Turning Danger into Performance – Soziophobie und Mülltrennung
„Wir sind so gerne in der freien Natur, weil die keine Meinung über uns hat.“ Nietzsche
„Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war, ausgenommen der Verstand selbst.“ Leibniz
Ich komme zu spät, der Film hat angefangen. Eine Amateurproduktion, die es nie in ein richtiges Kino schaffen wird. In der Reihe vor mir sitzt die Riege der Beteiligten. Ich spüre, dass sie glauben, etwas von Bedeutung in die Welt gesetzt zu haben. Der Film heißt „Die Tigermücke“. Der Titel zitiert die Heldin, sie bezeichnet sich selbst so. Sie verlässt ihre Wohnung nur unter dem Zwang, Lebensmittel einzuholen. (Eine Mitteilung aus dem Off.) Ihr Leben ist verschwiegen. Still ist es nicht. Die Frau spricht mit Gegenständen. In den Gesprächen erweitert sich die Realität der Gegenstände. Sie erscheinen so menschlich wie Marschkolonnen. Die Kamera gleitet über sie hinweg wie über ein Stadionmeer aus Köpfen. Sie folgt Reihen von Töpfen, Pfannen, Geschirr, Gläsern, Dosen, Packungen, Heften und schiefen Stapeln. Ein Flaschenheer beschützt Mülleimer.
Die Wohnung sieht nach Klo halbe Treppe aus. Die Frau berührt Regale. Sie erzählt den Dingen von Draußen.
Straßengeräusche dringen ein, die Lichtverhältnisse ändern sich. Die Kamera zeigt Kippen in einer Reihe auf einem angeschlagenen Unterteller. Die Zeit des Geschehens bleibt unklar, bis zum Alarm eines mobilen Telefons. Gegenwart, aber kein Interesse. Eine Nachricht trudelt ein. Im Treppenhaus geht das Leben weiter, man hört ein Kind, Schritte, das Klirren in Körben. Die Frau lässt Kleister ins Spülbecken rinnen. Feierlich dreht sie an ihrem Rad. Gleich hat sie den Tag geschafft (hat sich der Tag für sie erledigt) der Abend wird einfach sein. Abends sitzen alle in ihren Wohnungen und durch die Wände unterhalten sich die Fernseher. Die Frau besucht ihre Räume, die Räume erzählen von einer lebhaften Vergangenheit.
Die Frau sitzt vor mir, sie hat eine andere Frisur als im Film. Sie erscheint beinah bürgerlich in einem Mantel, der angibt: Ich gehe anders durch den Winter als ihr. Ich glaube nicht, dass die Frau Schauspielerin ist. Sie gibt ihrer Rolle zu viel Drama. Sie ist zu kraftvoll allein. Sie stellt den Zustand aus wie eine Krankheit, vor der sie sich nicht fürchtet. In ihrem Filmwohnzimmer lästern Dielen. Sie legt ein Ohr an die Wand. Die Dunkelheit lässt sich wie ein Vogel nieder. Nebenan tobt einer. Ein Bildschirm flammt auf, Musik setzt ein. Ich freue mich, dass ich das Lied kenne. Lang nicht mehr gehört. Die Türklingel schrillt. Ein Altbaugeräusch, der Nachbar steigert sich. Die Züge der Protagonistin stehen wie angehalten von Eis. Jemand schlägt die Wohnungstür, nicht mehr als eine Pappe gegen die Welt, die Frau macht auf. Eine Frau steigt ein, mit einem Wort von Leibnitz: „Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war, ausgenommen der Verstand selbst“.
Die Frauen sitzen in der Küche vor abgegessenen Tellern. Sie trinken. Die Besucherin zieht Pulloverärmel hoch. „Du musst an die Luft.“
Die Insassin antwortet mit Nietzsche: „Wir sind so gerne in der freien Natur, weil die keine Meinung über uns hat.“
Die Reihe vor mich lacht, ich werde mir das nicht länger antun. Warum macht man so was, frage ich mich. Was hat man davon?
