Wir sitzen an unserem Tisch bei Tanja & Texas. Auf den Tag vor zehn Jahren waren wir auf dem Standesamt. Zur Feier des Tages trägt Christian einen Anzug. Ich werde ihn morgen in die Reinigung geben. Gleich wird Texas sich zu uns setzen, mit einer Flasche Tsipouro. Er führt den Familienbetrieb fast lautlos. In der Küche steht Tanja. Die Bedienung, wieder eine kaum erwachsene Aushilfe aus der Nachbarschaft, empfiehlt einen Wein, der nicht auf der Karte steht. Christians vollkommen ausgeleerte Aversion gegen Dutzendgenüsse – Ich gehe meine Männer durch, bis zu dem sächsischen Galeristen, der 1990 mit seinen Ostmalern direkt nach New York durchstartete. Der Eiserne Vorhang war gerade aufgerissen worden. Eine zwischen Elbe und Plattenbau entstandene Kunst brachte er ins MoMA (Museum of Modern Art). Da gab es die DDR noch und Henry Maske gab zu Protokoll zufrieden mit seiner Platte und der Hausgemeinschaft zu sein. Der Galerist blieb bildbestimmend, und Henry Maske ließ sich in kapitalistischer Manier eines Besseren belehren.
Christian möchte, dass ich ihm auf die Sprünge helfe. Er erinnert persönliche Eigentümlichkeiten, Besetzungsfehler und Inszenierungskatastrophen, nicht aber die Namen der Protagonisten. Er kratzt sich am Kopf, schaufelt Schuppen auf die Schultern. Zum Glück ist er noch nicht inkontinent. Ich höre ihn immer noch sehr gern über seine Frauen reden. Für ihn setzt das Leben allein auf die Karte der Libido. Christian wird bald tot sein, dann kann ich um ihn trauern und mein Bild von ihm für die Öffentlichkeit korrigieren. Jeden Tag verbessere ich meine Version seines Lebens. Die Lammkoteletts kommen, heute bringen sie Christian auf Gaston Salvatore und das Jahr der Revolte. Geboren in Valparaíso kam Salvatore (1941–2015) Mitte der 1960er Jahre nach West-Berlin und schloss sich der außerparlamentarischen Opposition an. Er verbrachte seine avancierten Jahrzehnte in Venedig, residierend in einem Palazzo. Die Stadt passte zu seiner Biografie. In ihr konzentrierten sich Signaturen einer europäischen Kulturlandschaft. Venedig war für Salvatore ein ästhetischer Lebensraum. Er heiratete passend und bewegte sich in Kreisen, in denen aristokratische Hierarchien ihre Bedeutung behalten hatten.
Im Gegenlicht dieser stabilen Mondänität erkannte ich die Sollbruchstellen meiner Existenz. In meiner besten Zeit konnte ich damit rechnen, von einem Gaston Salvatore wiedererkannt zu werden. Auch in Christians Rede funktioniert Salvatore als Spiegel- und Kontrastfigur.
„Ich war reaktionär“, sagt mein Mann. In ihm wiederholte sich das neunzehnte Jahrhundert, als die Klotüren ausgehängt wurden. „Wie hätte ich auch anders sein können. Mein Vater war auf seine Art Marie Antoinette. Bloß wollte er den Kuchen servieren, in einer sozialdemokratischen Livree, so wie man das Wort ursprünglich verstanden hat. ... Kommunismus, das waren für mich das Wort als revolutionäre Tat. Die Bekennerschreiben der Roten Armee Fraktion fand ich theatralisch. Ich wollte aus der RAF-Militanz Theater machen. Denn etwas anderes als Theater war diese Militanz nicht. Die Leute haben genauso gekuscht wie vorher und später.“
„Du hättest dir eine Serviette in den Kragen stecken sollen“, sage ich.
