Wir hörten The Mamas & The Papas ... California Dreamin‘ ... während wir uns bemühten. Es war so zersetzend zu wissen, dass da draußen Leute atmeten, die wirklich scharf darauf waren, entweder mit mir oder mit Claire ins Bett zu gehen. Aber da gab es diesen Beschluss, dass Claire und ich es sein sollten. Es hakte überall, und immer hieß es: Das macht doch nichts, Babe. Wir stammten aus Familien, die Wert auf ihr Unglück legten. Eines Tages kam Trent Leslie Cooper durch unsere Haustür, mit diesem Haarschnitt, dem nichts hinzuzufügen war.
Fixed Action Patterns
„Man nahm an, dass „Verhalten von Tieren zum größten Teil aus einer Abfolge kleiner, uhrwerkartiger Routinen besteht – aus dem Instinktverhalten, auch Fixed Action Patterns oder FAP genannt.“ Richard Dawkins
*
„Panglossianismus unterstellt einen absoluten Funktionalismus, nachdem ausnahmslos alles einen bestimmten Zweck erfüllt.“ Wikipedia
San Francisco in den1960er Jahren – Denken Sie an die Telegraph Avenue und Haight-Ashbury. 1967 zogen Claire und ich nach Berkeley, um uns und den Zuschauern aus der Referenzkohorte farbenprächtig etwas vorzumachen. Wir spielten miteinander Blindekuh. Wir tanzten um das goldene Kalb einer egalitär-altruistischen Gesellschaftsutopie, während wir so heimlich wie verschämt das bürgerliche Leben im republikanischen Stil unserer Eltern anschoben. Ich nahm meine erste akademische Stellung ein. (Ich hatte mich angeschlichen und war auf einem freien Platz einfach stehengeblieben. Plötzlich gehörte ich zum Lehrkörper.) Claire hing beruflich in der Luft. Wir waren, wie alle in unserer Reichweite, selbstverständlich gegen Lyndon Johnsons Vietnampolitik. Allerdings reichten meine Vorbehalte nicht weiter. Ich sah Johnsons Vorzüge, wohl wissend, dass ich meine Ansichten besser für mich behielt. Sogar Claire gegenüber, die in ihrer Zwischenlage als Postgraduierte eine Phase der Verunsicherung mit bombastischen Politeinlagen überspielte.
Richard Dawkins bezeichnet eine Ameisengesellschaft als Genfabrik. Für ihn sind Ameisenleiber nur Genhüllen.
Ich landete auf der Speckseite, aber Claire verpasste den richtigen Einstieg wie bei einem missglückten Andockmanöver. Das Nadelöhr zwischen dem Status quo und der Zukunft schloss sich. Das wussten wir nicht. Wir waren von Leuten ins Rennen geschickt worden, die sich keine gravierenden Fehler nachsagen lassen mussten. Sie hatten uns zu einem Panglossianismus erzogen, der uns blind machte, für die allgegenwärtige Dysfunktionalität von Systemen und Personen.
Unsere gute Zeit lag bald hinter uns. Wir begegneten uns auf dem Feld des Alltags wie Passanten sich im öffentlichen Raum aus dem Weg gehen. Ich witterte Verrat. Claires Illoyalität ließ sich mit Händen greifen. Meine Frau war für mich zur Falle geworden. Trotzdem absolvierten Claire und ich den Paarparcours nicht anders als die Kollegen, soweit es den Anschein betraf. Allein es fehlte der Glaube an eine gemeinsame Zukunft. Gleichzeitig stand uns der bürgerliche Zeitplan vor Augen. Wir hatten keineswegs die Absicht, vom Kurs abzuweichen. Das heißt, Claire, die so spröde wie theatralisch sein konnte, wollte lieber von mir schwanger werden als die Sache hinauszuzögern. Ohnehin wähnte sie sich in allen Vergleichen mit den Rivalinnen im Rückstand. Die konventionelle Lebensplanung kollidierte wie verrückt mit den Parolen der antiautoritären Bewegung.
Allgemein galt Wordsworths „Jung zu sein/das war der Himmel“. Nur für mich und Claire traf das allenfalls eingeschränkt zu, während wir uns einzureden versuchten, nicht anders der Vertrautheit entfremdet zu sein als andere Leistungsträger.
In der Gegenwart von 1969 schwärmte Claire aus in der Gefolgschaft von Eugene McCarthy – einem Gegner seines Namensvetters Joseph McCarthy. Als Rivale von Lyndon B. Johnson hatte der Demokrat gar nicht so schlecht abgeschnitten. Eugene McCarthy war ein Säulenheiliger der Antikriegsbewegung. Bei einem Essen für seine Premiumaktivistinnen begegnete Claire einem Neffen des Politikers als ihrem Tischherrn. Trent Leslie Cooper war in Vietnam gewesen und wollte da auch wieder hin. Der zivile Betrieb erreichte ihn nicht. Zu offensichtlich war seine Geistesabwesenheit, als dass sich Claire (die Hochwohlgeborene) gekränkt fühlen musste. Sie schwankte zwischen Mitleid mit einem Traumatisierten und der habitualisierten Ablehnung, die sich von selbst verstand. Trent kratzte die Empathiezuckungen meiner Frau nicht. Claires erotisches Interesse an ihm war ein schwacher Ersatz für den Dschungel.
Trent litt unter Entzug. Er entbehrte nächtlichen Feindkontakt; den Reiz der angespannten Gelassenheit. Man erspürt die Lage nach einer abweichenden Hierarchie der Sinne und bewegt sich in der künstlichen Spontanität der Kontraintuition.
Trent hasste Konversation. Claire moussierte gegen ihren Willen. Sie sollte den Krieger von Herzen verdammen. Doch ihr Herz schlug im Takt einer unangemessenen Begeisterung für den Fehlgeleiteten. Claire fuhr mit einem Ford Falcon, vollgeklebt mit Antikriegsparolen, durch die Gegend, und neben ihr rauchte ein Vorzeigebefürworter all dessen, was Claires Aversionen auf sich zog, verdrossen neben ihr in diesem zum Statement gewordenen Fahrzeug, und zeigte nicht die geringste Neigung, sich wie ein Verehrer zu benehmen.
Es war schrecklich.
Aber Claire fehlte die Kraft, sich von Trent zu lösen. Trent diskutierte nicht. Er zeigte keine Anzeichen von Bedürftigkeit. Er stemmte die Ledersohlen seiner Bronco-Stiefel gegen das Armaturenbrett und blies Rauch zum Kabinendach.
Ich saß vor dem Fernseher. Über den Bildschirm liefen Demonstranten, die Nationalgarde rückte auf jedem Kanal aus …
In unserem fünften Campussommer rief jemand an, der in England beruflich an Land gegangen war. Er riet mir, mich auf eine neu geschaffene Stelle in Oxford zu bewerben.
Ein Jahr später lebten Claire und ich in einem Oxforder Schlösschen, erbaut aus honigfarbenem Oolith, jenem Kalkstein, der das Stadtbild Oxfords prägt. Der kleine Prachtbau stammte aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert. Ein Sir Edmund Wycliffe, seines Zeichens kleinadliger Großgrundbesitzer und Abgeordneter aus Oxfordshire, hatte es erbauen lassen.
Wir waren davon abgekommen, uns gegenseitig etwas vorzumachen. Trent hatte in meiner frenetisch friedensbewegten Claire etwas ausgelöst, dass sie dazu veranlasste, sich von unpassenden Männern den Hof machen zu lassen und in unmöglichen Bars zu versacken.