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2026-08-01 16:45:41, Jamal

Turning Danger into Performance – Trostlose Schönheit

Werden Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet, bereitet sich der Körper aufs Überleben vor. Der schnellste Weg zur Erholung besteht nicht darin, sich mit aller Kraft beruhigen zu wollen. Es geht vielmehr darum, dem Nervensystem klare Signale zu geben, dass die Gefahr vorüber ist.

Kontrollierte Atmung, körperliche Bewegung, soziale Verbindung und ausreichend Schlaf können die Erholung von akutem Stress beschleunigen. Das Ziel ist nicht, Stress zu unterdrücken. Es geht darum, dem Körper zu helfen, den Stresszyklus abzuschließen. Dein Nervensystem hört nicht auf Motivationsreden. Es reagiert auf Biologie.

Kinetische Skulpturen

Das Menetekel von Nagasaki verschmilzt in meiner Erinnerung mit dem Welterklärungsernst der Schwarzweiß-TV-Ära. Alte weiße Männer, hohepriesterlich mahnende Gegenfiguren zu ruchlosen Reitern der Apokalypse, elaborierten in durch- und eingängiger Heller-als-tausend-Sonnen-Diktion, wie furchtbar es sei, dass die Menschheit sich, also wir uns mit Nuklearwaffentechnologie selbst auslöschen konnten. Die Kreatoren des atomaren Faustkeils litten angeblich schwer an den Folgen ihrer Genialität.

Robert Jungks Buch „Heller als tausend Sonnen“ erschien 1956 als fundierter Weckruf und wirkte prägend auf Generationen. Wer mit Gott in ein Konkurrenzverhältnis tritt, kommt über Frankenstein nicht hinaus, hieß es in den Mattscheibenoffenbarungen. Wie soll man auf dieser Mea-Culpa-Folie den Umstand bewerten, dass der Physiker, Harvard-Absolvent und Nobelpreisträger Norman Foster Ramsey im japanischen Inferno-Monat August die für das zweite Ziel bestimmte – als Fat Man deklarierte – Ladung signierte? Ich weiß nicht mehr, ob die Auguren Yucatán ins Spiel brachten. Ob Yucatán als Synonym für ein Megafauna-Massensterben im kulturellen Gedächtnis der 1960er Jahre etabliert war.

Die mexikanische Halbinsel zwischen Golf und Karibik punktet mit strandnahen Maya-Ruinen und einem gigantischen Krater; in die Erde getrichtert von einem Kometen, der vor 66 Millionen Jahre schlagartig die Herrschaft der Dinosaurier stoppte. 

Es ist nicht schwer, sich den Kometen als Faustkeil aus dem All vorzustellen; als Himmelshammer, den Tyrannosaurus Rex nicht auf der Liste hatte.

Irgendwer erläuterte die Ungleichzeitigkeit zwischen menschlichem Bewusstsein und technologischer Entwicklung als der menschlichen Krux schlechthin. Mental säßen wir immer noch auf den Bäumen. Die Koryphäen zogen so die abstrakteste Erklärungslinie. Der von Entwicklungshemmnissen auf schiere Gewalt zurückgeworfene, kaum reformierbare Sieger im Wettstreit der Hominini, der anatomisch moderne Mensch, wird von der eigenen Findigkeit ausgebootet. Er hält nicht Schritt mit dem eigenen Fortschritt. Das war die Deutung auf dem Hochseil des Anthropozäns. In der bloß epochalen Dimensionierung begriff und pädagogisierte man die nach wie vor singulären Kernwaffeneinsätze als Marken einer großen Zeitenwende. In dieser Rechnung zählte man bis und ab Hiroshima/Nagasaki.

Ergiebige Bildfundstelle

Entgegen der naheliegenden Vorstellung von einer Atombomben-Depression, einem kollektiven Kater, einer, sämtliche Glieder der Sieger macht ergreifenden Scham, gab es in Amerika nach Hiroshima/Nagasaki eine Out-of-the-bottle-Euphorie. Frauen ließen sich ihre Haare in die Form von Atompilzen bringen. Konditorinnen und Konditoren kreieren Atompilztorten. Der artifizielle Fungus avancierte zur Signatur und Designvorgabe im Bedeutungszenit. Nie zuvor im 20. Jahrhundert erschienen sich die Vereinigten Staaten großartiger als im Jetzt der konkreten Nachkriegszeit. Der Militärisch-Industrielle-Komplex war eine touristische Attraktion. Das 1951 eingerichtete - am 27. Januar mit einer Parade vor dem ersten Abwurf eingeweihte - Nevada Test Gelände (circa hundert Kilometer nordwestlich von Las Vegas) zog Massen an. Tausende setzten sich freiwillig dem Fallout aus. In der Hochzeit von John Wayne und John Ford lieferte die Gegend idealtypische Hollywood-Westernkulissen. Auch als Science-Fiction-Mars funktionierte die Desert Depression.

