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2026-07-18 16:57:59, Jamal

Wortblind

„Das Bewusstsein, dass unsere Worte die ganze Welt auf einmal erreichen können, ist ein Impuls, der unbewusst die Art und Weise beeinflusst, wie wir uns ausdrücken, und ein Reichtum, den nur die größten Giganten des Geistes ungestraft ertragen können.“ Johan Huizinga

Meine vorläufig letzte Affäre hatte ich mit dem Biografen meines Mannes. Das war der Dr. Kranz. Er bewunderte Christian. Mit der Biografie sollte Christian Rang bestätigt – und sein Theaterleben abgeschlossen werden. Ich fand den Biografen so anziehend, dass ich vom ersten Augenblick unserer Bekanntschaft auf eine Berührung wartete. Ich sehnte mich nach einer Umarmung. Ich erwartete Dr. Kranz mit Aufmerksamkeiten. In seiner Gegenwart musste ich mich ständig zur Ordnung rufen. Jede Veränderung in der Wohnung schien sein Raumgefühl zu düpieren. Er erkundigte sich nach Gegenständen. Ich stellte Dinge um, damit er mich darauf ansprach. Ich schämte mich für Christians erschütterten Zustand. Andererseits hoffte ich davon zu profitieren, in stillen Momenten, wenn Christian wegdämmerte und mit Speichelfäden auf dem Kinn einschlief. Ich lockte den Biografen fort von ihm, Selma (meine Tochter aus zweiter Ehe) war schon ausgezogen. Ich zeigte ihm Bilder von mir, ich suchte Gelegenheiten, unsere Köpfe zusammenzustecken. Ich verhielt mich so offensichtlich, aber Dr. Kranz nahm meine Intimitätsbereitschaft erstmal ausweichend zur Kenntnis. Ich wusste schon, dass er verheiratet war. Das war ich doch auch. Seine Zurückhaltung blieb mir schleierhaft, auch noch als er sie abgelegt hatte. Ich weiß bis heute nicht, was ihn zwei Wochen lang zögern ließ. In dieser Zeit kam er beinah täglich zu Besuch und immer fand ich einen Grund, ihn wenigstens für einen Augenblick für mich zu gewinnen. Er sah sich als Familienmensch. Er war kein Gipfelstürmer. Obwohl man ihm den Imperator auf den ersten Blick abgenommen hätte. Als er sich endlich auf mich einließ, waren das seine ersten Worte der Leidenschaft: „Christian, das tut mir jetzt leid für dich.“ Er behielt seinen Humor beim Sex. Er beschrieb meinen Körper, sang leise ein Loblied darauf ... während Christian nebenan im Schlaf röchelte. Meine Wünsche sollte ich aufschreiben. So entstand das Liebesbuch. Ich kaufte dafür eine Kladde und schrieb Liebesbuch auf das Deckblatt. Wenn der Biograf kam, las er bei erster Gelegenheit meine letzte Eintragung. Er schrieb Christians Leben auf, während ich versuchte, meines noch einmal zu spüren. Die Biografie ging ihm leicht von der Hand. Sie verkaufte sich dann überraschend gut.

In meiner Wahrnehmung entsprach das Werk einer vorgezogenen Beerdigung. Sie machte aus Christian einen lebenden Leichnam. Dem letzten Hype würde ewiges Schweigen folgen. Berühmtere als Christian waren ruckzuck in Vergessenheit geraten.

Dr. Kranz und ich trafen uns in einer (im Geist ihrer Bestimmung nie genutzten) Gästewohnung im Souterrain unseres Hauses. Es war mein Refugium. Meine Oma hatte eine ‚Trotzburg‘, ich meine Kellerkemenate.

Die Trotzburg war ein tatsächlich turmförmiger Anbau, ursprünglich ein Speicher, der als Büro der Geschäftsleitung diente und von meinem Opa kaum je betreten wurde. Er war wortblind, wie man damals sagte. Das Diagnosewort Legasthenie kannte noch niemand in der Laiensphäre. Den Bürokram überließ Opa anderen. Seine ausschweifend-trivialphilosophischen Gedanken diktierte er am liebsten nachts. Allein, ein paar Jahre Volksschule und eine Elektrikerlehre waren sein Rüstzeug. Damit brachte er es zum Millionär. Opa hielt sich gern in der Nähe des geschriebenen Wortes auf, trug Bücher mit sich herum, die er nicht las, und suchte die Gesellschaft gebildeter Leute.

Der nonchalante Umgang mit der Schreibschwäche bewies seine Souveränität. Ja, mein Opa kannte elegante Formen der Selbstbehauptung. Er besaß eine ausgedachte Grandezza.

Allerlei Gerümpel hatte sich in meinem Liebesnest angesammelt: ausrangierte Möbel, mysteriös gefüllte Kartons, die ich aus Angst vor mumifizierten Mäusen nie öffnete, ein Dutzend aus der Mode gekommener Koffer. Unser Versteck war ein Ort dezenter Vernachlässigung. Sobald wir die Tür hinter uns schlossen, verstummte der Welten Lärm. Das gedimmte Licht und der stille Geruch von Staub, Moder und altem Holz verlieh den Räumen eine phantasmagorische Patina. Es war, als beträten wir für kurze Zeit einen anderen Planeten.

Hier gehörte die Zeit uns. Die wenigen Stunden, die wir ungestört miteinander verbringen konnten, gewannen eine eigene Intensität. Anders als Christian, für den die post-koitalen Gespräche Bibelstunden der Gelehrsamkeit und wichtiger als der Sex selbst gewesen waren, erschöpfte sich Dr. Kranzens Neigung zur Nachbesprechung im Familienklatsch. Er redete über seine Frau so, dass ich froh war, nicht an ihrer Stelle zu sein. Er denunzierte sie und eine Weile gefiel mir seine Abschätzigkeit als perverses Vergnügen. Die Abschätzigkeit führte in Abgründe, die sich mit einer gut kaschierten Frauenverachtung im Allgemeinen vertrugen. Dr. Kranz hatte sich über seine Verhältnisse erhoben. Er fühlte sich erhaben. Das war seine Lächerlichkeit. Seine Rundschläge verpassten ihn. Auch das unterschied ihn von meinen Ehemännern. Seine Grundsätzlichkeit war idiotisch. Seinen Jacky-Cola trank er mit Johnnie Walker Black Label. Er bestand darauf. Die Biografie wertete ich als Christians letzten Erfolg.

Ach ja, Dr. Kranz liebte meine Füße, das Glück habe ich nicht oft gehabt. Am Anfang unserer Ehe hatte mir Christian einen biografischen Abriss diktiert. Ich setze den Text demnächst an dieser Stelle ein.