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2026-07-22 11:21:15, Jamal

Die Eisprinzessin - Turning Danger into Performance – Ostgefühl 2000

„Frau und Arbeiter haben gemein, Unterdrückte zu sein.“ So knackig beginnt August Bebels hunderttausend Auflagen starkes Grundlagenwerk „Die Frau und der Sozialismus“.

Bebel untersucht das Wesen und die Ursachen der Unterdrückung. Er erklärt, dass „naturgemäß“ erscheint, was „immer schon so war“. Er räumt mit dem Aberglauben von den ewigen Werten auf.

„Ewig ist nur der Wechsel.“

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„Was die Genetik anbetrifft, sind Individuen und Gruppen wie Wolken am Himmel.“ Richard Dawkins

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„In der Erinnerung blühen die Bilder mit der Macht ihrer Abwesenheit.“ Heiner Müller

Ich stöbere in alten Manuskripten. Das Skipperhus beherbergt die nautischen Journale meiner sagenhaften Ahnen. Lassen Sie uns einfach in einen Report aus dem Jahr 1837 einsteigen. In Begleitung des im Busch aufgetriebenen oder ihm zugelaufenen Burschen Fierro besucht mein Urururgroßvater Fürchtegott von Stellberg bekehrte „Indianer“, die wieder ganz anders sind als die Betbrüder in der nächsten Urwaldmission.

Fürchtegott von Stellberg in seinen eigenen Worten:

„Alles zeugt von Ungestüm und einer Liebe zum Streit, die Haltung, der Schritt, die Lanze, die sie nie aus der Hand geben und im Gespräch schwingen oder auf den Boden stoßen. Angeblich sind sie so wegen „ewiger Nachstellungen“ heidnischer Jíbaros.“

Fürchtegott sieht Kriegerinnen, die mit Regenschirmen und Krawatten bewaffnet sind. Dem Zivilisationskram schreiben sie Zauberkraft zu.

„Die Hütte eines Salucca ist typischerweise ganz zur Verteidigung eingerichtet. Neben dem Lager stehen Lanzen, mit giftigen Pfeilen gut gefüllte Köcher und Sarbacane, deren Mundstücke ebenso zu Klarinetten gehören könnten. Der Salucca lebt im Entsetzen vor dem Jíbaros. Der Jíbaros mordet, um zu morden. Findet er keinen Christen, fällt er die eigenen Leute an. Ist sonst nichts da, nimmt er eine seiner Frauen, um seinen Blutdurst zu stillen. Seine Familie ist eine Pflanzschule sämtlicher Laster. … In dieser verpesteten Atmosphäre wird ein Heranwachsender zwangsläufig zum Zeugen jeder Gemeinheit. Es lernt die Mutter zu verachten. … Von der Arbeit kommt der Vater mit den Schädeln Erschlagener. Sofort kehrt wahnsinnige Freude in der Hütte ein, die Gattinnen stürzen zu den Trophäen, um sie anzuspucken. In die Verhöhnung steigern sie sich hinein, bis sie ganz von Sinnen sind und auseinandergetrieben werden müssen, dass sie sich gegenseitig nicht zu sehr verletzen. Mit dem Veitstanz versuchen sie ihrem Versorger zu gefallen und unter den vielen Konkurrentinnen hervorzustechen.

Sie häuten ihre Feinde und nutzen die Häute für Handtaschen, Tabakbeutel und Muschelgeldbörsen. Über Krieg und Frieden entscheidet die Wahrsagung eines berauschten (halluzinierenden) Kaziken. Was er sieht in seinem Fieber nimmt der Stamm für bare Münze.“

Fürchtegott entdeckt von Wurzeln in die Luft getriebene Ruinen, die auf Städte eines namenlosen Volkes verweisen. Lange vor den Inkas kolonialisierte es den Urwald. Der Kapitän hält die Jíbaros für degenerierte Nachkommen der Bauherren.

Pirouetten der Ratlosigkeit

Von jeher baumelt im Skipperhus ein Schürhaken als geschmiedetes Schmuckstück am Rundlauf der von Johnson & Davidson vor hundertfünfzig Jahren gemauerten Feuerstelle. Die gusseisernen Nachfolgeöfen, einschließlich einer Generationenparade von Küchenhexen, wurden nicht über ihre Glanzzeiten hinaus in Ehren gehalten. Antike Gerätschaft präsentiert sich auf einem Bord. Die spätestens vor Jahrzehnten aus dem Betrieb genommenen Sachen hatten in meiner Kindheit bereits musealen Charakter.

Ein Charakter, der sich nicht modellieren lässt; der sämtliche Formulierungsausflüchte überlebt. Aus dem man kein Feuilleton machen kann. Dankbarkeit empfinde ich an meinem Ofenschreibplatz. Mein Roman trägt den vorläufigen Titel „Ostgefühl 2000“. Meine Heldin entspricht, so Oti scherzhaft, einem DDR-FKK- und IM-Nostalgie-Modell. Die Linientreue mit Sand im Haar und diesem unschlagbaren Teint. „Für Frieden und Sozialismus immer bereit“, zitiert Oti den Gruß der jungen Pioniere. Rehbraune Mecklenburgerinnen geistern seit Jahrzehnten durch eine geschlossene Abteilung der sozialen Pornografie.

