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2026-08-05 14:31:45, Jamal

Turning Danger into Performance - City Slickers

Wir waren mit Signe, die sich konsequent Sig nannte, zu einer Buschtour verabredet. Sie fuhr einen Toyota Pickup, wie viele Retreat-Managerinnen. Im trockenen Herzen des Kontinents gehört der Mensch dem Staub.

Jill und ich verstauten unsere Provianttaschen auf der Ladefläche zwischen Wasserkanistern, Klappstühlen und einem verwitterten Didgeridoo, das Sig als „Stimmungsmacher“ bezeichnete. Für sie waren wir die „Stadtmenschen.“ Das war eine softe Umschreibung für Tollpatsche.

Zweifellos bastelte Sig an ihrem persönlichen Outback-Mythos. Sie war in Yulara geboren, einem Weiler im Ayers Rock Resort, kaum 20 Kilometer vom Uluru entfernt. Ihre Eltern waren dänische Zivilisationsflüchtlinge, verspätete Hippies, die ihr Backpacker-Nomadentum in den 1990er Jahren ausgerechnet auf dem heiligen Boden der Anangu-Aborigines aufgegeben hatten. Yulara ist ein Kaff mit Airport. Die nächste Stadt, Alice Springs, liegt 450 Kilometer entfernt. Die Anangu sind seit 1985 Eigentümer und Hüter des Uluru-Kata-Tjuta-Nationalparks. Der Aufstieg zum Uluru-Gipfel ist aus Pietätsgründen verboten. Bevor Yulara erschlossen wurde, campierten Touristen wild im Schatten des Felsens. Dann bauten Öko-Aktivisten solarbetriebene Lehmhütten und boten „Sensing the Desert“-Touren an.

Sigs Eltern, Helle und Morten Mikkelsen, stammten von Bornholm und waren Pioniere auf dem Outback-Esoterik-Permakultur-Trail. Zuerst sammelten sie Eukalyptus, Teebaumöl und Wildblumen. Sie betrieben einen ambulanten Handel mit selbstgemachten Ölen, Seifen und spirituellen Essenzen. Ihre Kundschaft kam invasiv in Bussen an und ordnete die Bauchladendänen der lokalen Folklore zu. Dann ergatterten Helle und Morten eine Pachtparzelle an einer Zufahrtsstraße und zogen dort einen Rastplatzkiosk auf, den sie um eine abenteuerliche Bush-Bäckerei mit Steinofen erweiterten. Sie halten bis heute ein Outback-Monopol auf Plundergebäck (Wienerbrød) und Zimtschnecken (Kanelsnegle). Ihr Spot wurde zur Reiseführersehenswürdigkeit – ein längst legendärer Zwischenstopp und zugleich ein absurder Mix aus dänischer Gemütlichkeit (Hygge) und glühender Outback-Hitze.

Von Geburt an gehörte das Outback-Kid Sig zum Geschäftsmodell seiner Eltern. Sig war ihr eigener Star unter dem phantastischen australischen Himmel. Die Naivität ihrer Eltern lag ihr fern. Sie glaubte, keine Romantikerin zu sein, und war es doch.

Sig hatte versprochen, uns nicht mit den klassischen Touristen-Aussichtspunkten abzuspeisen. Angeblich wollte sie uns etwas zeigen, das sie sonst für sich behielt. Warum sollte sie das tun? Wir erreichten eine ausgetrocknete Viehtränke. Jill und ich wähnten uns auf einem Gipfel gnadenloser Trostlosigkeit. Jill goss ihre Enttäuschung in eine Bemerkung zur spirituellen Energie des Uluru. Sig konterte schroff: „Die Fliegen hier haben auch jede Menge Energie. Atmet bloß nicht durch den Mund, you city slickers.“

Sig stellte den Motor ab. Das schlagartige Verstummen des Toyotas hinterließ eine Stille, die wehtat.

