Halbmond über Leipzig
Frankfurt am Main 1993
Zwei Mark kostet der Wein in einer arabischen Bude. Schön ist die Bedienung. In ihren Bewegungen: bezwungene Trägheit. In ihren Augen: vergatterte Melancholie. Den Grandseigneur im Halbkreis gereifter Hippiedamen hatten sie wegen Obszönitäten am Haken. So war Kultur früher. Uns unterhält der Streit eines Paares, das offensichtlich an Publikum gewöhnt ist. Den beiden liegt nichts an Diskretion. Sie verbreiten sich über ihr Liebesleben und finden auch noch Gelegenheit, die Vorzüge und Defizite von Leuten zu erörtern, die in ihrem Sexleben eine Rolle spielen. Sie loben sich für ihre Offenherzigkeit. Sie sind Feinde jedweden Verschweigens. Sie schaffen den Terror der Heimlichkeit ab. (Ist Heimlichkeit nicht nur ein bürgerlicher Trick?)
In einem von Weiden bestandenen Winkel zwischen den eingemauerten Ufern eines Altarms des Mains dümpeln abgetakelte Yachten. Zum Hintergrund gehören ein paar an ihren Flaggenbäumen erschlaffte Fetzen. Ein algengrüner Teich liegt in einem Rund aus Bäumen. Hinter einer improvisierten Theke wartet eine füllige Frau in einem Kittel wie aus einem Versandhaus-Katalog um 1960. Ich kaufe Bier für dich und mich und bekomme zum Wechselgeld einen unerwartet freundlichen Blick gratis.
Wir trinken unser Bier an einem heimlichen Ort der Stadt. Die Anlage am Schwedler See trägt noch die Handschrift der organisierten Arbeiterschaft einer vergangenen Epoche. Die hüttenartige Architektur wirkt zugleich karibisch und russisch also kubanisch.
Du weißt, was ich will, und lässt mich spielerisch zappeln. Manchmal hast du im Abstand von einer Stunde Sex mit zwei Männern. Du wechselst von mir zu Salomon (mit dem du eine Fernehe führst) wie in einem Atemzug. Gibt dir das einen besonderen Kick?
Ein Gewitter kommt als Erleichterung. Es bringt einen Platzregen mit, der wie ein tropischer Niederschlag die Gegend flutet und die Gerüche des Lebens wieder wahrnehmbar macht.
„Ich kann nicht so leben wie du es möchtest“, sagst du.
(Ich weiß, möchte ich heute – 30 Jahre später – antworten. Aber ich konnte dich nicht einfach gehen lassen. Du warst mein Leben.)
Leipzig 1995
„Ich als Geisteswissenschaftler“, sagt im Leipziger Mückenschlösschen einer, bevor er ausholt. Er war mal wer oder was. Dozent vor Neunundachtzig. Er führt eine vertrackte Rede. Er vermutet Verschwörungen und intellektuelle Geiselnahmen an Stellen, die mir wie flache Selbstbehauptungen vorkommen. Nach Neunundachtzig wurde dem Wissenschaftler eine Westdeutsche vorgesetzt. Sie verlangte die Anerkennung der neuen Herrschaftsverhältnisse. Der Wissenschaftler breitete seinen Kummer aus, er wollte getröstet werden von einer Studentin, die er zuvor mit uferlosem Sprechen ratlos gemacht hatte. Er stieß auf Verständnis, die Bedürftigkeit sorgte im Weiteren für genug Heiterkeit bei zuschauenden Kommilitoninnen, um an einer anderen Stelle der Tafel die Stimmung zu heben. Die Ehe des Wissenschaftlers hebe etwas auf, das im Übrigen aus der Welt verschwunden sei, glaubt Juna. Ich bezweifele eine Chance der Stabilität in der Sache. Wo dem Westen die Alleen versperrt sind, setzt er sich in den Ritzen fest. Eine Kraft, die Staaten aus ihren Verankerungen hebelt, hält vor privaten Verabredungen nicht an. Ich bestelle Schnaps und stoße mit Juna und Franziska an. Unser Gespräch geht auf in Geräuschen. Ich registriere das Interesse eines Mannes an Juna. Er verdreht den Kopf nach ihr. Er erinnert mich an einen, der Juna in einer Frankfurter Wirtschaft wortlos Avancen machte. Er bedeutete ihr, ihm aufs Klo zu folgen. Die Einladung kitzelte Juna, sie drehte an der Sinnlichkeitsschraube.
