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2026-07-21 12:31:17, Jamal

Die Kennedys von Academia – 2. Folge der Matrjoschka-Story „Trent Leslie Cooper“

„Im letzten Kapitel steckt ein Gedanke, der weit über Prinzessin Claire und ihren Parvenu-Gatten hinausreicht. Er verbindet deine ganze Erzählung – Montaigne, Dawkins, Oxford, Dynastie und Ethologie – mit einer einzigen mythischen Idee: Die Moderne hat den Gott der Zukunft erfunden, aber keinen Tempel für ihn gebaut. Die Griechen hätten das wahrscheinlich für eine merkwürdige Religion gehalten.“ M.

Antike Griechen kannten keinen Gott der Zukunft. Sie kannten Götter der Zeit, des Schicksals, des günstigen Augenblicks und der Erinnerung. Aber die Zukunft als Fortschrittsversprechen war ihnen fremd. Unter ihnen hätte Claire sofort einen Namen gehabt. Sie wäre keine Göttin der Vergangenheit gewesen. Vergangenheit klingt nach etwas Abgeschlossenem. Claire wäre Mnemosyne gewesen, die Titanin der Erinnerung. Nicht Erinnerung im sentimentalen Sinn, sondern als Macht über Namen, Abstammung, Genealogien und die Kontinuität der Welt. Selbst Zeus, der Götter Gottvater, musste sich mit ihr verbinden. Aus ihrer Verbindung gingen die Musen hervor. Die neue Ordnung konnte sich nicht selbst begründen. Sie brauchte das Gedächtnis.

Der Erzähler dagegen gehört einer Welt an, die die Griechen nicht kannten. Er ist ein Gott der Zukunft. Er glaubt an Leistung, Entwicklung und Fortschritt. Er ist überzeugt, dass sich Herkunft in Erfolg übersetzen lässt und dass der Einzelne sich in seinen Taten erschafft.

Am Anfang scheint Claire die Belastete zu sein. Sie trägt das Gewicht ihrer Herkunft, als könne sie die Vergangenheit nicht abschütteln. Ihr erfolgreiche Gatte bewegt sich leichtfüßig in Richtung Zukunft. Am Ende kehrt sich das Bild um. Der Gott der Zukunft entdeckt zu spät, dass seine Macht von etwas abhängt, das älter ist als er selbst. Er glaubte, Claire in die Zukunft zu führen. Tatsächlich führte sie ihn in eine Welt, in der Zukunft allein keine Währung war. Am Ende erkennt er sein eigentliches Handicap. Er konnte Karriere machen. Er konnte Ruhm erwerben. Aber er konnte nicht erzeugen, was Claire selbstverständlich erschien, bis sie begriff, dass es ein kostbares Gut ist: Kontinuität.

Das Zeitverständnis der Griechen

Für die Griechen verlief Zeit nicht linear nach vorn. Die Zukunft war für sie kein Versprechen. Es gab Chronos, den Gott der messbaren und verrinnenden Zeit. – Kairos, Gott des günstigen Augenblicks. Ananke & Moiren und Mnemosyne – Erinnerung als fundamentale Basis der Existenz. Ohne Herkunft und Gedächtnis gab es für die Griechen keine Identität und keine Orientierung in der Gegenwart.

Trent Leslie Cooper

Ein vernagelter GI namens Trent Leslie Cooper hatte meine friedensbewegte Claire noch in unserer Berkeley-Zeit von ihren erotischen Routinen (sowohl im Verhältnis zu mir als auch in anderen Beziehungen) ab- und auf einen furios-prekären Kurs gebracht. Claire nannte es Kommunismus, aber für uns international renommierten Verhaltensforscher war klar, dass das auf jeden Fall nicht nur Kommunismus war. Ich beobachtete eine Verehrung für den trunksüchtigen Pöbel, darunter für rotzige Typen, die sich an jedem Tresen battelten. 

Montaigne ging so weit, den römischen Kaiser Tiberius einen Großschwätzer zu nennen. Darüber müssen wir reden. Einst bot man Tiberius an, den größten Beleidiger der römischen Macht still zu vergiften und zum Beweis der Übeltat, des Widersachers Kopf nach Rom zu schaffen. Tiberius verbat sich das Attentat auf unseren Freund Arminius. Er schwafelte vom Mut der Legionäre, die angeblich nur in der Feldschlacht zu Ergebnissen kommen wollten. Montaigne kritisierte Tiberius nicht für den tückischen Staatsbetrieb, dem der Kaiser vorstand, sondern lediglich für die Leugnung der gewohnheitsmäßigen Gemeinheit. Es sei noch nicht einmal nützlich so zu lügen, erklärte der Weise.

Tiberius und Arminius – Fun Facts

Tacitus gibt in den Annalen eine Episode wieder, in der ein Chatten-Chief anbietet, Arminius vergiften zu lassen. Tiberius lehnt das Angebot ab und lässt ausrichten, das römische Volk räche seine Feinde „nicht durch List und heimlich, sondern offen und mit Waffen“. Michel de Montaigne greift diese Geschichte in seinen Essais auf. Der Essayist tadelt nicht die Entscheidung Tiberius’, sondern die Heuchelei, mit der dieser sie als Beweis seiner Tugend erscheinen lässt.   