„Du bist eine gemachte Frau, gestopft bis zum Hals“, erwidert Christian. „Du musst doch nur Geduld haben. Wenn sich einer beeilt, das Zeitliche zu segnen, dann bin ich das.“
Ich berühre ihn, um meiner Antwort Geltung zu verschaffen: „Du bleibst bei mir. Wir stapfen gemeinsam durch unseren Winter.“ Christian könnte mir entgegenhalten, dass mir der zweite Frühling noch bevorsteht. Er hat aber den Faden verloren und im Augenblick überhaupt nichts zur Verfügung. Er grimassiert, ich sehe die Verwandlungen seiner Angst. Sechs Jahre ist es nun her, dass ich ihn so zum ersten Mal gesehen habe. Er saß am Schreibtisch, ich sprach ihn auf seinen Zustand an. Er sagte: „Meine Gedanken sind weg“. Vier Jahre zuvor hatte er meine Verletzungen seiner Person noch mit genauen Ortsangaben und von überall hergeholten Bewegungsbildern datiert. Ich war so wertvoll nicht zuletzt deshalb gewesen, weil ich seine Angaben bestätigen konnte. Er rechnete es mir als Verdienst an, von mir dermaßen in die Konzentration getrieben worden zu sein und alles andere ausgeschlossen zu haben. Ebenso wie bei einer Theaterproduktion. Texas erkennt den Notstand und reagiert souverän. Selbstverständlich hilft er mir Christian aus dem Lokal und nach Hause zu manövrieren. Im Treppenhaus berührt er mich zärtlich-aufmunternd, es wäre so einfach. „Dass das nie aufhört“, wundere ich mich in aller Unaufrichtigkeit. „Das hört nie auf“, entgegnet Texas begeistert.
Erst auf der Couch klären sich Christians Züge. Eine Kochshow nimmt ihn in Anspruch. Er bittet mich, seinen Block und einen Stift zu holen, er genießt meine Fürsorge. Notiert aber nichts, sondern stiert bloß auf den Bildschirm, vermutlich ein unbegreifbares Gewusel vor Augen. Ich schenke mir ein, lang her, dass Christian und ich wenigstens ein anspruchsvolles Trinkerpaar waren. Aber mir ist auch wohl im Wohnzimmer. Ich ziehe die Beine an und nehme mir vor, später weiter Christians Biografie verfälschend zu verfassen.
Aus Christians vermeintlichen Autobiografie
Mein Vater stellte mich nie zur Rede. Er verzog sich bald ganz nach Wiesbaden. Ich sollte mir ein Beispiel an seiner Diskretion nehmen, das war klar. Als Brandt zurücktrat, folgte sein Adlatus dem Ruf einer Universität. Er kehrte heim. Academia war sein wahres Zuhause. Im Taunus kaufte er ein Haus und lebte da wieder mit einer viel jüngeren Frau. Seine Nachsicht blieb mir ein Rätsel. Er äußerte sich immer wie achselzuckend und bemühte gähnende Allgemeinplätze, wenn unser Gespräch „die alte Sache“ streifte. Er überraschte mich mit einer Sorge, die mir anscheinend fast von jeher galt, infolge eines „nicht abstellbaren Mangels an Tüchtigkeit“. – Übrigens, so sagte es mein Vater, „als Teichmannsches Erbe. Die konnten sich alle kaum selbst die Schuhe zubinden“.
In gewisser Weise bin ich ein Alimentierter geblieben. Ich lebe immer noch in der Wohnung, die meine Eltern vor beinah einem halben Jahrhundert als junge Eheleute bezogen haben. Von meinem Vater eingemottete Familienbilder hängen schon lange wieder an den Wänden, neben historischen Kasseler Ansichten. Modellpuppen tragen nachgemachte kurhessische Uniformen.
Ich bin in einem Museum zuhause. Das sagt auch Pia, die meine Sachen in Schuss hält. Ihr Lieblingswort ist Sonderangebot. Sie merkt sich griffige Wendungen und die Schlagwörter der Werbung. Sie sitzt gern in meiner Küche und nimmt „ein zweites Frühstück“ ein. Ich bin für Pia „ein feiner Mensch und nicht ganz von dieser Welt“. So gut ich kann, führe ich sie in die Irre. Soll sie ruhig glauben, einen verschrobenen Knacker mit Zaster an Land gezogen zu haben, der ihr aus der Hand frisst.
In einem anderen Land hat sie studiert, vor einem Krieg. Während sie meine Hemden bügelt, erzählt Pia von der Begeisterung ihres Sohnes für Kriegsspiele. Ich beobachte, wie Pia den Kopf oben behält. Ihre eigenen Berechnungen locker unter den Tisch fallen lassend, führt sie mir fremde Berechnungen vor Augen. „Die ist doch nur scharf auf dein Geld“. „Du bist viel zu gutgläubig.“ „Die glaubt, mit dir kann man es machen.“
„Du hast doch mich“, sagt Pia. In einer ihrer Hosentaschen spielt ein wütender Krebs Mission Impossible.
