Das Unerwartete triumphierte. Europäische und US-amerikanische Standards versagten im Spektrum von ephemeren Wasserstellen, geothermalen Sensationen, dem keineswegs vollkommenen erotischen Dreiklang und zweifelhaften Outback-Delikatessen. Wir existierten nun in einer Spannung zwischen Rivalität und Faszination. Jill untersuchte jenes Blasinstrument, das Sig Didgeridoo zu nennen nicht bereit war. Es bestand aus einem von Termiten in vieljähriger Kleinarbeit ausgehöhlten Eukalyptusstamm. Für Sig war das Ding weder Souvenir noch Requisite.
„Darfst du überhaupt darauf spielen?“, fragte Jill, während sie mich zu sich auf die Kühlerhaube des Pickups zog. Es lag etwas zu forciert Bestimmendes in dem Zugriff; vielleicht eine kompensierte Unsicherheit. Fraglich war, ob wir noch so zueinander gehörten wie heute Mittag noch. „Ich dachte, das ist tabu für Frauen. Men’s Business.“
„Wenn ein Tour-Guide in Sydney das Yidaki bläst, um euch Geld aus der Tasche zu ziehen, ist das men’s business“, entgegnete Sig kühl und sah Jill direkt in die Augen. „Aber ich bin in diesem Staub aufgewachsen. Die Leute glauben gern, Australien bestehe aus einer einzigen Aboriginal-Kultur. Es gibt Hunderte Nationen auf diesem Kontinent. Hunderte Sprachen, hunderte Traditionen. Manche Gemeinschaften wollen nicht, dass eine Frau dieses Instrument berührt. Andere entscheiden anders.“
Sie hob das Holz an. Gebannt folgten meine Augen der Bewegung im Zwielicht. Der erste Ton war ein Urgeräusch. Die Frequenz war so tief, dass sie das deformierte Blech unter unseren Ärschen in Schwingung versetzte. Die Vibration perforierte das Metall. Sie ließ unsere Zehen zucken. Die körperliche Wirkung war so unmittelbar wie ein Schlag. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, getroffen worden zu sein. Es war die akustische Signatur der geologischen Zeit. Versteht man Wissenschaft buchstäblich, dann war es die Wissenschaft der ältesten Australier. Denn Wissenschaft bedeutet ursprünglich nichts anderes als Wissen schaffen, Wissen bewahren. In diesem Sinn ist das Yidaki ein Archiv. Es funktionierte wie ein Echolot; die Tiefe des Zeitozeans vermessend. Sig schickte Frequenzen in das paläozoische Fundament. Sie antwortete den Jahrmillionen. Ich spürte Jills Hand auf einem Schenkel. Sie wollte alles auf einem Teller, und ich wusste keinen Einwand zu erheben.
In mir zog der Ton weite Kreise. Er unterwanderte die Ozeane, durchdrang die Kontinente und dockte im arktischen Norden an. In der Tundra Lapplands beschwören meine Ahnen den Joik – jene rituellen Gesänge der Sámi, die keine Lieder über etwas sind, sondern das Wesen einer Person, eines Berges oder eines Tieres direkt in die fleischliche Gegenwart rufen. Genau das vollzog Sig hier im roten Staub Zentralaustraliens. Sie holte das sedimentäre Gedächtnis des Kontinents durch ihren Atem ans Licht.
Sig hielt den Ton. Ihr Körper wiegte sich kaum merklich im Rhythmus des subfrequenten Drucks. Das unwirsche Outback-Original, diese sorgsam kuratierte Pose eines weiblichen Crocodile Dundee im Toyota-Pickup, war endgültig erodiert. Die raue Busch-Fassade war weggewaschen. Was vor uns im Zwielicht stand, war eine Frau, die mit jeder Faser verstanden hatte, dass der Mensch dem Staub gehört – und dass das hohle Holz die einzige Sprache war, die dieser Staub verstand.
Später
„Jeder Depp bezahlt tausend Dollar für ein Champagner-Glamping mit Uluru-Blick“, sagte Sig. „Dort drüben kaufst du dir eine Illusion von Wildnis. Aber hier, wo dich nichts ablenkt, fängt die Wüste an, mit dir zu reden. Solange du den Mund hältst.“
Jill schwieg. Sie rührte sich nicht. Ihre Hand lag noch auf meinem Schenkel, doch das Besitzergreifende war einer hypnotischen Trägheit gewichen. Sig verstaute das Yidaki.
Um an einer anderen Stelle weiterzumachen. Sig stieg bei uns ein. Für ein paar Wochen war sie die Dritte im Bund. Uns verband nicht nur körperliche Anziehungskraft. Sig interessierte sich auch sehr für meine Domäne: eine umfassende Bewegungslehre auf dem Sockel eines archaischen Kraftyogas. Das explosionsartige Herausschießen der Kraft ist keine Einbildung, sondern das direkte Resultat eines mechanischen und neuronalen Updates der Gewebestruktur. Mit horizontalem Vorspannen tunst du die Biomechanik und das Nervensystem. Neurobiologisch und faszial passieren dabei faszinierende Dinge. Wenn du Sehnen und Faszien kontrolliert vorspannst, nutzt du den sogenannten Katapult-Effekt (Elastic Recoil) des kollagenen Netzwerks. Faszien und Sehnen wirken wie hochelastische Gummibänder. Durch das Vorspannen ordnen sich die Kollagenfasern parallel an und die Flüssigkeit im Gewebe wird wie aus einem Schwamm herausgepresst. Sobald du die Bewegung startest, saugt sich das Gewebe blitzartig mit Flüssigkeit voll (Rehydration), und die Fasern schnellen elastisch zurück. Die Kraft schießt aus dir heraus, weil sie nicht mühsam durch Muskelkontraktion erzeugt werden muss, sondern elastisch aus der vorgespannten Struktur entladen wird. Das schont die metabolischen Ressourcen des Körpers extrem. Das Fluten des Thalamus mit Sicherheit (Propriozeptive Sättigung) – In deinen Faszien und Sehnen sitzen millionenfach sensible Messfühler: die Ruffini- und Golgi-Endigungen. Diese Mechanorezeptoren reagieren extrem sensibel auf langsame, anhaltende Scherspannung und Dehnung. Beim Vorspannen sendet dieses sensorische Netzwerk ein Signalfeuer an das Stammhirn und den Thalamus. Die Botschaft dieses Signals lautet: Die Struktur steht wie eine Eins. Wir sind maximal stabil. Das Stammhirn erkennt, dass keine instabile Last droht, und schaltet die reflektorische Schutzspannung komplett ab. Die Muskeln müssen nicht mehr blockieren, um dich zu schützen. Der Weg für den unfragmentierten Bewegungsfluss ist frei. Muskeln besitzen Spindeln, die ihre Länge und Spannung messen. Wenn du sie horizontal vorspannst, justierst du diese Messfühler auf ein extrem hohes Grundrauschen ein. Das System funktioniert wie ein Armbrustbolzen. Jedes motorische Stammhirnsignal trifft auf ein Gewebe, das sofort und ohne Verzögerung (ohne „Totraum“ im Kabelzug) reagiert. Die Kraft schießt heraus, weil die Reaktionszeit der Muskelketten gegen Null sinkt.
Du zwingst das System mechanisch in eine perfekte Kohärenz. Wenn du danach in die Übung gehst, ist der Körper so eingestellt, dass er unter Last gar nicht mehr kollabieren kann. Das System bleibt im prädatorischen Modus, weil die Hardware mechanisch perfekt kalibriert ist.