Momentaufnahme im Fluss der Zeit
Du warst bei mir, gebannt wie alle, und wohl in deinem eigenen Film. Zum ersten Mal seit unserer ersten Begegnung war da eine äußere Kraft, die es vermochte, das unsichtbare Band zu sprengen, das uns bis dahin verbunden hatte. Wir streiften uns fürsorglich und vertrauten einander so weit, dass wir uns im Schweigen besser verstanden als in jeder Sprache. Dass wir uns so viel Raum ließen, war eine neue Erfahrung für dich und für mich.
Je näher wir Uluru kamen, desto mehr verschwand alles andere. Der Monolith war eine gigantische Erfahrung. Rillen überzogen das Gestein wie Adern. In manchen Vertiefungen sammelte sich roter Sand - das Ergebnis eines, so dachte ich es animistisch, rituellen Zerfalls. Doch war es kein Verfall im menschlichen Sinne. Erosion ist keine Zerstörung, sondern Wandlung. Eine formgebende Kraft im Einklang mit den Elementen.
Was wir sahen, war das Werk von Millionen Jahren aber kein Endzustand. Nur eine Momentaufnahme im Fluss der Zeit.
Ghost Train/Bush yarn
Ein „yarn“ ist in der australischen Umgangssprache eine übertriebene, halbwahre Geschichte, oft aus dem Outback. Ein „bush yarn“ ist folglich ein „Outback-Märchen“.
Alja und Paul saßen auf einem ausgedörrten Holzstamm. Zu ihren Füßen wisperte das Gras. Jeder hielt eine Emailletasse. Alja hatte auf Tee bestanden. Das letzte Licht verglomm zwischen den Bäumen.
„Weißt du, Alja… mir ist mal was passiert. Damals auf dem Plenty Highway, östlich vom Stuart Highway. Ich war allein unterwegs, kurz vorm Sonnenuntergang. Dieser komische Moment, wenn alles noch heiß ist, aber schon irgendwie... leblos. Du weißt, wie das Licht dann kippt, ja?
Ich fuhr also - endlos geradeaus, kein Mensch, kein Funkkontakt - und auf einmal sah ich ihn im Rückspiegel: einen alten Road Train. Groß. Schwarz. Kein Licht. Kein Staub. Kein Motorengeräusch. Er kam näher. Immer näher.
Ich zog ein bisschen zur Seite, ging vom Gas. Kein Vorbeiziehen. Kein Hupen. Ich sah ihn noch im Spiegel, als ich mich aber umdrehte, war er weg. Ich schaute dann erst einmal nicht mehr in den Spiegel. Nicht, weil ich Angst hatte. Es war das Gefühl, lass es einfach. Manchen Sachen soll man nicht auf den Grund gehen.
In der nächsten Roadhouse-Bar hab ich’s dem Barkeeper erzählt. Weißt du, was er gesagt hat?“
Ich versäumte es in meinen Aufzeichnungen, die Antwort des Barkeepers zu notieren. Und jetzt weiß ich sie nicht einmal mehr ahnungsweise. Auch die Geschichte von einem Garten Eden mitten im trockensten Busch hielt ich zuerst für bush yarn.
„At first, Alja thought the Garden of Eden was just another bush yarn - one of those stories locals pass around to impress the tourists or scare them off.“
Der Garden of Eden verbirgt sich vor der allgemeinen Unwirtlichkeit in einer geschützten Senke im Kings Canyon. Das Feuchtbiotop ist in seiner lebensfeindlichen Umgebung ein Naturwunder. Der Kings Canyon besteht aus rund 400 Millionen Jahre altem Sandstein. Wind, Regen und Temperaturschwankungen gruben Schluchten, darunter diese Senke in die poröse Formation. Die Senke verblendet einen Wasserspeicher aus Tonschiefer. Im Kings Canyon gibt es permanente Wasserläufe, die vom Regen nicht nur gespeist werden. Unterirdische Wasseradern geben Feuchtigkeit ab. Die natürliche Abschattung lässt Wasser langsamer verdunsten als in der benachbarten Ebene. Die höhere Luftfeuchtigkeit schafft ein eigenes Mikroklima, das den Wuchs von Farnen, endemischen Palmen und lebenden Pflanzenfossilien begünstigt. So ergeben sich urzeitliche Anmutungen.