Wir wechseln das Lokal. Wir wollen einen lauten Ort. Eine halbe Stunde im Krach stehen und dann Taxis rufen. Im „Silberfisch“ ist der Whisky spottbillig. Die Frauen tanzen fast synchron, manche Lieder kennen sie auswendig. Sie füllen sich ab, bis die Oberkanten erreicht sind und jede in eine andere Richtung segelt. Selig besoffene Philologinnen. Ich schmeiße eine leere Schachtel weg, die ich vor drei Stunden aus einem Automaten gezogen habe.
Wir sind in einem Hotel am Leipziger Südfriedhof abgestiegen. Die Empfangschefin ist froh über jeden Leichenschmaus im Haus. Zwei Frauen erledigen alles, angefangen mit der Frühstücksausgabe. Sie sind so wenig mit Juna und mir einverstanden, dass darüber nicht hinweggesehen werden kann.
In Leipzig stehen vierzigtausend Wohnungen leer. Der Quadratmeter kostet acht Mark.
Junas Freundinnen holen uns in einem Barkas ab. Das Auto besitzt inzwischen einen Schauwert. Ich überlasse mich der Vorstellung, Sportlehrer mit Sportwagen zu sein. Ein Liebhaber von Kolleginnen mit unerschöpflichen Urlaubsplänen. Ihnen zu Ehren trage ich einen Schnurrbart.
Die Frauen freuen sich wieder einmal über alles. Der Künstler des Abends heißt Asim. Asim ist ein echter Goldjunge. Er ist jünger und größer als ich. Auf Juna wirkt er sich narkotisierend aus. Sie hat die Jacke abgelegt und die Ärmel ihres Pullovers hochgeschoben. Liebe ist Arbeit, da muss man die Ärmel hochkrempeln.
Die Galerie ist ein Gewächshaus für Bilder. Asim bearbeitet Massenszenen so, dass sie landschaftlich wirken. Menschen erscheinen auf den Fotografien wie Wiesen. Seine Waterworld-Kunst zieht die Ideologin in Juna an, die jeden Staat autoritär findet. Juna erkennt Macht an, sie schlägt ihr gern ein Schnippchen. Durch eine Lücke im Gesetz zu schlüpfen, macht Freude. Kleine Übertretungen. Etwas eingesteckt zu haben, irgendwo umsonst reingekommen zu sein, noch etwas zu ergattern, wenn schon geschlossen ist.
Juna weiß eine Menge als tüchtige Leserin und unentwegte Beobachterin.
Die Gesellschaft bricht zum Restaurantbesuch auf. Ich verstehe nur Taverne soundso. Juna und ich nehmen ein Taxi. Juna fängt sofort ein Gespräch mit dem Fahrer an, in dem sich ihre Ostkompetenz beweist. Der Fahrer reagiert erfreulich muffig. Ich glaube, er fühlt sich vorgeführt.
Ein Halbmond wie auf der türkischen Flagge.
Der Wissenschaftler von gestern wartet unter einem leuchtenden Versprechen. Juna ist in der Stimmung, sich von ihm empfehlen zu lassen, was man am besten isst. Er hat den Ehering abgezogen. Manche Männer neigen zu Übertreibungen, ich meine nicht die Pfauenräder, die uns vorgeschrieben sind. Der blöde Wissenschaftler möchte, dass Juna genau versteht, was ihm widerfahren ist. Er war in ihrem Alter als der Wendehammer seine akademischen Aussichten traf. Man müsse sich wundern, dass das öffentliche Gespräch über solche Verläufe hinweg gehe. Wie groß ein Schicksal wird, wenn man stark spricht. Woher rührt der Wunsch, so bombastisch zu erscheinen? Juna streckt die Arme und den Kopf.
Ich sehe, wie Juna die Lust ankommt, es dem Mann recht zu machen. Ich bin jetzt einmal genauso wie du es möchtest. Davon wirst du dich lange nicht erholen.
Der Wissenschaftler schleift Junas Geduld. Schließlich hat sie kein Sitzfleisch mehr. Sie rutscht zu Asim, geht vor ihm in die Hocke und schaut intellektuell auf. Die Widersprüche zwingen Asim dazu, sich auf Juna zu konzentrieren.
Kein Einwand gegen den Augenblick. Nachts glühte der Himmel über dem Hüttenwerk, neben dem der Wissenschaftler aufwuchs. Die Wolken brannten. Der siedende Abraum wurde in Loren auf Halden gefahren: ein Vorgang, der sich aus einiger Entfernung wie eine Glühwurmkette darstellte.
Glas spielt mit Licht.
Asims Begleiterin zieht einen Stuhl neben den Künstler und setzt sich breit und schwer wie ein Mann. Jetzt wird Asim von unten und von der Seite besprochen. Genieß es, in ein paar Jahren wird sich keine mehr solche Mühe mit dir geben.