Salz und Sozialismus
„Da träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden. Er wanderte über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit.“ Novalis
Bis 1990 arbeitete die Tillwitzer Boddenperle und Kapitänsgroßenkelin Jonna von Stellberg an einem Rostocker Theater als Kostümbildnerin. Sie blieb darüber hinaus unverheiratet und kinderlos in ihrem Elternhaus – dem Skipperhus. Liebhaber drückten sich die Klinke in die Hand. Keiner erwarb ein Bleiberecht auf Dauer. An Jonnas elegischem Wesen glitt jede besitzergreifende Hand ab.
Um es gleich auf den Punkt zu bringen. Jonna hatte von jeher alles. Eine große Familie, ein großes Haus, einen großen Garten, eine praktische Liebe zu Hund und Katze. Eine Begabung für gute Geschäfte und einen Instinkt für das Geistige. In der neuen Zeit zog sie Einnahmen aus Vermietungen und Verpachtungen. Selbstverständlich begab sie sich in die Obhut alter HVA-Kämpen. Ostmänner, die das große Rad drehen konnten, fanden es angenehm, Jonna behilflich zu sein. Noch mit fünfzig war sie so begehrenswert wie viele nicht mit zwanzig.
In den 1990er Jahren jazzten Journalistinnen des Baltischen Boten und anderer Lokalerscheinungen Jonna so lange zur Ost-Ikone hoch, bis sie endlich auch in jedem überregionalen Periodikum einmal vorgekommen war. Sie machte sich gut auf Fotos, eine Hagere mit gegrabenen Zügen und norddeutsch-osmanischer Nase; ein bisschen mysteriös und dann wieder die Gebildete zum Pferdestehlen. Damals sah sie aus wie eine geadelte Schauspielerin … ein Mix aus Tilda Swinton, Helen Mirren und Corinna Harfouch.
Weit und breit gab es keine zweite Jonna. Für uns war sie eine Galionsfigur des Ost-Widerstands und einer seltenen Post-DDR-Prächtigkeit. Sie befasste sich mit der Dramatik „ihres“ Staates, dem sie nostalgisch anhing, ohne deshalb untüchtig zu werden.
*
Die Weltgeschichte ist laut. Kriege flackern auf, Revolutionen brechen aus, Regime stürzen. Fernand Braudel hat für diese Ebene der Geschichte ein treffendes Wort übrig. Der französische Historiker nennt sie das „Ereigniswesen“ (l’histoire événementielle) oder schlicht den unruhigen Schaum auf den ozeanischen Wellenkämmen. Braudel unterscheidet drei Geschwindigkeiten. Unter den flüchtigen Ereignissen der Politik liegt die mittlere Zeit der Konjunkturen – der Wandel von Routen, Zyklen, Strukturen. Tiefer liegt die „lange Dauer“ (longue durée). Es ist die fast unbewegliche Zeit der Geografie, der Küstenlinien, des Klimas und jener Häuser, die Generationen überdauern. So wie das 1743 von Meester Finn Stellberg erbaute Skipperhus in seiner Landschaft – dem Saaler Bodden. Der offenen Ostsee oft einen Katzensprung nah schwimmen lyrische Schilfgürtel in stillem Wasser.
Zu Finns Lebzeiten nannte man Schiffsführer niederdeutsch Meester. In Jonnas Gegend reihen sich die Kapitänshäuser mit ihren Rohrdächern und Obstgärten wie Perlen auf einer Schnur. Ortsnamen erinnern an globale Verwerfungen. Vorpommern kam 1648 unter schwedische Herrschaft und blieb – mit Unterbrechungen – bis 1815 der fremden Gewalt unterworfen. 1815 fiel Schwedisch-Pommerns an Preußen; nur eine Exklave um Stralsund und Rügen war noch bis 1815/16 schwedisch. Die DDR war nur eine Episode in der Landesgeschichte, aber an Jonna verrichtete sie eine vollständige Prägung. Nie wurde Jonna mehr als nur nominell Bundesbürgerin. Sie blieb ein Kind der DDR; eine junge Pionierin im sozialistischen Hoffnungskleid; eine IM aus der lautersten Überzeugung. „Seid bereit! – Immer bereit!“ Das war der Gruß der Pionierorganisation Ernst Thälmann. Weitergeführt wurde Jonna nach 1989 von einem HVA-Hauptmann im konspirativen Unruhestand. Entgegenkommend diente sie Gerd ‚Geronimo‘ Mansfelds perversen Nostalgien. Von mir aus nennt es Rollenspiele, wenn Jonna das blaue Tuch der freien deutschen Jugend trug und in animierenden Posen den „Pioniermarsch“ sang. „Wir tragen die blaue Fahne, / es ruft uns der Trommel Klang. / Stimme fröhlich ein, du Pionier, / in unseren Gesang!“
*
Um an einer anderen Stelle weiterzumachen – Elisabeth von Eicken gehörte zur Gründergeneration der Ahrenshooper Künstlerkolonie. Sie stammte aus Mülheim an der Ruhr, genoss eine erstklassige Ausbildung und wirkte ab den 1890er Jahren als freischaffende Landschaftsmalerin in Ahrenshoop. Um die Jahrhundertwende malte sie das Stellberg-Haus nach Skizzen, die sie unauffällig angefertigt hatte. Es gab keine Absprachen mit dem Hausherrn, übrigens dem letzten Seefahrer in der Familie. Eicken reagierte zumal auf die Lage des vom Bodden unmittelbar begrenzten Anwesens. Die Rohrdachvilla erscheint auf dem Gemälde als ein Aspekt der von Schwänen, Enten und Möwen bevölkerten Umgebung – als etwas Urwüchsiges im Spektrum von Wasser, Wind, Vegetation, Lichtspielen und Spiegelungen. Vielleicht wäre die Stellbergs von der Komposition verstimmt worden. Sie bewohnten ein ehrwürdiges Kapitänshaus, mit der Gravität eines Patents. Das war eine große Sache und nichts, dass der Natur bloß abgeluchst worden wäre. Vermutlich hätte man ihr eine offizielle Arbeit gar nicht gestattet. Das war also auch eine heimliche Aneignung und die Manifestation eines fremden Blicks.
Für Elisabeth von Eicken war das Haus ein Motiv. Für die Stellbergs war es ihr Leben. Das Haus musste nicht zum Kunstwerk werden, um wertvoll zu sein. Es gab keine Sehnsucht, sich in eine neue Erzählung einzuschreiben. Die Familie hatte ihre eigene Erzählung.
Nach 1989 geriet das Skipperhus in ein neues Spannungsfeld. Eigentumsfragen, Rückübertragungen, Verkaufsmöglichkeiten und neue Marktwerte veränderten die gesamte Region. Unter der Aufsicht ihres Führungsoffiziers Geronimo stieg Jonna in die Immobilienbranche ein.