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2026-07-15 11:18:35, Jamal

Turning Danger into Performance - Aus der Irre geführt

„Mein Lieber“, sagte ich, „ich weiß doch auch, dass ich dich niemals so hätte behandeln dürfen. Aber jetzt ist alles anders.“

Aber jetzt ist alles anders: das war die neue Formel.

Ich fürchtete Selmas Erwachen. Sie blieb in ihrem Traumland, während Christian Fahrt aufnahm. Ich war ihm so furchtbar begegnet, wie sollte er mir je wieder vertrauen?

„Du gehörst mir“, behauptete Christian. Er hatte darauf schon zu hören gekriegt: „Da macht einer die Rechnung ohne die Wirtin“. Ich sagte: „Auch wenn du mir das noch nicht glauben kannst, so ist es. Ich gehöre dir.“ Ich wiederholte ‚ich gehöre dir‘ zu unserem Vergnügen. Ich sang es so vor mich hin. Wir fanden unseren Rhythmus. Dafür hatte ich eine Ehe aufs Spiel gesetzt. Nun durften wir unsere Liebe aussprechen. Christian fasste Tritt, von seiner Erregung aus der Irre geführt. Er biss mich in die Lippe, ich sah einen humpelnden Hund, der auf die richtige Weise niemals alt werden und den ich nun am Hals haben würde.

„Du bleibst bei mir“, sagte ich. Christian setzte sich auf meinen Bauch. „Komm schön“, bat ich ihn und so geschah es. Wir hatten uns in kurzer Zeit an vielen Stellen wiederholt, es stand indes noch eine große Fortsetzungsfrage im Raum. Aber erstmal wurde geraucht und auch noch nachgeschenkt. Christian fragte: „Findest Du mich zu dick?“ Ich hatte ihn kompakt kennengelernt, ihn aber auch feist und nach einer Operation für seine Verhältnisse abgemagert erlebt. Damals nahm sein Bauch ab und zu wie der Mond. Inzwischen war er konstant dick. Dachte ich zumindest.

„Du bist mir recht“, entgegnete ich. Mir fiel ein, dass ich mir wegen seiner Potenz schon früher Sorgen gemacht hatte, wenn auch grundlos. Nachdem er geraucht und getrunken hatte, beschäftigte sich Christian behutsam mit meinem Hintern. „Anal ist es unser drittes Mal“, bemerkte er. „Das ist wahr“, versicherte ich ihm. Ich sollte mir das unbedingt auch gemerkt habe. „Ich war dir gegenüber selten berechnend“, fiel Christian ein, „doch erinnere ich mich gut daran, wie ich es einmal doch war.“ So fing unser Gespräch über die Liebe neuerlich an. Es gehörte zu unserem Liebesleben als exklusive Angelegenheit. In keiner anderen Konstellation waren nach dem Sex Gespräche über den Sex miteinander und den Sex mit anderen geführt worden. Für Christian und mich waren sie eine Hauptsache. In ihnen kam ich meinen Musenpflichten nach. Christian fand darin Formulierungen, die ihn auf dem Theater weiterbrachten. Er hatte ganze Theorien auf der Grundlage unseres Bettpalavers entwickelt. Sie führten zu Behauptungen, gegen die allgemein Sturm gelaufen wurde - zu Provokationen, mit einem wahren Kern, soweit ich das beurteilen kann. Ausführlich und detailreich beschrieb Christian wie wir einmal in Frankfurt am Main spazieren gewesen und endlich in einer Bootshausgaststätte eingekehrt waren. Der Termin meiner Scheidung stand fest. Es war Februar, ich war zwischen den Jahren mit einem Stammzellenforscher in Prag gewesen. Das wusste Christian nicht. Der Forscher wollte mich heiraten. Aber ich hatte auch noch was mit einem Schriftsteller und mit einem Musiker und außerdem, am Rande, mit einem sächsischen Galeristen. Wendemanöver hatten den Galeristen zum Millionär gemacht. Die Nebengeräusche des Liebhaberaufkommens beunruhigten Christian. Ich gestand ihm nichts. Er hielt sich für Scotts Nachfolger, das taten andere auch. Jeder konnte mich in Situationen bis zu dem Punkt bringen, dass ich ein gemeinsames Leben mit ihm für möglich hielt. Aber Christian hielt einen Vorsprung. Das wollte ich ihm sagen, ohne es aussprechen zu müssen. Ich hatte die Nacht zuvor mit dem Forscher verbracht und erwartete den Musiker am folgenden Tag. Vor Aufregung kriegte ich Durchfall. 

*

Noch einmal schwang sich Christian auf und lieferte auf seinen Feldern Bemerkenswertes ab. Doch verlor er das Interesse an seinen Dingen vor Ablauf unseres zweiten Ehejahres. Fortan war ich schon sein ganzes Publikum.

„Du bist für mich so groß wie ein Stadt“, sagte er. Das genügte Christian. Er war angekommen. Um dieser Entwicklung den richtigen Rahmen zu verpassen, muss man das Agens seiner Produktivität kennen. Zeit seines beruflichen Lebens hatte Christian mit seiner Arbeit Frauen beeindrucken wollen. Sie waren für ihn das Höchste, nicht das Geld, das er von Haus aus reichlich hat, und nicht der Ruhm, den er höchstens mit Service in Verbindung brachte. Sein Glück hatte lange allein darin bestanden, erst eine Kulturbraut im rauschenden Aufmarsch zu blenden und zu kapern und sich dann mit ihr zur Klausur in einer Wohnung einzuschließen. Dort verrichtete sie ihren Musendienst. Christian schrieb sie ab, er besaß eine grandiose Auffassung jedweden Verhaltens. Es war ungemein schwer, ihn hinters Licht zu führen und doch führte ich ihn dauernd an der Nase herum. Seine nerdige Effizienz versagte, wann immer es um Normalverläufe ging, um so was wie geheiratet werden zu wollen und darum, sich im Erwachsenenland mit dem beiläufigen Einverständnis sämtlicher Nachbarn festzusetzen. Christian hatte so viel auf seiner Liste, die Selbstverständlichkeit meines Kinderwunsches blieb ihm verborgen.