Turning Danger into Performance – Inanna
Zum ersten Mal nackt sah ich sie an einem Sonntagmorgen im Jahr der Hamburger Flut. Ich war siebzehn, mein Vater in Wiesbaden, Inanna und ich hatten den Vorabend gemeinsam im Wohnzimmer verbracht. Ich hatte mal wieder über ihr Interesse an mir gestaunt. (An ihrer Bereitschaft, sich mit mir abzugeben.) Nun kam ich am ehelichen Schlafzimmer vorbei, die Tür stand auf. Ina (wie sie sich nannte) stand vor dem wandhohen Schrankspiegel. Ich überhörte ihre Heiterkeit, schwänzte das Frühstück und tauchte erst am Nachmittag wieder auf. Inanna war nicht im Haus. Als ich sie am nächsten Morgen in der Küche traf, fand ich sie nicht so munter wie sonst. Ich hatte mich der zweiten Frau meines Vaters gegenüber nie ablehnend verhalten. Meine vage Zugänglichkeit wurde mit Anteilnahme honoriert. Ina war dreiundzwanzig Jahre jünger als ihr Mann. Sie verstand die modischen Entscheidungen des Heranwachsenden besser als sein Vater. Gemeinsam lachten wir über Karikaturen, die er von Kollegen (das waren Abgeordnete des Hessischen Landtags) mit nach Hause brachte. Keine Ahnung, ob meinem Vater die unterschwellig-ödipale Elektrizität entging oder er sie einfach nur strategisch ignorierte.
Ina war die Tochter von Archäologen – ein Feldforscherpaar, das Jahrzehnte eine akademische Campingexistenz geführt und Ina in einem Internat untergebracht und vernachlässigt hatte. Spätere patriarchalische Kulturen domestizierten das Weibliche. Es gab die Mutter (Demeter), die Geliebte (Aphrodite) und die kühle Strategin (Athena). Inanna verkörperte das Spektrum. Sie war nicht geboren wie ein Mensch, nicht geformt aus Fleisch und Zeit. In Uruk erhob sich ihr Heiligtum – Eanna – das Haus des Himmels. Dass sie Liebe und Krieg in sich vereinte, zeigt, dass die Sumerer weibliche Macht als eine Urgewalt begriffen, die Leben schenken und nehmen kann. Inanna (so nannte ich sie für mich) erschien mir liminal. Ich identifizierte die schöne Frau eines halsstarrigen Patrons mit Inannas Gang in die Unterwelt. Inanna steigt hinab in das Reich ihrer Schwester Ereškigal, in eine Welt, in der keine äußere Größe Bestand hat. Sie legt an sieben Toren ihre Insignien und Kleider ab, stirbt und wird neu geboren. Dies ist die älteste geschriebene Reise der Seele aus der Dunkelheit ans Licht. Macht entsteht nicht in der Unverwundbarkeit, sondern rührt von der Fähigkeit, sich der Transformation zu stellen. Inanna/Ishtar wird in der Bibel erwähnt. Sie inspirierte die ugaritische Göttin Ashtart und die phönizische Göttin Astarte, die der griechischen Göttin Aphrodite voranging und in Rom zur Venus wurde – zur Stammmutter des Imperiums.
Blickten die Menschen Mesopotamiens in den Himmel sahen sie einen wandernden Stern: die Venus. Sie erschien am Abend, verschwand in der Nacht und kehrte am Morgen wieder. Aus diesem kosmischen Rhythmus entstand eine der ältesten Gestalten, die mit einem Namen überliefert sind: Inanna. Sie ist widersprüchlich, leidenschaftlich und gefährlich. Sie hypostasiert Begehren und Verlust, Schönheit und Gewalt, Herrschaft und Verletzlichkeit. Die Sumerer sahen die Fruchtbarkeit des Bodens, die Ordnung der Städte, die Macht der Könige, den Lauf der Sterne und die unsichtbaren Kräfte, die das menschliche Leben bestimmten im großen Zusammenspiel. Ina stand im Zentrum des Vitalreigens. Sie war der Moment zwischen Nacht und Morgen, Leben und Tod, Chaos und Harmonie.
Ich sah Ina die Zeichen ihres Rangs ablegen: Krone, Schmuck, Gewänder – alles, was ihre Stellung im Gefüge sichtbar machte. Ina wollte, dass ich von meinen Freundinnen erzählte. Sie etablierte sich als Beraterin. Sie rivalisierte aber auch mit den Mädchen. Für mich war ihre Ambivalenz naturgemäß verwirrend. Sie überforderte mich, das muss ich nicht ausführen. Zugleich fühlte ich mich in Inas Nähe wohl.
Ina regte meine Fantasie an. Sie bot mir Gelegenheiten. Sie überließ mir, vorgeblich gedankenlos, Erregungsmaterial. Zum Spaß nannte sie mich den jungen Herrn von Ziegenhain. Es gefiel ihr, mit mir gemeinsam meine Familiengeschichte zu erforschen, die Vergangenheit fabulierend aufzuwühlen. Ich fuhr mit ihr zu Verwandten nach Kassel. Für diese Leute war es selbstverständlich, dass ich zu ihnen aufschloss. Ich wurde regelrecht unterrichtet in Familiengeschichte.
Man legte mir restaurierte Folianten vor, schlug für mich in kurfürstlichen Hof- und Staats-Handbüchern nach. In einer „Skizze für Reisende“ aus dem Jahr 1825, (erschienen in der Kriegerischen Buchhandlung) entdeckte ich diese drollige Bemerkung: „Herr Oberhofrath Völkel, dem die Direction des Museums und der kurfürstlichen Bibliothek übertragen ist, so wie die dabei angestellten Herrn Gebrüder Grimm, sind ausgezeichnete Literatoren, die den Fremden mit größter Gefälligkeit zuvorkommen.“
Die Kasseler von Ziegenhains meiner Generation lebten mit der Idee einer außerordentlichen Herkunft. Ihr Hochmut und ihr Einfallsreichtum überschritten meine Grenzen. Sie kannten Straßennamen, die zu Residenzstadtzeiten amtlich waren. Mit ihrer Verwendung setzen sie sich vom Volk ab.
Sie waren im kurhessischen Münzwesen bewandert. Sie schenkten mir einen Schild-Louisdor (Caroline), der in Handel und Wandel einst höher im Kurs gestanden hatte als in den lokalen Regierungskassen. Der schlichte Louisdor hieß Pistole, es gab einen Laubthaler. Meine Cousinen und Cousins kultivieren eine Menge Anachronismen, die einen dezent mit Stromgitarren in ihren Jugendzimmern, die anderen gescheitelt und in allem ihr Erbe konservativ hervorkehrend. Ihre Eltern, meine Tanten und Onkel, gaben dem Neffen aus Frankfurt zu verstehen, dass er in ihren Häusern und Wohnungen so willkommen sei wie der eigene Nachwuchs.