mich im Treppenhaus, seine Hände rasten. „Ist alles an seinem Platz“, sagte ich vergnügt. „Du kannst mich sofort haben.“ „Das muss ich auch unbedingt“, sagte Christian ernst wie beim Arzt. Er war zwar sehr belebt, aber auch sehr traurig. Dem Fest würde die Hölle auf Erden folgen, direkt auf dem Fuß. Daran konnte für Christian kein Zweifel bestehen. Es war ja immer so gewesen. Im Augenblick der Leidenschaft begann die Galgenfrist. Ich sah, dass er daran dachte. „Diesmal wird es anders“, versprach ich. „Das hast du so oft gesagt vor einem bösen Ende.“ So wollte ich ihn nicht. Christian durfte jetzt nicht einknicken. Selma war bei einer Freundin, ich würde sie bald abholen müssen. Wir mussten uns beeilen, gerade kam nur etwas Vorläufiges in Betracht. In meinem Korridor zog ich mich prompt aus. Mit dem Mantel ließ ich den Rest fallen. „Das ist nur zur Begrüßung“, sagte ich. Ich strich über den traurigen Hodensack, ich reichte mein Haar an. Zweifellos war Christian verwirrter als ich.
„Willst du hier auf uns warten?“ fragte ich. Im ‚uns‘ lag die Verheißung. Er wollte trotzdem lieber auf die Straße und in die nächste Kneipe. Weitersaufen. Bloß nie runterkommen und im Normalmodus die Verheerungen am eigenen Leib betrachten. Dem Miesepeter Wirklichkeit immer einen Korn voraus. So ein Flüchtling war Christian. Trotzdem war ich bereit, mich ganz und gar auf ihn einzulassen. Ich konnte in seinen Augen meine Schönheit nicht verlieren. Das war viel wert. Das musste bis auf Weiteres reichen. Ich strich das bis auf weiteres auf dem Weg zu meiner Tochter, um es bei Gelegenheit wieder einzusetzen. Ich rief Christian an, nachdem ich Selma ins Bett gebracht hatte. Er kam gleich an. Als hätte er im Treppenhaus gewartet. Im Rausch leuchtete er wie ein Lampenladen. Ich machte eine Flasche auf, erstmal war großes Sprechen angesagt. Ich erwartete einen zweistündigen Vortrag. Christian hielt in Berlin und in Frankfurt Verträge ein, bis eben war er auch noch zu einer amerikanischen Universität gependelt. So kannte ich ihn. Sein Vater war Reicharbeitsdienstführer gewesen, ein großes Organisationstalent, dass in dem Sohn fortlebte. Christian gefiel es, erstmal nichts vorzufinden außer der Verzweiflung von Kollegen. Er in seinen Worten: „Dann sagte ich zu dem Kasper: „Vor der Schöpfung war nichts. Gott hat auch bei null angefangen. Wir stellen zunächst ein paar Wurfzelte auf.“ Ich spürte den Wein. Christian über die Last der Verantwortung an verschiedenen Spielplätzen: „Wenn man sich Bilder von höchsten Würdenträgern vergangener Zeiten anschaut, dann fällt auf, dass sie sich sehr gerade halten. Warum, glaubst du, hielten sich Könige so gerade?“ Er befreite meine Brust aus Hemdfängen. Ich wusste durchaus nicht, worauf Christian hinauswollte, auch für seine Beobachtung hatte ich in meinem Repertoire nichts übrig. Gib mir Bescheid, du großer, schlauer Mann. Das gab ich ihm zu verstehen. „Naja“, fuhr Christian hochgemut fort, „die Kronen waren schwer, eine Last auf den Köpfen der Könige. Also, wenn man es schwer hat, dann macht man sich gerade. So geht der Barthel zum Most, bis er bricht.“ Wir zogen ins Schlafzimmer, nicht, dass wir da vor Selma gänzlich sicher gewesen wären. Sie war beunruhigt eingeschlafen. Sie wartete darauf, dass ihr Vater uns aus der Verbannung holen - und die falsche Prinzessin ihre gerechte Strafe kriegen würde. Manchmal ließ Selma mich an ein verstörtes Okapi denken. Christian spielte mit meinem Rock, ich wollte ihn nicht so befangen. Christian unterbrach mich, das kannte ich auch. Er wollte weiterquatschen. Er war nur in Klammern bei mir, der wilde Mann saß noch in der Kneipe und soff sich zur Rinne hin. Nein, die Stimmung war nicht sonntäglich. Ich holte uns noch eine Flasche ins Schlafzimmer, ich war geneigt gerade zu gehen, ebenso wie das Mannequin, das ich nie gewesen war. „Trink“, sagte ich. Ein bisschen verstimmt war ich. Christian war bei einem Kollegen, der in Hamburg arbeitete: „Der erpresst die Leute mit seinem Bedürfnis, verstanden zu werden. ... Der frisst Zoloft wie Kinder Bonbons fressen. ... Wenn er einem wenigstens seinen geistigen Unrat ersparen könnte.“ Eine Viertelstunde später: „Und wenn sonst nichts geht, dann sagt man zumindest ein paar bestimmende Worte. Gewiss, das ist das Armleuchterprogramm, aber bevor man vollkommen aufgeschmissen ist. ... Dann wurde der Dame in den Mantel geholfen, dass die Schwarte krachte. ... Diese herzerfrischenden Geysire des Ressentiments ... Bei Katja ist das doch unbedingt das letzte Aufbegehren vor der totalen Resignation. Christian hatte solche Angst. „Mein Lieber“, sagte ich, „ich weiß doch auch, dass ich dich niemals so hätte behandeln dürfen. Aber jetzt ist alles anders.“
Aber jetzt ist alles anders: das war die neue Formel.