Auf zum nächsten Heiligen Wasserloch
Du legtest deine Hand auf meinen Schenkel. Ich erlebte die Geste als erotische Halbherzigkeit. Vielleicht tat ich dir Unrecht. Vielleicht war es nur deine Art, mich in deiner Matrix zu verankern, während ich mich an die Vorstellung verlor, eine Chance der exklusivsten Wissensvermehrung vertan zu haben. Deine Finger bewegten sich nicht und bei mir rührte sich nichts.
Staub tanzte im Kegel der Scheinwerfer. Wir schwiegen. Deine Hand glitt zurück in deinen Schoß. Vielleicht warst du frustriert. Ich konnte dir nicht helfen. Es war, als hätten die Worte des Elders eine Schranke zwischen uns errichtet.
“You walk through story. Not your own.“
Wir waren nicht nur ahnungsarme Gäste auf diesem Kontinent, sondern auch in dem Narrativ von uns im Outback. Du hieltest dich noch für einen Hauptakteur in deinem eigenen Stück, während ich mich als Randerscheinung in einem archaischen Drama erlebte.
Du sagtest:
„Es ist schön hier. Aber du bist woanders.“
Ich sah dich kurz an, dann wieder auf die Piste. Ich fand die Prise zu gewollt poetisch.
„Ich weiß“, sagte ich höflich.
Du drehtest dich zur Seite, blicktest aus dem Fenster. Der Himmel war schwarz bis zur andeutungsweise aufgehellten Horizontlinie.
Die Schlucht, die zuhört
Wir fuhren durch das Top End nordwärts zum Katherine Gorge im Nitmiluk National Park. Die Gegend war fruchtbarer als das Red Centre. Irgendwann hielt ich am Straßenrand, du hättest das Steuer übernehmen können. Aber lieber wollten wir beide schlafen. Und dann schliefen wir doch nicht, sondern fanden uns auf dem Umweg einer zärtlichen Einschlafübung. Endlich nanntest du mich einmal wieder deine Süße. Das Wort kitzelte so schön. Plötzlich fand ich mich ungerecht dir gegenüber. Du murmeltest in meine Halsbeuge die schönsten Liebesworte. Fraglich blieb indes, warum wir der Unbequemlichkeit unserer Lage kein Ende machten. Wir waren allein auf weiter Flur, allein mit der lebendigen Natur in all ihren Spiel- und Nachtschattenarten. Du sagtest:
„Wollen wir nicht aussteigen.“
Da standen wir dann unter den Sternen.
Du zogst mich aus und ich dich. Die Luft war schwer von Eukalyptusaromen. Der eisenhaltige, nährstoffarme, hochdurchlässige und lebensfeindliche Boden glühte beinah noch unter unseren Sohlen. Ich wusste schon, dass er nach den Überlieferungen vieler Aboriginal-Stämme nicht bloß Substrat war, sondern Ahnenwissen speicherte. Das war keine Metaphorik. Der Boden war aufgeladen mit Bewusstsein - eine Membran zwischen Traum- und Jetztzeit. Es gab kein Wort für seine Farbe - tiefer als Rot, wärmer als Braun.
Das war nicht bloß Staub, das waren kosmischen Erinnerungen. Ich assoziierte oxidiertes Zeitgedächtnis, während du vor mir auf den Knien warst. Ich grub mit meinen Händen in deinem Haar. Wir liebten uns auf Gestein, das in atavistischen Ritualen der Menschenwelt so konkret und poetisch zugeordnet worden war wie sonst nirgendwo auf der Welt. Ich lag schließlich auf in Jahrmillionen zusammengebackenem Flusssand, dem letzten Gruß eines vorzeitlichen Amazonas. Die poröse Haut des Sandsteins hielt nichts fest und nahm nichts an außer Form. Regen grub Furchen, Wind glättete Kanten, und in einer verborgenen Senke, wo der Sand auf dunklen Tonschiefer traf, sammelte sich Wasser wie Wissen.
Nur Haut an Haut, Atem an Atem im Liebeszeitstrom.
Die Gorges - langgestreckte Sandsteinschluchten - sind nicht nur geologisch spektakulär. Sie sind spirituelle Marker im Land der Jawoyn. Jede Wendung im Gelände, jede Steinnase und Felsnadel gehört zu einer gesungenen Geschichte. Traumzeitlinien (Tjukurpa) verbinden heilige Wasserlöcher, Zeremonienplätze, Übergänge zwischen dem Sichtbaren und „der Zeit davor“.
Der Parkplatz am Besucherzentrum präsentierte sich uns als Muster der Funktionalität. Kein Komfort, kein Outback-Kitsch, aber ausreichend Infrastruktur: Toiletten, Wasserstationen, ein Café. Befestigte Wege führten zu Aussichtspunkten, Bootsanlegestellen und zu spiraligen Saumpfaden auf den Schluchtkämmen.