Ich hätte Claire gern auf meiner Seite gewusst, wenn es um bürgerliche Abwehr in den Registern von Etikette und Sitte ging – als Erbe unserer US-republikanischen Eltern. Wir waren akademisch-avancierte Expatriierte damals Anfang der 1970er Jahre in Oxford, als Verehrer und Verehrerinnen an uns klebten wie Kuhscheiße am Wanderstiefel.

Ich habe wir gesagt, meine aber nur mich. Ich war dabei, Karriere zu machen, und Claire war dabei, ihre Illusionen zu verlieren. Sie kompensierte den inneren Abstieg mit Eskapaden. Es ging für sie nie darum, Geld zu verdienen. Geld war überhaupt kein Thema. Reich geboren waren wir beide, und so waren wir auch beide in keiner Weise von den altvorderen Vermögen abgeschnitten. Ich hätte im Maserati zum Institut fahren können, und Claire im Bentley zur Kosmetikerin. Ich weiß, das klingt gemein. Aber so war es.

Wir waren WASP (White Anglo-Saxon Protestant) von echtem Schrot und Korn. Claire amerikanischer Stammbaum reichte zurück bis zu Pieter Stuyvesant und Herman Knickerbocker. Claire war das feinste Stück im Hardcore-Protestantischen Steingutservice dieser Welt. Delfter Fayence (Delftware) entstand im 17. Jahrhundert als niederländische Antwort auf das begehrte chinesische Porzellan, das VOC-Agenten (VOC – Vereenigde Oostindische Compagnie) nach Europa transferierten. Die Delfter Werkstätten ahmten die weiß-blaue Sino-Ästhetik nach und machten daraus eine eigene niederländische Kunstform. Für eine Dynastie aus den Reihen des nordatlantischen Patriziats gehörte altweltliches Geschirr zur Distinktion.

Claire hat den Zug in die Zukunft verpasst. Ich saß in meinem Express und wusste nicht, ob ich wollte, was sie wollte – mein Tender sein.  

Herkunft war nur noch ein verjährter Stempel auf einem abgelaufenen Pass. Die Abstammung musste sich in der Gegenwart bewähren und das geschah nicht einfach so wie man einen Lichtschalter umlegt. Aber dahin ging die Erwartung. Und die Erwartung ging da nicht weg, während sich die Dinge rasend schnell änderten. Ich wusste schon, dass wir nicht die Kennedys in Academia“ sein würden. Doch blieb die Idee einer aristokratischen Verbindung von sozialem Glanz und intellektueller Legitimation.   

In Claires Perzeption verschwamm der Unterschied zwischen A Priori und A Posteriori. Es war so etwas wie eine Rechts-Links-Schwäche im Rahmen des Angularis-Syndroms. Eines Tages, ich fühlte mich gerade (in einem plüschigen Augenblick) besonders zu meiner Frau hingezogen und konnte mir deshalb gut vorstellen, wie wir als alte Leute sein würden, durch so viele Formen geschritten, durch Ich und Wir und Du (G. Benn), fiel mir ein Beispiel ein, wie sich der Weg von A Priori zu A Posteriori kinderleicht erklären ließ. Dinosauriergehirne mussten enorme Abstände zwischen Kopf und anderen Leibespartien ansteuern.

„Das Problem löste die natürliche Selektion mit einem zweiten Gehirn (einem vergrößerten Ganglion) im Becken.“ Richard Dawkins

Der Evolutionsbiologe zitiert ein Dinogedicht von Bert Leston Taylor (1866–1921). Darin kommt die Zeile vor: Thus he could reason ‘A Priori’/ As well as ‘A Posteriori’. Ich fürchte, selbst diese Eselsbrücke reichte nicht, um Claire klüger zu machen. 

Dawkins sagt: „Wenn wir unseren Zweck erfüllt haben, werden wir beiseitegeschoben. Die Gene aber sind die Bewohner der geologischen Zeit. Gene sind unvergänglich.“ 

Der Ethologe vergleicht Populationen mit Wolkenformationen und Sandstürmen. Sie sind temporär, folglich instabil. Die Evolution rechnet nicht mit ihnen. Sie rechnet mit Ihnen. Ja, ich meine Sie, Sie sind die Gewinnerin. Ihre bloße Existenz beweist es.

Kleiner Scherz. Sie sind einfach nur eine Überlebensmaschine für Informationen. Ich lese gerade, wie Joe Biden und Hillary Clinton sich im Naval Observatory (dem Wohnsitz des Vizepräsidenten) gegenseitig einschmieren. Man nennt das Frühstück. Wieder stellt sich die Frage: Wer frühstückt wen?

Die Parteifreunde sind Rivalen. Hillary steuert eine seit vierzig Jahren funktionierende Wahlkampfmaschine. Im Vergleich mit der Clinton ist Biden ein unbeschriebenes Blatt. Hillary schnappt bereits nach Bidens engsten Beraterinnen, um sie auf die Reservebank ihres Teams zu setzen, so selfish wie ein Gen.  

Biden spricht unverschmockt von Wilderei. Mir fällt es schwer, Hillary und wild als zwei Punkte auf einer Geraden zu denken. Die Ehrgeizige belastet das Problem, den „schwer zu lesenden“ Obama nicht so easy decouvrieren zu können wie Biden mit seinem Empathievorsprung einer Éminence grise, die Lust aus der Einflüsterung zieht.

Biden süffisant: „Ich glaube, sie benutzte mich als ihren Obama-Flüsterer.“

Der Hausherr entlässt Hillary mit dem Gefühl, dass „sie an diesem Morgen nicht alles bekommen hatte, weshalb sie gekommen war“.