„Glaubt ihr im Ernst, meine Eltern hätten dreißig Jahre hier draußen überlebt, wenn der Fels (the rock) bloß Postkarten-Energie absondern würde?“, donnerte Sig.

Jill sah mich mit einem Blick an, der zwischen Fluchtreflex und purer Resignation schwankte. Unsere Führerin stieg aus, und wir folgten ihr mit der Ergebenheit von Kettensträflingen. In einem Panorama aus radikal verdorrtem Spinifex, den Rippenbögen von – vor langer Zeit verendeten – Rindern und skulptural wirkenden Autowracks gab es nichts, was in einem Reiseführer jemals Erwähnung finden würde. Der Mad-Max-Menetekel-Charakter der Szene war offensichtlich. Die Verbindung von versiegenden Quellen und Zivilisationsschrott entfaltete eine dramatische Anschaulichkeit. Zugleich dekonstruierte der Mix die spirituellen Erwartungen vieler Touristinnen. Ich verstand die Gegend als staubige Ankündigung ewiger Trockenzeit. Sie bot den idealen Schauplatz für Sigs trotzige Definition von Authentizität. Ihre Eltern trugen mit den besten Absichten zur Kommerzialisierung des „Seelen-Business“ bei. Westliche Erleuchtungsphantasten konsumierten die Kultur der Anangu auf einem Parcours, den Helle und Morten bewirtschafteten und der sie ernährte.

Das wahre Outback ist ein Autofriedhof in der Gluthitze – war das Sigs Botschaft für uns? Nein, Sig kümmerte sich überhaupt nicht um das Kadaverensemble. Alles, was ich eben angeführt habe, entsprach einer Projektion. Sig hatte wirklich etwas Besonderes für uns übrig, ich werde noch erzählen, warum. Es hatte mit den Toten zu tun.

Sig ging wortlos voraus. Nach wenigen Schritten drehte sie sich um.

„Jetzt hört das Sightseeing auf.“

Es war der erste Satz an diesem Tag, den sie nicht ironisch meinte. Wir gelangten zu einer Stelle, wo das Wrack eines in den 1950er Jahren gebauten Fords fast vollständig von den Wurzeln eines River Red Gums verschlungen worden war. Sig blieb vor dem Eukalyptusmammut stehen. Sie deutete zur Krone, wo eine wulstige Narbe wildes Holzfleisch suggerierte. Die Rinde sah aus wie grob zusammengenäht. Der ikonische Wüstenbaum trug Spuren, die als Culturally Modified Trees oder Scarred Trees bezeichnet werden. Wo Leichenplattformen aus Ästen und Rinde festgezurrt waren, mutierten die Wachstumsprozesse. In manchen Regionen schnitzten die Ältesten komplexe, geometrische Muster (Muyalaang) direkt in das geschälte Holz des Stammes, um den Toten zu ehren und den Baum als heiligen Begräbnisort (Dhabuganha) zu markieren.

Sexy und Sattelfest

Was zuvor geschah

Australien 2020 – Die Welt brennt im Black Summer. Staatsgrenzen schließen im globalen Lockdown. Die Idee des Cordon sanitaire erlebt eine Renaissance. In dieser flirrend-dystopischen Endzeitstimmung brechen die finnisch-lappische Erzählerin Anniina – genannt Ina – und ihre US-amerikanische Gefährtin Jill mit der Retreat-Managerin Signe, kurz Sig, zu einer Buschtour auf.

Die Backpackerinnen sind für Sig „Stadtmenschen“ – was die Tatsachen komplett verfehlt. Ina und Jill sind ausdauernd liierte Digital Nomads, die zwischen Öko-Projekten und Model-Jobs pendeln. Beide entstammen hyperruralen Peripherien. Als Tochter samischer – in der Tundra lebender – Rentierzüchter bringt Ina ihre eigene arktische Ruhe mit. Als Tochter von Pferdezüchtern und Nachfahrin der Ulster Scots wuchs Jill im westlichen Wyoming auf, wo die Rocky Mountains das Land beherrschend prägen. Zu ihren Ahnen zählt Colonel Callum Campbell, der im Sezessionskrieg martialisch die Sache des Südens vertrat. Jill kann einen Sattel im Dunkeln festzurren.

