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2026-08-02 12:47:22, Jamal

Turning Danger into Performance - Alltägliche Sundown-Ekstase

Ein Tagpfauenauge flattert im Farnkraut. Die Luft riecht nach Tang und Erde. Die Liebenden schlendern zum Shell Beach. Der Sand ist blütenweiß, durchsetzt mit winzigen Muscheln. Das Wasser ist glasklar, türkis in den Buchten, smaragdgrün an den Felsen.

Alja taucht zuerst ins Meer. Leif folgt. Der Strand gehört ihnen allein. Das Abenteuer der vergangenen Nacht hat sie noch einmal fester zusammengeschweißt. Sie umarmen sich im Wasser. Es ist zu kalt für mehr im Meer. Alja küsst Leif leidenschaftlich mit bibbernden Lippen, während sie sich an ihn schmiegt. Die der Kälte geschuldete Gänsehaut unterscheidet sich nicht von einer Gänsehaut des Verlangens. Das bemerkt Alja zu ihrem Erstaunen. Sie erstaunt, dass ihr die Ununterscheidbarkeit einer Lust- von einer Schmerzreaktion erst jetzt aufgeht. Natürlich kommt das aus unserem ursprünglichsten Programm. Wir sind Überlebensmaschinen. In uns überleben Millionen Jahre alte Überlebensroutinen. We combine millions of years old survival routines with consciousness, and this combination arms the genetic missiles, würde Yannik sagen.

Leif zieht die Schleifen des Bikinioberteils auf. Die Liebenden stehen jetzt nur noch bis zu den Knien im Wasser, die Kälte verliert ihre Macht. Alja fragt sich, ob ihnen jemand zusieht. Es wäre ihr egal. Die Liebenden manövrieren über ihren Lustlandschaften und verabreden in ihrer Intimzeichensprache, auf eine jugendliche Art zu kommen. Spiegelneuronale Onanie. Sie greifen sich in die Badehosen. Alja genießt das aristokratische Privileg müheloser Erfüllung. Die Welle rollt schnell an.

„Ich liebe dich so. Ich fühle mich so beschenkt von und mit dir.“

„Meinst du, von Gott beschenkt.“

Alja honoriert Leifs freundliche Frechheit, indem sie ihn zwickt. Sie küssen und reiben sich, in einer unerwarteten Evokation erinnert Alja, wie sie sich auf diesem Pettingparcours einst vortastete. Sie sieht sich und Leif verjüngt und überfordert von der unbegreiflichen Stärke ihrer Empfindungen. Das bringt sie aus dem Takt. Sie schließt Leif so fest in ihre Arme, dass sich seine Bewegungsfreiheit in der pulsierenden Selbsttätigkeit seines Glieds erschöpft.

Das hatten sie noch nicht. Zärtlich bietet Alja ihre Liebesfläche seiner Lust.

„Ich kann jetzt nicht. Bitte komm für mich“, flüstert sie.

„Ich will in dir sein.“

Sie hebt die Arme, er befördert sie auf seine Schenkel. Sie bahnt ihm den Weg, das ist das Detail, dass ihnen im Gedächtnis bleiben wird. Alja schiebt ihre Badehose zur Seite, so fürsorglich und liebevoll und nun doch wieder auch so erregt.

„Wusste ich es doch. Ich krieg dich immer.“

„Ja, das tust du. Gib mir eine Minute, ich bin gleich so weit.“

Sie verlässt sich auf seine Kraft. Sie bewegt sich vor und zurück, bis es sie überkommt und sie beinah aufschreit.

Sie saugt an seiner Unterlippe, sie wimmert, beinah weggetreten für einen Moment.

„Jetzt du“, fordert sie mit einer Stimme, die Alja sparsam einsetzt.

Leif trägt sie titanisch auf seinen Schenkel aus dem Wasser. Er setzt sie auf Schwemmholz, das von den Elementen zur Skulptur geformt wurde.

