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2026-07-17 15:57:04, Jamal

Emotionale Insolvenz

Wanda-Aurora (im Folgenden Aurora) trifft auf einen kleinen, nicht sehr energisch wirkenden Gönner; eine lächerliche Gestalt mit „verwaschenem Gesicht und ... klebriger Zunge". Graf Depp stolpert über seine eigenen Füße und beschädigt dabei Hose und Monokel.

„Ich hätte ihn am liebsten dorthin zurückgeschickt, woher er kam."

Zitate aus Wanda von Sacher-Masoch, „Meine Lebensbeichte. Memoiren"

Aurora überschüttet den Bewerber mit Spott. Sie wandelt auf einem schmalen Grat zwischen falscher Empathie und echter Unverschämtheit. Sie zelebriert die Bloßstellung der emotionalen Insolvenz des Grafen. Es kommt zu einem Gespräch, das den Voyeur im Gebüsch entzückt. Leopold von Sacher-Masoch muss sich beherrschen, um in seinem Versteck nicht zu applaudieren. Beim anschließenden Debriefing lobt er sich in den Himmel. Aurora dämpft seine Euphorie: „Ja, was meinst du, wenn ich dir diesen idiotischen Grafen als deinen Herrn gäbe? Das wäre eine raffinierte Grausamkeit, von der du sicherlich nicht einmal geträumt hast."

Zu den Standardvarianten des falschen Lebens (vgl. Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen") zählen Abstürze vom Liebesbarren – erotische Niederlagen, zunächst in den Jahren der maßlosen Adoleszenz, später in den engen Vorzimmern des Alters.

In einer Tagtraumepisode erscheint Leopold so stattlich wie ein wahrer Ritter. Um ihm zu gefallen, empfängt Aurora einen jungen Mann, der sich zu benehmen weiß. Sie ist im Begriff, unter der Aufsicht ihres Mannes mit einem Fremden zu schlafen. Dessen Begehren soll sich am natürlichen Feuer des Gastes entzünden, der nichts weiter tut, als seiner Natur auf manierliche Weise zu folgen.

Aurora manifestiert sich im Sprachschloss. Ein Licht wie leuchtender Bernstein umgibt sie. Sie bewegt sich auf spiegelndem Marmor. Sie streift eine Zobeljacke ab und lässt das Stück von den Schultern gleiten. Sie genießt die Bewunderung ihres Mannes und die bürgerlich maskierte Gier des Gastes – eines wohlerzogenen Germanisten namens Glenn.

Leopold ermutigt Glenn mit einer Geste. Der Gast schlüpft mit erstaunlicher Sicherheit in die Rolle des Griechen. Vielleicht erinnern Sie sich: Aurora-Wandas Ehemann träumt von einem idealen Liebhaber für seine Frau im Rahmen einer Cuckold-Konstellation. Er chiffriert die Position des dominanten Verehrers. In seinem Lexikon der Lust erscheint jener als Grieche.

Leopold erwartet von Aurora-Wanda Unterwerfung im Verhältnis zu dem Griechen und verächtliche Fürsorge gegenüber dem gedemütigten Zuschauer. Da er jedoch als Regisseur alles bestimmt, geht die Anordnung nicht über Travestie hinaus.

Leopold zitiert Kallikles, der jeden verachtete, dessen Leistungen an spezialisierte manuelle Fertigkeiten gebunden waren. Selbst wenn eine solche Person Ruhm erlangte, blieb sie doch nur ein „Mann der Masse" (Jacob Burckhardt); ein Spießbürger im Kittel eines Sklaven.

Glenn ist der „bunt gefärbte, überaus attraktive männliche Pfau" mit prächtigem Gefieder in Ronald Fisher's Runaway Selection.

Richard Dawkins sagt: Entscheidend bei der natürlichen Auslese ist das Überleben der Gene. Ein männlicher Pfau könnte so argumentieren: ‚Wenn ich unauffällige Federn trage, werde ich wahrscheinlich lange leben, aber keine Partnerin finden. Trage ich bunte Federn, werde ich wahrscheinlich früh sterben – aber vorher kann ich meine Gene weitergeben, einschließlich jener, die für die Erzeugung bunter Federn verantwortlich sind'.