Die Rostocker Kunsthalle als kommunistischer Kyffhäuser

Sie heißt Inna. Die Ereignisse nach Neunundachtzig führen sie in die seelische Obdachlosigkeit. Als Bekannte in einer stillgelegten Fabrik eine Kneipe aufziehen, findet sie da ein zweites Zuhause plus Zubrot. Eines Tages beteiligt sich Inna an der Hängung eines Hammer- & Sichel-Monumentalschinkens, der bei einer Entrümpelung abgefallen sein soll. Weitere Agitprop-Werke folgen. Das kolossale Dekor entfaltet magnetische Wirkung.

Alle wissen, dass irgendwas mit den Bildern nicht stimmt. Aber keiner weiß was. Kein Gerücht gewinnt die Oberhand, während Untergrundgestalten den Raum einnehmen. Pünktlich zur Jahrtausendwende verliebt sich Inna in den unbeugsamen Gleb. Der Facharbeiter für Lagerwirtschaft führt beruflich ein Schattendasein im Keller der Rostocker Kunsthalle. Da liegt sein Schatz im Silbersee; versenkt von westdeutschen Kuratorinnen, die realsozialistisches Kunstgewerbe aussortieren. Exorzisierend entzieht Gleb dem Bestand Werke mit besonders plakativ-knalligen kommunistischen Symbolen. Aus Liebe wird Inna zur Komplizin.

Oti malt sich die Geschichte gern gemeinsam mit mir aus. Schon klar, ich ist seine Inna. Die Autorin befeuert die sublimierte Leidenschaft.

Ich und Oti schöpfen aus einem Fundus, von dem mein westdeutscher Flugkapitän Kasper keine Ahnung hat. Wir teilen das Ostgefühl. Oti ist einer von uns, wenn es um die verschworensten Nord-Streamer geht. Wir haben unser Bolschoi-Theaterticket abgesessen und sind durch verschwiegene Moskauer Türen gegangen.  

In der DDR war Wohnraum ein staatliches Schlüsselgut. Die Bewirtschaftung unterlag keiner ökonomischen Regulierung. Es wurden politische Preise aufgerufen. Dabei rief sich der Staat zweimal zur Kasse, so wenn er Energie zu Preisen unter den Stromentstehungskosten abgab. Er investierte in sein Image wie ein aufgehender Stern am Schlagerhimmel. Niedrige, vierzig Jahre stabil gehaltene Mieten firmierten als Markenzeichen.

Der Staatsrat war stolz wie Bolle auf seinen Wohnungsbau im Plattenstil. Etwas Revanchistisches verschaffte sich da Genugtuung. Die Platte erteilte auch der feudal-bourgeoisen Vorkriegsarchitektur eine ideologische Abfuhr. Das Hochhaus erschien wie ein Leuchtturm im Kleinbürgerparadies. Die Nomenklatura sah in der Platte ein Ideal verwirklicht, ungeachtet des inkorporierten, überall seine Fäden webenden Mangels. Ich will nicht so weit gehen, zu sagen, dass die Platte eine pädagogische Funktion hatte und der Volkserziehung zur Gemeinschaft diente. Aber es geht doch in diese Richtung. Ein auf Arbeit fokussiertes, anti-bürgerliches, von den Ressentiments des kleinen Mannes gesteuertes Gemeinwesen fand sich in der Plattenbausiedlung perfekt verkörpert. Der Direktor wohnte auf einer Etage mit dem Pförtner. Der Pförtner nahm die Tram zum VEB, den Direktor holte ein Chauffeur im Wolga ab.

Aber sonst.

Aber sonst waren alle gleich.

Niemand bekam normal eine Wohnung. Zumal für Unverheiratete und Kinderlose gab es nichts. Das Kinderzimmer im Elternhaus galt als zumutbarer Wohnraum. Welche Bedeutung hatte diese Tatsache für meinen Werdegang?

Kein Haus in Ahrenshoop-Althagen steht dem Bodden näher als das Skipperhus. Sein Rohrdach wacht über sieben Zimmer und einer Mansarde, die sich leicht in eine stadtfeine Wohnung verwandeln ließe.

Urbaner Schick mit unverstelltem Bodden-Blick

So könnte man das Penthouse annoncieren. In Ahrenshoop gibt es dafür keinen Markt. Bürger mit Schöner wohnen-Ideen entfalten sich in ihren eigenen Häusern oder pendeln bloß in die Weiler zwischen Baum und Borke; so sagen manche Spaßvögel zu dem Streifen zwischen offener See und Bodden. Seit zwanzig Jahren lebe ich von Einnahmen aus Vermietungen und Verpachtungen, auch wenn sich in der Agentur Stellberg länger schon Vilde Fiskerstrand um das operative Geschäft kümmern. Ich habe meinen Schnitt gemacht, als die alte Seefahrerschule in Ferienwohnungen umgewandelt wurde. Eine ganzjährige Nachfrage heizt einen Markt auf, der von wenigen bespielt wird. Sperrwerke aus engmaschigen Zugehörigkeitsbegriffe distanzieren fremde Akteure. Ich profitiere von Manövern ehemaliger Stasi- und HVA-Schlapphüte in unserem Kreis. Angeblich besuchen unsere Fachleute schon mal jemanden mit einer Glock oder Beretta im Anschlag. Gebildet nennt mich Kasper eine amante mare-Baltico-mafiosa. Ich widerspreche dem Westmann nicht, obwohl ich niemandes Mätresse bin, sieht man von Major Mansfeld einmal ab. Doch wahr ist, die dörflichen Durchstechereien sind mafiös von jeher. Die Anschlussfähigkeit der ’Ndrangheta in dieser Gegend gibt mir keine Rätsel auf.