Ich sage Mama zu ihm
Telefonierten wir, nannte ich ihn Mama, um Lauscher zu verwirren. Akira Thorne war katholischer Schotte. Im Dienst ihrer Majestät der Königin des Vereinigten Reiches hatte er dreißig Jahre lang katholische Iren gejagt. Ich weiß nicht, weshalb der britische Agent mit dem japanischen Vornamen nach Deutschland gekommen war. Er nannte sich Berater. Einen Tag nach seinem sechsundsiebzigsten Geburtstag begegneten wir uns an einem 14. August zum zweiten Mal.
Im Präsens der Begegnung
Jede Menge Geräusche gehen ihm voraus. Zwei in einer Lichtpfütze sich aalende Fuchswelpen überhören erstaunlich lange die Warnungen. Soweit weg von jedem festen Weg wie möglich, sitze ich auf einer gestürzten Birke im Darßwald (der Darßwald ist ein zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft gehörendes Gebiet am Weststrand der Halbinsel Darß,) übe mich in der Unterscheidung von Vogelstimmen und erfreue mich an der Show mehrerer Kleiber, die einen Eichelhäher einkesseln, als Thorne mein Sichtfeld betritt. Noch hat ihn die Kraft der Vollstrecker nicht verlassen. Sie sitzt im Fett. Das Fett schwimmt im Schweiß.
Mücken geben seinem Tropenhelm eine Aureole.
Thorne trägt einen Khakisafarianzug. Er hält den Abstand der Wildnis. Sobald die Zivilisation aufhört, die Regeln zu bestimmen, und zivile Verkehrsformen nicht von der Umgebung erzwungen werden, weitet sich der persönlichste Bereich eines Menschen enorm. Dann geht es nicht mehr um Zentimeter, sondern um Meter. Wer das natürliche Distanzbedürfnis unterschreitet, ist ein Eindringling und sollte auf alles gefasst sein.
Thorne ruft mich an, er grüßt launig aus der höflichsten Ferne. Er bezeichnet mich, einen fast Sechzigerjährigen, als jungen Mann. Ich finde solche Ansprachen unangebracht.
„Kann ich Ihnen helfen?“ frage ich reserviert.
„Es scheint eher so zu sein, dass ich Ihnen helfen kann.“
Thorne spricht genussvoll Deutsch. Er kaut die Wörter; ein Feinschmecker, der es aufgegeben hat, diskret wirken zu wollen.
Nehmen Sie das Bild, lehnen Sie es an die Atelierwand und folgen Sie mir auf den kleinsten Vorhof dieser Geschichte. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und bete vor dem Bildschirm meines Rechners, ohne gläubig zu sein. Das ist meine Selbstwahrnehmung im Augenblick. In Wahrheit weiß ich bloß noch nicht, dass ich trivialerweise im Alter gläubig geworden bin. Also bete ich zu Gott wie Jedermann, jedoch mit der Idee, lediglich das Format Gebet zu nutzen. Ich bitte um Beistand im Kampf gegen Fredo und sein Gesocks. Ich kürze an dieser Stelle das Thema ab, wir werden noch oft darauf zurückkommen.
Ich beende das Gebet und scrolle zu den Kommentaren des Artikels, den ich gerade auf Welt-Online überflogen habe. Ein(e) Akira äußert sich an erster Stelle. In dieser Nacht träume ich den Namen Akira Thorne und halt ihn im Traum für weiblich. Akira Kurosawa ist nicht in meinem Traumgedächtnis.
Tage später fällt einem gutgekleideten Senior, herausgeputzt mit einer Fliege, die Börse in der Bahn aus der Hand. Ich bücke mich unwillkürlich, stoße bei der Wiederherstellung der Voraussetzungen für den aufrechten Gang mit dem pfauenhaften Oldtimer zusammen und spüre die in äußerster Konzentration kultivierte Kraft in einem anderen Körper. Ein tiefer Frieden breitet sich in mir aus, während ich in den Angriffsmodus fließe.
„Ein schöner Meistermodus. Sie gefallen mir. Sie gefallen mir sogar sehr.“
Ich sehe mein eigenes Glück in den Augen eines Fremden, der sich für die Hilfe nicht bedankt. Er nimmt die Börse und wiegt sie in einer Hand.
„Ich bin auf Ihrer Seite, mein Bester. Mein Name ist Akira Thorne. Merken Sie sich das. Sie werden mich bald wiedersehen.“
Die Flüchtigkeit der Bewegung erlaubt es mir, für möglich zu halten, sie sei unbemerkt geblieben. Ich habe wenig Veranlassung zu glauben, eine Regung meiner Person könne keine Beachtung finden.
Wozu der Aufwand?