Solange ich mit Serina zusammenlebte, war ich von der Hausarbeit weitgehend ausgeschlossen. Was sie nicht selbst tat, wurde von Reinigungskräften getan, ich bekam nicht viel davon mit. Nach der finalen Trennung war ich mit dem im Akkord sich vermehrenden Dreck erstmal allein. Leergut versammelte sich in der Wohnung wie zu einem Spitzentreffen. Flusen ließen sich komödiantisch mit jedem Luftzug ein. Die Armaturen litten unter Befall. Das Parkett schien von seiner ursprünglichen Farbe genug zu haben. Es gab eine Zeit, da fand ich diese Veränderungen merkwürdiger als alle anderen Veränderungen in meinem Leben. Serina fehlte mir nicht, aber die Vermistung meiner häuslichen Verhältnisse brachte mich aus der Fassung.
Ich begann mich auf den Dreck zu konzentrieren, ohne ihm etwas entgegen setzen zu können. Meine Séancen am Schreibtisch, diese ruhigen Beschäftigungen, in denen ich mich spiegele, (bei denen ich es mir wohl sein lasse,) ergaben sich ganz einfach nicht mehr. Ständig fiel mein Blick auf Stellen, die unbedingt gefegt, gesaugt oder geputzt gehörten. Am Ende dieses Kapitels in meinem Leben trat Frau Hildebrandt auf.
Zum ersten Mal sah ich Frau Hildebrandt in einem Café. Der Snob erkannte sofort, dass Frau Hildebrandt nicht aus dem Vollen schöpfte. Sie schien aber perfekt in der Verwaltung aller möglichen Mängel zu sein. Offensichtlich behalf sich Frau Hildebrandt mit den guten Ratschlägen aus Frauenzeitschriften. Mit der Gebärde eines Gastgebers setzte ich mich zu ihr. Der Vorgang beglückte sie. Die kaum erwachsene Bedienung war gerührt. Das Café glich zu der gegebenen Stunde einer Dösoase. Die Bedienung wähnte sich damit vor Ort jedem gegenüber im Vorteil. Frau Hildebrandt gab sich so, als läge die allgemeine Tristesse außerhalb ihrer Wahrnehmung. Sie lotete meine Verhältnisse aus. Ich kam ihr mit lauter Halbwahrheiten entgegen. Das reichte ihr.
Frau Hildebrandt deutete ihre prekäre Lage an. Sie suchte einen Rahmen, in dem ihre Not klein erscheinen konnte.
Ich brachte ihren Ehering ins Spiel.
„Nein“, sagte Frau Hildebrandt, ganz so, als wäre das eine erschöpfende Auskunft. Ich schenkte nach. Ich fragte nach dem Beruf des Gatten. Frau Hildebrandt bezeichnete ihn als Briefmarkenhändler.
In meinen Notizen nach dem Gespräch taucht Frau Hildebrandt als Lara Hind auf. Sie sah der Schriftstellerin ähnlich genug für einen Vergleich, war aber jünger und vermutlich weniger verspannt. Im Café hatte sie mich mit der Ankündigung zurückgelassen, bald auf mein Angebot zurückzukommen. Der Nachmittag mit Selma Hildebrandt im Café ging mir nach als Groteske.
Lenka wurde mir von einer Drehbuchautorin vermittelt. Die Autorin war in meinem Alter und nach einer gescheiterten Ehe an mir interessiert. Ich wollte nur Frau Hildebrandt ersetzen. Am Telefon vernahm ich den Balkan im Tonfall. „Sie suchen Arbeit?“ fragte ich. „Ich hab Arbeit, nur nicht genug Geld“, antwortete Lenka. Sie war siebenundzwanzig und hatte zwei schulpflichtige Söhne. Ein Junge kränkelte gefährlich. Geld verdiente Lenka auch als Kellnerin. Eine ihrer Einnahmequellen war versiegt. Auf diesem Stand brachte sie mich am Telefon.
„Haben Sie die alle gelesen?“
Lenka bestaunte die Bücher in meiner Wohnung. Mit meiner Lieblingsteetasse in der Hand führte ich sie herum. Schließlich stellte Lenka eine naheliegende Frage: „Wozu brauchen Sie jemanden, der bei Ihnen sauber macht? Ist doch alles picobello.“
Lenka wohnte um die Ecke, bald hatte sie einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Darin fand sie immer mehr Aufgaben, über die sie akkurat Buch führte. An ihren Abrechnungen hatte ich nichts auszusetzen.
Sie heiratete dann einen Landsmann, mit dem sie und ihre Söhne in der Wetterau verschwanden. Vermutlich hätte ich ihr noch begegnen können, wäre ich in Baumärkten einkaufen gewesen.