Existenzielle Zuwendung und zufällige Leidenschaft
Erst im Zustand einer im Grunde hoffnungslosen, in jedem Fall schwer enttäuschten, alleinerziehenden Mutter war ich für Christian erreichbar geworden. Zu Beginn unseres zweiten Anlaufs glaubte er lediglich, nie mehr eine andere Inspirationsquelle zu brauchen. – Bis ihm aufging, dass er überhaupt keine Quelle mehr brauchte. Er hatte die Frau seines Lebens gefunden, er konnte die Verfolgung einstellen. Ich gab ihm zu verstehen, dass er sich nicht mehr aufplustern musste. Ich dachte, das würde ihn entspannen und infolgedessen würde er weniger rauchen und trinken. Tatsächlich entspannte er sich allmählich, mit dem Effekt zunehmender Gleichgültigkeit. Jedoch kam ihm die Angst, mich wieder zu verlieren, so rasch nicht abhanden. Sie blieb eine lange Weile begründet. Gewiss war es nicht Christians Angst, die mich in unserer Ehe weitgehend auf Kurs hielt. Ich reagierte auf Nachlässigkeiten meiner Verehrer. Ich vermisste die todesbereite Inbrünstigkeit. Ich war an einen rasenden Zuwendungsexistenzialismus gewöhnt; an Überdosen zufälliger Leidenschaft, bis hin zu Sex ohne Vorrede mit einer Ausnahmepersönlichkeit. Die Traurigkeit in meinem Rücken, wenn ich aufbrach. Man lag mir nicht mehr zu Füßen. Diese Verminderung war mir zuerst in der Jobsphäre aufgefallen. Als ich mich beruflich umzusehen begann, drohte mir die Lagerhalle oder ein Kellnerinnenschicksal. Ich ließ mich auf den künstlerischen Leiter eines Privattheaters ein. Er war so ein Potentat, ein Knurrhahn, mit der branchenüblichen Selbsthinrichtungsbereitschaft. Französische Zigaretten und deutsche Rotweine: das war sein Programm. Nacht für Nacht saß er in seinem Theater und trank mit den Technikern und anderem Personal. Diese Leute verbrachten ihren Feierabend am Arbeitsplatz. Das war so gewollt. Unbewegt saß Direktor Nasenschweiß im Trubel. Es herrschte das Regiment der Freundschaft. Ein Kreisklasse-Corpsgeist. Wer sich darüber erhob, wurde vor versammelter Mannschaft abgestraft. Ich sah Leute mit Format und Meriten einknicken. Das war eine feine Verschwörung. Nach meiner Hochzeit mit Christian wurde das kleine Theater für mich zum Ausflugsziel. Ich bewunderte die Tapferkeit alternder Schauspielerinnen. Ich flirtete mit einem Hobbyautisten. Er hieß Roger. Ich bin nie einem zufriedeneren Menschen begegnet. Er galt als komplett verrückt. Als die Zuverlässigkeit in Person. Als der Beständigste von allen. Roger lebte im Theater. Nur zum Schlafen zog er sich zurück. Obwohl ihn seine Arbeitsplatzbeschreibung jeder Verantwortung enthob, wirkte er wie ein Eigentümer. Er kannte alle Produktionen auswendig und unterhielt sich mit der Crème de la Crème des herrschaftlichen Fußvolks hauptsächlich in Zitaten. Alles war Ironie und Anspielung, wer fünf Minuten lang die Witzigkeitsorder außer Acht ließ, wurde abgemahnt. Irgendwann küsste ich Roger in der Künstlergarderobe. Zuhause wartete Christian. Selma schlief hoffentlich. Ich war an einem Tiefpunkt angelangt. Ein Monster der Bescheidenheit probierte aus, was bei mir ging. Warum nicht, dachte ich, wie schon manches Mal. Ich war wieder siebzehn und fasziniert von einer Kirmesanmache. Ich schenkte Roger ein Freilos, er nahm es gelassen entgegen. Ich lernte dann auch noch seine Bude kennen. Ja, ich betrog Christian und fand das eine Weile so schön, dass ich mich beinah für verliebt hielt. Roger war so vermessen, nichts Besonderes daran zu finden. Er war noch ausgeglichener als mein zweiter Mann und so abgefahren wie kein Zweiter. Ich brachte ihn dahin, meine Füße zu küssen, erregt von der Vorstellung, dass er mir gleichmütig einen Gefallen tat. So leckte er mich auch, einfach nur auf Ausgleich bedacht. Ich ergründete Rogers Charakter, während Christian, von seinen Ahnungen alarmiert, mich an sich zu fesseln versuchte. Ich war sein Leben, ich durfte ihn nicht noch einmal verlassen. Das passte. Christian wegen Roger zu verlassen, wäre zu lächerlich – und auch Roger nicht recht gewesen. Er war ein Abstauber mit Einsicht, er wollte sich mit nichts belasten. Ach so, er war jünger als ich. Einen jüngeren Liebhaber hatte es bis zu ihm für mich noch nicht gegeben. Roger und ich waren kaum je länger als zwei, drei Stunden zusammen allein. In unseren Unterhaltungen errichteten wir Monumente der Unbefangenheit. Kam bei mir Eifer auf, wurde ich zurückgepfiffen. Roger bestand auf die Durchsetzung eines Aufregungsverbots.