Radioaktive Partys waren der letzte Schrei. Im Mafia-Eldorado Las Vegas hielt man die Bombe für ein Geschenk des Himmels. Es kursierte eine Art Strahlungsexorzismus. Ein besonders strahlendes Showgirl trat als „Miss A-Bomb“ auf. In einer hoch aufladbaren, superikonografischen, in einem endorheischen Becken gelegenen Gegend namens Jean Dry Lake konservierten sich Voraussetzungen für jüngere Leuchtzeichen der Traumindustrie. Szenen aus „Casino“, „Fear and Loathing in Las Vegas“ und „The Hangover“ wurden auf dem Landschaftshotspot gedreht; so, als führe die Verfolgung bestimmter kultureller Spuren exakt zu dieser Naturmarke. Als gäbe es vor Ort eine ursprüngliche Beschriftung, die zu Komplementärtexten einlädt. Heute wirkt die Land Art Installation „Seven Magic Mountains“ als Signal der extrem ergiebigen Bildfundstelle. 

Der letzte Leser

Um auf die Atompilzpartys und den Strahlungsexorzismus zurückzukommen. Vor ein paar Jahren fiel mir ein amerikanischer Groschenroman in die Hände, der um das Jahr 1955 in Nevada spielt. Ich habe die Dime Novel weggeschmissen und setze deshalb meine Erinnerungen an den Text in die Vergangenheit. Normalerweise erneuert sich das Präsens einer Geschichte in der Wahrnehmung ihres Lesers. Doch in diesem Fall ist nichts wahrscheinlicher, als dass es keine Leser mehr geben wird.

Vorderhand war es eine Gangstergeschichte, in der das Zeitgebundene überzeitlich erschien, so als seien alle evolutionären Kraftwerke stillgelegt worden. Die Haifischflossenästhetik als finale Stufe vor der Ewigkeit – die Schwarte war das Machwerk eines Unbegabten und genau darin lag ein unerhörter Reiz. Der Held wähnte sich in einem unverrückbaren Zentrum der Welt. Die imperiale Macht der Vereinigten Staaten war sagenhaft. Sie präsentierte sich in einer Aureole aus nuklearen Illuminationen. Die Bedenkenlosigkeit des Autors streifte das Pathologische. Ich dachte mir für ihn eine Biografie aus.

Verzicht auf Sprachgewalt

Den ersten Anzug bezahlt das Kind armer Leute mit Mutters Eiergeld. Die ungewohnte Kleidung avanciert zum Symbol eines Aufstiegs, den Issak Porter (Jahrgang 1930) widerwillig in Angriff nimmt. Porter ist das Produkt eines seit Generationen notleidenden Bauern-Prekariats in der Gegend von Columbia im US-Bundesstaat Missouri. Eng gespannte Erwartungen bestimmen das Daseinsprogramm. Ein Studium erscheint abwegig. Und doch regt Porters Vater den Besuch des – im Rahmen der 1839 gegründeten, ab 1868 koedukativen Universität von Missouri an. Der Sohn soll die 1870 eingerichtete School of Agriculture and Mechanical Arts besuchen. Offensichtlich will Porter Senior seinem Sohn ein besseres Leben ermöglichen. Gleichzeitig erscheint das so weit hergeholt, dass der Vater seine Großherzigkeit hinter Schamfloskeln verbirgt. In seiner Lage hat man nichts zu wollen und nichts zu geben, und doch gibt er seinem Jungen eine Chance, aus dem Elend zu kommen.