*

Die alltägliche Sundown-Ekstase - der Glücksrausch und das Gefühl, die Schwingungen der Welt an ihrem Ursprung erleben zu dürfen, sind für Paul immer noch keine Gegenstände für Begeisterungsallgemeinplätze. Ihn vermindert nicht die Not, die Euphorie seiner Backpacker-Gäste auf keinen Fall drosseln zu dürfen mit der in Gewohnheit abgesunkenen Daseinsfreude. In Paul brennt noch das Leidenschaftsfeuer des Anfangs, angesichts der überwältigenden Pracht jedes Sonnenuntergangs.
Alja versucht, den goldglühenden Schwellenmoment, wenn sich Himmel und Erde ineinander auflösen, und das Licht sich wie flüssiger Honig über allem ergießt, in Worte zu fassen. Baumkronen, die in Flammen zu stehen scheinen; all die Sensationen und Effekthaschereien einer grandiosen Natur …

Tumulte der Seligkeit

Die Sterne tanzten auf dem Meer. Deine Hände glitten über meinen Rücken. Deine Stirn berührt meine.

„Jetzt gehören wir dem Meer", sagtest du.
Ich wusste genau, was du meintest.

In diesem Moment - genau in diesem zarten Innehalten - schnitt eine Finne durch den Spiegel, keine zehn Meter von uns entfernt. Die Panik war sofort da. Ich krallte mich an dir fest. Du hieltest mich tapfer und warst doch so ängstlich wie ich.

Ja, wir waren nur Gäste im Paradies. Es könnte auch ein Rochen oder Delfin gewesen sein. In dieser Sekunde wurde mir bewusst, wie lebendig alles war. Wie wenig wir kontrollierten. Wie sehr alles miteinander verwoben war: das Begehren, das Leben, die Angst und die Sterne. Und wie tief die Schönheit reichte - bis an den Rand des Unheimlichen.

Kosmische Intensität

Natürlich habe ich das alles nicht gedacht in diesem Augenblick. Da war nichts außer der Angst. Du hieltest mich tapfer, als hätte dein Körper vergessen, wie leicht er selbst erzittern konnte. Dein Atem ging flach, dein Herz schlug mit Sprengkraft gegen meine Brust. Wir wagten kaum, uns zu bewegen. Vielleicht vergingen nur Sekunden, bis wir uns daran machten, aus dem Wasser zu kommen. Die Finne war gewiss schon verschwunden, bevor wir unsere Umgebung wieder klar wahrnehmen konnten.

Du sahst mich an. Und ich sah dich. Es war so einfach an diesem Strand zu begreifen, wie wunderbar klein wir in einem Spiel waren, das weder Sprache noch Logik kannte.

„Das Meer hat uns geprüft", sagte ich. Aus mir sprachen die Romane, die mir über die Jahre mangelnder Selbstbestimmung hinweggeholfen hatten.
„Und wir haben schön stillgehalten", entgegnetest du.

Und dann geschah das Unfassbare. Ohne Absprache kehrten wir ins Meer zurück. Es war Exorzismus. Unser Mut reichte bis zum Bauchnabel. Dann kehrten wir um und liebten uns im Sand. Erst danach breiteten wir die Handtücher aus, setzten uns nebeneinander, ohne uns gleich wieder zu berühren.

Du starrtest ins Dunkel. Ich studierte dein Profil.
„Vielleicht ist Liebe genau das", sagtest du. „Dass man sich nicht davor fürchtet, erkannt zu werden."
Ich legte meinen Kopf auf deine Schulter.
„Vielleicht ist Liebe auch, zu wissen, dass sie jederzeit enden kann - und es trotzdem zu tun."

Über den Himmel floss ein Sternschnuppenregen. Die kosmische Intensität unterstrich unsere Ameisenhaftigkeit auf einem Weltnabel. Ich spürte das raue Handtuch unter mir, deine Nähe, den Nachhall deines Körpers in mir. Lust, Angst, Freude und Nähe fühlte ich beinah gleichzeitig in einer überfordernden Aufwallung. Ich fürchtete, zu kollabieren. Zum Glück schlief ich gleich darauf in deinen Armen ein.

Ein neuer Tag an der Küste – ein leuchtender Übergang vom Traum zur Weite

Der Morgen brach für uns am Strand an. Ich bemerkte erst jetzt, dass ein halbes Dutzend Paare humane Punkte oder auch Inseln der Unordnung im Sand bildeten. Sie entsprachen einem Backpacker-Kult, den ich noch nicht kannte. Die Luft war ozeanische Seide und löste in mir einen Tumult der Seligkeit aus. Oh, wie fern waren wir den entfremdeten Daseinsbegriffen der industrialisierten Welt.

