Der dänische Eismeer-Trapper
Der Morgen brach für uns am Ulvshale Strand von Møn an. Erst jetzt bemerkte ich, dass ein halbes Dutzend Paare Inseln der Unordnung im Sand bildeten. Sie entsprachen einem Kult, den ich noch nicht kannte. Die Luft war baltisch-ozeanische Seide und löste in mir einen Tumult der Seligkeit aus. Oh, wie fern erschienen mir die entfremdeten Daseinsbegriffe der industrialisierten Welt.
Die dänische Insel zwischen Sjælland und Falster birgt eine antike Landschaftsschicht – im Norden isoliert von der Meerenge Hølen, im Südwesten segregiert vom Grønsund – Megalithgräber und Kultplätze, die zur Wikingerzeit schon dreitausend Jahre alt waren. Die Gegend lud zur Mythenbildung ein. Die Adoranten im Sand gehörten zu den „Kindern des langen Lichts", einer internationalen Gemeinschaft, die sich nur in den hellen Monaten zusammenfand. Niemand wusste, wann der spirituelle Spuk begonnen hatte. Manche behaupteten, die Ursprünge reichten weit zurück. Das glaubte ich nicht. Ich war ein Kind der DDR, erzogen im Geist des Historischen Materialismus.
Eine Euphorie aus Wacholder, Kiefernharz und dem Rauch eines Frühstücksfeuers mischte sich unter die Meeresbrise. Wir waren sofort auf den Beinen. Ich weiß nicht, was uns davon abhielt, den Tag so liebevoll zu beginnen, wie wir es beinah schon gewohnt waren. Der Sand war kühl und fest unter meinen Sohlen. Ein feines Kribbeln lief durch meinen Körper, obwohl ich mich geschlaucht fühlte. Das Høje Land vibrierte. Die Ereignisse der Nacht – deine fieberheiße Stirn an meiner, Lichtwesen, die aufblitzten wie galaktische Signale. Biolumineszenz. Du in mir im Sand – all das ging mir nach. Es verfolgte mich, während ich meine Tasche packte und deine Zehen Ornamente in den Staub zeichneten. Warst du in diesem Augenblick gelangweilt? Liebessatt? Wärst du lieber mit den Zufallskumpeln der Rucksackfraktion um die Katen gezogen?
In meiner Erinnerung erscheint die Nacht kosmisch. Der Morgen war es nicht. Sand hatte sich überall eingenistet, unsere Körper waren von Schieflagen verzogen. Die Natur ist schön und zugleich unpraktisch. Eine Liebesnacht am Strand ist vermutlich niemals nur ein langer Wellnessmoment.
*
Jetzt sehe ich dich in einer Hafenkneipe auf Anholt, am Rand der bewohnten Welt. Ein Tuborg Grøn in der Hand. Von Salz und Gischt blinde Fenster. Einen Billardtisch mit verrottetem Filz, das Kreidequietschen auf dem Queue. Das alte Radio auf einem mannshohen Kühlschrank. Es läuft Kvinde Min von Gasolin‘.
Wir waren mit Rørik zu einer Buschtour verabredet. Er tauchte pünktlich verspätet am Treffpunkt auf, einem tristen Anleger am Fährhafen, zwischen Pollern, Altreifen und Fischkisten, und fand es nicht nötig, sich zu erklären. Er fuhr einen Toyota Pickup, so wie die meisten Naturvejleder. Im sandigen Herzen der Insel untersteht alles dem prosaischen Regime der Flechtenheide.
Wir verstauten unsere Rucksäcke auf der Ladefläche zwischen Kanistern, Klappmöbeln und einer pseudo-verwitterten Lure aus Bronze, die Rørik als „Stimmungsmacher“ bezeichnete. Ich hielt das Ding für archaisch echt. Heute weiß ich, dass es nur ein Replikat war. Eine Requisite aus dem Katalog für Erlebnispädagogik, angeschafft, um ahnungslose Stadtmenschen abzuzocken. Aber mit fünfundzwanzig wollte ich das Plagiat und die Masche nicht erkennen.
Für Rørik waren wir „Stadtmenschen“. Ich bin das totale Landei und eine Ostseeperle. Geboren (Hausgeburt) und aufgewachsen in Ahrenshoop-Althagen direkt am Bodden. Vor der Tür meines Elternhauses – dem im 18. Jahrhundert von einem Ahnen namens Finn von Stellberg erbauten Skipperhus – weiden von jeher Pferde und Kühe.