Ich unterlaufe den biblisch-elementar grundierten Epos-Charakter des Einstiegs mit einem Verzicht auf Sprachgewalt. In dürren Worten schildere ich Porters erste akademische Krise, ausgelöst von einer Pflichtveranstaltung, die der naturwissenschaftlichen Ausrichtung des Agrarstudiums zuwiderläuft. Die angehenden Ingenieure müssen eine Einführungsvorlesung in Literatur über sich ergehen lassen. Die meisten erleben den Unterricht als Störung. Auch bei Porter führt die Auseinandersetzung mit Shakespeare zu Blockaden. Er geht auf Konfrontationskurs, kündigt das Vertraute und immatrikuliert sich in Philosophie und Literatur. Seinen Angehörigen verschweigt er die Volte. Ein Dozent erkennt in dem Debütanten einen künftigen Lehrer. Walter Tombstone gibt Porter die Richtung vor. Er erläutert einem Unbeholfenen den Promotionsparcours. Dann trägt er eine Dozentur an, da ihm die Qualifizierten ausgegangen sind. Das Angebot läuft auf eine klaustrophobische Enge hinaus. Fortan unterrichtet Porter auf dem Schauplatz seiner akademischen Initiation. Er wird nie mehr vom Fleck kommen. Ihn kennzeichnet ein topografischer Radius mit den Ausmaßen eines Tintenflecks. Zudem hält just jene Vorlesung, die seine Krise und Katharsis auslöste, und den Bauernsohn in eine andere Umlaufbahn katapultiert hatte.

Ekstatische Ewigkeit

Porter arbeitet sich am Einfluss der Antike auf die Lyrik des Mittelalters ab, während kaum Ältere auf den europäischen Schlachtfeldern reüssieren. Einst war er so gleichgültig wie der karge Boden, den zu beackern das Schicksal von Verdammten war. Jetzt knospen Porters Sinne beim Lesen klassischer Gedichte. Porter bemerkt, wie leicht und würdevoll die vorchristlichen Römer die Tatsache des Todes akzeptierten. Er staunt über die Bitterkeit christlich-imperialer Dichter, sobald sie sich mit dem Tod befassten, der ihnen doch eine ekstatische Ewigkeit versprach.

Der II. Weltkrieg erzeugt ein Reformstau. Porter etabliert sich in einem Klima der Restauration. Der borstige Schrat verliebt sich in eine Nichte seines Mentors. Diane besucht Porter in seiner Kammerklause, einen Zurückgebliebenen, verstockt und unpathetisch, sich seiner Lächerlichkeit bewusst. Sie heiratet einen Veteranen der verpatzten Kriegsfreiwilligkeit. Heimlich verfasst Porter im ersten Ehejahr seinen Roman, sich an Raymond Chandler und Dashiell Hammett orientierend.

Zurück in die narrative Vergangenheit

Porter fehlte die Klasse der klassischen Vorbilder. Und doch floss ein mitreißender Glutstrom durch die Kanäle der Klischees, vorbei an bruchbudenhaften Setting-Schablonen im Spektrum von Dreharbeiten, durchdrehenden Schauspielerinnen, giftigen Schlangen, gespenstischen Outpost-Momenten, trostlosen Schönheiten. Westernstadtkulissen, Casinoerregungen und überirdischen Atombombentests, nahezu ohne Sicherheitsvorkehrungen. Porter imaginierte eine Phantasmagorie, die wie eine Kolportage der Produktionsverhältnisse von „The Misfits“ aus dem Jahr 1961 wirkte. Arthur Miller schrieb das Drehbuch für seine Frau Marilyn Monroe. Aus der Liebeserklärung wurde ein Abschied. Die Geschichte spielt in Reno, Dayton und am Pyramid Lake. Sie handelt von abgehalfterten Cowboys, die in der automobilen Welt deplatziert sind. Marilyn kämpfte mit ihren persönlichen Dämonen. Ihr Filmpartner Clark Gable starb kurz nach Drehschluss.

Als Porter seiner Riemen verfasste, drehte Dick Powell gerade „The Conqueror“ in der Nähe von Snow Canyon State Park, 220 Kilometer entfernt von der Nevada Test Site. Die Falloutfolgen wurden heruntergespielt. Die Filmproduktion transferierte kontaminierten Wüstensand nach Hollywood, um da Szenen nachzudrehen. Hauptdarsteller John Wayne starb 1979 an Magenkrebs. Auch der Regisseur und die Schauspielerin Susan Hayward erlagen ihren Krebsleiden. Porters Held, der Privatdetektiv Marlon Gomringer, bewacht einen von der Mafia bedrohten Filmstar während der Dreharbeiten zu einem Western. Nevada bietet Hollywood viele Schauplätze. Es gibt Minen- und Geisterstädte und formidable Wüstenplateaus. Eine prominente Kulisse ist der Valley of Fire State Park mit seinen scharlachroten Sandsteinfelsen. Weitere Spots sind der Lake Mead und Echo Bay. Gomringer agierte auch unter Lebensgefahr in der vormaligen Bergbausiedlung Virginia City – und dem vollständig aufgegebenen Goldgräbernest Rhyolite im Death-Valley.