Eukalyptus und Herdbrand mischten sich unter die Meeresbrise.

Wir waren sofort auf den Beinen. Ich weiß nicht, was uns davon abhielt, den Tag so liebevoll zu beginnen, wie wir es beinah schon gewohnt waren. Der Sand war kühl und fest unter meinen Sohlen. Ein feines Kribbeln lief durch meinen Körper - ich fühlte mich federleicht und durchlässig. Es war kein gewöhnlicher Morgen. Die Wildnis vibrierte.

Persönlicher Mythos

Die Ereignisse der Nacht – deine Stirn an meiner, die Lichtwesen, die zwischen unseren Bewegungen aufblitzten wie galaktische Signale, unsere Panik, du in mir im Sand - gingen mir nach. Sie verfolgten mich, während ich meine Tasche packte und deine Zehen Ornamente in den Staub zeichneten. Warst du in diesem Augenblick gelangweilt? Liebessatt? Wärst du lieber mit den Zufallskumpeln der Rucksackfraktion um die Häuser gezogen?

Jetzt sehe ich dich in einer Buschkneipe am Rand der bewohnten Welt. Ein Red Can (Emu Export) in der Hand. Vom Staub blinde Fenster. Ein Billardtisch mit verrottetem Filz, das Kreidequietschen auf dem Queue. Das alte Radio auf einem mannshohen Kühler. Es läuft A Pub with no Beer von Slim Dusty.

Turning Danger into Performance - City Slickers

Wir waren mit Signe, die sich konsequent Sig nannte, zu einer Buschtour verabredet. Sie fuhr einen Toyota Pickup, wie viele Retreat-Managerinnen. Im trockenen Herzen des Kontinents gehört der Mensch dem Staub.

Jill und ich verstauten unsere Provianttaschen auf der Ladefläche zwischen Wasserkanistern, Klappstühlen und einem verwitterten Didgeridoo, das Sig als „Stimmungsmacher“ bezeichnete. Für sie waren wir die „Stadtmenschen.“ Das war eine softe Umschreibung für Tollpatsche.

Zweifellos bastelte Sig an ihrem persönlichen Outback-Mythos. Sie war in Yulara geboren, einem Weiler im Ayers Rock Resort, kaum 20 Kilometer vom Uluru entfernt. Ihre Eltern waren dänische Zivilisationsflüchtlinge, verspätete Hippies, die ihr Backpacker-Nomadentum in den 1990er Jahren ausgerechnet auf dem heiligen Boden der Anangu-Aborigines aufgegeben hatten. Yulara ist ein Kaff mit Airport. Die nächste Stadt, Alice Springs, liegt 450 Kilometer entfernt. Die Anangu sind seit 1985 Eigentümer und Hüter des Uluru-Kata-Tjuta-Nationalparks. Der Aufstieg zum Uluru-Gipfel ist aus Pietätsgründen verboten. Bevor Yulara erschlossen wurde, campierten Touristen wild im Schatten des Felsens. Dann bauten Öko-Aktivisten solarbetriebene Lehmhütten und boten „Sensing the Desert“-Touren an.

Sigs Eltern, Helle und Morten Mikkelsen, stammten von Bornholm und waren Pioniere auf dem Outback-Esoterik-Permakultur-Trail. Zuerst sammelten sie Eukalyptus, Teebaumöl und Wildblumen. Sie betrieben einen ambulanten Handel mit selbstgemachten Ölen, Seifen und spirituellen Essenzen. Ihre Kundschaft kam invasiv in Bussen an und ordnete die Bauchladendänen der lokalen Folklore zu. Dann ergatterten Helle und Morten eine Pachtparzelle an einer Zufahrtsstraße und zogen dort einen Rastplatzkiosk auf, den sie um eine abenteuerliche Bush-Bäckerei mit Steinofen erweiterten. Sie halten bis heute ein Outback-Monopol auf Plundergebäck (Wienerbrød) und Zimtschnecken (Kanelsnegle). Ihr Spot wurde zur Reiseführersehenswürdigkeit – ein längst legendärer Zwischenstopp und zugleich ein absurder Mix aus dänischer Gemütlichkeit (Hygge) und glühender Outback-Hitze.