Nun ich bin berühmt, wie Sie vielleicht schon ahnen. Meine Fans sind urban und fürchten Wald. Sie kommen nicht hinterher, sobald das Unterholz den Schritt des Waldläufers bremst. Auch in dem norddeutschen Urwald, den Thorne zum Schauplatz der zweiten Begegnung machte, warteten sie an den Zugängen, wo kein Bär oder Wolf sich je blicken lässt. Ob Thorne mein Mobile ortete? Ich wusste es nicht, damals als er – präzise wie bei einer Punktlandung – aufkreuzte.
Ich deute auf den Himmel.
„Ich traue denen alles zu. Wo die sich nicht zu Fuß hin trauen, da behelfen sie sich mit Elektronik.“
Schmauch
„Ob Sie draufgehen oder nicht: das spielt keine Rolle“, sagte Thorne.
Ich hob die Schultern zum Beweis meines Unmuts. Ich habe es nicht gern, wenn man mir Selbstverständlichkeiten im Brustton der Belehrung verkündet. Ein japanischer Ritter sah in einem japanischen Bauern so wenig seinesgleichen wie in einem japanischen Hund. Eine Nationalisierung der Gesellschaft auf allen Ebenen fand erst nach der erzwungenen Öffnung des Landes im 19. Jahrhundert statt. Der Homogenisierung des Volkskörpers folgte die Einführung einer bürgerlichen Verfassung im Geist des Code civil. Andere Monarchien bremsten den Fortschritt, Mutsuhito, der 1867 vierzehnjährig den Thron bestieg, seine Residenz von der ewigen Kaiserstadt Kyōto nach Edo verlegte und im Zuge der Meiji-Restauration einer westlich orientierten Oberschicht Raum gab, beschleunigte den Fortschritt, um Fremdherrschaft zu vermeiden. Zum ersten Mal in der Landesgeschichte war unter seinem Vater eine Invasion nicht vollständig abgewiesen worden.
China in Agonie vor Augen, suchten westliche Potentaten ihren Vorteil mit der Vorstellung, Japan ließe sich so erniedrigen wie andere asiatische Staaten.
In Rekordzeit fand ein mittelalterlicher Militärstaat Anschluss an die globale Zukunft. Das Tempo war Staatsräson. Die Industrialisierung brachte die Mittel für eine Aufrüstung. Die Kriegsräte frohlockten: Wenn das nächste Mal ein amerikanisches Kanonenboot vorbeischwimmt, schießen wir es mit Gaijin-Knowhow zu Klump.
Um 1900 war Japan eine im Gegenwartsanzug versteckte Feudalgesellschaft mit moderner Armee. Das Kastendenken verschmolz mit dem Nationalismus in den Kasernen.
Nun bemerkten die westlich informierten Vordenker der Volksgesundheit, dass es auf Okinawa nicht nur viel mehr Hundertjährige gab als auf der Hauptinsel, sondern das viele Greise fitter waren als anderswo die uniformierte Blüte der Nation.
Ansonsten galt Okinawa natürlich als rückständig.
Man bildete ein Komitee und stattete eine Delegation aus, die sich auf der Insel herrschaftlich umtat. Bald entdeckte man einen Zusammenhang zwischen der agilen Langlebigkeit und einer seit Jahrhunderten kultivierten Selbstverteidigung und ihren volkstümlich-sportlichen Ablegern. Die Sache hieß noch nicht lange Karate. Man beauftragte Experten eine massentaugliche Veranstaltung daraus zu machen. Die Experten entzogen dem Karate einen tödlichen Kern und verschulten es. Das war der Anfang des Sportkarate. Interessanterweise verbesserte die verwässerte Form die Fitness der Schüler, Studenten und Wehrpflichtigen nicht.
Das ist eine selten erzählte Geschichte.
Aus seinem traditionellen Mantel geschlagen, verlor Karate seine magische Wirkung. Die Adepten verbesserten ihre Fähigkeiten nicht. Ihre potentielle Langlebigkeit ließ sich nicht überprüfen. Man stellte das Projekt ein. Karate wurde in Japan zu einem Orchideenfach. Wer was auf sich hielt, übte Kendo.
Wie viele Krieger seiner Generation war Thorne als Karateka in Glasgow jahrelang ins Leere gelaufen. Die Kompetenz kam aus der Kneipenkampf- und Türstehererfahrung eines Lehrers. Ein anderer streute seine Box- und Ringkampfkenntnisse ein. Die Besten wurden Boxer.
Die vermeintlich reine Lehre des Karate machte Thorne ratlos.
Es funktionierte nichts Spezifisches.
Es ist doch lächerlich, die weltweite Quintessenz der äußerlichen Techniken Karate oder einem anderen System als Leistung zuzuordnen. Überall gibt es Schläge, Tritte, Stöße, Feger, Würfe, Hebel. Überall findet man athletische Varianten, die spektakuläre Aktionen gestatten, sowie militärische Ausführungen mit wenig Athletik.
Das alles ist nicht Karate.