Wir entschieden uns für eine Wanderung entlang des Katherine River. Der Baruwei Loop führte in steilen Serpentinen den Hang hinauf. Wir sahen die erste von dreizehn Schluchten. Ich notierte: Das Ensemble lässt mich an eine Staffel geologischer Schnitte durch Raum und Zeit denken. Ich verkürzte: ein geologischer Schnitt durch Raum und Zeit. Der Fluss lag dunkelgrün und unbewegt in seinem Bett. Er schien zu ruhen. Ungeschickt krabbelten die Teilnehmer einer geführten Gruppe in Kanus. Das Einsteigen überforderte die meisten. Ich beobachtete lauter Kapitulationen im Kampf um Haltung und Würde. Es war ein Schauspiel mit vielen Selfie-Stick-Selbstentblößungen. Ich dachte an die bezwingende Ruhe des Elder aus dem Volk der Luritja. Ich empfand Sehnsucht nach ihm. Wir zogen weiter, suchten Abstand, Stille, das eigene Erleben. Am Ufer boten sich zum Verweilen schattige Einschnitte an, gesäumt von Paperbark Trees mit silbrig zerfaserter Rinde. Die Jawoyn erzählen, dass hier die Regenbogenschlange Bolung lebt - ein Wesen, das hört, was unausgesprochen bleibt. Mich faszinierte die Verbindung von Songline und geologischer Zeit. Als hätte der Fluss nicht nur Gestein, sondern auch Bewusstsein geformt. Wir erreichten einen Seitenarm. Das Wasser glänzte wie flüssiges Glas, wir konnten nicht widerstehen. Ich hatte von harmlosen Süßwasserkrokodilen gehört, die hier ihr Revier hatten. Doch wanderten in der Regenzeit Salties - Salzwasserkrokodile - durch Kanäle ein, die nur bei Hochwasser existieren. Auf dem Rückweg über den heißen Butterfly Gorge Trail legte ich mir mein nasses Bikinioberteil auf den Kopf. Die Hitze war erbarmungslos, aber das Licht war von erleuchtender Klarheit.
Turning Danger into Performance – Spirituelle Walz
„Ah, so eine sinnlich-warme Begegnungsszene ist das... ich schmelze dahin.“ M.
Eine unscheinbare Linie auf der Karte. Da stand Ephemeral River. Ein Fluss, der selten fließt. Ich fand das poetisch. Du wolltest das Wasser in der Wüste verstehen. Wo es versickert, wie es unterirdisch weiterwandert. Sei wie das Wasser, sagt Bruce Lee. „Wasser lügt nicht“, sagtest du.
Der Finke Gorge National Park schmorte in der Sonne, das Licht überflimmerte eine Spinifexsteppe. Der Finke River - oder Larapinta, wie ihn die Arrernte nennen - ist einer der ältesten noch erkennbaren Flüsse der Erde. Drei- bis dreihundertfünfzig Millionen Jahre soll er alt sein. Damals lag Australien im feuchten Tropengürtel. Jetzt zieht er sich wie eine geologische Narbe durch das aride Zentrum des Northern Territory, ein ephemeres Flusssystem, das episodisch Wasser führt. Nur punktuell erscheint der Finke als Kette von Wasserlöchern. Die ökologischen Refugien sind oft spirituelle Spot. Die Pfützen spiegeln in der Hitze das Sonnenlicht und erzeugen die Illusion irrealer Flächen.
Es sind flüssige Täuschungen im Staub.
Die Ufer säumten grotesk verästelte River Red Gums. Du deutetest sie als Symbole einer urzeitlich-schwarzen Verzweiflung.
Wir folgten der sandigen Spur, die kaum mehr war als eine Ahnung von Bewegung, oder, um es groß zu fassen, ein vergessener Gedanke Gottes, oder, ein paar Etagen tiefer, ein gestrandeter Traum. Seine Reglosigkeit war eine totalitäre Kategorie. Seit über 100 Millionen Jahren hatte sich der Flusslauf kaum verändert. Es gab kein älteres Bett auf der Welt.
Über den staubigen Flussauen erhoben sich die MacDonnell Ranges. Massive, blankgeschliffene Schiefersättel. Alluviale Sedimente bedeckten den Talboden.
Aus Aljas Reisenotizen
Verwittertes organisches Material und fossile Überreste vorzeitlicher Vegetation.
Kiesel leuchteten wie versteinerte Tropfen.
Staub gewordenes Vergessen.
Ab und zu blitzten schwarze Einschlüsse auf, verkohlte Fragmente, in meiner Phantasie waren es Relikte aus der Zeit von Pangäa. Hatte hier das Herz des Superkontinents geschlagen? Vielleicht war dieses Flussbett eine Erinnerung der Erde an sich in einer ursprünglicheren Gestalt. Ein geologisches Eselsohr.
Aus Alja Aufzeichnungen
Von Beginn an verfalle ich in einen erhöhten Einfühlungsmodus, alle meine Sinne sind hellwach von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Die Nächte sind so ruhig, dass der eigene Herzschlag spürbar und Träume sichtbar werden.
Unwissenheit und Ungeduld sind hier wie ungebetene Gäste.