Von Geburt an gehörte das Outback-Kid Sig zum Geschäftsmodell seiner Eltern. Sig war ihr eigener Star unter dem phantastischen australischen Himmel. Die Naivität ihrer Eltern lag ihr fern. Sie glaubte, keine Romantikerin zu sein, und war es doch.

Sig hatte versprochen, uns nicht mit den klassischen Touristen-Aussichtspunkten abzuspeisen. Angeblich wollte sie uns etwas zeigen, das sie sonst für sich behielt. Warum sollte sie das tun? Wir erreichten eine ausgetrocknete Viehtränke. Jill und ich wähnten uns auf einem Gipfel gnadenloser Trostlosigkeit. Jill goss ihre Enttäuschung in eine Bemerkung zur spirituellen Energie des Uluru. Sig konterte schroff: „Die Fliegen hier haben auch jede Menge Energie. Atmet bloß nicht durch den Mund, you city slickers.“

Sig stellte den Motor ab. Das schlagartige Verstummen des Toyotas hinterließ eine Stille, die wehtat.

„Glaubt ihr im Ernst, meine Eltern hätten dreißig Jahre hier draußen überlebt, wenn der Fels (the rock) bloß Postkarten-Energie absondern würde?“, donnerte Sig.

Jill sah mich mit einem Blick an, der zwischen Fluchtreflex und purer Resignation schwankte. Unsere Führerin stieg aus, und wir folgten ihr mit der Ergebenheit von Kettensträflingen. In einem Panorama aus radikal verdorrtem Spinifex, den Rippenbögen von – vor langer Zeit verendeten – Rindern und skulptural wirkenden Autowracks gab es nichts, was in einem Reiseführer jemals Erwähnung finden würde. Der Mad-Max-Menetekel-Charakter der Szene war offensichtlich. Die Verbindung von versiegenden Quellen und Zivilisationsschrott entfaltete eine dramatische Anschaulichkeit. Zugleich dekonstruierte der Mix die spirituellen Erwartungen vieler Touristinnen. Ich verstand die Gegend als staubige Ankündigung ewiger Trockenzeit. Sie bot den idealen Schauplatz für Sigs trotzige Definition von Authentizität. Ihre Eltern trugen mit den besten Absichten zur Kommerzialisierung des „Seelen-Business“ bei. Westliche Erleuchtungsphantasten konsumierten die Kultur der Anangu auf einem Parcours, den Helle und Morten bewirtschafteten und der sie ernährte.

Das wahre Outback ist ein Autofriedhof in der Gluthitze – war das Sigs Botschaft für uns? Nein, Sig kümmerte sich überhaupt nicht um das Kadaverensemble. Alles, was ich eben angeführt habe, entsprach einer Projektion. Sig hatte wirklich etwas Besonderes für uns übrig, ich werde noch erzählen, warum. Es hatte mit den Toten zu tun.

Sig ging wortlos voraus. Nach wenigen Schritten drehte sie sich um.

„Jetzt hört das Sightseeing auf.“

Es war der erste Satz an diesem Tag, den sie nicht ironisch meinte. Wir gelangten zu einer Stelle, wo das Wrack eines in den 1950er Jahren gebauten Fords fast vollständig von den Wurzeln eines River Red Gums verschlungen worden war. Sig blieb vor dem Eukalyptusmammut stehen. Sie deutete zur Krone, wo eine wulstige Narbe wildes Holzfleisch suggerierte. Die Rinde sah aus wie grob zusammengenäht. Der ikonische Wüstenbaum trug Spuren, die als Culturally Modified Trees oder Scarred Trees bezeichnet werden. Wo Leichenplattformen aus Ästen und Rinde festgezurrt waren, mutierten die Wachstumsprozesse. In manchen Regionen schnitzten die Ältesten komplexe, geometrische Muster (Muyalaang) direkt in das geschälte Holz des Stammes, um den Toten zu ehren und den Baum als heiligen Begräbnisort (Dhabuganha) zu markieren.

Turning Danger into Performance - Das perfekte HLA-Profil

Hier jetzt das Original zu der Variation vom 03.08. 2026

Wir waren mit Paul zu einer Buschtour verabredet. Er fuhr einen Toyota Pickup, so wie viele Retreatmanager. Im trockenen Herzen des Kontinents gehört der Mensch dem Staub. 