Wenn einer vier Systeme lernen muss, um sich mit Karate sicher zu fühlen, was ist dann Karate wert?
Auf der Suche nach einer Antwort vertiefte sich Thorne in Bunkai – der Erforschung des ursprünglichen Sinns von Techniken.
Er sagte: „Diese bäurischen Burschen waren doch nicht spitzfindig. Im Grunde haben sie einfach nur White Crane Gong-fu verhackstückt und auf den eigenen Typus zugeschnitten. Sie rangen wie die Mongolen, tranken wie die Russen, waren lustig ohne Unterlass, und zeugten noch mit neunzig. Kurz gesagt, das was ich suchte, konnte nicht kompliziert sein.“
Ich glaubte die Antwort zu kennen, doch Thorne überraschte mich.
„Ich habe zehn Jahre wie ein Blöder und dann noch mal zwanzig mit Verstand trainiert. Erst danach verstand ich das Alleinstellungsmerkmal. Es besteht allein in der Abhärtung der Gliedmaßen. Mit abgehärteten Gliedmaßen bewegen Sie sich automatisch anders. Dann bewegen Sie sich nämlich so wie ein Karateka im 19. Jahrhundert, als die Stände noch viel kürzer vorgeschrieben waren.“
Das war beinah alles, was Thorne mir an diesem Nachmittag in einem norddeutschen Urwald zu sagen hatte:
„Härten Sie ihre Hände ab und Sie werden Karate begreifen.“
Ich begann noch am selben Tag mit der Kur.
Das Gelage der Pfeifer
Wir treffen uns im „Alten Wal“, einer Reiseführersehenswürdigkeit voller rotgesichtiger, sangestrunkener Kilt-Träger – einer Schwadron Pfeifer und Bläser, die eben einen unglaublichen Auftritt auf dem gepflasterten Scheitel des Castle Rock absolviert hat. Die Militärmusiker treten auf wie bei einer Springteufelkonkurrenz. Sie schreien sich an und steigern sich bis zur Heiserkeit. Ihre Halsschlagadern schwellen. Die Inbrunst kommt aus einer von Feen gestifteten Liturgie. Der christliche Glaube sitzt locker im dämonischen Getriebe.
Ich sehe nicht wenige hochgewichste Schnurrbärte.
Akira Thorne genießt den Aufstand in der Kneipe. Der Schankraum dient Devotionalien der martialischen Welterfahrung als Schauraum. Viele Souvenirs haben einen Safarilook. Militärtourismus. Die Teilnahme an den Ausbeutungsfeldzügen der britischen Kolonialarmee entsprach Jahrhunderte der maximalen Mobilisierung. Die Unterdrückung der anderen half über die eigene Unterdrückung hinweg.
Wegen eines Gendefekts empfinde ich keine Angst. Der Defekt wurde von Thorne als Qualifikation bewertet. Er sagte: „Die Schotten glauben, dass der beste Kämpfer ein guter Esel ist.“
Ich kannte den Vergleich. Ich war noch keine zwölf, als Holger behauptete: „Du bist der Beste, weil du nicht mehr Phantasie als ein Esel entwickelst.“
Ich wollte nichts für mich. Ich wusste gar nicht, was ich wollen sollte, solange ich satt war und nicht zu müde und ich mich gut in Schuss wähnte. Ich gehörte zu Holgers Kraftsportgruppe „Roter Stern Waldau“. Holger formte seine Leute mit Orientierungsläufen und Guerillatraining. Wir legten im Kaufunger Wald Erddepots an und füllten sie mit Gummibärchen und Lakritze. Holgers Wahn war „der Einsatz hinter feindlichen Linien”. Mit Klimmzügen und Liegestütze bereitete er mich besonders darauf vor.
Holger vertrat die taktischen Leitlinien von Colonel Aaron Bank, der 1952 die Special Forces gegründet hatte. Bank war im Zweiten Weltkrieg als Sabotagefuchs in der Koordination der Résistance mit den amerikanischen Streitkräften verwickelt gewesen. Wegweisend, zumindest für Holger, war Banks Analyse der entblößten Verbände. Die Wehrmacht hatte in besetzten Gebieten komplette Volksgruppen dazu eingeladen, am Kampf gegen die Rote Armee teilzunehmen. Nach dem Rückzug der Deutschen blieben diese Einheiten ohne Aussicht auf Pardon im sowjetischen Einfluss. Was kaum einer weiß, anti-kommunistische Partisanen hielten sich bis in die Sechzigerjahre auf der Landmasse des Warschauer Pakts im Kampf. Nach ihrem Vorbild stellten die Amerikaner in Westdeutschland eine Geheimarmee auf. Heute weiß ich, dass der Schattenoffizier Holger in seiner Kraftsportgruppe die nächste Generation rekrutierte. Er vertauschte links mit rechts, weil links in Mode war und man den Jugendlichen die langen Haare nicht abgewöhnen konnte.