Sigs dänische Hippie-Eltern betreiben nahe dem Uluru eine Bush-Bäckerei. Während Sig auf dem heiligen Boden der Anangu aufwuchs, ohne je einem archaischen Verständnis von Autochthonie zu entsprechen, sind Ina und Jill legitime Abkömmlinge wilder Linien. Sig inszeniert sich zwar als bärbeißiges Outback-Original, doch die raue Schale verbirgt einen erotischen Glutkern. Zumal die Sámi-Schönheit Ina Sigs Herz höherschlagen lässt. Jedes Klischee im Spektrum zwischen Liebesfieber und Verzauberung passt.  

So geht es weiter

Wir campierten in einer Senke, die Sig „Wanne“ nannte. Es war nur eine versandete Delle, kaum geschützt von windflüchtigen Akazien. Ich hätte sehr gern gebadet. Gerüchte rankten um nicht kartierte Wasserstellen im Schatten von Uluru. Mysteriös in Frage kamen Felsmulden, versteckte Gullys, saisonale Wasserlöcher. Solche Kenntnisse gehörten zu den Heimspielvorteilen. Wo vollzog sich Verdunstung nicht im Galopp der vegetationsarmen Wüste? Welche Schlucht hielt Feuchtigkeit? Wo zeigten Pflanzen und Tiere verdecktes Leben an.

Sig besaß ein exklusives Ortswissen über artesische und subartesische Zuflüsse. Sie kannte Felsrinnen, die nach Regenfällen zu Pools wurden, und die vergessenen Bohrungen aufgegebener Farmen. Fossiles Grundwasser war älter als das älteste weiße Lebenszeichen in Australien. Wasser als Gedächtnis des Kontinents. Sig führte uns zu einer unscheinbaren Austrittsstelle. Libellen tummelten sich über einer kaum sichtbaren Wasserhaut. Spuren kleiner Wesen, das ungesättigte Grün einer Pflanze, die ihrer Verkümmerung soeben entging. Wasser perlte aus einer schmalen Fuge, kaum stärker als Schweiß auf der Haut. Ein dünner Film rann über Gestein, sammelte sich in einer fadenscheinigen Vertiefung, verschwand wenige Meter weiter wieder im gierigen Sand … und wuchs sich gleich darauf zur Sensation aus – als Badewasser in einem klandestinen Felsauge. Seggen und Binsen klammerten sich an den Beckenrand. Aus einem Riss kroch eine Feige, deren Wurzeln petrifiziert schienen. Daneben standen Farne Spalier. Ihre Vorfahren existierten bereits vor 360–400 Millionen Jahren, lange bevor es Blütenpflanzen, Gräser und Säugetiere gab. Sie waren Zeugen einer Zeit vor der Zeit. Als die Fortpflanzung noch in den Kinderschuhen steckte.

Sporen statt Samen.

Ein mineralischer Dunst lag über dem schwarzen Spiegel.  

Jill war die Erste. Sie entledigte sich ihrer Klamotten in Windeseile und stolperte beinah ins Wasser. Es hatte etwas von Boccaccios Decamerone – jenes arkadische Valle delle Donne, in das die Jugend vor der Pest flieht, um nackt im kreisrunden Felsbecken die Vergänglichkeit der Welt zu verlachen. Ein lebendig gewordenes Gemälde von Giorgione, mitten im australischen Staub. Außerhalb unseres Kokons ging die Epoche im Cordon sanitaire unter, aber wir waren selig in unserer lustfleischlichen Gegenwart. Ich glitt zu meiner Liebsten. Das Wasser war von einer schockierend-geothermalen Hitze, die mich augenblicklich einschloss.   