Wir verstauten unsere Provianttaschen auf der Ladefläche zwischen Wasserkanistern, Klappstühlen und einem verwitterten Didgeridoo, das Paul als „Stimmungsmacher“ bezeichnete. Wir waren die „Stadtmenschen.“

Zweifellos bastelte Paul an seinem persönlichen Outback-Mythos. Er kaute auf etwas herum, das wie ein Lederfetzen aussah. Manche meinten, es seien getrocknete Bullenhoden (Bull Testicles/Prairie Oysters - ich memoriere die Worte, sie erzählen mir meine eigene Geschichte, die wie Sand zwischen den Zähnen knirscht), andere tippten auf Wallaby-Jerky. Wahrscheinlich wusste Paul es selbst nicht. Sollte er sich Crocodile Dundee zum Vorbild genommen haben? Jedenfalls präsentierte er sich in einer goldenen Mischung aus Selbststilisierung, Überlebenspose und unterschwelligem Irrsinn. Sein Hut war vom Schweiß zerfressen, sein Hemd trug Spuren von Dingen, über die niemand sprechen wollte.   

„Wenn du einem Känguru zu lange in die Augen schaust, verlierst du deinen Namen“, erklärte er.
„Wie meinst du das?“ fragte ich.
„Ich meine nichts. Ich sag’s nur.“

Der Mix aus Weisheit und Wahn, aus Kino- und True Blue-Klischees - und das im Tonfall der Gegend. Westaustralien hat definitiv seinen eigenen Sound. Ziehende Vokale, knappe Konsonanten. Aus „mate“ wird „maaate“, aus „yeah“ wird „yeeah“.

„Bit warm today, eh?“ - Bei 44 Grad im Schatten.

“Let’s hit the bottle-o for some Emu Export.”

“That bloke’s a real bogan, but he knows his way ’round the bush.”

Trackie dacks - Jogginghose. 

True blue - Echter Australier, echte Australierin. 

Die Straße existierte bloß als Idee. Wir folgten einer roten Staubspur, die sich in der flimmernden Hitze verlor. Rechts und links: Spinifex, Termitenhügel, verblichene Autokadaver. Der Himmel spannte sich darüber wie ein umgedrehter Brennspiegel.

„Ihr müsst die Sprache der Fliegen lernen“, sagte Paul, während wir versuchten, Müsli ohne tierische Belagerung zu essen.

„Wer hier überleben will, muss wissen, ob Gegenwehr noch lohnt und ab wann man besser aufgibt.“

Paul reizte das Absurde. Der Aberwitz juckte ihm in den Bartspitzen. Nach Stunden monumental-monotoner Weite hielten wir an einer Roadhouse-Tankstelle. Eine Wellblechbruchbude, die in der Mittagssonne wie auf einer kosmischen Gasflamme brutzelte. Die explosive Kombination von Benzindunst und sengender Hitze bereitete mir Übelkeit. Die Tür hing schief in den Angeln. Drinnen roch es nach Ammoniak und Desinfektionsmitteln. Die Toiletten waren ein von Fliegen belagerter Albtraum. Der Boden war nass. Ich wollte nicht wissen wovon.

„Gibt Schlimmeres“, sagte Paul. „Musste mal auf ’nem Munitionsdepot in Wyndham pissen. Da war das Klo ein Mörserrohr.“
Im Schatten der Baracke wachte ein Greis über eine Ute-Ladefläche voller vergammelter Wassermelonen. Eine Szene wie aus einem Film von David Lynch. Ein Ute (kurz für utility vehicle) ist eine Mischung aus Auto und Pickup-Truck.    

Klassiker der Traumzeitküche

Ich überspringe ein Dutzend absurder Momente. Schließlich hielten wir am Rand einer bewaldeten Senke im Uluru-Kata Tjuta Nationalpark. Die Hitze hatte sich gelegt, aber das Land glühte noch. Im Schein der letzten Sonnenstrahlen flirrte der rostrote Staub wie Gold. Die Vegetation besiedelte an dieser Stelle eine schalenförmige Vertiefung, dem Landschaftsrelief eingeprägt, als hätte da ein Riese vorzeitlich geruht. Ich nahm den Raum wahr als geheimen Speicher der Wildnis. In Mulden wuchsen River Red Gums mit rissiger Borke. Ihre Äste spreizten sich theatralisch skeletós. Ich registrierte Grevilleen mit ihren zangenartigen Blüten und vereinzelte Spinifexbüsche - stachelige Kugeln, die aus der Entfernung harmlos wirkten, aber messerscharf waren, wenn man ihnen zu nahekam. Ghost Gums, bleich wie Knochen, standen depressiv zusammen. Es gab Kasuarinen und niedrig wuchernde Emu-Büsche. Ich fotografierte die Arten und dachte mir Formulierungen für mein Reisetagebuch aus.