Der Film läuft in einer schmächtigen Galerie. Ihr Vorraum liegt fast auf der Straße. Kälte rennt gegen die Tür. Becher müllen auf dem Boden. Ein paar Leute halten sich mit ihren Armen selbst fest. Antigone von Pechstein stellt fest:
„Gefällt dir auch nicht.“
„Prätentiöser Scheiß“, gebe ich zu.
Antigone: „Das sind Leute, die bespiegeln ihre Rosetten. Die beten das Alphabet des Existenzialismus nach und denken, so ließe sich etwas gewinnen.“
„Existenzialismus ist doch schon zu viel gesagt.“
Ich habe das letzte Wort. Es kommt mir einmal wieder zum Hals heraus. Die Hauptdarstellerin taucht auf, im Volllicht sieht sie so skrupellos wie zersetzt aus. Der Film zeigt davon nichts. Antigones Schönheits- und Wohlstandsmagnet zieht sie an. Sie schürzt die Lippen. Ich kann ihre Gedanken lesen.
An einem anderen Abend
Tanja über Texas: „Last man standing.“
Wie wahr und wie seltsam. Wie zum Begatten bestellt, so steht er da.
„Was hatte der Siebenjährige Krieg mit Amerika zu tun?“, frage ich Juli, um sie sprechen zu hören. Sie recherchiert umgehend in ihrem Telefon. „Was ist das hier?“ fragt sie zurück. „Ein Leben in Erwartung des nächsten Eierbrötchens?“
Gemeinsam erinnern wir uns an einen Jungtechniker, der ständig vom Fahrrad fiel und dabei Narben wie von Kämpfen davontrug. Nachts führten alle Trampelpfade individueller Verzweiflung zu einem Ort kollektiver Belustigung. Wir waren immer schon da. Wie ein Leuchtturm stand Boris über uns. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und legte seine Achselhöhlen frei. Juli tanzte zu jeder Musik. Ich rauchte mit mir um die Wette. Ich beobachtete die Gefühlsgymnastik der Damenkranzfraktion. Die letzten Maßnahmen der Thekendienstleute. Wie ein neuer Müllbeutel von der Rolle gerissen wurde, zum Beispiel. Der Saum auf dem Rund der Tonne. Das Ausfüllen der Stundenzettel. Die Erörterung der Frage, ob das Handtuch noch zu gebrauchen sei. Tanja und Boris separierten sich am Tresen, genauso wie Tanja und Texas sich separiert hatten. Ich war so sicher, dass Texas von diesem Schauspiel sein Leben lang eine entzündete Stelle behalten würde. Auch das war ein Irrtum. Tanja hatte Boris norddeutsches Gras mitgebracht, aus Neustadt in Ostholstein, um genau zu sein. Juli weiß jetzt, was der Siebenjährige Krieg mit Amerika zu tun hatte. Sie möchte bei mir schlafen. An sich hätte sie es nicht weit.
„Ihr geht noch nicht“, sagt Tanja. Mit ihrem Feuerzeug öffnet sich eine Flasche Jever fun für ihren Mann. Sie hat sich ihr Leben erarbeitet. Das wäre mir zu mühsam gewesen. Texas dreht für uns eine Tüte. Er raucht schon lange nicht mehr. Wir hören die Musik seines Smartphones, also Country. Juli sagt: „Meine Kontaktlinsen sind müde.“
Für Juli gibt es noch viel zu bereden. Für mich gerade nicht mehr.
*
Christian rumort in seinem Arbeitszimmer. Ich frage mich, was diesmal umgefallen ist. Wann er sich zum ersten Mal in meiner Abwesenheit eingenässt haben wird? „Ich kann meine Gedanken nicht finden“, sagt er.
Krieg jetzt keinen Rappel, bitte ich mich.