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2026-07-20 16:56:42, Jamal

Turning Danger into Performance – Das große Verscherbeln

1996 – Jede Nacht tritt die alte Garde zum Konvent der Schlaflosen zusammen. Oft machen wir die Nacht in der Theaterkantine zum Tag, aber manchmal treffen wir uns in Sinas Silberblick, einem Saufloch am Kröpeliner Tor. Einer Legende nach sitzen da manche seit 1270. Ob damals die Stadtmauer hochgezogen wurde? Wer weiß das schon? Die DDR pfiff auf die bürgerliche Geschichtsschreibung. Wie Rostock entstand und wie es sich verteidigte, interessiert die Saufschwestern so wenig wie den Tross der Schlappschwänze. Angeblich existierten zuerst drei Weiler, jeder hinter seiner eigenen Schanze. Dann zog man einen Palisadenzaun um das Ganze und fertig war die Laube.

Bei den Durchgängen in den Rostocker Wallanlagen unterschied man Strand- von Landtoren. Das Kröpeliner Tor war ein ... Setzen Sie bitte das richtige Wort ein.

Ich reiße das nur an. Die Unentwegten kennen keine Scham. Sie stürzen sich auf Sina und erwarten, für bedeutende Leute gehalten zu werden. Zu den längst ranzig gewordenen Urgesteinen zählen meine Ex-Liebhaber Heiner Schleef, Silvan Seegers und Afanasij Hünsdorf. Allesamt dekorierte Kulturschaffende eines aufgegebenen Staates. In der Gegenwart kursieren sie als strullige Labertaschen, die sich nicht abstellen lassen. Ihre haltlosen Durchblickbehauptungen sind das Traurigste, was ich mir im Augenblick vorstellen kann. Stets am Start ist Heiners westdeutsch-türkische Importbraut Lara Karakitap, die mit uns Nordlichtern (Irrlichter, Gelichter) unheimlich viel Spaß hat.

Gerade geht es darum, wie Pfeilgifte am Amazonas gewonnen werden. Silvan, der mich einmal wieder an Gojko Mitić als Winnetou denken lässt, bringt den Phyllobates terribilis ins Spiel. Das ist natürlich zu kompliziert. Die Belegschaft stolpert durch ihre Unkenntnisse. Silvans Schwester Tanja dreht das gute Gras aus Wustrow in eine Tüte. Das ist der wahre Küstennebel. Tanja interessiert sich nicht für die Hierarchie der Spezialgläser und Aschenbecher im Silberblick. Sie zettelt kleine Aufstände gegen die Platzhirsche an. Die Jugendmannschaft steigt jubelnd ein.

Heiner überhört einen Witz auf seine Kosten. Lang her, dass seine Musik ohne Murren gespielt wurde.

„Der ist schmerzfrei“, sagt eine von den ganz Jungen, als sei Heiner blind und taub. Der aktuelle Gesprächsstand in zwei Sätzen: ... ist endlich schwanger ... tritt demnächst ihre erste Stelle an.

Das Spiel heißt: Wir möchten alle nicht bis drei zählen können. „Was heißt Obacht auf Englisch?“

„Watch out“, antwortet Tanja automatisch. X schneidet Gesichter. Z fotografiert sie. Daraus ergibt sich als Fortsetzung: Wir fotografieren unsere Ohren. W ist beim minimalistischen Sound und bei der flachen Instrumentierung der Ramones. Q wird ihr Dekolleté peinlich. Sie zieht an den Fasern. Die Fasern widersetzen sich dem Zug. Die ersten Aufbrüche sind allenfalls Anläufe. Man verabschiedet sich ein bisschen, dann hat man doch wieder ein Bier in der Hand. Aber schon die Mütze auf. Die Mützen erinnern an altägyptische Hauben. 

Tanjas Fiasko   

Ausgerechnet Tanja spielt mit auf dem Feld der Globalisierungsgewinnmaximierung. Sie scheiterte in Russland bei dem Versuch, ein Superrädchen im Getriebe einer Expansion zu sein, die als Mulligans fehlgeschlagene Osterweiterung historisch wurde. Tanjas Arbeitgeberin, eine Unternehmensberatungsgesellschaft, leistete sich eine Strategin, die Willy Brandt und Karl Schiller für bedeutende Personen hielt. Sie legte den Chefinnen nah, „einen politischen Schachzug der deutschen Sozialdemokratie“ zu kopieren. Mit der Festschreibung der Oder-Neiße-Grenze (als einer Garantie Polens) habe Brandt Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der Westen wieder einmal vor Moskau stand; nur diesmal, ohne zu frieren.