Es war mein erstes Buschcamp. Wie die anderen schleppte ich Steine heran, die Paul anordnete. Sie dienten dem Feuerschutz. Offenes Feuer war verboten, Paul verlor sich in einer Andeutung:

„Wenn du hier auf Nummer sicher gehst, verlierst du irgendwann das Recht auf Geschichten.“

Er grillte Känguru-Steaks, Emu-Würste und die Klassiker der Traumzeitküche - Witchetty Grubs, fette, eiweißreiche Maden. Sie sollen roh wie Mandel schmecken. Ich verzichtete auf einen Test. Gebraten schmeckten sie jedenfalls wie Rührei mit Butter.  

O-Ton Paul:

„Du drehst sie über dem offenen Feuer, bis die Haut platzt. Dann weißt du, sie sind durch - oder bereit, dich anzuspringen.“

Zwischen Glut und Grillenzirpen spürte ich, unsere Liebe war wie dieses Land. Unfassbar, wunderschön und leider gefährlich. Wir waren nicht ungestört in dieser Nacht und doch so heiß aufeinander, dass es irgendwie passieren musste. Es wäre Verrat gewesen, ein Frevel wider die Göttlichkeit des Lebens, wenn wir uns nicht bis zum fließenden Lusttau berührt hätten - mit der Verzweiflung von Liebenden, die wissen, dass der Anfang nicht wiederholbar ist. Trotzdem trauten wir uns nicht, uns zu separieren und jenseits des Lagers zu übernachten. Angeblich strichen Dingos ums Lager. Paul nannte sie bush ghosts. Sie seien scheu und ungesellig bei der Nahrungssuche.

Wir verzogen uns feuernah in einen Double-Swags und rumpelten ein bisschen herum, bis wir uns fanden. Ungeduldig tastetest du dich vor. Du hattest es so verdammt eilig, mich zu berühren, nach Stunden der Abstinenz. Ich streifte mein Top ab, öffnete meinen Büstenhalter, um mögliche Komplikationen in der fragilen Enge zu vermeiden. Ich gab dir meine Brust zum Kosen. Du warst wie ein Verdurstender an der Quelle. Ich half dir aus der Hose. Du wolltest mich unter dir begraben. Aber ich legte mich auf dich und murmelte dir meine Liebe ins Ohr. Du rochst wunderbar.

„Du riechst nach Zuhause“, hätte ich gern gesagt, obwohl wir noch gar kein gemeinsames Zuhause hatten und mein Zuhause in Deutschland mit dir nichts zu tun hatte. Ich kam unter dem Druck, leise sein zu wollen. Die Welle verebbte zu schnell, ich fühlte mich kurz verloren. Du holtest mich zurück auf das Erregungshochseil. Eine Hand auf meinem unteren Rücken reichte, um meiner Lust neuen Auftrieb zu geben. Das war von Anfang an das Besondere: wie wenig du brauchtest, um mich zu erregen und die Erregung groß zu machen. Du konntest mich wunderbar kommen lassen. Deine Gabe war allein für mich bestimmt. Dessen bin ich gewiss. Du warst ein so guter Liebhaber nur in den Vereinigungen mit mir. Ich konnte dir so weit entgegenkommen wie keinem anderen Mann.

Du hattest das richtige Gespür für mich. In dieser Nacht drehten wir uns um die Lustspindel, bis ich unter dir auf dem Bauch lag und intensiv die Erde spürte. Die Erde und dich. Du flüstertest mir ins Ohr, wie sehr ich dir gefiel und das erregte mich. Ich schmiegte mich danach an dich. Mit meinem Kopf auf deiner Schulter dachte ich: Du riechst wie niemand sonst. Nicht nur gut, sondern richtig. Wie eine Antwort, die mein Körper vor meinem Kopf kannte. 

