Schmollender Kindgreis
Christian kaufte in Frankfurt ein Haus, wir bezogen eine Wohnung. Man empfing uns wie einen aus dem Exil zurückgekehrten König und sein Gefolge. Mein Mann versperrte sich, nun ging ich oft allein aus. Es ergab sich rasch ein Verhältnis mit einem ehemaligen Nachwuchstalent, das auf einer Kulturverwaltungsstelle verweste. Mit dieser Pfeife hatte ich meine vorletzte Affäre. Roger hielt den Kontakt via E-Mail. Er beteiligte mich an seinem Leben. Seine neue Freundin war eine Küchenhilfe. Schau an, dachte ich. Das ist die Reihe, in die du dich stellen lassen musst. Ich brachte Roger dazu, ausführlich zu werden. Die Küchenhilfe war in Wahrheit eine Sexarbeiterin. Roger schrieb: „Sie verspricht sich einiges von mir.“ Ich wusste, wie absurd ihm das erschien. Sie hieß Nelly, zumindest gab sie den Namen an. Roger nahm sie für sich ein, indem sie alles Mögliche in ihrem Leben mit der Feststellung not good, not bad auf den Punkt brachte. Ich schrieb an Christians Schreibtisch, während er auf dem Sofa vor sich hin lullte.
Sie liegt neben R., zu gleichmütig, um ratlos zu sein, angesichts seiner Indolenz. R. öffnet die Dachluke, belustigt von seiner Beklommenheit. Er erlebt sich intensiv auf einem Vorhof der Furcht. Nellys Zugänglichkeit muss jedem erfahrenen Zeitgenossen bedenklich erscheinen. Aber seine Neugier ist stärker als alle Bedenken. Die Neugier gibt seinem Verhalten die Richtung an.
Nelly erzählt von ihrem Kind. Sie glaubt R. nicht, dass er kein Auto besitzt. Sie hakt nach, verlacht seine Erklärungen nach kurzen Prüfungspausen. Seine Augen findet sie terrible.
Nelly bezichtigt sich der Faulheit. Sie sei zu faul, das sagt sie so, um Deutsch zu lernen. Sie will nicht wie ein Kind zur Schule gehen.
Nelly schweigt. Sie reagiert auf R‘s Bewegungen stets gleich entgegenkommend. R. hält sich mit der Betrachtung ihres Gesichts auf. Er sieht nichts Zerstörtes oder Entgleistes. Ein selbstgewisser Mensch ruht neben ihm, (mit einer platten Nase,) einer, der vieles für Kokolores hält. R. wittert, er wird Nellys Geruch noch tagelang in der Nase haben. Seine Erregung macht sich bemerkbar. Nelly bietet dem Begehren Raum, dabei merkwürdig uneigennützig wirkend.
Ich zeigte Christian den Text, vielleicht wollte ich ihn noch einmal auf eine Spur führen. „Wo nimmst du das her?“ fragte er. Das erzählte ich ihm. Auch so kann ich sein. Christian strich einen Satz, den ich eben ausgelassen habe: „Nelly schmiegt sich an ihn, vielleicht ist sie bloß einsam in ihrer stickigen Dachkammer“. Er hielt ihn für ein sozialromantisches Verbrechen. Deshalb hatte ich den Satz stehen lassen. Christian hatte viele Sätze nur geschrieben, damit ich sie streichen konnte: als er mein Geliebter war und den Erpresser in sich befragte, wieviel Gemeinheit ihm zustand. Bestimmt hatte es Augenblicke gegeben, in denen Christian zu jeder Überschreitung bereit gewesen wäre. Nur seine ästhetischen Maßstäbe hätte er damals nie verletzt. Nun war er selbst ein Beraubter und durfte nicht mehr streng sein. Christian fragte: Mit wie vielen Männern hast du mich in unserer Ehe betrogen?“ Ich war schon froh, dass die Frage nicht allgemein gehalten war. „Mit zwei Männern“, gab ich ungenau an. Christian trug eine Hausjacke mit Lederapplikationen. Er war fast mager inzwischen. Das traurige Männchen (der schmollende Kindgreis) stand ihm schon auf der Stirn. Es war Zeit für meine Nachmittagszigarette, zwei Stunden zuvor war ich aus einem maritimen Traum erwacht. Ein Rat meiner Mutter kam mir in den Sinn: sich jeden Tag Zeit für die Hausarbeit zu reservieren. Damit sich nichts ansammelt. Ich musste nur einer Zugehfrau Geld auf den Küchentisch legen. Später beschrieb ich Christian den künstlerischen Leiter. Ist er gedämpft, sagen seine Leute: Dem lieben Gott ist eine Laus über die Leber gelaufen. Im Winter trinkt er gewöhnlich Dornfelder aus einem nur für ihn bestimmten, unpassenden Glas. Vom Frühling bis in den Herbst trinkt er Spätburgunder aus einer Tulpe. Wechselt er den Wein, bricht für seine Leute eine neue Jahreszeit an. Unter Umständen im Januar. In der Gegenwart gewisser Männer verfällt der Leiter in die Mundart seiner Gegend. Ihm scheint jeder recht zu sein, solange er nichts Besonderes ist. Die Wichtigen werden abgefertigt, ohne es zu merken. Alle rücken automatisch zu ihm auf. Christian machte sich Notizen, das war ein gutes Zeichen. Inzwischen betrieb er eine ausladende Buchstabenmalerei. Er hatte mich zu Aufführungen geschickt, um sich im Nachhinein haarklein alles erzählen zu lassen. Seine Fragen hatten mir bewiesen, wieviel Fleisch und Blut und Ausstattung in meinen Überlieferungen bei ihm ankamen. Christian hielt sich nun nur noch in einer Nebenrolle für tragbar. Er versprach mir die Freiheit zu Verhältnissen. Ich schwor ihm Treue, ich hörte meine Tochter in der Küche mit einem Mann reden. Das leise Gelächter am Ohr einer anderen. (Wondratschek so ungefähr.) „Ich bin deine Frau“, sagte ich. Christian liebte solche Sätze. „Daran wird sie nie etwas ändern.“ Ich rang meinem Mann Beteuerungen ab, obwohl es an mir gewesen wäre, zu beteuern.
Der junge Mann in der Küche erschien mir fad. Selma unterhielt sich mit ihm darüber, ob Erinnerungen nach Salz schmecken können. Eine Namensschwester von ihr war verhungert. Kein Mensch hatte diese Selma am Leben halten können. Ich schob ein Stück Kronberger-Käsekuchen auf einen Teller und servierte ihn Christian. Er verweigerte die Gabel. Ich sah mich in naher Zukunft die Beherrschung verlieren. Ich fragte mich, wie ich einem Enkelkind erklären könnte, was Leben ist. Ich rauchte noch eine an der Terrassentür. Christian ließ vernehmbar einen fahren und sagte ups. Ich lauschte seinem Selbstgespräch.
Eines Tages entdeckte ich Rogers Profil auf Instagram. An seinen jedwedes Weltgeschehen aussparenden Nachrichten blieb ich interessiert. Schließlich kehrte er in seine Geburtsstadt zurück. Er reihte sich bei denen ein, die dem Staat zur Last fallen. Ich fragte mich, ob seine Ruhe auf der Strecke seiner Verluste bleiben würde. Mitunter bin ich immer noch überrascht, von ihm nie etwas anderes zu lesen als akkurate Umgebungsmeldungen und Personenbeschreibungen. Roger nimmt Anteil am Familienleben seiner Schwester, er beschreibt wie sich seine Nichten und Neffen auf ihren Feldern bewähren. Mir gefällt der leise Spott dabei.