Um an einer anderen Stelle weiterzumachen – Die grenzüberschreitende Prosa rund um Wanda von Sacher-Masoch, die eben nicht die Urmutter aller Dominas war, sondern eine mehr oder weniger ergebene und mehr oder weniger genervte Erfüllungsgehilfin ihres Mannes, der um seine Fetische opulente Tableaus arrangierte, stammt von Nana von Pechstein. Sie ist 32, als sie mit Colt Coogan ihr afrikanisches Abenteuer besteht. Wir springen ins Geschehen. Die beiden baden nachts im Atlantik. Eine Finne kreuzt auf und ist den Touristen Warnung genug, um sich in Sicherheit zu bringen.

 Eine Finne kreuzt auf und ist den Touristen Warnung genug, um sich in Sicherheit zu bringen

Kosmische Intensität

Die Finne – es hätte ein Rochen oder ein Delfin gewesen sein können. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie lebendig und gefährlich alles war. Wie wenig wir kontrollierten. Wie sehr alles miteinander verwoben war – das Begehren, das Leben, die Angst. Und wie tief Schönheit reichte – bis an den Rand des Unheimlichen.

Natürlich habe ich das nicht gedacht. Da waren nur die Angst und alsbald die Lust. Du hieltest mich tapfer. Und dann geschah das Unfassbare. Ohne Absprache kehrten wir ins Meer zurück. Es war Exorzismus. Unser Mut reichte bis zum Bauchnabel.

Wir gerieten in einen Sternschnuppenregen. Die kosmische Intensität unterstrich unsere Winzigkeit. Ich spürte einen Nachklang deines Körpers in mir. So vieles verschmolz in einer überwältigenden Aufwallung. Zum Glück schlief ich dann in deinen Armen ein.

Der Morgen brach für uns am Kanal du Mozambique an. Vor uns lagen Inseln des Bazaruto-Archipels. Das Meer war handwarm.

Der Bazaruto-Archipel liegt vor der Südküste Mosambiks, dreißig Kilometer östlich von Vilankulo im Indischen Ozean. Er besteht aus fünf Hauptinseln - Bazaruto, Benguerra, Magaruque, Santa Carolina (Paradise Island) und Bangue. Seit 1971 ist das Gebiet ein Nationalpark.

Ein halbes Dutzend Paare hatten sich in unserer Nähe angesiedelt. Sie huldigtem einem Backpacker-Kult, für den du und ich zu alt waren. Die Luft war wie ozeanische Seide und löste in mir einen Tumult der Seligkeit aus. Fern lagen uns die entfremdeten Daseinsbegriffen der industrialisierten Welt.

Später bretterten wir mit einem schrottreifen Toyota über Staubpisten zwischen Dünen und Buschwald, während den Aromen von Meer, Salz und feuchter Vegetation sich zum warmen Atem des Landes mischten. Ich beobachtete dich, wie du die Landschaft in dir aufnahmst. Wir wurden eins in unserem afrikanischen Traum, der aus Staub, Licht und Wasser geformt war.

Hier noch mal eine andere Variante  - Futteral der Lust

Kein Smog, kein Lärm, nur das Paarungsgeplapper von Fröschen am nächsten Wasserloch und das Zirpen der Grillen, verblüffend rhythmisch. Ich witterte glimmende Asche von einem Lagerfeuer außerhalb der Anlage. Die Backmischung aus erregendem Schweiß und Staub hatte ich zuletzt am Nachmittag an dir gerochen. Ich verging bei dem Gedanken, du könntest es für heute genug sein lassen wollen, erschöpft vom Tag, liebessatt nach beinah einem halben Dutzend Umarmungen. Wir konnten uns gegenseitig einfach kommen lassen und das taten wir. Wir traten das erotische Pedal mit regressiver Begeisterung.

Der Swag war mehr als nur eine Schlafgelegenheit. Er war eine zweite Haut für die Nacht, ein Kokon aus Segeltuch und Sternenlicht. Und da lag ich inmitten der Weite, spürte, wie der Tag still wurde und lauschte dem Erwachen der Nachtjäger.

Die Nacht war ein atmender Organismus mit einem eigenen Puls. Das hatte ich noch nie so empfunden. Die Landschaft spielte in mir etwas Ur-altes an. Diese unmittelbare Erdung, als wüsste der Körper plötzlich, wohin er gehört. Die Tiere, der Himmel, der Staub – alles sprach und erschöpfte sich in schierer Unmittelbarkeit. Und in dieser Klarheit erschien mir ein Dschinn der Demut. Ich empfand Dankbarkeit dafür, in der Schöpfung zu sein; eine Vorstellung, die mir in Deutschland nie gekommen wäre.