„Da wachsen seit Millionen Jahren Livistona-Palmen. Sie haben in einer Welt überlebt, die schon lange am Verdursten ist.“
Du erzähltest das und wecktest so meine Neugier auf die beinah sagenhafte Oase in der Wüste. Dieser Garden of Eden zog mich magisch an, aber ich wollte mehr sehen und erleben - die rote Erde, die Weite, die Stille. Also fragte ich Paul nach einem Mietwagen.
„Ein Auto?“
Paul lächelte müde.
„Hier direkt haben wir keine große Flotte. Aber ein Kumpel von uns hat ’nen alten Toyota Land Cruiser, ziemlich robust, perfekt für unsere Schotterpisten. Wenn du willst, kann ich ihn dir besorgen.“
Die Karosserie war ramponiert, der Motor klang kurzatmig, das Radio funktionierte nicht, und der Fahrersitz war durchgesessen. Dafür lag ein Satellitentelefon in der Konsole.
Kein Papierkram, kein Vertrag. Bei Paul war alles Vertrauenssache. In einem spirituellen oder ökologischen Retreat wäre dem autonomen Herumfahren womöglich ein Riegel vorgeschoben worden, aber wer bei Paul landete, wollte es easy und kriegte es easy. Die Leute cruisten zum Kings Canyon Rim Walk, klapperten legendäre Roadhouses ab, oder wirbelten einfach zu ihrem Vergnügen roten Staub auf. Auf der Fahrt durch das Red Centre begleiteten uns der Wind, die Hitze und das Knirschen der Reifen auf Schotter. Wir waren viel zu reisefiebrig, um erotisch auszuschweifen, aber ab und zu berührtest du meine nackten Schenkel und dann lag ein Knistern in der Luft. Mein Verlangen erkundend, glitten deine Finger über meine Haut. Der Staubwind mischte sich mit unserem Atem. Deine Berührungen wurden beherzter, das unausgesprochene Liebesflüstern wurde lauter. Wir hätten jederzeit anhalten können.
Wir hielten vor dem Kings Canyon Resort auf dem offiziellen Parkplatz für Wanderer. Hier startet die Kings Canyon Rim Walk - eine sechs Kilometer lange Strecke. Ich stellte den Motor ab, lauschte dem leisen Knistern des abkühlenden Metalls und blickte hinauf zu rostrot glühenden Felsen. Ich sah Wellen aus Stein und erstarrte Flammen. Ein Panorama wie halluziniert.
So stand es in jedem Reiseführer: Die Kings Canyon Rim Walk ist eine der beeindruckendsten Wanderungen im Red Centre. Mit ihren atemberaubenden Ausblicken, geologischen Westernformationen und kulturellen Stätten bietet sie ein unvergessliches Erlebnis.
Der Aufstieg am Heart Attack Hill war steil, für mich aber nicht herausfordernd. Ich bin im Himalaya geklettert. Du kamst kaum mit, verschleiert nahm ich Rücksicht. Ich wollte dich nicht aus dem Tritt bringen.
Der erste Aufstieg raubte dir den Atem und beinah auch das Gleichgewicht.
Nicht nur wegen der Höhe schienst du verunsichert. Man nennt die Stelle Lost City. Sie sieht aus, als hätten Titanen eine Siedlung in Stein gekegelt. Unten uns lag das vorzeitliche Refugium. Ein kleines Paradies, gesäumt von vernichtender Dürre. Ich hätte da gern übernachtet, aber der Garden of Eden ist ein spiritueller Ort für das Volk der Luritja, den traditionellen Landbesitzern. Das Wasserloch und die Umgebung sind heilig.