Ich weiß nicht mehr, ob ich es damals schon wusste. Dass es da etwas gibt. Das HLA-System. Dass Menschen einander ihre Betriebssysteme olfaktorisch anzeigen. Internale Immuningenieure machen den Abgleich.

Eine stille Biologie der Sehnsucht – du hattest das perfekte HLA-Profil für mich.

Turning Danger into Performance – Die Liturgie des Outback

Ich erwachte überwältigt. Im Traum war mir der Heilige Geist in einer tibetischen Ausführung erschienen. Ich stand schon lange nicht mehr auf dem biblischen Fundament meiner Ahnen. Meine religiösen Bedürfnisse flossen dem Buddhismus entgegen, doch der Ruf dieses Tages war zweifellos animistisch. Du schliefst noch, ich ließ dich schlafen. Ja, ich war so egoistisch meinen Offenbarungsrausch mit dir nicht teilen zu wollen. Ich schlich mich davon, ohne Anstoß zu erregen. Ich kannte die mit Munterkeit überspielte Scham, wenn Fremde sich auf einem Campingplatz so begegnen wie sonst nur Familienangehörige. Doch im Outback läuft das anders. Man würdigt die Intimsphäre der Reisegesellschafter mit Vorspiegelungen bärbeißiger Ignoranz, während man sich in Wahrheit sehr dafür interessiert, wie jeder einzelne zu seiner Tagesform findet.

Das war gerade nicht mein Thema. Die Beobachtung profaner Lebensäußerungen passte nicht zu meiner Stimmung. Am Vorabend hatte mich eine botanische Betrachtung der Gegend gereizt. Jetzt deutete ich jedes Büschel Spinifex und jede zangenartige Grevilleenblüte als göttlichen Fingerzeig.    

Das Outback offenbarte mir einen steinzeitlichen Schöpfungsmythos. Das frühe Licht illuminierte jede Bodendelle. Ich vernahm den tiefen Atem des Landes. Ich hörte es seufzen. Die Natur als Kirche, ein Fels als Dom. Ich war Anfang Zwanzig, studierte in einer süddeutschen Kleinstadt und hatte mich im Outback in einen Mann verliebt, von dem ich kaum etwas wusste.    

Die Senke wirkte wie eine natürliche Apsis. Ich lieferte mir selbst eine sakral überhöhte Version mit Kathedrale und Altar. Die Natur verklärte sich mir zur lebendigen und zur geologischen Liturgie. Im Verlauf dieses Tages würde ich den Uluru mit meinen eigenen Augen sehen. Selbstverständlich nicht als Touristenziel. Nicht als Fels. Sondern als Präsenz. Als schlafender Riese aus der Traumzeit, der die Schöpfung auf seinem Rücken trug. Als stimmloses Orakel. Als Kriegerdenkmal zu Ehren jener, die von den weißen Eindringlingen erniedrigt worden waren. Als kosmischer, zumindest aber prähistorischer Tabernakel.    Formularende

Im Camp roch es nach Eukalyptus und erkalteter Asche. Inzwischen hatte der Himmel schon drei Mal die Farbe gewechselt. Im Moment vollzog sich das Geschehen wie hinter einem Schleier aus flüssigem Bernstein.  

Paul saß schon an einem Klapptisch, die Kaffeekanne dampfte. Auf dem Gastkocher gurgelte ein ruinierter Blechtopf. 

Ich habe versäumt, zu erzählen, wie kalt es war. Wäre ich von meinen Empfindungen nicht so angehoben gewesen, ich hätte mit den Zähnen geklappert.

Es gab geröstetes Buschbrot mit Wattleseed - ein nussiges Mehl aus Akaziensamen, Vegemite (in Australien ein ikonisches Lebensmittel), Eier aus der Pfanne und Känguruschinken. Dazu Pfirsiche aus der Dose. Ich war schon satt, bevor du aufkreuztest. Deine Begrüßung war zärtlich und … angemessen. Du hattest Takt und wusstest stets genau, wonach mir war. 

Turning Danger into Performance – Als wir uns Uluru näherten

Im Northern Territory liegt ein Ort von universeller Kraft und Geschichtsmächtigkeit - Uluru. Der realmythische Monolith, den viele als Ayers Rock kennen, erhebt sich wie ein schweigender Wächter aus der Wüste, 335 Kilometer südwestlich von Alice Springs.

