„Eine Krone ist lediglich ein Hut, in den es hineinregnet.“ Friedrich II.
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„Ich mag keinen 50plus-Galgenhumor. Ich will keine feuerfester Nussknacker-Heroine im Rosenzuchtrausch sein. Mir graut vor dem Typus der unverwüstlichen Provinzpatrona in der Spielart einer vorpommerischen Best-Ager-Pomeranze.“ Joni von Stellberg
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„Gehen Sie nicht in sich. Da ist nichts.“ Heiner Müller in einem Interview mit André Müller 1987
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Es gibt sogar reaktionäre Äpfel in Heiner Müllers frühen Gedichten, alles wird gereimt und geschüttelt, mal nach Brecht und mal nach Bolle. Zehn kleine ... plus Dialektik und backe, backe Kuchen. Da ist einer: der entschuldigt sich für seinen Schatten. Der applaudiert bei jeder Gelegenheit. Der wird zum Wackeldackel im Amöbenstadium des Opportunismus. Das ist nicht Heiner Müller. Aber Müller sieht ihn. Er sieht den Ansturm des Lebens als eine Gleichgültigkeit gegen den Abgrund moralischer Inkontinenz. Dieses Versagen stiftet eine Sehnsucht nach dem Jüngsten Tag auf kommunistisch.
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„Müller hat auf den Kommunismus gewettet wie Pascal auf den lieben Gott“. Peter Hacks
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Für Michel Serres sind Mythen nicht bloß geronnene Erfahrungen, sondern Informantinnen eines Vorwissens. Mythen sind in dieser Deutung (der Menschheit) vorgesetzte Wahrheiten.
Beängstigend glücklich - Was zuvor geschah
Die aus Ahrenshoop gebürtige, in ihrem Geburtshaus verschwiegen-munter verbliebene Jona von Stellberg war bis 1990 Kostümbildnerin an einem Rostocker Theater. Sie machte sich dann als Immobilienmaklerin flott. Ihren Lebensunterhalt bestreitet Joni mit Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung, auch wenn sich in der Agentur Stellberg länger schon Vilde Fisker um das operative Geschäft kümmert. Die Hand auf viel Geld legte Joi, als die Seefahrerschule in Ferienwohnungen umgewandelt wurde. Die Nachfrage treibt die Preise ins Sagenhafte.
Sperrwerke aus engmaschigen Zugehörigkeitsbegriffe distanzieren fremde Akteure. Joni profitiert von Manövern ehemaliger Stasi- und HVA-Schlapphüte, die wir aus dem Nord-Stream-Business und so auch aus der Schweriner Staatskanzlei kennen. Wir schreiben das Jahr 2014. Putin ist der Pate mancher Anbahnung. Angeblich besuchen Fachleute schon mal jemanden mit einer Makarow PM oder TT-33 Tokarew im Anschlag.
Die Makarow PM und die TT-33 Tokarew sind zwei legendäre sowjetische Dienstpistolen, die aufeinander folgten. Die TT-33 (Kaliber 7,62 × 25 mm) war der Vorgänger aus den 1930er Jahren, während die kompaktere Makarow (Kaliber 9 × 18 mm) ab 1951 als leichtere Waffe eingeführt wurde. Obwohl 2003 die modernere Jarygin PJa offiziell als Nachfolger eingeführt wurde, ist die Makarow PM aus logistischen Gründen noch immer die Standard-Seitenwaffe der russischen Polizei (Miliz). Seit 1954 produzieren die TT-33 nur noch chinesische, nordkoreanische und osteuropäische Lizenznehmer.
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Seit ein paar Jahren gleichen sich die Tage aufs Angenehmste. Doch hinter jedem Strauch lauern die Hyänen der Vergänglichkeit. Das Haar trägt Joni vorgeblich nachlässig hochgesteckt, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigt. Sie bewegt sich mit der Gewissheit, wahrgenommen zu werden. Joni hat einen Mordsschritt. Ihre Clocks hallen. Weiße Schlaghosen sorgen für eine maritime Note. Joni präsentiert sich in einem Wellenganglook mit der Ansage: Ich habe nichts nötig und möchte von niemandem aufgehalten werden.
Die Ahrenshooper kennen Joni nur in Flattersachen, in Leinen und Wolle, mit signalroten Lippen und dezentem Rouge; so geht sie zum Metzger, so kompromisslos anti-vegan. Piet Lauritz lässt die anspruchsvolle Kundin ein bisschen auflaufen. Joni ahnt Piets inneren Küstennebel, die ganze Unklarheit eines Erben mit zugestellten Spielräumen. Seine Eltern und Großeltern gewähren Piet eine Totalansicht der eigenen Vergangenheit in naher Zukunft. In allen Ritzen knisten die Hoffnungsreste der Ahnen. Natürlich ignoriert der amtierende Lauritz das deprimierende Programm.
Joni wechselt zum Grööngood-Xuan; der Gemüse vertickende Nachfahre eines jener Dschungelkrieger des Việt cộng, die auf den Pfaden der sozialistischen Bruderhilfe via Rostock und Kasernierung nach Ahrenshoop gelangten, zählt sich geschmeichelt zu den Handlangern der Ostsee-Mafia - den Panntjefiskes.