„Sie starrt dich an“, flüsterte Jill. Ich deutete die Bemerkung für ein Signal des Einvernehmens. Warum auch nicht. Sig klemmte sich zwischen uns. Sie lauschte Jills kompromissloser Prärie-Präsenz und registrierte vielleicht auch meine arktische Halbgöttlichkeit, die in dem urzeitlich-arkadischen Idyll eine angemessene Umgebung erkannte. Mein Blick folgte den Tropfen, die über Sigs Schlüsselbeine wanderten.

Was zuvor geschah – Dormanz-Existenzialismus

Australien 2020 – Während der Black Summer den Kontinent verheert und ein globaler Corona-Lockdown viele Staaten zu den Hausmitteln des 19. Jahrhunderts greifen lässt, Stichwort Cordon sanitaire, unternehmen die Digital Nomads Ina und Jill gemeinsam mit der Retreat-Managerin Sig eine gediegene Buschtour. Die passionierte Trapperin Sig führt das Paar in die unwirtliche Bergwelt nördlich des Uluru zu einem verborgenen temporären Pool; den touristischen Routen so fern, dass eine zufällige Entdeckung ausgeschlossen ist. Man unterscheidet Rock-Ephemeral- und Vernal Pools. Im Sediment ruhen Eier winziger Krebstiere, Insekten und anderer Wirbelloser in einem physiologischen Ausnahmezustand. Diese Dormanzstrategen überdauern Trockenphasen von Monaten und Jahren. Chemische Signale beenden den Ruhezustand. Was gerade noch wie schierer Schlamm wirkt, verwandelt sich ruckzuck in ein funktionierendes Ökosystem.

In Jahrmillionen schliffen Regen, thermische Insolation und andere morphologische Verwitterungstreiber Vertiefungen in den Felsen. Sigs Wanne (Gnamma ) war ein Resultat der geologischen Zeit. Der Granit des Arunta-Schilds kristallisierte sich im Paläozoikum während einer kontinentalen Kollision in der Erdkruste: der Alice-Springs/Petermann-Orogenese. Diese tektonische Phase begann vor etwa 450 Millionen Jahren (im Ordovizium) und zog sich hin bis vor 300 Millionen Jahren (ins Karbon). Damals, gerade entstanden die ersten Fische und Pflanzen, drückte kieselsäurereiches Magma nach oben. Nie erreichte es die Oberfläche. Vielmehr kühlte es kilometerweit unter der Erdkruste ab. Erosion legte das paläozoische Herz des Kontinents frei.

So geht es weiter

Die Felswanne veranschaulichte ein wenig beachtetes Naturprinzip. Konstitutive Unterbrechung kann eine Form von Stabilität sein. Das Austrocknen war keine Störung, sondern Teil eines ökologischen Prozesses, das sich seit Urzeiten stabil hielt. Mein Blick folgte den Tropfen, die über Sigs Schlüsselbeine wanderten. Es war, als würde das Wasser ihre Rough-Girl-Inszenierung Schicht für Schicht auflösen, bis nur noch das nackte Verlangen übrigblieb.

„Ihr seid keine Touristinnen", stieß sie hervor. „Wer oder was seid ihr?"

Jills knochentrockenes Winchester-Repetier-Lachen, das ich so liebte. Es barg keinen Zweifel und schuf Tatsachen. Jill zügelte sich nicht länger. Ihre Hände erkundeten erreichbare Territorien. Für mich war das eine neue Erfahrung. Bis eben war ich stets die Einzige gewesen. Nie zuvor hatte ich erlebt, wie sich Jills Begehren auf eine andere Frau richtete. Sie war der Fels in meiner Brandung, während Sig mit ihrer Scout-Souveränität lustvoll vor sich hin vibrierte.