Ich fühlte mich im Schoss der Schöpfung. Die Trennlinien zwischen innen und außen verloren ihre Schärfe. Die Dankbarkeit war körperlich, ein Labsal.

Es stimmte, was mir Backpacker im Vorübergehen zugeraunt hatten: Neuseeland verändert die innere Frequenz.

Dann hörte ich dich und musste die Nacht anlächeln. Ich hatte es gewusst und trotzdem die Angst ausgestanden, von meiner inneren Stimme getäuscht worden zu sein. Ich spürte dich, bevor du mich berührtest. Du warst mir schon so vertraut, als wären wir gemeinsam aufgewachsen und hätten Kindergeheimnisse geteilt und gehütet. Ich sah dich enorme Mengen Schokoladenpudding in dich hineinstopfen; für dich eine Götterspeise, da du zuhause militant gesund ernährt wurdest. Du liebtest auch Löffelkekse. Nein, das alles wusste ich noch nicht, als mir ein Vibrieren der Planken dein Kommen ankündigte. Ich wollte dich sofort zwischen meinen Beinen haben. Du solltest nackt zu mir kommen, von meiner Schönheit so hingerissen, wie ich von deiner Schönheit hingerissen war.

„Komm, wir lassen zusammen die Sterne auf dem Meer tanzen", flüsterst du. Du warst so leise wegen der Schläferinnen um uns herum. Du trugst deine Badehose und hattest zwei Handtücher dabei.
„Geh im Dunkeln nicht mit Fremden mit, hab' ich gelernt."
„Gut so, ich hab' auch extra die sanfte Beleuchtung für uns Nachtjäger angemacht. Das schont die Augen."

Das Meer malte sich für uns im Tiefblau der Nachtfarben an das gedimmte Weiß des Ufers.
Du gingst voraus, der Sand knirschte unter unseren Füßen. Unter dem kühlen Spiegel war es warm. Tagwarm empfing uns das Meer und umplätscherte unsere Füße.

„Schau."

Ein Leuchten kräuselte sich dort, wo deine Fingerspitzen das Meer berührten.
Biolumineszenz - lebendige Lichter.
Kleine Lichtwesen, die aus unseren Bewegungen Sternenspuren formten. Das Bild wirkte wie die Karikatur einer Spiegelung des Firmaments.

Du berührtest mich weder gierig noch zögerlich. Als wolltest du prüfen, ob ich noch dieselbe war wie zuvor an Land. Ich war es schon nicht mehr ganz. Ich wäre damals schon nicht mehr ganz ohne dich gewesen. Wir verwandelten uns gegenseitig und miteinander, fern jeglichen Begreifens dieser Dimension.

Wir glitten ins Wasser, als wollten wir uns selbst taufen im Geist der neuen Religion unsere Liebe. Du nahmst dich meiner an, berührtest mich mit fliegenden Händen, bis ich deine Hände auf meinem Busen festhielt.

„Lass sie da", sagte ich, und als ich sicher war, dass du deine Hände auf meinem Busen lassen würdest, nahm ich dein vom Wasser bewegtes Glied in die Obhut meiner Hände. Ich formte meine Hände zu einem Futteral der Lust.

*

Die Sterne tanzten auf dem Meer. Deine Hände glitten über meinen Rücken. Deine Stirn berührt meine.

„Jetzt gehören wir dem Meer", sagtest du.
Ich wusste genau, was du meintest.

In diesem Moment - genau in diesem zarten Innehalten - schnitt eine Finne durch den Spiegel, keine zehn Meter von uns entfernt. Die Panik war sofort da. Ich krallte mich an dir fest. Du hieltest mich tapfer und warst doch so ängstlich wie ich.

Ja, wir waren nur Gäste im Paradies. Es könnte auch ein Rochen oder Delfin gewesen sein. In dieser Sekunde wurde mir bewusst, wie lebendig alles war. Wie wenig wir kontrollierten. Wie sehr alles miteinander verwoben war: das Begehren, das Leben, die Angst und die Sterne. Und wie tief die Schönheit reichte - bis an den Rand des Unheimlichen.