„Als die DDR Geschichte (endete), waren die Vietnamesen mit rund 60.000 Menschen die größte Gruppe von Ausländern im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat. Bereits Mitte der 1950er-Jahre nahm die DDR im Rahmen von Solidaritätsprogrammen Vietnamesen auf. Der Höhepunkt wurde allerdings erst mit den so genannten Vertragsarbeitern Ende der 1970er-Jahre erreicht.“ MDR Zeitreise
Küchenantike
Sie beginnt den täglichen Atemkontrollgang durch ihren Körper. Joni könnte die Übungen im Garten machen. Gewohnheit hält sie im Haus. Sie zieht Kraft aus der Küchenantike. Staub bildet funkelnde Spiralsäulen. Joni feiert den bündigen Anblick der - Delfter Keramik nachempfundenen - Kacheln über dem Tiefbecken.
Wie wohl ihr ist. Wie beinah beängstigend glücklich es sie macht, im Skipperhus in die Jahre zu kommen. Joni möchte mit niemanden tauschen. Sie muss sich am Riemen reißen, dass sie nicht ständig jeder Blume ein Gedicht aufsagt.
Wir begehren, was wir kennen, erklärt Hannibal Lecter im „Schweigen der Lämmer“ der Polizeischülerin Clarice Starling. Diese Einschätzung fand Joni stets bestätigt. Heute gefällt sie sich fast zu gut. Die Richtung stimmt. Das beweist Joni jeden Morgen ein müheloser Bewegungsfluss.
Sie tanzt sieben Figuren nach einem in Leipzig wissenschaftlich ergründeten Programm, mit dem sich die Schauspielerinnen an ihrem Theater fit hielten, solange die DDR währte. Bis 1990 war Joni Kostümbildnerin am Rostocker Alexandra-Kollontai-Theater. Sie war ein Jemand, mit einer Familie, die in einer viel prägnanteren Weise etwas darstellte, als es in der Berliner Republik irgendwem möglich wäre. Joni blieb die Tochter ihrer Eltern in der Rolle des in allen Belangen herangezogenen Einzelkindes; während ihr ostwestfälischer Westliebhaber Kasper Roßbach im ersten Durchgang eine Familie gründete, die weiterwächst, ohne sich um ihn zu kümmern. Nach der Scheidung schnitt man ihn einfach ab. – Und Kasper ließ sich abschneiden, weil er glaubte, er könne in einer anderen Besetzung noch mal von vorn anfangen.
Für Kasper ist seine gescheiterte Ehe bloß eine Irrtumsgeschichte, die ihn blauäugig aussehen lässt; während Joni eine Selbstgefälligkeit sieht, die sie manchmal sogar rührt.
Sie turnt, bis der Kessel pfeift. Auch das ist ein Geräusch, auf das Joni nicht verzichten will.
Sie hört sich schlürfen; ein Geräusch, das sie bei anderen nicht mehr erträgt. Joni schwankt zwischen dem Holunderblütenhonig aus der heimischen Herstellung ihrer Geschäftsführerin Vilde Fisker und einem ostalgisch beworbenen Scheibenkäse, den sie gestern im famila in Ribnitz-Damgarten mitgenommen hat.
Entscheidungskrise zwischen süß und herzhaft
Sie kann sich nicht entscheiden, das ist auch neu; genauso wie der plötzliche und unerbittliche Harndrang. Das Grauen riecht nach dem prekären Veilchenduft älterer Verkehrsteilnehmerinnen.
Joni kehrt in ihre Schreibecke zurück.
Für die zu spät Gekommenen – Von jeher baumelt im Skipperhus ein Schürhaken als geschmiedetes Schmuckstück am Rundlauf der von Johnson & Davidson vor hundertfünfzig Jahren gemauerten Feuerstelle. Die gusseisernen Nachfolgeöfen, einschließlich einer Generationenparade von Küchenhexen, wurden nicht über ihre Glanzzeiten hinaus in Ehren gehalten. Anachronistische Gerätschaft präsentiert sich auf einem Bord. Die spätestens vor Jahrzehnten aus dem Betrieb genommenen Sachen hatten in meiner Kindheit bereits musealen Charakter.
Ein Charakter, der sich nicht modellieren lässt; der sämtliche Formulierungsausflüchte überlebt. Aus dem man kein Feuilleton machen kann. Dankbarkeit empfindet Joni an ihrem Ofenschreibplatz. Ihr Roman trägt den vorläufigen Titel „Ostgefühl 2000“. Die Heldin entspricht, so ein Erstleser scherzhaft, einem DDR-FKK- und IM-Nostalgie-Modell. Die Linientreue mit Sand im Haar und diesem unschlagbaren Teint. „Für Frieden und Sozialismus immer bereit.“ Rehbraune Mecklenburgerinnen geistern seit Jahrzehnten durch eine geschlossene Abteilung der sozialen Pornografie.