Schon wieder Schnitzel
Waldau kam nach und nach den Grafen von Bilstein, von Schwarzenberg und von Bergshausen zu. Ein Otto von Bilstein verkaufte 1301 sein Aktivlehen im Wald an Landgraf Heinrich I. 1277 machte Heinrich I., ein Enkel der heiligen Katharina, Kassel zu seiner Hauptstadt. Er lebte von 1247 bis 1308. Im Folgenden rückte Waldau immer dichter an die landgräfliche Hofhaltung. Lange wurden hier die Hunde der Landgrafen versorgt. Zu Landgraf Moritz Zeiten (1592 – 1627) hatten die lebenden Jagdwaffen Zutritt zum Gottesdienst. 1626 ließ der in kaiserlichen Diensten stehende und Kassel gescheiterte General Tilly das Schloss Waldau zerlegen. Im Übrigen brannten Dörfer in der Gegend.
Waldau unterstand „der Gerichtsbarkeit vor der Neustadt“. Schwere Strafen wurden am Wahlebach und an der Nürnberger Straße vollstreckt. 1727 reiste König George II. von England zur Musterung von zwölftausend hessischen Soldaten nach Waldau. Daran erinnerte lange eine Gaststätte mit dem Namen „Zum Englischen König“. Auf den Mauerresten des niedergelegten Schlosses wurde 1728 das Forsthaus errichtet. Ab 1757 diente der Forst den Truppenübungen. Französisches Militär lag in dem Straßendorf. Es zog 1762 ab. Da gab es schon den Jägerhof, und im Forst wurden Vieh- und Pferdemärkte abgehalten, beschickt auch von Waldauer Landwirten.
1777 wurden Soldaten im Jägerhof rekrutiert.
Nach dem Siebenjährigen Krieg war Waldau Garnison eines Jägerbataillons.
Um 1805 hatte Waldau achtzig Gebäude und 524 Einwohner. Das Dorf sah zu, als 1813 sechs Freiheitskämpfer standrechtlich erschossen wurden. Zu dieser Zeit wurde den kurfürstlichen Hunden noch täglich zur Hauptfütterung der Marsch geblasen. 1819 ließ sich der spätere Kurfürst Wilhelm I. dazu herab, im Jägerhof abzusteigen. Indes wuchs das Dorf. 1841 zählte Waldau 93 Gebäude und 721 Einwohner. Es hatte ein Regiment zu beherbergen. 1863 gab sich der Kurfürst noch einmal die Ehre, bald darauf, 1866, wurde Waldau preußisch. Die Bauern vermarkteten ihre Produkte genossenschaftlich. Eine Raiffeisen-Filiale existiert in Waldau ab 1895. Der bäurische Wohlstand erlaubte die Bildung des männlichen Nachwuchses auf dem Friedrichsgymnasium.
Da gehörte Bergshausen noch zu Waldau.
Als das Dorf ein Menschenalter später, nämlich 1936, gegen den Widerstand der Bauern Kassel zugeschlagen wurde, lebten in Waldau 1775 Personen. Überwiegend waren sie mit Landwirtschaft befasst.
Angst war seine erste Empfindung. Mirko wurde mit der Angst geboren, die seine Mutter vor dem unberechenbaren und gewalttätigen Mann hatte, der ihn zeugte. Der Vaterrolle konnte er im Weiteren nichts abgewinnen. Trotzdem prägte er Mirko mit seinen Attacken. Mirkos Mutter hielt er für sein Eigentum. Er ließ sich von ihr aushalten. Schließlich floh sie mit dem Sohn. In einer kleinen Stadt verdingte sie sich als Verkäuferin und Melkhilfe. Als ledige Mutter musste sie an verkrätzten Stellen staatlicher Fürsorge um Hilfe bitten. Das ungetaufte Kind kam in einen konfessionellen Kindergarten, in dem pausenlos gebetet wurde. Ihm wurde eingeschärft, keinem Menschen zu trauen. Sein Erzeuger war als Drohung immer mit von der Partie. Die Mutter fürchtete Mirkos Entführung. Sein einziger Kumpel war ein gemiedenes Tschetschenenkind. Selbstverständlich wohnte die Mutter mit Mirko zur Untermiete. Nachts begehrte der geistig beschränkte, körperlich aber erwachsene Sohn des Hausherrn Einlass. Eine Weile lebten Mutter und Mirko mit allen möglichen Zumutungen. An keinem Arbeitsplatz konnte sich die Mutter lange halten. Man bedrängte sie in ihrer Notlage. Sie hatte ihre Achtbarkeit verloren, jeder konnte sich an ihr vergreifen. Für die als Vorgesetzten getarnten kleinen Räuber war sie angepflocktes Freiwild. Ohne das Kind wäre es für sie viel leichter gewesen. Vielleicht wurde ihr sogar dazu geraten, Mirko abzugeben. Mirko gab sie aber das Gefühl, der Unterpfand ihres Glücks zu sein. Er war der Grund ihres Daseins. Von daher rührt sein Selbstempfinden, ein Riese zu sein, wenn auch mitunter ein ängstlicher Riese.