Zweifellos bastelte Rørik in der Flechtenwüste (Ørkenen) an seinem persönlichen Eismeer-Trapper-Mythos. Er präsentierte sich als skandinavischer Crocodile-Dundee-Verschnitt, inklusive eines als Jagdmesser deklarierten Kurzschwertes. Die martialische Pose gehörte zum Geschäftsmodell. Warum auch nicht? Man wirft ja auch sonst keinem vor, dass er seinen Job gut macht. Rørik kaute auf etwas herum, das wie vergammeltes Leder aussah. Das war sein Kaugummi. Im Vorrat hielt er Robbennieren und Dorsch-Jerky. Neben mir auf der Sitzbank braute sich eine Gewitterfront zusammen. Du warst eifersüchtig. Angeblich war Rørik früher Heizer auf einem grönländischen Trawler gewesen. Er erzählte von Packeis, das Schiffswände schreien ließ, und von den Monaten, die er in einer Vermessungsstation an der Nordküste Spitzbergens verbracht haben wollte. Allein mit einem Gewehr und drei Kisten Zwieback. Es war eine meisterhafte Kolportage. Eine Biografie, zusammengeschustert aus Abenteuerheftchenromansequenzen und Spelunkenseemannsgarn; vorgetragen mit der unverschämten Gewissheit, nicht widerlegt und überführt werden zu können. Ein Mix aus Discounter-Weisheiten und sehr individuellem Wahn, aus Kino- und True Blue-Klischees – und das im Tonfall einer rauen Gegend. Die Piste existierte bloß als Idee. Wir folgten einer Spur zwischen Dünen, Heidekraut und zerfressenen Fahrzeugwracks, darunter rätselhaft demolierten Autos und malerisch skelettierten Schiffskadavern. Der Himmel: ein eisiger Brennspiegel.
„Ihr müsst die Sprache der Seeschwalben lernen“, sagte Rørik. „Wer hier draußen überleben will, muss wissen, ob Gegenwehr gegen den Sturm noch lohnt und ab wann man sich besser flach in den Torf haut."
Rørik genoss die Spannung zwischen mir und dir. Er verstand seine Rolle nur zu gut. Ihn reizten das Absurde und der Aberwitz. Nach Stunden monumental-monotoner Weite hielten wir vor einer desolaten Fischereistation. Eine Wellblechbruchbude. Die explosive Kombination von Dieselgestank, totem Fisch und enervierendem Halbsturm verarmte mich. Die Tür hing schief in den Angeln. E roch nach Ammoniak, Tran und ätzendem Desinfektionsmittel. Die Toiletten waren ein von Schmeißfliegen belagerter Albtraum. Der Holzboden war nass. Ich wollte nicht wissen wovon.
„Gibt Schlimmeres“, sagte Rørik. „Musste mal bei einem Manöver auf dem Truppenübungsplatz in Oksbøl pissen. Da war das Klo ein Granatwerferrohr.“
Im Windschatten der Baracke wachte ein Greis über eine Ladegolf-Pritsche voller unansehnlicher Steckrüben. Eine Szene wie aus einem Film von David Lynch.
Ein Ladegolf ist ein umgebauter VW-Golf ohne Rückbank.
Ich überspringe ein Dutzend bizarrer Momente. Schließlich strandeten wir am Rand einer bewaldeten Senke. Die Vegetation besiedelte eine schalenförmige Vertiefung, dem Landschaftsrelief eingeprägt, als hätte da ein Riese vorzeitlich geruht. In anderen Mulden wuchsen kümmerliche Bergkiefern mit rissiger Borke. Ihre Äste spreizten sich theatralisch. Ich registrierte wild wuchernde Kriechweiden und zangenartige Ausläufer silbrigen Seegrases. Überall dehnten sich Teppiche aus Rentierflechten. Das sind stachelige, graugrüne Kugeln, die aus der Entfernung harmlos und weich wie Moos wirken, aber messerscharf unter den Sohlen brechen. Depressive Formationen von totem Wacholder, bleich wie Leichenknochen. Es gab Krähenbeeren und kriechenden Lerchensporn. Ich fotografierte die Arten und dachte mir Formulierungen für mein Reisetagebuch aus. Es war mein erstes Buschcamp. Ich schleppte dann Feldsteine, die Rørik als Feuerschutz anordnete. Auf Anholt gilt ganzjährig ein absolutes Verbot für offenes Feuer. Die Anordnungen sind strikter als an vielen anderen dänischen Orten.
„Das Gesetz ist für die Festländer“, sagte unser Führer. „Hier draußen entscheide ich.“
Es war genau der Tonfall, den ich damals brauchte, um die vermeintliche Enge* meiner eigenen Herkunft zu sprengen. Das hat dich bei mir abgemeldet, wenn auch nur für ein paar Tage. Du schwiegst erbittert.
*In Wahrheit war da nichts eng.