Sozialistischer Vorsprung
Kindheit im Zonenrandgebiet. Kassel ist die letzte Stadt vor der DDR. Die Stadt bleibt von vielen wirtschaftlichen Entwicklungen unberührt. Die Republik prosperiert an Kassel vorbei.
Wir fahren durch zerfallene Dörfer am Todesstreifen. Bewohner grenznaher Ortschaften faszinieren Juna als Helden eines Romans. In der abgeschnittenen Gegend will sie für die Dauer der Fahrt ein Leben führen ...
Sie steht da wie eine Tanne im Unterholz. Die Nase läuft. Ich möchte den Rotz von ihrer Oberlippe lecken und ihr meine Zunge in ein Ohr stecken. Das performative Element spielt beim Sex mit ihr keine Rolle, obwohl die Rivalen mit den Nachtaugen von Katzen die auf einem Lattenrost liegende Matratze zu umschleichen scheinen.
„Das ist jetzt für uns beide nicht leicht“, behauptet Juna. Der paramilitärische Mantel bietet dem Ostschick ein Beispiel in Blau. Der enteignete Opa nannte die Enkelin kleine Henne. Er zog Junas Ohren lang, er drehte die Ohren dem Schmerz zu und brachte kalt lächelnd einen frauenfeindlichen Scherz. Ein Russe hatte Ringe aus den Omaohren gerissen, als Oma noch eine junge Henne war.
Juna lernte: „Aus einem Hund, der sonst zu nichts taugt, kann man immer noch einen ordentlichen Muff machen.“
Der harmlose Feierabendbetrieb auf dem Oeder Weg mustert uns aus. Im „Wanners“ zieht uns eine ofennahe Ecke an, mit Ausblick auf die Adlerflychtstraße. Hölderlin ging hier seiner Wege.
„Hast du Hunger?“ frage ich.
„Ich guck mal auf die Karte.“
Juna fällt eine zierliche Entscheidung. Bestellen soll ich den griechischen Käse, den sie außerdem möchte. Sie unterhält mich im Gegenzug mit Wohligkeitslauten und ihrem Zaubergeruch. Sie wickelt sich in einen Schal, lang wie für eine erkältete Giraffe, rekelt sich in Stricksachen. Und frisst mir dann mein Rumpsteak von der Gabel.
Das Lokal füllt sich in Minuten bis auf den letzten Platz. Unsere Ecke verwandelt sich in einen Rand. Am liebsten würde ich zahlen und gehen, fürchte aber, Juna zu keiner weiteren Einkehr überreden zu können. Sie hat mir nie ein Angebot gemacht, das andere ausschloss.
„Du kannst ohne mich nicht leben“, sagt sie. „Das ist für uns beide anstrengend.“
„Du meinst, stirb, Vogel, oder verreck.“
Juna setzt sich die Tasche auf den Schoß. Sie hält sich daran so fest, als sei sie eine Vereinsamte im Bus (traurig über Land fahrend).
„Ich hatte gehofft, dass wir eine andere Ebene finden“, sagt sie. Junas Hände ruhen wie Stellvertreter ihrer Enttäuschung auf der Tasche.
Violeta und Celia
Ein Paar schiebt schnaubend ab, ich kenne die Frau als lebhafte Bewohnerin des Viertels. Ihre Eltern kamen auf der Flucht vor Pinochet nach Frankfurt. Sie hat eine Zwillingsschwester, die ihr nicht besonders ähnlichsieht und die mal in mich verliebt war. Violeta und Celia – Violeta nimmt mir etwas übel, ich weiß nicht was; während ihre Schwester und ich uns immer noch beinah liebevoll begegnen. Auf Anhieb fallen mir viele schöne Szenen ein, die alle etwas mit dem Nordend zu tun haben. Hier hat sich alles abgespielt. Schon im Kinderladen sangen die Schwestern ein Lied der kubanischen Revolution – Hasta Siempre Comandante. Aprendimos a quererte ... Che Guevara war der schönste Held. Se despierta para verte ... Der Nachwuchs chilenischer Exilanten beanspruchte einen revolutionären Vorsprung. Ein Jahr nach Allendes Sturz am 11. September 1973 hatte die Nelkenrevolution stattgefunden und wir waren alle Portugiesen gewesen.
Violetas und Celias Eltern gehörten zu jener Generation, die den Wahlsieg von Allende als Beginn einer historischen Transformation begriffen hatten. Für sie war Politik eine moralische Verpflichtung. Sie glaubten, dass Chile der Welt beweisen könne, dass sich der Sozialismus auf demokratischem Weg verwirklichen ließ. Die Namen der Töchter sind ein Bekenntnis. Violeta heißt nach Violeta Parra. Obwohl sie keine Revolutionärin im martialischen Sinn war, galt sie den Haudegen der Unidad Popular als Wegbereiterin. Ihre Lieder erzählen vom Leben der Landarbeiter, der Armen und Ausgegrenzten – los campesinos, los pobres y los marginados. Sie verkörperte die Überzeugung, dass Kultur gesellschaftlicher Kampf sei. Celia heißt so nach Celia Sánchez. Innerhalb der internationalen Linken besaß Celia Sánchez Anfang der 1970er Jahre eine herausragende Stellung. Im Untergrund hatte sie Netzwerke aufgebaut, Waffen beschafft und die Guerilla in der Sierra Maestra unterstützt. Nach dem Sieg der kubanischen Revolution übernahm sie politische Aufgaben.
Nachtrag
Die Sepúlvedas waren schon einmal in eine transatlantische Fluchtgeschichte verwickelt. Im August 1939 gingen Violetas und Celias Großeltern in Pauillac-Trompeloup bei Bordeaux an Bord der weltberühmten „Winnipeg“. Für die spanischen Republikaner war das Schiff ein schwimmendes Versprechen, dass nach ihrer Niederlage und Vertreibung irgendwo ein neues Leben beginnen könnte.
Die Sepúlvedas erreichten Chile nicht als Helden. Eine Überfahrt, die zum Mythos wurde, begann und endete in den Händen von Stempelkissenfetischisten. Chile nahm fünfhunderttausend spanische Flüchtlinge auf. Den Exodus der Republikaner nennt man la Retirada.