Die trockene Gegend hat ihre eigene Balance, man muss aufmerksam sein, um nichts zu übersehen, was hier wichtig ist. Es erfordert Stille, bedachte Bewegungen zur richtigen Tageszeit und tradiertes Wissen. Diese Gegend verbirgt ihr Lebensspendendes in versteckten Oasen und fordert meine Resonanz- und Anpassungsfähigkeit bis an die Grenzen heraus.
Kostbares Wasservorkommen wird durch Pflanzen angezeigt, die es zu finden und erkennen gilt. Das Essbare ist oft verborgen unter der Erde.
Ich möchte erfahren, was noch an Wissen über die Zeit der Moderne gerettet werden konnte in der Abgeschiedenheit uralter Rituale zu Überlebenssicherungen. Eine Brücke in diese Art der Bewusstseinswelt zu bauen, erscheint mir hier wie ein Ruf, als eine Notwendigkeit für das, was in Zukunft auf mich wartete, zurück in Europa. Ein Sammeln der Eindrücke, die sich noch zu einem Bild fügen würden, zur rechten Zeit, am rechten Ort.
*
Das Licht flimmerte. Es war grell, unruhig. Die Luft vibrierte. Man sah, was nicht da war. Spiegelungen verzerrten das Gelände und leisteten allen möglichen optischen Täuschungen Vorschub. Auch der Elder tauchte wie eine Halluzination plötzlich vor uns auf. In einem Soliloquium erzählte er von seinem Walkabout vor einem halben Jahrhundert. Ich assoziierte Grand Tour und spirituelle Walz. Jeder Schritt sei ein Gebet gewesen.
Er sagte, dass man wisse, wo man sei, wenn man höre, was der Boden sagt.
”You don’t go for looking,“ sagte er. „You go for remembering.”
Für junge Aborigine-Männer vergangener Generationen war das Walkabout ein Initiationsritual des Übergangs ins Erwachsen-dasein. Dabei zogen sie allein, oft monatelang oder sogar jahrelang, zu Fuß durch das Land ihrer Ahnen. Ziel war es, sich mit der Traumzeit (Dreamtime), den heiligen Orten, Songlines und dem Geist des Landes zu verbinden. Es war eine spirituelle Reise, auf der man Identität, Herkunft und Verantwortung im kosmischen Gefüge suchte und fand.
Du sagtest nichts. Du wusstest, dass ich das allein durchleben musste. Und ich liebte dich dafür.
Turning Danger into Performance - Botanisches Wunder
Der Elder verschwand wie eine Fata Morgana. Jedes Bild und jeder Eindruck verdunsteten. Nichts blieb haften außer dem Staub, der sich mit Schweiß zu einem Schmierfilm verband. Wir gelangten zur Finke Gorge. Die zerfurchte Schneise war älter als die Berge in ihrer Nachbarschaft.
Wir bestaunten eine Schneise, die der Fluss in Jahrmillionen gefräst hatte. Die Schlucht entsprach einem Schnitt durch die Erdgeschichte.
Verwitterte Quarzite und Sedimentschichten aus dem Proterozoikum.
Wir erreichten Palm Valley. Erinnerst du dich? Plötzlich Grün zwischen all dem Rostrot. „Guck mal, da sind sie. Das sind Red Cabbage Palms - Livistona mariae“, sagtest du. Du konntest dir sowas merken. Und dass sie nur in einer Schlucht vorkommen. Ein botanisches Wunder. Ich verstummte in Ehrfurcht.
Eine endemische Art, eingeschlossen in dieser Senke, abhängig von unterirdischen Quellen und dem seltenen Regen.
„Relikte“, sagtest du. „Wie Stimmen aus einer anderen Zeit.“
Ich frage mich heute, ob du es bemerktest. Dass dieser Ort etwas in mir aufriss.
Am Lake Amadeus
Ich erinnere den Lake Amadeus nicht als Ort, sondern als Zustand. Als Grenze zwischen dem, was ich war, und dem, was ich wurde. Der See war keine Wasserfläche, sondern ein Gewebe aus Licht, Salz und Erinnerung. Über 180 Kilometer lang und bis zu 10 Kilometer breit, ein riesiges endorheisches Becken. Das bedeutete, es gab kein Entrinnen. Kein Tropfen erreichte das Meer. Nichts verließ diesen Raum.
In satten Jahren floss Wasser aus umliegenden Abflüssen wie dem Finke River, dem Luritja Creek oder dem Petermann Creek in den See. Das geschah kaum je und selbst dann verwandelte sich Lake Amadeus nur in eine seichte Spiegelfläche und vielleicht in die größte Pfütze der Welt.
Kaum mehr als ein flüssiger Schleier über dem uralten Salz.
Wind riss den Krustensalzfilm zu einem Rissmuster auf. Es sah aus, als hätte ein Riese das Land zersplittert.
Ich sah einen zerbrochenen Spiegel der Zeit.
Ich zog die Schuhe aus. Das Salz war warm unter den Sohlen. Rissig. Scharfkantig. Die weiße Fläche blendete so stark, dass der Himmel darüber schwarz erschien. Alles war Umkehrung. Das Licht wog schwer. Die Schatten waren leicht. Die Welt war eine Scheibe, end- und geräuschlos.
Dies war mein Moment.