Mirkos Schwager Kairo hockt beim Nachbarschaftskonvent in den Kleingärten. Das Publikum wirkt wie ausgehoben und zwangsverpflichtet. Jemand fragt, ob überhaupt noch an Gott geglaubt würde. Als ob davon etwas abhinge. Vielleicht gäbe sich der Krebs dann gnädiger, der sich bei einigen eingenistet hat. Niemand hat daran gedacht, Kairo nach seinen Wünschen zu fragen. Er spielt mit der Plastikkappe einer vor Jahren geleerten Sprudelflasche. In dieser Gegend finden ab und zu Pogromvorläufer statt. Lightversionen der Verfolgung.
„Wo man nicht mit dem Flugzeug hinkommt, da will ich auch nicht sein“, sagt Kairo vollkommen wahrheitswidrig zu Mirko. Schon wieder Schnitzel. Die Wirtin mischt munter mit. Kairo schnappt den Satz auf: „Das war nicht Pogo, sondern Nahkampf.“ Aus Langeweile erläutert er sich die Hackordnung vor Ort in ihren Fein- und Gemeinheiten.
Das kommunalpolitische Gespräch auf dem Klo als Konstante mit Ewigkeitswert und manchmal auch weitreichenden Folgen. Schon Kairos Großvater mit tropfenden Händen hängengeblieben auf dem Abort. Ätzenden Ammoniakmief in der Nase. Auf dem Weg in den Schankraum kommt Susi mit Abfangabsichten Kairo entgegen. Das ist ihm jetzt nicht recht. Das biologische Schwungrad in seiner ganzen Unpersönlichkeit und doch meint jeder, er sei gemeint. Auf dem Zigarettenautomaten liegen Telefonbücher als Beweis für die Unfähigkeit, sich von Sachen zu trennen. Man weiß ja nicht und notfalls verheizbar falls mal wieder Not am Mann sein sollte. Wann eigentlich hat Kairo zuletzt jemanden JWD sagen hören? An dem geschmiedeten Geländer der rückwärtigen Freitreppe hängt eine hundelose Leine. Die Säuferampel erscheint tagsüber wie ein zusätzliches Signal der Trostlosigkeit. Man kann gar nicht erkennen, ob an oder aus. Da ist wieder Mirko. Der Schwester schlicht und ergreifend nicht gewachsen. Dem Geld nicht, der Familie nicht mit ihrem guten Namen. Für Mirko wäre es besser gewesen, eine Namenlose vom Lindenberg zu ehelichen, die ihm dankbar und schon froh wegen des unversoffenen Fleißes. Das Schwagergesicht ist eine Kompetenzlarve.
Eine Frau über ihren Sohn: Er sieht aus wie Christian Klar als Jugendlicher und er heißt auch Christian.
Seit wann reden Mütter so über ihre Söhne? Eine Waldauer Bauherrengemeinschaft ist gerade pleite gegangen, nach der amtlichen Feststellung, dass Gutachten gefälscht wurden. Alles bis auf den Grund verseucht, die Entspannung kommt erst in der dritten Generation. Grundbesitz mit Bauerwartungslandgarantie. Der Schwager wegen der Schwester fast jämmerlich. Die Boni der Attraktivität wurden ihm vom Alter gestrichen. Früher aber ein Mordskerl mit einem Auftritt bis über alle Berge. Das Alter ist auch eine Form der Rezession. Und plötzlich ist da auch wieder Kerstin. Kerstin, nicht Susi. Was verspricht sie sich von Kairo?
„Ich muss noch“, sagt Kairo, in Gedanken bereits in der Aue, als ob die ihm auch gehören würde als landgräfliches Lehen. Er fährt so gern auf dem Fahrrad im Kreis um den Aueteich, auch Großes Bassin genannt. Das hat er immer schon. Schon damals als er noch mit einem Faden und einer verbogenen Nadel da sehr erfolgreich vollkommen arglose Karpen geangelt hat.