Brandts „Annäherung durch Wandel“ auf dem Sockel von Karl Schillers verführerisch-falscher Konvergenztheorie („Verführung ist die wahre Gewalt“, Friedrich Schiller) eroberte den Ostblock dann doch nicht. Wir haben uns alle geirrt, sage ich im Vorgriff auf noch ausstehende Erfahrungen.

Brandts Gegenspieler Leonid Iljitsch Breschnew war eine notorische Fin de Siècle-Gestalt, wie sie in Russland als Gegenfigur zu einem Zar Peter alle hundert Jahre aufkreuzt. Der aus dem ukrainischen Kamjanske (früher Dniprodserschynsk) gebürtige KPdSU-Generalsekretär spielte auf Zeit und hoffte auf ein Wunder in seinem an allen Ecken und Enden erodierenden Staatenbund.

Übrigens war Breschnew der erste Apparatschik im höchsten Amt ohne oktoberrevolutionäre Vergangenheit. 

Brandt wollte die Friedensfrist für Deutschland verlängern.

Das große Verscherbeln

Zurück auf Los. Ich gehe auf die dreißig zu, unterrichte Deutsch für Ausländer in Frankfurt-Hoechst nach lächerlichen Vorgaben, nutze einen Waschsalon, sehe französische Krimis in der kommunalen Filmwerkstatt, reagiere euphorisch auf die Wiedervereinigung und verliebe mich in Mareike.

Die Brandungsgeräusche von 1989 … Mareike liegt das andere Deutschland ferner als Amerika. Sie wünscht sich eine ethnologische Annäherung. Sie liegt auf meinem Futon und geht in Gedanken spazieren. Sie sieht sich in Weimar die Gewohnheiten der Eingeborenen studieren und manchen Stein gewordenen Widerhall deutscher Klassik mustern.

Der Ostblock bleibt eine Dystopie. In dieser Ignoranz-Fasson statten Mareike und ich der sich gerade übergebenden DDR einen Besuch ab. Ich halte einen Elektroschocker dann doch nicht griffbereit. Ich packe ihn erst gar nicht aus. Er bleibt im Hotel. Man muss aufpassen, dass man die Ereignisse rund um die friedliche Revolution nicht auf der Kehrichtschaufel der eigenen Geschichtsvergessenheit zur Tonne der eigenen Einfalt trägt.

Das große Verscherbeln hat schon begonnen, aber die DDR gibt es noch in ihrer Agonie. So wie Bürger, die in einem starken Trennungsschmerz mit ihrem Land verbunden sind. Leute, die ahnungslos ihre lebensgeschichtlichen Brüche herbeidemonstriert haben, betrachten uns fassungslos. Jeder hat sich das und den anderen ganz anderes vorgestellt.

Wieder in Frankfurt verknüpft Mareike so monoton wie monomanisch die kaputte DDR mit ihrer kaputten Familiengeschichte. Sie macht ihren Vater für den frühen Tod der Mutter verantwortlich. Während sie ihrem Vater den Tod wünschte, verlor sie die Mutter. 

Alles schien verkehrt eingerichtet.

Der Vater ist in Mareikes Wahrnehmung ein … und ein … Die Aufzählung kommt ohne originelle Sprachschöpfungen aus, so als verböte sich jedwede Kreativität an dieser Stelle. Gewaltphantasien flankieren die Tirade und vernebeln Mareikes Gehirn. 

In der holzigen Höhlenartigkeit eines Schwanheimer Dachstuhls geht Mareike mit mir ihr Leben durch. Ein Erinnerungs-Wir schließt den Vater nicht immer nur negativ ein. Manchmal schimmert Stolz auf den Kotzbrocken durch die Ablehnung. Ein paar Mal mehr als selten hat man etwas gemeinsam erlebt, dass positiv zu Buche schlug, so wie die Suche nach Gold in der Eder und eine Einweisung in die Kunst der Salzgewinnung.

In einem Verhau aus kruden Darstellungen verbirgt sich eine Heranwachsende, die im Herrschaftsbereich der väterlichen Verwahrlosung ständig sprungbereit auf der Hut war.