Uluru ist weit mehr als nur ein Felsen. Er ist ein heiliger Ort für die Anangu, die Ureinwohner dieser Region. Ihre Geschichten und Mythen sind mit dem roten Stein verwoben. Wir haben Informationen, die älter sind als die Menschheit - hier wird die Einsicht zur Binse. Die Herrlichkeit der Natur lässt den Menschen tief unter dem Felsen rangieren.   

Die Landschaft um Uluru herum ist karg. Die spärliche Buschvegetation behauptet sich tapfer. 

Der Sand unter meinen Füßen war glutrot. Ich hatte nie für möglich gehalten, dass eine Farbe so viele Töne in sich tragen könnte - von tiefem Ocker über rostiges Orange bis hin zu fast violettem Braun, wenn sich Schatten darüberlegten. Der Monolith wuchs vor uns aus der Ebene wie ein gewaltiger Rücken. Paul stellte den Toyota auf dem Mala Carpark ab. Mir schwebte eine Annäherung im Stil einer Wallfahrt vor. Ich fühlte mich von dem Stein wie angesaugt und zugleich zurückversetzt in eine ursprünglichere Realität.  

Geistige Atemzüge

Wir folgten einem ausgeschilderten Pilgerpfad. Die Spur mäanderte in flirrender Hitze. Sie führte vorbei an Spalten und Höhlen, die in somnambulen Vorspürerlebnissen und anderen mehr oder weniger erträumten Antizipationen nicht vorgekommen waren. Phantasierte Assoziationen im Spektrum zwischen hermetisch und erratisch blieben buchstäblich auf der Strecke. Uluru ist nicht erratisch, kein Findling, der in Prozessen glazialer Erosion aus einer fernen Ursprungsumgebung gerissen wurde. Er entstand an Ort und Stelle. Die lokale Formation besteht aus arkosehaltigem Sandstein, der 550 Millionen Jahre alt ist und von Wind und Wasser modelliert wurde.

Erratisch funktionierte auch nicht als poetische Kategorie. Das war die eurozentrische Perspektive. In der Wahrnehmung der ursprünglichen Bevölkerung stiftete der Monolith die Signatur seiner Umgebung. In einer angenehm schattigen Felsspalte entdeckten wir Spuren von Malerei - ockerrote Linien, die sich über das Gestein zogen wie Erinnerungen, die nie verblasst sind. Hände, Tiere, Kreise, die sich öffneten wie Wasserstellen im Sand. Ich fragte, wie alt sie wohl seien - Jahrhunderte? Jahrtausende?

Paul sagte: „Sie malen immer noch.“

Die Malerei der Aborigines lebt weiter. Es ist gegenwärtiges Erzählen - Narration im Augenblick, mit der Aussicht, das Informationszeitalter zu überdauern. Ich konnte nur staunen und nach Worten suchen, die hoffentlich im Gedächtnis haften blieben. Ich wollte nichts, nein, ich durfte nichts vergessen. Die Kunst der Aborigines ist kein dekoratives Andenken. Sie ist Landkarte, Zeitreise, Gebet. Die Motive transportieren Dreamings, die von der Entstehung der Welt erzählen und von der Verantwortung, sie zu bewahren.

Ich hatte erwartet, Relikte zu entdecken. Was ich fand, war Bewegung. Die Punkte, Linien und Muster waren geistige Atemzüge. Jeder Pinselstrich war ein Vers im großen Lied dieser Landschaft.

Der Stein, vor dem ich stand, war kein stummer Zeuge. Er hörte zu. Und die Malerei war seine Stimme.

Das waren Geschichten, die nicht uns gehörten. Ich wagte kaum zu sprechen. Paul ging ein paar Schritte voraus, den Blick gesenkt, als folgte auch er einer inneren Spur. Ich fand nicht heraus, wie bewegt oder routiniert oder sogar abgebrüht er auf all das reagierte. Indes beobachtete ich ihn bei keiner Eigenmächtigkeit oder sogar Überschreitung. Wir hielten uns alle an die Hinweise, die freundlich, aber bestimmt daran erinnerten, dass dies kein Schauplatz hemmungsloser Gipfelkreuzikonografie war, sondern ein Ort der Demut.